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Full text of "Moses Hess Jüdische Schriften. Hrsg. und eingeleitet von Theodor Zlocisti"

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MOSES HESS 

JÜDISCHE SCHBIFM 



HERAUSGEGEBEN UND EINGELEITET 



VON 



THEODOR ZLOGISTI 



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VERLAG VON LOUIS LAMM ♦ ♦ * 
BERLIN C. 2, NEUE FRIEDRICHSTR, 61-63, 

1905. 



M.Driegner, Berlin C, KluMterntr. 4!5. 



Vorwort. 



Das Zentralkomit^ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat mich 
beauftragt, Hess' Aufsätze jüdischen Inhalts zu sammeln und anlässlich der 
dreissigsten Wiederkehr seines Todestages herauszugeben. Die Aufgabe hatte 
ihre Schwierigkeiten, die ich im allgemeinen behoben zu haben hoffe. In der 
neueren jüdischen Journalistik sind drei M. Hess bekannt; ausser Moses Hess, 
dem Schöpfer der modernen Zionsidee und Sozialisten, die Brüder Mendel Hess, 
der ^Lengsfelder" Rabbiner krassester Reform, und Michael Hess, der Lehrer am 
Frankfurter Philanthropin. Sie haben ihre Arbeiten meist M. Hess gezeichnet. 
Und so erklärt sich die Verwirrung in den Bibliographieen, von der auch 
M. Schwabs Repertoire nicht frei ist und die Angaben in der Jewish Enzyklopaedie. 
— Die in diesem Buche gesammelten Aufsätze stammen sicher von unserem 
Hess. Weitere konnten nicht aufgebracht werden. Eine Auswahl zu treffen hielt 
sich der Herausgeber nicht für berechtigt, so ungleichmässig auch der literarische 
Wert ist. Die Übersetzungen aus dem Französischen stammen grossenteil von 
Hulda Thomaschewsky, zum andern von Rahel Goldberg her. — Zu verbessern ist S. 25, 
Zeile 17 „vorgeschobenen^ statt „vorgeschrieben". S, 37, Zeile 10 von unten 
lies „auch einer der unsrigen", wodurch das Fragezeichen des Herausgebers sich 
erledigt. 

In der biographischen Studie ist die Behandlung von „Rom und Jerusalem" 
in den Mittelpunkt gerückt, zu dem alle Phasen in Hess' Entwickelung radial 
hinstreben. Es war die Aufgabe, Hess, unter Herausarbeitung der geistigen und 
zeitgeschichtlichen Milieus, aus sich zu erklären. Freilich nicht als autochthone 
Individualität. Hess ist als spezifisch -j üdischer Rassentyp dargestellt. Aus 
seiner Abstammung fliessen seine Kräfte, Kämpfe, Leiden und Hoffnungen. So 
konnte er der Schöpfer einer ethischen und höheren Rassentheorie werden, als 
Gobineau sie gibt. Sie hat Zukunft! — 

Es ist mir angenehme Pflicht, den Herren A. Meyrowitz, Dr. H. Loewe, 
Advokat Dr.Wilhelm Pappenheim(-Wien) u.a. für Anregungen, Hinweise und sonstige 
Unterstützungen zu danken; insonderheit den Herren Ed. Bernstein und (iiunwald, die 
mir die Benutzung der Bibliothek des sozialdemokratischen Parteiarchivs und des 
Hessnachlasses ermöglichten. 

Berlin, Juni 1905. Zlocisti. 



Inhalt. 



Vorwort. 
I. Moses Hess, eine biografische Studie von Theodor Zlocisti I— CLXXI 

II. Jüdische Aufsätze von Moses Hess. 

1) Mein Messiasglaube (Erwiderung an Imm. Loew) (aus Ben- 
Chananja, 1862) 1—8 

2) Ein Brief an Dr. Abraham Geiger (Flugschrift, 1863) 9—11 

3) Über den Begriff der Nationalität (aus „Der Gedanke", 1864) 12—13 

4) Über den Gottesnaraen (aus Ben-Chananja, 1863) 14 — 15 

5) Briefe über Israels Mission in der Geschichte der Menschheit 
(übersetzt aus Archives isra^lites, 1864) 16-49 

6) Zur Geschichte des Christenturas (übers, a. Archives isra^lites, 1864) 50—55 

7) Studien zur heiligen und profanen Geschichte 

(übersetzt aus Archives isra^lites, 1864) 56—67 

8) Noch ein Wort über meine Missionsauffassung 

(übersetzt aus Archives israölites, 1865) 68 — 69 

9) Die drei grossen mittelländischen Völker und das Christentum 
(übersetzt aus Archives israölites, 1865) 70—78 

10) Ist die mosaische Lehre materialistisch oder spiritualistisch ? 
(übersetzt aus Archives israälites, 1866) 89 — 80 

11) Ernest Renan: Das Leben Jesu — Die Apostel 

(übersetzt aus Archives isra^lites, 1866) 81—84 

12) Zur Kolonisation des heiligen Landes 

(übersetzt aus Archives isradlites, 1867) 85—89 

13) Zwei Briefe (übersetzt aus Archives israölites, 1867) 90—94 

14) Einleitung in die Religiöse Revolution im XIX. Jahrhundert von 
Frangois Huet (Leipzig, bei Kollmann, 1868) 95—111 

15) Die Einheit des Judentums innerhalb der heutigen religiösen 
Anarchie (aus Monatsschrift für die Wissenschaft und Gesch. 

des Judentums, 1869) 112—119 

16) Das Gottvertrauen der Anawim in den Stürmen unserer Zeit 
(aus Monatsschrift für die Wissenschaft und Geschichte des 
Judentums, 1870) 120-123 

17) Ein charakteristischer Psalm (aus Monatsschrift für die Wissen- 
schaft und Geschichte des Judentums, 1873) 124—127 



MOSES HESS 



EINE BIOGRAPHISCHE STUDIE. 



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L 

Die ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts fanden die 
jüdische Bevölkerung Deutschlands in einer seltsam verzerrten Ver- 
fassung. Die einstige Geschlossenheit und Einheit, in die alle indivi- 
duelle Besonderheit schliesslich eingemündet war, war durchbrochen, 
immer wuchtiger hatte der Geist der Neuzeit gegen den starren Wall 
angedrängt, der die Judenheit umschürte und ihr durch die Jahr- 
tausende Schutz und eine geruhige Zufluchtsstätte gegeben hatte. 

Aber das alte Gemäuer zerbröckelte. Die granitenen Grundqua- 
dern barsten, und in mächtigen Fluten drang das neue Leben durch 
die erzwungenen Schleusen. Es kam nicht langsam und allmählich, 
so dass die Bewohner der Zelte Jakobs sich dem gewandelten Milieu 
anpassen und ihre eigene Art ungebrochen und rein aus dem Gedränge 
retten konnten. Wie eine Sündflut brach die neue Zeit über sie herein, 
alles Gelände, altes Wesensgut ertränkend. 

An kraftvollen Persönlichkeiten, die der Strömung Einhalt tun 
und sie in eine gesunde Richtung zwängen konnten, gebrach es ganz. 
Mendelssohn war schon mehr als zwanzig Jahre tot. Tüchtige Jünger 
hatte er nicht zurückgelassen. Konnte er auch nicht zurücklassen, 
denn ihm selbst ist nie das Zeitproblem in seiner ganzen kulturellen 
und nationalen Bedeutung klar geworden. Er hat es mehrfach selbst 
erklärt, wie ratlos und uninteressiert er allen historischen Erscheinungen 
gegenüberstand. Wie sollte er den gigantischen Prozess der Umwand- 
lung eines annoch geschlossenen Volksganzen verstehen und vollends 
leiten? Dazu fehlten diesem stillen, bescheidenen Mann, dessen Blick 
auf die ewigen Dinge gerichtet war, einfach alle Qualitäten. So rein 
und anziehend die Persönlichkeit dieses Philosophen ist, die ihren 
Zauber jedem, der ihm nahte, und dem Spätgeborenen, der sich Mendels- 
sohns Werk naheführt, erschliesst — für die Entwickelung der Judenheit 
und der Gedankenwelt des Judentums ist er nicht einmal ein geringer 
Faktor geworden; geschweige denn ein neuer Moses. Mit diesem 
Schmuckwort fügt man ihm noch grösseres Unrecht zu als dem starken 
Lehrer und Führer unseres der egyptischen Knechtschaft sich ent- 
ringenden Ahnenvolkes. 

Allein so unwahr es ist, Mendelssohn als den weitblickenden 
Schöpfer der jüdischen Aufklärung auf das Piedestal der jüdischen 
Geschichte zu heben, so prinzipiell falsch ist es, ihn für die innere 

I* 



IV 

Auflösung der westeuropäischen Judenheit verantwortlich zu machen. 
Diese Strukturveränderung haben Kräfte eingeleitet und durchgeführt, 
die stärker waren als Mendelssohn und sein ganzer aufklärerischer 
Anhang. Es waren jene Kräfte, die seit langem schon an ihrer Wirk- 
samkeit erkenntlich unter der Erde wühlten und sich in der franzö- 
sischen Revolution gewaltsam entluden. 

Der tier etat, der Stand des Bürgertums, der Geknechteten und 
Entrechteten, hatte längst seine theoretischen Forderungen als die 
Folgerungen der gegebenen sozialen Verhältnisse erhoben. Sein Kampf 
musste auch ein Kampf für die Judenheit werden. Nicht aus Sympa- 
thie, sondern als Naturnotwendigkeit, als glatte Konsequenz. Indem 
alle morschen Standes- und Geburtsvorrechte bei Seite geräumt wurden 
und die neue Gesellschaft auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit 
und Brüderlichkeit errichtet werden sollte, war die Emanzipation der 
Juden im Gedanken bereits gegeben. 

Die Juden standen nicht ruhig zur Seite. War es ihnen auch 
noch unmöglich, an dem grossen Werke der Menschheitsbefreiung 
schaffend mitzuwirken, so haben sie doch erkannt, dass sie die erstenVor- 
aussetzungen ihrer Emanzipation sich selbst bauen mussten: durch Bildung 
und Aufklärung hierdurch zur Erziehung zum Mitbürgertum. Die erbar- 
mungslos wiederholte Erzählung von jenem Jüngling, den der Vorstand 
der Berliner Gemeinde mit einem deutschen Buche ertappte und dafür 
strafte, beweist doch nur, dass die Jugend schon nach neuen Erkennt- 
nissen lechzte. Auch Mendelssohn fand schon einen modern gebildeten 
Juden — Gompertz — als Lehrer. Sollten das Anomalieen gewesen sein? 

Schon begann sich das Zeitungswesen zu entwickeln. Mehrmals 
in der Woche wurde die Kunde von den Ereignissen der Weltbühne 
gebracht. Haben sich die Juden nicht um die Kämpfe des alten Fritz 
bekümmert? Er kämpfte ja auch für sie. So wenig die Juden auch 
gesetzlich aus den alten Verhältnissen herausgekommen waren, als so 
wohl charakterisierter Faktor waren sie doch in das Staatsgefüge hin- 
eingestellt. Friedrich hatte in seinem weitausschauenden Blick erkannt, 
dass der Fortschritt Preussens an die Entwickelung des reinen Agrar- 
staates zu einem Industrie- und Agrarstaat geknüpft war. Damit war 
die neue Wertung der Juden gegeben. Ihr Schacher, einst verachtet, 
war nun zu einem Faktor im Leben des Staates geworden. Die ganze 
Wirtschaftspolitik des grossen Friedrich, in die uns die acta borussica 
einen Einblick gewähren, rechnet noch roh und brutal — aber um so 
entschiedener mit den Juden Wenn auch im Geist der Epoche. Die Ein- 
wirkungen auf den Charakter der inneren Verfassung der Judenheit 
konnten da nicht ausbleiben. 



Zu dem kam die junge Literatur, die sich immer machtvoller ent- 
wickelte. Die Theater brachten Zerstreuung, Belehrung, Aufklärung. 
Wie sehr die Juden schon damals als Zuschauer in Betracht kamen, 
erhellt durch die Tatsache, dass 1788 einer Aufführung des „Kaufmann 
von Venedig" in Berlin ein Prolog voranging, der von Entschuldigungen 
und Komplimenten an die Judenschaft trieft. Ja, es ist kaum eine 
Übertreibung, zu erklären, dass gerade die an eine (wenn auch so 
ganz anders geartete) Bildung gewöhnte Judenheit, die in allen Schichten 
allzeit das Buch geradezu brauchte, um dem Leben einen höheren In- 
halt zu geben, die eifrigsten Leser moderner Geisteswerke stellte. 
Eine kurze Notiz in einem Brief Carl August Boettigers an Schiller 
(vom Jahre 1797) gibt uns einen Einblick in die kulturelle Sphäre 
der damaligen Judenheit. Er schreibt: „Die Erwartung auf den neuen 
Musenalmanach ist gespannter als je. Man sagt in Berlin in den ge- 
lehrten Judenzirkeln, den einzigen, die dort überhaupt von 
Literatur sprechen, Sie und Goethe treten darin mit einer nagel- 
neuen Dichtungsart auf." 

Allein es waren nur wenige, die es begriffen, dass die neuzeitliche 
Bildung sich mit dem alten Judentum wohl vereinen konnte. Die Zeit 
und die kaum noch embryonale jüdische Geschichtswissenschaft konnten 
aber dafür das Verständnis noch nicht erschliessen, dass seit zweitausend 
Jahren von unseren Denkern die Elemente abendländischerKultur in dauernde 
Wechselwirkung zu dem Inhalt des Judentums gestellt waren, zu einer 
höheren Einheit hin. Das Judentum schien ihnen darum schal und 
leer, und es war schon mehr ein seelischer Zwang, sich aus dieser 
Armut und Verknöcherung herauszulösen. Dem inneren Abfall folgte 
als schmerzlose Konsequenz der formelle Austritt. Wir wissen, dass 
nicht die Schlechtesten uns verloren gingen. Sie wollten die europä- 
ische Kultur. Es war mehr als Luxusübermut, was sie aus dem alten 
Bunde herausführte. Die Taufe war — nach Heines prägnantester 
Prägung — das Eintrittsbillet in die europäische Kultur. Wie krass 
musste dieser innere Abfall aber erst bei den Alltagsleuten werden! 

„Wenn der Held die Bande des Geistes bricht, 

Dann fehlt auch der Tor, der frevelnde, nicht, 

Der von der Fessel los sich reisst. 

Doch mit der Fessel zugleich vom Geist". 
Diese Entwickelung hat durch Jahrzehnte gedauert, und sie ist 
auch heute noch nicht zum Abschluss gekommen. In ihrem Laufe 
wurde sie unterhalten durch mannigfache psychologische, vorzugsweise 
aber wirtschaftliche Ursachen. Und weiterhin durch die nur in der 
Form beseitigte Stipulation des „christlichen Staates". 



VI ■■ 

Nicht nur in den rohesten Zeiten des Mittelalters, sondern bis in 
die Neuzeit hinein waren die Juden die Träger der Bildung und Ge- 
sittung gewesen. Nicht sowohl repräsentiert durch einige grosse Männer, 
wie durch die Gesamtheit des Volksganzen, das nie Analphabethen kannte. 
Dieser Bildungsdrang hat im neunzehnten Jahrhundert eine andere 
Form, eine andere Richtung genommen. Geistig hervorzuragen, ein 
Iluj zu sein, war immer höchstes Ideal. Man findet es wieder (in 
einer gewissen Umsetzung) in dem Streben, mit der letzten, der neu- 
esten, der vorgeschrittensten Weisheit zu brillieren. 

Zu diesem Grundzug kam hinzu der beschleunigte Aufstieg in den 
sozialen Schichten. Der Sohn sollte immer mehr sein als der Vater. 
Es gibt kein höheres Glück für den Juden. Dieser soziale Aufstieg, 
überhastet durch die wirtschaftlichenVerhältnisse, welche die ökonomische 
Lage der Juden besonders günstig beeinflussto, führte immer tiefere 
Schichten nach oben: zur Bildung, — zur Entjudung. Dazu trat die 
Freizügigkeit, die die kleinen Gemeinden allgemach entleerte, in denen 
noch jüdische Tradition und Gemeinsamkeit äusserer und höherer Form 
wirksam waren. Der Zug in die Grossstädte, in denen es weder in- 
nere, noch äussere jüdische Bande gab, war nur ein Auszug aus 
dem Lande der ,. Knechtschaft" in das Reich der christlichen Freiheit. 

War gegen Ende des 18. Jahrhunderts: „Los vom Judentum" 
nur der Schlachtruf der „besseren", reicheren und gebildeten Stände, 
so wurde er mit dem Beginn des neuen Säkulum die Parole der 
breiteren Volksklassen. Was einst innerster Drang, wird jetzt äusser- 
liche Modesache Nicht weil die Jugend gebildet war, wurde ihr das 
Judentum verächtlich. Vielmehr verachteten sie das Judentum, mieden 
alle Kenntnis der jüdischen Vergangenheit, um als gebildet zu erscheinen. 
Es muss ein erschreckendes Bild gewesen sein, das die Jugend bot. 
Denn wenn noch der Kreis der berliner Aufklärung sich mühte, die 
grossen und guten Gaben der Umgebung sich zu eigen zu machen, 
so waren jetzt die bösesten Erscheinungen der Kulturkreuzung entfesselt. 
Der alte Friedländer klagte: „Es haben sich Untugenden unter uns 
verbreitet, die unsere Väter nicht kannten und die für jeden Preis zu 
teuer gekauft werden. Irreligion, Üppigkeit, Weichligkeit, dieses Unkraut, 
das aus dem Missbrauch der Aufklärung und Kultur hervorkeimt, hat 
leider auch unter uns Wurzel geschlagen, und wir sind, vorzüglich in 
den Hauptstädten, der grossen Gefahr ausgesetzt, dass der Strom der 
Kultur mit der Roheit auch die Strenge und Einfalt der Sitten fort- 
schwemmt" Die Folge erwies, dass seine Befürchtungen nur zu wahr 
waren Alles schien verloren. Als sich 1823 ein paar energische 



. VII 

Manner - das Junge Palästina" — zusammenfanden, um zu retten, 
was zu retten war, wars zu spät. Sie predigten tauben Ohren. Und 
verbittert zwang sich Zunz zu dem Geständnis: „Die Juden und das 
Judentum, was wir rekonstruieren wollten, ist zerrissen und die Beute 
der Barbaren, Narren, Geldwechsler, Idioten und Parnassim. Noch 
manche Sonnenwende wird über dieses Geschlecht hinwegrollen und 
es linden wie heute: zerrissen, überfliessend in die christliche Not- 
religion, ohne Halt und Prinzip, zum Teil im alten Schmutz, von 
Europa beiseite gestossen, fortvegelierend, mit dem trockenen Auge 
nach dem Esel des Messias oder einem anderen Langohr hinschauend, 
— zum Teil blätternd in Staatspapieren und dem Konversationslexikon; 
bald reich, bald bankerott, bald gedrückt, bald toleriert. Die eigene 
Wissenschaft ist unter den deutschen Juden erstorben, und für die 
europäische haben sie deswegen keinen Sinn, weil sie sich selber un- 
treu, der Idee entfremdet und die Sklaven blossen Eigennutzes gewor- 
den sind" 

Wäre diese ganze Gesellschaft schnell und spurlos ins Wasser- 
becken des Christentums untergetaucht, es wäre ein Segen gewesen. 
Aber sie blieben aus Trägheit beim Judentum und verschlammten es 
mit ihren bösen Sitten und der Unreinheit ihrer Seelen. Feinere 
Naturen sahen mit Ekel auf dieses Treiben. Nicht mehr wie einst 
wollten sie aus der Düsterheit und Enge heraus. Nicht mehr das 
Judentum wollten sie los werden, sondern die Juden. So mussten 
Boerne, Heine, Marx nicht im Christentum, sondern in der Christenheit 
landen. Moses Hess, in dem schon früh unter der Lehre des milden 
Spinoza sich die Affekte geglättet hatten, hielt äusserlich noch zu der 
jüdischen Gemeinschaft. Im Inneren hatte er sie aufgegeben. Wie die 
anderen tieferen und stärkeren Naturen suchte er den Anschluss an 
die europäische Kultur. Und dieses Streben war nicht tote, hohle 
Phrase, sondern Bedürfnis. 

Für Männer seiner Artung war die Lebensrichtung deutlich vor- 
gezeichnet. Da gab es kein Schwanken. So ernst sie sich mühten, 
ihre Forschungen aus philosophischen, rechtlichen und historischen Ab- 
straktionen herzuleiten und mit dem Gewaffen der Bildung ihrer Zeit 
in die Arena des Lebens zu treten, ihre Antriebe flössen aus ihren 
Instinkten, aus ihren jüdischen Instinkten, die in den Jahrtausenden 
sich fortgeerbt, fortentwickelt und durch die Leiden zu Bitterkeit ge- 
steigert hatten. Zu Boden gestreckt musste das schmachvolle Mittel- 
alter werden, das noch immer nicht sterben wollte. Noch war die 
Judenheit geknebelt. Nicht mehr mit der bestialischen Rohheit der 
„christlichen" Nächstenliebe. 



VIII — 

Manche Zwingburg war gefallen. Ansätze zu einer Judenemanzi- 
pation waren gemacht worden. Aber die Juden waren empfindlicher ge- 
worden, vielleicht weil das Judentum in ihnen nicht mehr stark genug war. 
Eine wilde Sehnsucht nach der Freiheit brannte in ihnen und liess sie 
jede Schranke, jede Fessel tausendfach schmerzlicher und entrüsteter 
sehen. Nicht nur die Fesseln der Judenheit sollten fallen. Alle Fesseln 
mussten gebrochen werden. Nicht die Schranken zwischen den Klassen 
und Ständen, alle Schranken, die Mensch von Mensch, Volk von Volk 
trennten, mussten bersten. So kamen, so mussten sie gerade aus ihren 
jüdischen Instinkten heraus zum Radikalismus und zum Kosmopolitis- 
mus kommen. 

Freilich gingen sie nicht alle restlos in ihren Forderungen auf. 
Denn die Menschen sind nicht von Ideen getriebene Maschinenkörper. 
Marx konnte es. Was in heissen Trieben und Empfindungen in ihm 
lebte, das hat er in eiserner Zähigkeit in sich vergletschert, indem er 
die Welt und was sie füllet zu Ideen abstrahiert hat. Hass und Liebe 
hat er gedanklich zersetzt so lange, bis er sie aus den Geschichts- 
kräften herausgerissen und an die Stelle der sehnenden und ringenden 
Menschenseele die wirtschaftlichen Verhältnisse gesetzt hat. So konnte 
er das Evangelium des Proletariats schaffen, eine eherne Bildsäule, 
nicht von den Schwankungen seelischer Kräfte berührt, unpersönlichste 
greifbare Realität, hinter der der Schöpfer versank. 

Man setze für Marx sein Werk, und nichts ist verloren, nichts 
geändert. 

Setzt man für Boerne, Heine, Lassalle, Hess nicht wieder Boerne, 
Heine, Lassalle, Hess — und alles ist verloren, alles geändert. 

Bei ihnen ist nicht das vom Schöpfer zu eigenem Sein abgeschnürte 
Werk ihr Inhalt, sondern ihr gelebtes Leben. Durch all ihre Kämpfe 
um Menschheitsfragen, durch all ihre Arbeiten künstlerischen und pu- 
blizistischen Gepräges schimmert immer wieder ihre persönlichste 
Seele hervor. Mag diese persönliche Note ihren Schöpfungen vielleicht 
den absoluten, über Mensch und Zeit hinweggehobenen Wert nehmen, 
weil nur die zeitliche, individual-, volks- und rassenpsychologische Be- 
dingtheit sie deutet, so geben diese Bedingtheiten ihnen den starken 
Reiz. Und solchen Reizes bedürfen wir nicht weniger für unser mensch- 
liches Leben, wie der kompakten Aufbaustoife. 



IX 

Erst in den letzten Jahren hat sich die wissenschaftliche Forschung 
wieder Hess zugewandt. Der wohl endgiltige Sieg des „ökonomischen" 
Sozialismus über den philosophischen Sozialismus hat dahin führen 
müssen, dass durch das leuchtende Gestirn Marx die kleineren Sonnen 
verblasst sind. Auch Lassalle ist stark in den Hintergrund geschoben. 
Seine Gedanken haben in Deutschland keine Lebensdauer gehabt. Was 
ihn aber vor der Vergessenheit schützt, ist der organisatorische Unter- 
bau, den seine Gewandtheit, sein vulkanisches Temperament der deut- 
schen Sozialdemokratie geschaffen. 

Während aber Hess, der sein ganzes Leben in schweren Kämpfen 
dem Proletariat geweiht hatte, immer gezwungen und freudig immer 
bereit, Heimatlosigkeit und die ganze Unrast des Umstürzlers zu tragen, 
in der Sozialdemokratie keine Spuren seiner Wirksamkeit zurückgelassen 
hat, sind seine Gedanken über die nationale Wiedergeburt des jüdischen 
Volkes Leben geworden. Es waren die immanenten Gedanken des jü- 
dischen Volkes, denen er mit starken Worten die Auferstehung gebracht 
hat. Es kann kein Zweifel sein, dass Hess in keiner seiner zahlreichen 
Schriften so sehr sein eigenstes Leben in seinem äusseren Gange 
und seinen inneren Wandlungen überblickt und seiner eigensten Stim- 
mung Worte verliehen hat, wie in seinem „Rom und Jerusalem" Es 
ist sein persönlichstes Werk und darum sein echtestes — ein Bekenner- 
buch grossen Stiles. Es wird alle seine Schriften überdauern. Denn 
nicht in roh-egoistischem Sinne ist es persönlich. Sein Ich, in das er 
uns hineinschauen lässt, ist in die Komponenten zerlegt. Sein Volks- 
tum, das Judentum mit all seinen Anlagen und seiner in jahrtausend- 
langer Entwickelung hochgezüchteten Kräften, ist der Fond seines 
Wesens. Aus ihm ist alle Schaffensfreudigkeit für die Menschheit, 
aller Duldermut gewachsen. Bildung, Umgebung und äusseres Leben 
haben sein Ich nur geformt und sind selbst wieder zum Volksgut 
geworden. Als dieses Volksgut hat es bereits reichen Segen gebracht. 
Seine Grundgedanken, seine Stimmungen haben die alten Volksinstinkte 
wachgerufen und die Wiederauferstehung des jüdischen Volkes einge- 
leitet. Im Zionismus haben sie Gestalt angenommen. 

Mehr als vierzig Jahre sind seit dem Erscheinen von „Rom und 
Jerusalem" verflossen. Sie haben das Werk nicht unberührt gelassen. 
Manche Ansicht hat die Geschichte als irrig erwiesen. Manche Be- 
gründung ist durch fortschreitende Erkenntnis zu Falle gekommen. 
Seltsam genug: gerade das, was er von fremden Denkern — ich möchte 
sagen: artfremden — übernommen, in sich assimiliert und dann in 
sein Werk hineingewebt, hat sich als unfruchtbar erwiesen. Die ewigen, 



eingeborenen Ideale und Sehnsüchte unseres Volkes aber, die in Klar- 
heit auszusprechen und aus der Sündflut der mosaischen Konfession zu 
retten sein dauerndes Verdienst ist, haben das halbe Jahrhundert 
überdauert und dürften es überdauern, bis sie die Erfüllung geschaut. 



u. 

über die Jugendzeit von Hess liegen nur wenige Angaben vor. 
Einige stammen aus seinem „Rom und Jerusalem". Aber sie sind 
besonders wertvoll, weil sie uns zu den Quellen hinführen, aus denen 
die stammestümlichen Erbanlagen ihre erziehliche Nahrung erhielten 
zu seinem kernfesten, lebendigen Humanismus hin. 

Hess wurde in Bonn am 21. Januar 1812 geboren. Wie Carl 
Hirsch - bedeutsam! — hinzufügt: am Jahrestage der Hinrichtung 
Ludwig XVI.... Hess erhielt den Namen Moritz, den er aber 
später nur noch selten anwandte. Er zog es vor, sich mit seinem 
hebräischen Namen Moses zu nennen, bedauernd, dass er nicht 
Itzig hiess. 

Seine Eltern waren fromme Juden, die ihrem Kinde eine gute 
jüdische Erziehung gaben. Nicht nur die altjüdische Frömmigkeit, 
sondern auch jüdische Gelehrsamkeit waren in dieser Familie heimisch. 
Der rabbinische Schriftsteller, der als M'aurich (~ in alter Übung 
aus den Initialen des Namens gebildet — ) bekannt ist, gehörte zu 
Hess' Vorfahren mütterlicherseits. Er war aus Polen nach Deutsch- 
land geflüchtet, um seine Frau vor den Nachstellungen eines Schlachzizen 
zu sichern. Hess erinnert sich noch in späten Jahren eines Erlebnisses 
aus früher Jugend, das den der Familie herrschenden Geist charak- 
terisiert: die Mutter hatte ihn in Bonn besucht — Hess war damals 
sieben Jahre alt: „wir lagen schon zu Bett, und ich hatte eben das 
Nachtgebet beendet. Da hob sie mit bewegter Stimme an: „Hör, 
mein Kind, du musst nur immer fleissig lernen. Mo h' rieh ist unter 
meinen Vorfahren, und du hast das Glück, bei deinem Grossvater zu 
„lernen" Es heisst aber, wo Grossvater und Enkel Thora lernen, da 
weicht die Gotteslehre nicht mehr von Kind zu Kind" Die Kontinuität 
wird hergestellt. Bei Hess hat sich dieser Spruch eines jüdischen 
Weisen (die Nutzanwendung eines Bibelwortes) bestätigt, wenn auch 
die Ausdrucksform dieser tradierten „Jüdischkeit" sich in moderneren 
Formen: als Liebe zur Wissenschaft und als soziales Handeln gaben. — 
Der Vater, der ein wohlhabender Kaufmann war, hatte sein 
Geschäft nach Bonn verlegt. Und so mögen äusserlich- familiäre 
Gründe und der Wunsch, dem Knaben eine gute jüdisch-wissenschaft- 
liche Erziehung zu geben, die Eltern veranlasst haben, ihn in Bonn 



XII 

zurückzulassen. Er blieb dort im Hause seines gelehrten Grossvaters, 
dessen adlige Natur und dessen Belehrung auf den Knaben das ganze 
Leben hindurch wirksam blieben. Hess gedenkt seiner an mehreren 
Stellen seines „Rom und Jerusalem", wobei er ihn immer für die 
Zeichnung der tiefsten in der alten Judenzeit regen Stimmungen und 
Überzeugung als beweisendes Beispiel anführt. Für uns sind sie vor- 
nehmlich für die psychologische Genesis von Hess wertvoll: „Mein 
Grossvater war weder Poet, noch Prophet, sondern Geschäftsmann, der 
am Tage seiner Berufsarbeit nachgehen musste, um seine Familie zu 
ernähren, und nur die Nacht dem frommen Studium widmen konnte. . . . 
Er studierte das ganze Jahr hindurch bis nach Mitternacht den 
Talmud mit seinen vielen Commentaren. Nur in den „neun Tagen" 
wurde dieses Studium unterbrochen. Er las alsdann mit seinen 
Enkelchen, die bis nach Mitternacht aufbleiben raussten, die Sagen 
von der Vertreibung der Juden aus Jerusalem. Der schneeweisse 
Bart des strengen alten Mannes wurde bei dieser Lektüre von Tränen 
benetzt; auch wir Kinder konnten uns dabei natürlich nicht des 
Weinens enthalten ... Ich erinnere mich besonders einer Passage, die 
ihre Wirkung auf Grossvater und Enkel nicht verfehlte" Es war die 
wundersame Stelle aus Jeremias XXXI, 15, die auch Heine in seinem 
Vorwort zum „Buch der Lieder" gross und heilig still wiedergibt: 
Rahel — die dem Grabe entstiegene — weint um ihre ins Elend 
ziehenden Kinder. . . . 

In des Grossvaters Haus ist Hess auch die tiefe Liebe zu dem 
jüdischen Ahnenland eingepflanzt worden. Als der Greis ihm einmal 
Oliven und Datteln zeigte, belehrte er dem Knaben mit leuchtenden 
Blicken: „Diese Früchte wachsen in Erez Jisroel (in Palästina)" Und 
die Vorgänge und die Stimmung im grossväterlichen Hause, wenn der 
Tag der Zerstörung Jerusalems herannahte, haben sich in der Seele 
des Mannes nicht mehr verwischt. 

Die starke, in allen Nöten und bei aller noch so lauten Reaktion 
nie wankende Gewissheit, dass der Sieg der Humanität doch kommen 
müsse, diese Glaubenszuversicht, die Hess als Menschen so scharf 
von so vielen seiner sozialistischen Gesinnungsgenossen unterschied — 
sie war eben nicht wissenschaftliches Ergebnis, sondern angeborene 
und eingeborene Rassenanlage; — ist sie nicht letzten Endes die 
nur neu gewendete, aus dem Nationalcharakter fliessende Lebens- 
maxirae, die den Grossvater von aller bewussten Arbeit an der Über- 
windung des Golus, der Verbannung zurückhielt: weil die Erlösung ja 
doch und bald kommen wird?!.. 



. — — XIII 

In dieser gemütvollen und geistigen Atmosphäre wuchs der Knabe 
auf. Als er vierzehn Jahre alt geworden, rausste er den grossen 
Schmerz erleben, dass ihm seine Mutter durch den Tod entrissen wurde. 
Nach vier weiteren Jahren des Lernens konnte er 1830 die Universität 
Bonn beziehen. Zu einem amtlich beglaubigten Abschluss seiner Stu- 
dien scheint er nicht gekommen zu sein, wenn er auch später immer 
als Doktor Hess bezeichnet wird. Die in ihren Voraussetzungen und 
ihren Zielen damals noch so unklare Oppositionsbewegung gegen die 
herrschende Gesellschaft und ihre ausbeuterische Moral zog ihn mächtig 
in ihren Bannkreis. Eine Kraft trieb den Jüngling in die Arme 
dieser Opposition, die ein wirres Gemisch von Anarchismus, Sozialis- 
mus und Phantasterei war: die Unzufriedenheit mit den bestehenden 
Verhältnissen. Die unbewusste Auflehnung jüdischer Emplindungsart, 
die Rasseninstinkt und Empfindungszwang ist, gegen die Tyrannis der 
christlich-germanischen — „Liebe", die Auflehnung des eingeborenen 
Mosaismus gegen das arische Sklaventum. 

Ein Hochziel lockte: die Erfüllung jesaianischer Prophetie, die 
zum Frieden geeinte, die freie, die glückliche Menschheit. 

Er war ein Jude mit ausgeprägten, hochgezüchteten jüdischen In- 
stinkten — darum musste er eben Sozialist sein. 

In seinem nicht gleichmässig verlässlichen Nekrolog berichtet Carl 
Hirsch, dass Hess schon damals eine Begründung des Sozialismus ver- 
öffentlicht habe. Vielleicht handelt es sich da um einen Aufsatz in 
einer verschollenen Zeitschrift. Als selbständige Schrift ist sie kaum 
erschienen. Bibliographisch ist sie jedenfalls nicht nachzuweisen. 

Jedenfalls war diese Schrift oder auch die Gesinnung, die zu dieser 
Schrift sozialistischer Tendenz geführt hat oder doch führen konnte, 
die Ursache einer Trübung der familiären Beziehungen, einer Missstim- 
mung, die bald zum völligen Bruch des Vaters mit dem „ungeratenen" 
Sohn führte. Hess verliess die Heimat und ging mit ärmlichen Mitteln 
nach England, um sich eine Existenz zu begründen. Als es ihm nicht 
gelingen wollte, dort festen Fuss zu fassen, versuchte er sein Glück in 
Frankreich. Er lebte in Paris eine Zeitlang. Aber Sorgen und die 
gemeinste Not des Lebens zwangen ihn weiter fort. Zu Fuss wanderte 
er dann nach Deutschland. Aber er kam nur bis in die Nähe von 
Metz, wo er aller Mittel bar in einem Dorfe als Lehrer verblieb. 

Schliesslich kam doch wieder die Versöhnung zwischen Vater und 
Sohn. Hess ging nach Köln, wo er in das elterliche Geschäft eintrat. 
Es war nur natürlich, dass der Zwist bald wieder ausbrach: Moses 
Hess — und Kaufmann! Der Jüngling mit den im fernen Äther flie- 



XIV 

genden Ideen und Idealen in der Zwangsjacke des Krämertums! Aus 
dieser Leidenszeit müssen wohl auch die bitteren Worte über die 
Krämerwelt stammen, die die Krämersitten schaift, wie er es in 
seinem Erstlingswerke ausgeführt hat. Er zerfiel wieder mit dem 
Vater, und neue Tage der Not zogen herauf. 

Aber es war nur eine Not des Leibes. Sie peinigte ihn nicht 
mehr. Seine Studien hatten ihn auf Spinoza geführt, den Philosophen 
und den Dulder. In ihm fand Hess seine Auferstehung. In ihm den 
Trost. Damals fügten sich Hess die chaotischen Gedanken und Ge- 
fühle zusammen zu dem Grundriss seiner Weltanschauung, die er im 
Wesen festhielt, so oft er auch die Lehren neuer Philosophen, neuer 
Theoreme aufnahm, zu assimilieren versuchte und wieder ausschied. 

Das erste grössere Werk, in dem er seiner Anschauung Rechen- 
schaft vor der Öifentlichkeit ablegte, war „Die heilige Geschichte der 
Menschheit. Von einem Jünger Spinozas" Ein stattlicher Band von 
346 Seiten ist es in dem renommierten Verlage von Hallberger in 
Stuttgart 1837 erschienen. 

Das Werk gibt sich das air, als sei es aus dem „reinen Gedanken" 
geflossen. Aber schon das Zitat, das Hess anstelle eines Vorwortes 
gibt, entschleiert den ganzen grauen und verjammerten Stimmungsgrund 
seiner Seele. Es ist — bezeichnend genug — eine Stelle aus Joel 
Jacoby's „Klagen eines Juden'' Sie waren eben erst erschienen — ein 
qualvolles Zeugnis der seelischen Verfassung der feiner besaiteten 
Jugend jüdischer Herkunft In einer Sprache, in der Adel und Far- 
benreichtum der Bibel auferstanden zu sein scheinen, weint ein rauh 
gepacktes übersensitives Gemüt sein Leid. Zwar verwabert die Sensi- 
bilität nur zu oft in sentimentales Gewimmer. Allein die haltlose und 
lendenlahme jüdische Jünglingschaft jener Tage knickte ins Knie; das 
Judenleid mochte sie noch nicht zu Trutz und Stolz zusammenraffen 
und aufrecken zu treibendem Freiheitswillen. Die einen vernebelten 
in den Weihrauchdämpfen katholischer Mystik, die anderen wurden — 
Revolutionäre. Der Grad innerer Widerstandskraft entschied hier das 
Schicksal. Aber in den Winkeln der Seele hockte ihnen allen durchs 
ganze Leben ein müdes und verängstetes Judentum. 

In den stillen Gletscherhöhen der Philosophie suchte Hess den 
Sturm glühender Gefühle zu vereisen. Vergebens: sie waren zu heiss. 
Sie tauten die Gletscher auf: „Ich höre ein banges Stöhnen, einen 
Klageton, einen Wehruf. So ein ängstliches Gewimmer, so ein dumpfes 
Ächzen, so einen schmerzvollen Schall. Wie man von den Geistern 
saget, wenn sie nach Erlösung jammern, wie man von den Göttern 



— XV 

hat vernommen, als sie geblicket in ihre Gruft. . . . Weiss ich jetzt, 
was morgen frisch, was morgen jung mir um den Busen weht wie 
Friedenshauch und Liebe? Nach all dem Hass, nach all den dunklen 
Sagen umfängt es mich mit freudig-hehrem Schauer, die Zornesgluten 
sind verglommen und gestillt ist unser Gram. Denn die Welt wird 
glorreich bleiben, die Geschlechter und die Schmerzen wechseln. Auch 
die Trauerharfe meines Volkes wird zerbrechen, der müde Geist wird 
sich zur Ruhe begeben ... Da hab ich die Trauerharfe meines Volkes 
zerbrochen, den Grüften und den Gräbern sagt' ich Ade! Mein Tränen- 
fest — das ist vollendet, die Wange glüht vom frischen Morgenhauch. 
Denn im Preisgesang der Maienzeit, denn im Glanz der Frühlingsfahne 
sah ich prangen ein Zeichen, hört ich klingen eine Botschaft, die Heil 
und Frieden, Lust und Jugend ruft in die kranke Menschenbrust'' 
Die Worte wählte Hess als Vorrede. Sie sind nur eine biographische 
Einleitung. 

Das Motto des Werkes gibt den ganzen Menschen. Eine Stelle 
aus den „Offenbarungen": „So jemand davon tut von den Worten des 
Buches dieser Weissagungen, so wird Gott abtun sein Teil vom ewigen 
Buch des Lebens und von der heiligen Stadt und von dem, was in 
diesem Buche geschrieben steht". Das klingt nicht wenig selbstbewusst. 
Und wer mit rohem Masse die Menschen wertet, wird schnell ver- 
sucht sein, von einer kleinen Anwandlung von Grössenwahn zu reden. 
Aber diese Wertung wäre kleinlich und Hesse die Stimmung von Hess 
und das ehrliche und erhabene Gefühl seines Pflichtberufes ganz ausser 
Betracht. „Heilig" ist das Wort, das er am liebsten im Munde führt. 
In seiner Terminologie hat es den Sinn von „sittlich'' Aber gerade 
die Vorliebe für das Wort „heilig", die durch sein ganzes Schrifttum 
zieht, ist wegen der Obertöne dieses Wortes für die psychische Veran- 
lagung von Hess besonders bezeichnend. Heilig erscheint ihm seine 
Aufgabe. Es ist nicht nur die Konsequenz seines Systems; es ist der 
direkte Ausfluss seiner Seele, wenn er im Gegensatz zu den Franzosen 
nicht die gesellschaftliche Revolution aus dem Willen, sondern als ein 
kategorisches Müssen herleitet. Hess darf keiner zurufen: Wer hat 
dich als Richter gesetzt über uns! Weil er ein denkendes Wesen ist, 
ist auch in ihm der Geist Gottes ausgegossen. Es ist kein Verdienst 
— es ist eine Gnade Gottes. „Die Religion, die Erkenntnis Gottes, 
das höchste Gut des Menschen ist verloren gegangen, und der Finder 
sollte sich schämen, freudig auszurufen: da ist sie wieder! Wahrlich, 
gegen diese Demut sträubte sich sein Gewissen . . . Wir nehmen keinen 
Anstand, offen zu bekennen, dass wir uns, sofern uns nämlich die in 



XVI 

diesen Blättern darzustellende Idee offenbar und zu ^verkünden gegeben 
wurde, als ein geringes Werkzeug der ewigen Vorsehung betrachten, 
die sich ja zu allen Zeiten solcher Menschen bedient hat, welche in 
Dunkelheit und Niedrigkeit lebten, damit der Mensch seine eigene 
Ohnmacht und die Allmacht der in ihm waltenden göttlichen Gnade 
recht lebhaft fühle und endlich wiedererkenne-' 

Gibt ihm das Bewusstsein, in der wirren Zeit ein Berufener zu 
sein, den Mut zu stolzen Worten, so ist dieser Stolz keine Arroganz, 
sondern sein hochgespanntes Pflichtgefühl, das die Person bescheiden 
in den Hintergrund drängt. 

So wie das Werk uns vorliegt, macht es bei allem ernsten Streben 
nach Geschlossenheit doch den Eindruck des Verworren-Zusammenhang- 
losen. Und der präzise Standpunkt, den Koigens liebevol^'e Exegese 
des Werkes herausarbeitet, spricht mehr für Koigen denn lür Hess. 

Der Begriff der heiligen Geschichte erwächst aus der Anschauung, 
dass alle Geschehnisse nicht zufällig, sondern vorherbestimmt, frei und 
sittlich sind. Sie sind freie Werke Gottes — „des heiligen Geistes" 
— Hegels „Idee", wie denn auch die auf die Geschichte angewandte 
Widerspruchslogik auf Hegels dialektische Methode zurückführt. 

Und die Ideen sind W^ahrheit, weil sie sich auf Gott beziehen — 
Spinoza! So stellen sich denn die Leitgedanken seiner Erstlingsschrift 
als der Versuch einer Synthese von Spinoza und Hegel dar, wobei 
freilich der von Leibniz herrührende Parallelismus von Geist und 
Natur, Denken und Sein, der auch dem Spinozistischen System inne- 
wohnt, gegen Hegels Identitätsphilosophie ausgespielt wird. Gott und 
das Leben können weder ausschliesslich als Natur noch als Geist 
gedacht werden. Die Bindung ist bei Hess aber nur ein Versuch 
geblieben, dem wir nicht als durchweg geglückt bezeichnen können. 

Sein metaphysischer Standpunkt bedingt auch seine Geschichts- 
auffassung. Auch die Menschheit ist, weil sie ein geschlossenes 
Ganzes ist, den Weltgesetzen ebenso unterworfen wie der Einzelmensch. 
Sie hat auch eine triadische Entwicklung durchzumachen: des Lebens 
Wurzel, die Krone (die Spaltung) und als die letzte Vereinigung: die 
Lebensfrucht. Das ist die Anwendung der dialektischen Methode: der 
objektive Geist führt durch These und Antithese in den absoluten 
Geist. Von Gott aus Trennung und Heimkehr zu Gott. 

Freilich sind die Geschichtskenntnisse des jungen Hess noch recht 
primitive. Er stützt sich vorzugsweise auf Johannes Müller, Raumer 
und Rottek. Überall Parallelen suchend, die nur zu oft nur in 
äusserlich gleicher Zeitdauer gefunden werden, sucht er die Welt- 



XVII 

fjeschicbte in die spanischen Stiefel seines Systems einzuzwängen. 
Das gibt böse Verrenkungen. Aber sie ermöglichen doch die Durch- 
führung seiner These, dass die Verschiedenart der Zeitepochen nur 
formalistischer Natur ist, dass sie in Wahrheit aber gleich verlaufen, 
nur grösser und reicher und gewissermassen in einer immer höheren 
Dimension. 

„Die heilige Geschichte der Menschheit" zerfällt in zwei grosse 
Hauj)tteile. Der erste Teil behandelt die Vergangenheit als Grund 
dessen, was geschehen wird. Der zweite die Zukunft als Fol^e 
dessen, was geschehen war. Den ersten Teil gliedert er dann nach 
vierzehn weltgeschichtlichen Perioden, die er wiederum unter drei 
Gruppen zusamraenschliesst, denen er rein christologische Titel gibt: 
Gott der Vater, Gott der Sohn, Gott der heilige Geist. Wie man 
leicht ersieht, sind diese Bezeichnungen nur prägnante Formeln für 
die Hegeische Entwickelungstrias. Als Typus jeder Periode wird 
ein Mann genommen; denn in der stärksten Persönlichkeit jeder Zeit 
ist der Geist der Zeit oder deutlicher, die Höhe des derzeitigen 
Entwickelungsstandes am schärfsten markiert. Von Adam(-Indien) 
steigt seine Betrachtung über Abrahäm(-Assur), Egypten(-Moses) nach 
Europa (grosse Revolution), in jeder Epoche den Kampf deö Negativen 
mit dem Positiven bis zur höheren Einigung herausarbeitend. In der 
ersten Epoche, die bis Christus reicht hat das passive Geistesvermögen, 
die Phantasie, die sich durch das Auf- und Annehmen äusserer 
Bilder bereichert, ihren Höhepunkt, die völlige, zeitmögliche Ent- 
wickelung erlangt. Mit Christus beginnt das aktive Geistesleben, das 
innere Gemütsleben. Er vermittelt die Synthese vom Realen und 
Idealen, von Geist und Natur. Ihm folgte jene Epoche, deren Reprä- 
sentant Spinoza ist, der Gott und Welt vereint; denn er erkannte 
Gott, der ist das Leben. Aber Gott oifenbarte sich ihm nicht bloss 
in Ahnungen des Gemütes, sondern im hellen Lichte des Verstandes. 
So erscheint Hess die ganze Weltgeschichte als nichts anderes, als 
die sich immer mehr vertiefende und erweiternde Erkenntnis Gottes, 
die sich in den Repräsentanten der Menschheit offenbart. Die Steigerung 
des Goltesbewusstseins aber muss notwendig zur Weltreligion führen, 
die kein konfessionelles Gepräge mehr haben kann, sondern die Liebe ist, 
die Reales idealisiert und das Ideal realisiert — der ganze Hess! 
Mit der Aussöhnung von Gott und Mensch hat die Kirche ihre 
Berechtigung verloren und damit ihre Herrschaft. Denn in dem zum 
Bewusstsein gekommenen Menschen ist Gottes heiliger Geist aus- 
gegossen. Das äussere Gesetz kann dann aufhören, weil aus der 

II 



XVIII ^ ■ 

Einheit des Bewusstseins, da alle Menschen Gott erkannt haben, 
die heilige Verfassung hervorgeht. 

Es begreift sich leicht, dass Hess in dem so säuberlich stilisierten 
Gefüge der Weltentwickelung, des sich immer deutlicher emanierenden 
Gottes, den Juden eine besondere Stellung anweist. Sie hat für uns 
eine über die zu referierende Tatsächlichkeit hinausgreifende psycho- 
logische Bedeutung. 

Seine Anschauungen liegen fragmentarisch in dem ganzen chao- 
lischen Werk der Enheitlichkeit zerstreut. Er sucht sie in sein 
System hineinzuzwängen. Allein allerseiten ragen Zipfel heraus. Und 
an diesen Zipfeln liat er später das Judentum wieder aus den 
Schablonen herausgeholt und gerade und aufrecht in seinen weiteren 
und höheren Geschichtsbau hineingestellt. Was 1837 noch umnebelt 
erscheint, (wenn auch in der rohen Konfiguration schon erkennbar) 
wird 1862 in „Rom und Jerusalem" und vorzugsweise in seinen „Briefen 
über die Mission" zielklares „Bewusstsein". 

Das Judentum ist ihm nur die Vorstufe des Christentums. Das 
Reich der „heiligen, männlichen Phantasie", die es verkörpert, musste 
zu Ende gehen, als sich alle menschlichen Vorstellungen oder Bilder 
inbezug auf das Natur- und Gottleben erschöpft hatten. Das Volk 
Gottes löste sich auf, um als solches nimmer wieder aufzuerstehen. 
Aus seinem Tode sollte ein anderes, höheres Leben entspriessen. Das 
jüdische Volk hatte den Wert der Weltgesetze noch nicht erkannt, 
weil die Erkenntnis eines Gutes immer erst durch den Verlust vermit- 
telt wird. Es verhielt sich passiv beim Empfange des Gesetzes durch 
Moses, wie der Mensch sein erstes Leben auch untätig empfängt. Da 
kam Christus. Der Gott gewordene Mensch, der Mensch gewordene 
Gott, der das einzige Wesen im ganzen wie im einzelnen erkannte 
und dem hohen Ziele seiner Bestimmung, der Allgemeinheit und Ewig- 
keit zustrebte. Er musste wie der Jüngling die Familienbande, so 
die Schranken der Nationalität durchbrechen. Das Christentum trennte 
Kirche und Staat, Religion von Politik. Es baute seine Welt nicht 
auf einer gesellschaftlichen Ordnung auf. So kam die Anarchie, für die 
Christus nur den Trost der Hoffnung auf den heiligen Geist hatte. 
Dieser Resignation hat er ein ewiges Beispiel durch seinen Tod gegeben. 
Die Leiden Christi waren das Vorbild der Leiden der Menschheit. 
Sein Herz ist der Mittelpunkt der Welt; so lange die Menschheit lebt, 
wird sein Blut in ihren Adern pulsieren. Das Reich Gottes wird 
kommen. Christus wird siegen. Nur wer lebendig an Christus glaubt, 
wird auch an das Reich der Wahrheit glauben. 



— XIX 

Die Christusverehrunc: Hess' rast alle Grenzen nieder. Freilich 
sein Christus ist nicht der Christus der Christen. In seinem Zeichen wäre 
nicht die Welt unter Blut gesetzt worden durch Jahrhunderte hindurch. 
Sein Christus nahm für die Menschheit das Kreuz; aber der „christ- 
liche" Christus hat es den anderen aufgeladen. Er ging für die Men- 
schen in den Tod. Die Christen haben den Tod für die ungläubige 
Menschheit gebracht. Sie waren nicht mehr Träger der passiven Phan- 
tasie, sondern der gemütvolleren aktiven Phantasie, die sich in der 
Erfindung immer neuer Marterinstrumente nicht wollte erschöpfen können. 

Woher Hess seine dithyrambische Christusliebe hat, erkennt sich 
leicht. Der grosse romantische Seelenfänger, dessen weiche Schmeichel- 
worto die müde Resignation der gebildeten deutschen Judenheit einlullte 
und alles kraftvolle Aufrecken in ein traumhaft seliges Christentum 
zog, Schleieimacher — er hatte auch den jungen Hess in seine süsse 
Mystik gelockt. 

Wenn Hess in jenen Jahren zum Christentum gekommen wäre, 
es wäre kein Schritt aus Luxusübermut gewesen. Aber vor diesem 
letzten Schritt hat ihn sein Meister Spinoza gerettet. Auch ein Mann 
aus jüdischem Blute! In seinem Geiste vorwärtsdringend, erkannte er die 
zeitliche Bedingtheit der Christuslehre. Und wie ihm Christus nur 
das Symbol des Kampfes um das Reich des Geistes war, so brachte 
ihm Spinoza die Überwindung des Christentums. In Hegelscher Dia- 
lektik erscheint ihm das Judentum als das männliche, das Christentum 
als das weibliche Weltprinzip. Durch Spinoza ist die Einheit im 
Geiste erfolgt: der Zwiespalt der niederen und höheren Natur des 
Menschen, der Phantasie und des Verstandes, ist auf immer auf- 
gehoben. Das heilige Leben in Gott mit seiner unzerstörbaren Heiter- 
keit, in der Kampf und Unlust aufgehoben und die Quelle aller Laster 
und Cbel verstopft ist, beginnt. Unklar und widerspruchsvoll wird Hess, 
wenn er nun den modernen Juden ihre Stellung einräumen will. 
Dass er selbst ein Jude ist, schimmerte nur durch einige liebevolle 
Beiworte hindurch; wenn er nicht zum Schluss in grandioser Un- 
konsequenz, die hier wie oft Befreiung ist, in den Juden die Kinder 
des dritten Mannes sähe, in dem Gott sich offenbart hat! Die Kinder 
Spinozas. Seine Folgeunrichtigkeiten erklären sich vielleicht so, 
dass er unter dem Sammelbegriff Juden verschiedene darin ein- 
geschlossene Prinzipien und Menschengruppen zusammenpackt. Nur 
so lösen sich die Schwierigkeiten, dass er ihnen einmal Buchstaben- 
glaube vorwirft und ein mangelndes Verständnis dafür, dass Gott 
sich immer wieder offenbart, und dass er ihnen dann wieder ihren 

n* 



xx^ 

Wert für die Zukunft anerkennt. Gerade die Juden müssen die 
ewige, sich immer mehr offenbarende Gottesoifenbarung verstehen, 
weil die Annahme einer einmaligen Offenbarung ihnen die Existenz- 
berechtigung nimmt. Durch ein Gewirr zwingender Illogismen, die 
nur den grossen Umriss seines Systems stehen lassen, den ganzen 
Aufbau aber unrettbar niedertrümmern (Hess vermochte das nicht zu 
erkennen), schlängelt sich sein immanenter jüdischer Nationalstolz 
hindurch. Und so stehen plötzlich die Juden im Mittelpunkte des 
Gottesreiches — als der uneinnehmbaren Akra. Das Judentum war an 
sich betrachtet ein eigenes, absolutes Wesen, obschon es dem Heiden- 
tum gegenüber spiritualistisch, gegen das Christentum naturalistisch 
erschien. Das mosaische Gesetz bezog sich auf den inneren, wie auf 
den äusseren Menschen. Die Juden kannten keinen Unterschied zwischen 
religiösen und politischen Geboten, zwischen Pflichten gegen Gott und 
gegen Cäsar. Die und andere Gegensätze fielen weg vor einem Gesetz, 
das weder für den Leib, noch für den Geist allein, sondern für beide 
sorgte. 

Mit dem Ende des jüdischen Staates ist diese Einheitlichkeit ver- 
loren gegangen. Denn das Christentum galt im höchsten Sinne nur 
der einseitigen Pflege der Innenmenschen. Mit der weiteren Entwik- 
kelung des Gottesbewusstseins in uns werden erst wieder die Brücken 
zu einer allumspannenden Verfassung geschlagen werden. Denn die 
Keime der menschlichen Gesellschaft liegen im alten Bunde. Es ist 
gewissermassen die Urform der neuen Gemeinschaft, in der Gott nicht 
mehr der Gott eines Volkes, sondern der der Menschheit sein wird. 
So schliesst denn Hess sein Werk und seine Gedankenreihe mit einer 
Apotheose des Judentums: „Wir sprechen von jenem alten, heiligen 
Volksstaate, der längst untergegangen ist, aber in den Gemütern seiner 
zerstreuten Glieder bis heute noch fortlebt. In den Juden, in diesem 
verachteten, seine alten Sitten treu bewahrenden Volke, das nach 
langem Schlafe wieder zu höherem Bewusstsein erwacht ist — das 
nachgerade anfängt, seine unstete Wanderung zu beschliessen, zu der 
es der Herr verdammt hatte, bis er sein Antlitz wiedersähe, — in den 
Juden lebt ihr altes Gesetz wieder auf und das gibt von seiner Heilig- 
keit ein lebendigeres Zeugnis als jedes andere historische Denkmal — 
ein getreueres, als ihn heilige Bücher, ein sprechenderes als alle ge- 
retteten Urkunden der Vorzeit. Dieses Volk war von Anfang an be- 
rufen, die Welt zu erobern, nicht wie das heidnische Rom durch die 
Kraft seines Armes, sondern durch die innere Tugend seines Geistes. 
Es selbst wandelte, wie ein Geist, durch die Welt, die es eroberte, 



XXI 

und seine Feinde vermochten es nicht zu vernichten, weil ein Geist 
unangreifbar ist. Schon hat dieser Geist die Welt durchdrungen; schon 
sehnt sich dieselbe nach einer Verfassung, die der alten Mutter würdig 
ist. Sie wird erscheinen, diese neue heilige Verfassung; das alte 
Gesetz wird verklärter wieder auferstehen. Aus der in ein Chaos ver- 
fallenen alten Welt taucht der Genius der Menschheit wieder auf, wie 
aus einer Flut, die vom Geiste Gottes bewegt wird. Es wird ein 
Gesetz erscheinen, das als Einheit des Bewusstseins der Menschheit 
auf diese zurückwirken, sie durchdringen, seine Bestimmung erfüllen und 
seinen Kreislauf vollenden wird.** 

Sieht man schärfer hin, so erkennt man leicht die zwar noch sehr 
dünnen und feinen, aber doch schon deutlichen Grundlinien seines 
^Rom und Jerusalem". Es bedurfte freilich noch eines durchgreifenden 
theoretischen Umbaues seiner Weltanschauung, um die Ziele, die er 
der Menschheit setzte, als Aufgaben zu postulieren; um die Abrollung 
der Entwickelung zur einigen Menschheit aus der Tat, der bewussten 
Tat herzuleiten und um an die Stelle des Geistes, der Menschen und 
Welt schafft, den Menschen als Schöpfer zu erkennen. Die Analyse 
des schöpferischen Menschen musste dann zur Rasse und zur Nationa- 
lität führen. So musste sein Nationaljudentum, die jüdische Mission 
ganz organisch bei ihm kommen. — 

Die ganze Metaphysik bei Hess und ihre Anwendung auf die 
geschichtsphilosophischen Probleme sind letzten Endes nur eine Art 
Selbsterklärung und eine begründende Voraussetzung seines höchsten 
Traumes von dem goldenen Zukunftszeitalter der Menschheit. Er stellt 
CS zwar gern so hin, als ob dieses Endziel das Ergebnis seiner ver- 
nunftgemässen Deduktionen ist. Allein das ist eine arge Selbsttäu- 
schung, wie sein ganzes Leben es beweist. 

Wenn er die mosaische Staatsform gewissermassen als die Keim- 
zelle der einstigen Gesellschaftsform hinstellt, als ein Spiegelbild der 
Zukunft, nur stark verkleinert und in einer anderen Ordnung, so 
brachte ihn nicht nur seine Erziehung dahin, sondern der sozialistische 
Antrieb, der auf ihn als Juden ebenso wie auf Moses und Jesaias 
eingewirkt hat. Er ist die gleiche Struktur der Seele, die sich — nur 
nach dem zeitlichen und räumlichen Milieu gewandelt — das Welt- 
ganze zimmert. Liebe und Glück sollen in der Welt herrschen. 
Und Einheit und Gleichheit werden ihr den Stempel geben — Einheit 
oder Gott wird das innere Wesen; Gleichheit oder Freiheit, die keine Ab- 
art der Despotie ist, wird die äussere Form des neuen Verbandes sein. 
Darum müssen in der gleichen Richtung wie in dem mosaischen Staats- 



XXII 

gedanken die Güter gleichmässig verteilt sein. Aber Hess kommt 
doch nicht zu einem reinen Kommunismus. Darin glatt aufzugehen, 
stört ihn gerade das Freiheitsproblem. Zwar weiss Hess, dass der 
in den Menschen ganz geoffenbarte Gott schon in sich antisoziale 
Tendenzen nicht mehr aufkommen lassen kann — kann doch die 
äussere Sklaverei nie länger dauern als die innere, als der Sklaven- 
sinn und dieser ist doch zu überwinden — allein es gilt doch, auch 
unsere Zeit dem Ideale näher zu bringen. Theoretisch: indem 
die Gotteserkenntnis verbreitet werde, denn die Not ist nur eine Folge 
unseres unentwickelten Bewusstseinszustandes. Praktisch: durch 
soziale Reformen. Diese müssen sich jetzt noch in den Grenzen 
halten, die ihr durch den Stand der Gottesoffenbarung, durch die 
augenblickliche Stellung der Menschheit im dialektischen Gang der 
Geschichte gezogen sind, denn die endliche Synthese, die Harmonisierung, 
bleibt der Zukunft vorbehalten. Um dieser Harmonie vorzuarbeiten, 
„denn die höchste Gleichheit kann nicht aus dem Christentum, der 
höchsten Ungleichheit hervorgehen", muss darum zuerst das Erblich- 
keitsystem geändert werden. „Durch die Erblichkeit entsteht alles 
Einseitige in der Natur; in ihr aber gleicht der Tod alle Verschieden- 
heit aus". Der Staat muss die Werte zurückbekommen, denn sie 
sind im Grunde sein Eigentum. So erscheint bei ihm der Staat als 
die Zusammenfassung der Bürger, die für den Staat arbeiten und von 
ihm die Ordnung, die Harmonie, die gesellschaftliche Lebensform erhalten. 
Dieser Staat braucht darum so wenig Gleichheit wie die Erde, die 
Völker, Bäume, Tiere trägt. Fügt man noch hinzu, dass die Boden- 
reform in diesem Staate durchgeführt ist, so braucht man die Ansichten 
Hess' nicht auf die Hegeische Staatsidee zurückzuführen. Hess hat 
sie einfach aus dem ihm tiefer im Blute steckenden Mosaismus 
herübergenommen. 

Nimmt man diese Staatsharmonie, die ihn alle Anarchie und jede 
Revolution ablehnen lässt — (denn wie sollten Revolutionen entstehen, 
da die Vertreter des Volkswillens sich durch die Ergebnisse der 
Forschungen über das Staatsleben doch nur dem jeweiligen Erkenntnis- 
stand anzupassen brauchen?) — so wird man Hess vom Jahre 
1837 kaum einen Kommunisten, sondern einen Staatssozialisten oder 
Liberalen mit sozialer Tendenz nennen können. Freilich treten schon 
in diesem Programm die Anschauungen schärfer hervor, an denen 
seine weitere Entwickelung ansetzt. In der „Heiligen Geschichte der 
Menschheit" spricht Hess über Reichtum und Armut Gedanken aus, 
die gründlich durchgedacht und emanzipiert von seiner Metaphysik 



XXIII 

seinen harmonischen Staat über den Haufen rennen müssten. Koigen 
weist mit gutem Recht darauf hin, dass die Verelendung eine Art 
Zusammenbruch- und Konzentrationstheorie schon damals von Hess an- 
gedeutet werden. Der Mittelstand muss schwinden, da unbeschränkte 
Aktienunternehmungen, Grosshandel und Industrie alle individuelle 
Tätigkeit unterbinden und ein Ausgleich der ungleich und ungerecht 
verteilten Güter allein durch Aufhebung des Erbrechts nicht erfolgen 
kann. Aber Hess' Lebensanschauung tröstet ihn und — worin die 
Gefahr des abgezogenen Philosophierens für die Betrachtung ökonomischer 
Zustände sich so recht äusssert — sie drängt ihn von dem gedank- 
lichen Weiterbohren ab: der Gegensatz des Reichtums und der Armut 
mit all seinen entsetzlichen wirtschaftlichen und moralischen Folgen 
muss auf den Gipfel getrieben werden, damit, je klaffender Antithese 
und These werden, die dialektische Ausgleichung und Bindung zu 
höherer Einheit sich vollziehen können. Dann wird natürlich Gleichheit 
und Gütergemeinschaft herrschen. Und die Familie? Wie in der 
Menschheitkindertagen wird sie wieder zur Reinheit zurückkehren. 
Vielleicht wird jede Familie ihren Staat dann bilden, weil alles 
äussere Gesetz dann aufgelöst wird durch das innere Gesetz, durch die 
ursprüngliche Unschuld, die zum Selbstbewusstsein erhoben ist. Hier 
ist der Kreuzweg — das heisst: Wird die Zukunft reines Staatsleben 
oder reine Anarchie sein? 1837 entschied sich Hess für den Staat. 
Also auch von dieser Seite des Endzieles war für Hess eine Ent- 
wickelungsmöglichkeit gesetzt. 

Die Behandlung des Familienproblems zeitigt manch bitteres 
Wort. Man spürt in den abstrakten Gedanken persönliche Obertöne: 
y,Der Geist ist aus den alten Formen des Familienlebens gewichen! . . ." 

Der Zwiespalt in der Familie des jungen Denkers wird immer 
grösser. 

Er entwickelt die Theorie der freien Liebe: „Die Liebenden 
werden sich einigen können, ohne von der Willkür hochmütiger und 
geiziger Eltern verhindert zu werden". 

Hess war im Geiste ein Bürger der Zukunft. Leben und Lehre 
waren ihm eines nur. In ihm war der menschliche Dualismus aufgehoben. 
Das Liebesproblem war ihm kein theoretisches. Die Emporläuterung 
der Beladenen kein totes Wort. Er lebte, was er dachte. Und so 
nahm er sich aus der Dunkelheit, aus dem tiefsten Schlamme sein 
Weib. „Ist es ein Zufall — schreibt er später — dass mit jeder 
neuen Richtung, die mich in ihren Zauberkreis zieht, ein unglückliches 
weibliches Wesen auf meinem Lebenswege erscheint und mir den 
Mut und die Kraft gibt, unbekannte Bahnen zu durchwandern?'' 



XXIV 



1840 heiratete er die Insassin eines Freudenhauses — Sybille 
presch — und sie ward ihm ein Weib, eine Genossin und Mitkämpferin 
durch sein ganzes Leben für den Ernst der Arbeit. Und es musste 
auch eine Christin sein - die Antithese! Und die Hoffnung auf die 
Zukunft: vielleicht war es Mensch gewordene Synthese zweier ent- 
gegenstehender Prinzipien 

Hessens Ehe war kinderlos. ... 

In die Zukunft ragte kein Spross hinein. 

Die Vergangenheit versank hinter ihm. 

Der ^ Bruch mit dem Vater war endgiltig. Sie haben sich nie 
wieder gesehen. 



III. 

Vm die Mitte der dreissiger Jahre setzt in Deutschland eine ^eistipje 
Revolution ein, die in den Formen noch innerhalb des Prinzipats der 
He?:e1schen Philosophie sich vollzieht, aber im Wesen doch die innere 
Aushöhlung der Lehre des „modernen Christus" bedeutet. Eingeleitet 
wird dieser Kampf durch das „Leben Jesu** von David Friedrich 
Strauss (1835). Der Streit drehte sich vorzüglich um das Verhältnis 
von Glauben zu Wissen. Hegels Ausführungen hatten diese Kardinal- 
frage natürlich eingehend behandelt. Aber nicht bis zu einem scharfen 
und unzweideutigen Ergebnis hin. Es blieben der Deutung weiter Spiel- 
raum und für den Angriff noch viele schlecht verteidigte Punkte. 
Philosophie und Religion hatten nach Hegel den gleichen Inhalt. Sie 
waren nur formell getrennt. Hier schieden sich die Geister. Die 
ein'^n klammerten sich an die Identität des Inhalts, die anderen an 
die Verschiedenheit der Form, die schliesslich auch den Inhalt um- 
wandeln müsse. Die ersteren nannte man nach Michelet — dem Be- 
gründer der Berliner Philosophischen Gesellschaft — den rechten Flügel, 
die anderen den linken Flügel der Hegeischen Schule. Die Streitfragen 
gingen dann auf die Unsterblichkeit über: ob sie die individuelle 
Fortexistenz oder die Ewigkeit der allgemeinen Vernunft — auf den 
Gottmenschen: ob er Christus oder der Geist der menschlichen 
Gattung sei, auf die Gottheit selbst: ob sie vor der Weltschöpfung 
schon persönlich war oder erst in dem Menschen Persönlichkeit wurde. 

So theoretisch diese Fragen schienen, so gewannen sie doch durch 
ihren Einfluss auf das dogmatisch-kirchliche Leben Bedeutung und 
eine politische Tragweite durch den preussischen Minister von Alten- 
stein, der in der starren Hegelei die philosophische Grundlage des 
preussischen Staatsabsolutismus und der preussischen Kirchenortho- 
doxie sah. Es war nur natürlich, dass sich unter dem Feldzeichen 
des linken Junghegelianismus alle freiheitlichen, reaktionsgegnerischen 
Elemente zusammenfanden. Damit war auch die Stellung von Hess 
gegeben. Freilich vollzieht er den Bruch mit Hegel nicht bei den 
theologischen Fragen. So sehr er Strauss anerkennt und die das 
Dogma unterminierenden Ansichten der „christlichen Glaubenslehre" 
als vorbereitende Tat rühmt, so kann er doch bei der straussischen 
Negation nicht stehen bleiben. Hess geht vielmehr auf den Kernge- 



XXVI 

danken Hegels ein, wie er sich in der Geschichtsphilosophie darstellt: 
dass die fortschreitende Entwickelung der Menschheit in der Natur 
nur die spontan sich realisierende Idee ist. Hier fügt Hess — beeinflusst 
durch V. Czieskowskis „Prolegomena zur Historiosophie" — ein Moment 
ein, das nicht nur für den Ausbau seines Gedankengebäudes, sondern — 
was für ihn immer damit in Wechselwirkung steht: für sein wirkliches 
Leben von entscheidender Bedeutung wird: die freie Tat. „Hegels 
Idee ist die konkreteste, aber sie ist nur Idee. Allein wie das Leben 
mehr ist als Philosophieren, so ist die absolute Geistestat mehr als 
die absolute Geistesphilosophie. Wir können keinen Baum schaffen, 
wenn wir seinen Begriif in uns haben, so wenig wie die Hegeische 
Philosophie imstande ist, eine geschichtliche Tat zu erzeugen." Damit 
raubt Hess aber auch schon der Hegeischen Lehre den Nimbus einer 
zugleich Geist und Natur umspannenden. „Hegels Philosophie war 
höchstens die Rechtfertigung des Daseins, ein Ende der Vergangenheit, 
die sie zum Beschluss gebracht hat — nicht der Anfang einer Zukunft". 
Das Denken allein ist der Hegelei Anfang und Ende, und sie setzt 
nicht — wie Hess will — die reine Gottesnatur als Anfang und als 
letztes Prinzip die bewusste Tat des Weltgeistes. Hier dringt Hess 
zu einer Vereinigung der Naturphilosophie Schellings mit der Geistes- 
philosophie Hegels, die jede für sich halb und einseitig ist, vor. 

Daraus ergaben sich ihm mancherlei Schwierigkeiten, deren er 
nicht immer Herr geworden ist. Glücklich aber ist er in der Lösung 
des Problems, die Schöpferfreiheit und die Willensfreiheit des Welt- 
geistes mit der Hegeischen Notwendigkeit zu verknüpfen, nach der sich 
die Idee realisiert. Hess sagt: „Was vor uns geschehen ist, ist — wenn 
für sich mit Freiheit — doch für uns mit Notwendigkeit, weil nicht 
durch uns geschehen. Nur was durch uns vollbracht wird, geschieht 
— obgleich an sich mit Notwendigkeit — doch für uns mit Freiheit, 
sofern nämlich unser innerstes Wesen, unser Bewusstsein das Bestim- 
mende von ihm ist." 

Die Einfügung der bewussten Tat in das System war für Hess 
eine ünvermeidlichkeit. Er ist eben nicht der Philosoph, der sich mit 
der Aufhellung und Ordnung des in der Zeit Gewordenen zufrieden 
gibt. Er ist in erster Reihe der von der grossen Menschenliebe ge- 
spornte Sozialreformer, der in die bessere, in die gute Zukunft blickt 
und sie schaffen will. Die geschichtsphilosophische Betrachtung ist 
ihm nicht Selbstzweck und will nicht nur die Stellung der Gegenwart 
im Entwickelungsprozess der Menschheit erkennen; sondern die Ex- 
trahierung der Entwickelungsgesetze soll einen Wegweiser in die Zu- 



XXVII 

kunft peben. So musste denn Hess über seine „Heilige Geschichte der 
Menschheit" hinausschreiten. Hier ist der Geschichtsverlauf noch nichts 
anderes als die mit Notwendigkeit immer mehr ins Bewusstsein drin- 
gende Gotteserkenntnis, die, wenn sie in den Menschen ihren Höhe- 
punkt erreicht hat oder xMensch geworden ist, schon in sich die höchste 
Freiheit und Glückselig-keit bedeutet. Erst durch die Einfügung der 
Tat erhält auch die Persönlichkeit ihren Standpunkt in der Geschichte. 
Über die Schwierigkeit, den Menschen als „Erlöser oder Erlösten" zu 
nehmen, kommt Hess hinweg. Er ist Erlöser und Erlöster. Je „heiliger" 
die Geschichte wird, d. h. je mehr das menschliche Bewusstsein sich 
weitet, umsomehr kann sich der Mensch auch den Geschichtsprozess 
zum Bewusstsein bringen und sein Selbstbewusstsein steigern. Der 
Mensch ist also Werkzeug — und auch Schöpfer. 

Diesen gedanklichen Fortschritt dokumentiert Hess in seinem 
zweiten grösseren Werk: Die europäische Triarchie 1841 (185 Seiten). 
Die vier Jahre seit dem Erscheinen seiner „Heiligen Geschichte" haben 
ihn wie im Gedanken, so auch in der Darstellungskraft ein tüchtip: 
Stück weiter gebracht. Die Verworrenheit, die in dem Erstlingswerk 
die Einheitlichkeit der Grundideen immer wieder zerfasert, ist nun 
einer strafferen Gedankenfolge gewichen. 

Die „europäische Triarchie" gibt sich als der geistreiche Versuch 
einer Geschichtsphilosophie der Gegenwart oder treffender: einer Phi- 
losophie der Politik — eines Problems, für das Hegels Staatsphilosophie 
zwar eine theoretische Vorläuferin darstellt, dem aber erst Hess den 
vollen Reiz der Aktualität im Rahmen der ganzen Menschheitsgeschichte 
gegeben hat. Hess hat nicht viele Nachfolger gefunden, die in den 
Kämpfen und Aufgaben der Gegenwart die Ewigkeitsnote suchten und 
schöpferisch momentan vorliegende politische Differenzen in die Einheit 
der geschichtlichen Prozesse — klärend und sänftigend — auflösten. 
Bei einem universalistischen Kopf wie Hess ist es ganz selbstverständ- 
lich, dass selbst das unscheinbarste Ereignis wird und dass in 
seinem Werk tausend Einzelheiten im Sprühfeuer seines Geistss 
funkeln. Aus so abstrakten Ideen auch seine politischen Folgerungen 
fliessen, so frappieren sie oft durch den Scharfblick, der — das 
Dunkel der Zukunft durchbohrend — prophetisch kommende Ereignisse 
und Situationen voraussieht. Man ist versucht an Hess selbst zu denken, 
wenn er die modern-rationalistische Beurteilung, „jener verehrten Männer 
des Altertums, der Propheten, dieser Landleute'', nicht weniger ab- 
lehnt als die Leugnung ihrer Sehergabe aus Gründen spekulativer 
Vernunft: „Das bei Einzelnen noch hier und da hervorbrechende 



XXVIII 

Vermögen eines unmittelbaren Schauens könute uns schon eines 
Besseren belehren". 

Das Ziel, zu dem Hess seine Betrachtung drängt, ist eine Ver- 
bindung der drei grossen Mächte — Frankreichs, Englands und Deutsch- 
lands — zu einem vereinigten Staate von Europa. In ihrem Geschichts- 
verlauf haben sie ihre Eigenart über alle Gegensätzlichkeit hin und 
durch Amalgamierung ihnen noch fehlender Qualitäten so stark ausgeprägt, 
dass ihre Zusammenfassung den Grundakkord alles staatlichen Lebens 
in Frieden und Freiheit abgeben müsste: ^Deutschland muss von 
Frankreich und dieses wieder von Deutschland ergänzt werden." 
Deutschland, Schöpfer der Reformation ( — die der Welt nach Hess 
die Geistesfreiheit gebracht hat — ) repräsentiert den östlichen Typus, 
die kontemplative Ruhe und Innerlichkeit — Frankreich, das Land der 
Revolution, den westlichen Typus der Bewegung und Äusserlichkeit. — 
Die Einheit beider ist England. . . . Religion, Sitten und Gesetze 
müssen durch vereinte Tätigkeit errungen werden. ... In Deutschland 
die sozial-geistige Freiheit, weil hier die Geistesherrschaft vor- 
herrschend, in Frankreich die sozial-sittliche Freiheit, weil hier die 
Willenskraft mächtig, in England, ^dem Leuchtturm der Zukunft", 
die sozial-politische Freiheit, weil hier der praktische Sinn am meisten 
entwickelt ist." Freilich wird sich diese Bindung nur allmählich voll- 
ziehen, aber sie muss kommen. Die politischen Zwischenstufen sieht 
Hess voraus, und er zeichnet ein Bild der europäischen Lage, wie sie 
sich in der Tat heute darstellt. Die Stelle verdient hier ganz wieder- 
gegeben zu werden — 1841 geschrieben!! „Möglich, dass Deutschland 
und Frankreich die gegenseitige Freundschaft, auf welcher allein rechte 
Freundschaft beruhen kann, sich erst auf den Schlachtfeldern 
am Rhein wird abtrotzen müssen, gewiss aber ist, dass einst das schönste 
Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, ein Bündnis, welches 
Jahrhunderte überdauert, zu Stande kommt, während dessen der 
zukünftige Wettkampf zwischen England und Russland, ohne die 
europäische Zivilisation zu gefährden, vorüberziehen wird. Mag in- 
zwischen Frankreich mit Russland sich verbinden, es wird sehr bald, 
wenn auch aus einer anderen Ursache als England, in die nämliche 
Lage wie dieses, den Russen gegenüber sich versetzt sehen; es wird 
den Russen Konzessionen machen müssen, die es erniedrigen, es wird 
sich wie England dem Willen einer Macht unterwerfen müssen, die 
ihm jeden Augenblick mit Abfall droht. . . . Denn nichts wird Russ- 
land verhindern, im günstigen Moment wieder eine „Grundsatz-Allianz" 
mit Deutschland einzugehen, und auf diese Weise uns Europäer, wenn 



XXIX 

wir entzweit bleiben, fort und fort, geistig und materiell, so lange zu 
russifizieren, bis wir samt und sonders, demoralisiert und ohnmächtig 
dem Sklaven-Imperator in die Arme sinken." 

In Russland sieht Hess den wahren Feind Europas und der 
Zivilisation. Aber er fürchtet diese „westlichen, eroberungssüchtigen 
Chinesen" nicht. Der „russische Koloss" ist ein Popanz, ein schwer- 
fälliger, unbehilllicher Körper, der dem gelenkigen und wo es Not 
tut, für seine Selbständigkeit begeisterten Europa im offenen Felde 
nicht gefährlich werden kann. Die Einheit Russlands ist sein Knecht- 
sinn. Hess träumt für seinen Staatenverband von einer Einheit höherer 
Kultur, die nicht Einerleiheit und Einseitigkeit ist, sondern die Einheit 
von Innerlichkeit und Äusserlichkeit, von Religion und Politik — wie 
sie der Judenstaat schon einmal gezeigt und wie sie in der Gegenwart 
durch den Zusammenschluss Frankreichs und Deutschlands gewähr- 
leistet wäre. Dieser Staatenverband würde dass Staalsideal verwirk- 
lichen, dessen Grundzüge Hess schon in seiner „heiligen Geschichte'' 
angedeutet hat. Gewiss wird er erst durch einen langen Kampf, durch 
viele Schmerzen errungen werden können. Aber der ewige Friede - — 
der Sieg Christi! — wird realisiert werden. Der Bestand dieser 
Staaten wird gesichert sein, wenn er geistig und materiell über allen 
Parteien steht. Es wird eine höchste Gewalt geben, mit der keine 
Kollision erfolgen kann, weil sie in ihrem Wesen alles Rechte vereinigt. 
Sie hat darum die Macht, nicht durch äussere Gewalt, sondern durch 
die Stärke des Geistes. Und darum kann in diesem Staate auch die 
höchste Freiheit sein. Nicht die negative Freiheit, die nur die alte 
Ordnung erschüttern kann, nicht die Freiheit der Liberalen und 
Rationalisten „mit ihrer aufgespreizten Subjektivität", sondern die 
Freiheit, in der sich die widerstrebenden Interessen zu einem höheren 
Verbände zusammenschmieden. 

In diesem positiven Aufbau der Freiheit liegt Hess Schwäche. 
Es gibt uns nicht einmal Ahnungen, wie sie im Staatsverband zu 
ihrem Rechte kommt. Nur das weiss er, dass die „individuelle Frei- 
heit als gestaltendes, organisches Prinzip ein unsinniges Vorhaben ist" 

Dieser innerliche Widerspruch klafft auch in seiner Anschauung 
über die Stellung des Staates zur Religion. Während er an einer 
Stelle dieNotwendigkeit zurückweist, dass nur eine Religion herrsche, weil 
Kultur und Geschichte stark genug sind, die Bindung aufrecht zu 
halten, verweilt er doch mit Vorliebe bei dem Gedanken einer Welt- 
religion. Energisch wendet er sich gegen die Trennung von Staat 
und Kirche oder richtiger Staat und Religion. So begreiflich auch 



XXX ' 

heute das Verlangen nach dieser Trennung ist, so bleibt doch die 
schlechte Einigung von Religion und Leben noch immer besser, als 
die absolute Negierung aller Einheit. Weil der Staat sich nicht nur 
um das nur äusserlich in die Erscheinung Tretende zu kümmern hat, 
sondern den ganzen Menschen, sein „Innerliches" umschliessen soll — 
und muss, will Hess die Einheit. Freilich haftet seiner Religion nichts 
Kirchliches, nichts Konfessionelles mehr an. Seine Religion ist die 
Liebe, „die Seele des Alls", die Versöhnung. Er sieht sie in dem, 
was er damals noch „Christentum" nennt, und unter rein-christologischer 
Vorstellung: Gott ist in Christo Fleisch geworden, Christus in uns, mit- 
hin Gott in uns durch Christum. Aber er wettert gegen alle, die 
das Göttliche und Ewige ausserhalb und jenseits des gegenwärtigen 
Lebens suchen — das aber ist doch gerade der Grundzug der Lehre 
und mehr noch der Geschichte des Christentums und seiner Träger! 
Und wir begreifen, dass er mit dem Namen „christlich" seine Religion 
nur tituliert. Es bedurfte noch eines langen Weges, bis er für seine 
diesseitige Religion den rechten Namen, der auch das Wesen trifft, 
fand: — Judentum. 

Seiner äusseren Zugehörigkeit zum alten Bunde gedenkt Hess in 
der „Triarchie" nicht. Dass sein Denken und Wollen seines immanenten 
Judentums Flammenzeichen trug, das sah er in dieser philosophischen 
Periode seines Schaffens noch nicht. Und züngeln sie auch durch 
alle Fugen seines Systems hervor. Er ist kein feiger Apostat, der 
die Erinnerung an seine Abstammung in sich verwischt. Er spricht 
frei und ehrlich, wenn auch unpersönlich, vom Judentum. Seine 
Stellung zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden ist a priori gegeben. 
Sie ist einfach die Konsequenz der französischen Revolution und der 
deutschen Reformation — die die Geistesemanzipation gebracht hat. 
Die Emanzipation der Juden geht diese in gleicher Weise wie die 
Christen an. Um sie durchzuführen, muss erst die separierte gesell- 
schaftliche Stellung der Juden aufgehoben werden. Denn die ganze 
Emanzipation hätte doch nur einen Sinn, wenn die Juden nicht „im 
Leben nach wie vor jener langsamen Tortur des Hasses und der 
Verachtung ausgesetzt blieben, welche eine notwendige Folge jener 
schroffen Stellung ist und so lange als diese dauern wird". Man 
wirft den Juden ihre „Nationalität" vor. „Aber was soll der gebildete 
Jude tun, um aus seiner „Nationalität" herauszukommen. Ihr sagt, er 
soll sich taufen lassen — das gibt Euch die Geistesfreiheit nicht ein" 
Hess sieht — man wird das von seinem damaligen persönlichen 
Erleben aus begreifen — nur ein Mittel: nämlich die Erlaubnis, 



XXXI 

dass die Juden Christinnen heiraten. Tausende von gebildeten Juden 
würden keinen Augenblick mehr zögern, ausserhalb ihrer Konfession 
zu heiraten und ihre Kinder nicht in ihrer Konfession zu erziehen — 
(Juden), die unter den obwaltenden Umständen nicht ausserhalb ihrer 
Konfession heiraten und ihre Kinder Juden werden lassen. 

Für die Beurteilung dieses groben Assimilationsstandpunktes des 
Konnubium ist die Feststellung wichtig, dass die „europäische 
Triarchie" — wie Hess in der Einleitung angibt — durch die 
Kölnischen Wirren veranlasst worden ist. Auf diese Vergänge ist 
neuerdings wiederholt hingewiesen worden. Es handelte sich um die 
strenge Durchführung einer päpstlichen Bulle durch den Kölner Erz- 
bischof Clemens Drohte zu Vischering, nach der Mischehen nur dann 
die kirchliche Sanktion erhalten dürfen, wenn entgegen einer fast 
zweihundertjährigen Übung die Eltern sich verpflichten, ihre Kinder 
katholisch zu erziehen. Droste wurde wegen Verbreitung revolutionärer 
Ideen festgesetzt, aber nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm IV. 
mit allerlei Klauseln freigelassen. Letzten Endes hatte die preuss- 
ische Regierung nachgegeben — der Anfang des ultramontanen Systems 
im Preussen. Hess sah in dieser Schwäche der Regierung eine des 
Protestantismus und Preussens unwürdige Knebelung der Geistesfreiheit. 
Aus diesem Prinzip heraus musste er auch auf die Heirats- und 
Erziehungsfreiheit bei den Juden drängen, wobei freilich auch sein 
damaliges Urteil über das Existenzrecht des Judentums hineinspielt. 

Aus seinen Anschauungen muss man alle diese kleinen Mosaik- 
steinchen herausheben, weil Hess sie später in seine jüdisch-nationale 
Weltanschauung hineinsetzte, wo sie in einem neuen Gefüge und einer 
neuen Beleuchtung einen anderen Sinnwert und einen anderen — Glanz 
erhalten. „Das Judentum ist daher am Ende als das Grundprinzip 
der geschichtlichen Bewegung aufzufassen. Juden müssen da sein als 
Stachel im Leibe der westlichen Menschheit. Wie der Osten einer 
chinesischen Mauer bedurfte, um in seinem unbeweglichen Dasein 
nicht gestört zu werden, so sind die Juden das Ferment der west- 
lichen Menschheit, von Anfang an dazu berufen, ihr den Typus der 
Bewegung aufzudrücken^' 

Ein ähnlicher Gedanke ist auch in dem Satze niedergeschlagen: 
„das Bibelvolk ragt mit seinem Bewusstsein am weitesten in die 
Vergangenheit, am weitesten in die Zukunft hinein." Dann aber, 
neunzig Seiten weiter, der gewaltige Kontrast. Die Juden haben, als 
die Zeiten erfüllt waren, ihren Gährungsstoff in die Menschheit ge- 
worfen. Als der Genius kam, der das gegenwärtige Leben einer 



XXXII 

besseren Zukunft zu opfern lehrte, dachten sie nur an die Restauration 
des kleinen Staates. „Aber man hat nicht bedacht, dass die Träger 
eines alten Prinzips unfähig sind, ein neues Prinzip aufzunehmen; 
denn die Prinzipien verwachsen, verknöchern, antiquieren gleichzeitig 
mit ihren Trägern. ... Es ist wahr, die Juden, nachdem sie sich 
ihrer Zukunftsidee begeben, Christus ausgestossen hatten, blieben nur 
noch als entseelte Mumien zurück. Der Fluch der Stabilität lastete 
von nun an auf den Kindern Israels, und einem Gespenste gleich 
wandelten sie seitdem durch die lebendige, vom Geiste Gottes bewegte 
Welt und konnten nicht sterben, nicht auferstehen. Das verjüngende 
Prinzip des Ju dentums, der Messiasglaube, ist erloschen und 
ihre Hoffnung auf Erlösung, nachdem sie die wirkliche miss- 
verstanden hatten, ist zu einer kahlen Abstraktion zusammen- 
geschrumpft" — Die Christen haben aber wahrlich keinen Grund auf den 
„ewigen Juden'' verdriesslich herabzuschauen; auch ihnen ist die Wieder- 
kunft des Herrn ebenso wie der Messiasglaube im Judentum, „nur noch 
entbehrliches Anhängsel, das man auszuschneiden oder in die blaue 
Ferne zu schieben geneigt ist'' 

Die Juden, deren ßewusstsein tief in die Zukunft ragt — die 
Juden, die verknöchert und mumienhaft sind! Das ist eine schreiende 
Inkonsequenz. 

Hier müssen wir im Geiste einen Augenblick halt machen! Hier 
liegt der Keim von Hessens jüdischer Weltanschauung — wie sie 
zwanzig Jahre später zu sonniger Blüte entwickelt ist — offen zu 
Tage: Es fehlt Hess noch das Bindeglied; die Brücke, die die beiden 
getrennten Ufer verband. 1841 wusste er nur von der erbärmlich 
verlogenen, eisigen Missionsidee der mosaischen Pfäfflinge. 1861 baute 
er den erhabenen, altjüdischen sozial-humanitären, völkerverbrüdernden 
Missionsgedanken aus, der den starren Mumiengestalten Leben gab 
und wenigstens im Gedanken die Juden in die schöpferische, nicht mehr 
destruktive Menschheit als lebenden Faktor einfügte. 

Für seine weitere Entwickelung gibt auch sein damaliger Stand- 
punkt zur Nationalitätenfrage eine Perspektive. Zwar scheint er 
die Juden als Staatsbürger noch — oder schon! — als Konfession; 
sich selbst für einen „nationalen Rheinländer", anzusehen, aber für 
den Nationalgedanken an sich wirbt er eifrig. Sein Zukunftsstaat 
soll eine konkrete Einheit bilden. Trotz allen Strebens nach allgemeiner 
Freiheit und bürgerlicher Wohlfahrt, das allen zivilisierten Nationen 
gemeinsam ist, „sollen doch die ewigen Vorrechte der nationalen 
Individualitäten gewahrt" bleiben. So wenig die Liebe von Mann und 



XXXIII 

Weib, die eine Familie bilden, den Unterschied der Geschlechter 
aufhebt, so wenig brauchen die Organisationen der Stämme, Nationen, 
Rassen, die sich liebend vereinigen, eine grosse Familie bilden, ein 
Interesse verfolgen, als solche vernichtet werden. 

Fügt man diesen Gedanken an die Ideen der jüdischen Mission, 
so erkennt man den Wesensgehalt seiner späteren nationalen Welt- 
anschauung hier schon in nuce wieder. 

Die „europäische Triarchie", die aus dem geschichtlichen Bewusst- 
sein die freie Tat, aus der „notwendigen" Vergangenheit die freiheitlich 
geschaffene Zukunft entwickelt hat, ging nicht spurlos vorüber. Die 
Fülle an geistvollen Apergus (neben tausend anderen über die Diplomatie 
als die Ursache stehender Heere), die weiten Gesichtspunkte, die 
philosophische Überwindung Hegels gaben dem Werke eine Bedeutung, 
die weit über eine Zeitschrift hinausragt. Sie schliesst in gewissem 
Sinne einen Lebensabschnitt ab. 

Die kommenden Jahre finden Hess mitten im Schlachtgetümmel. 
Er verlässt seine wolkige Höhe und steigt auf die Erde nieder, um 
dort zu kämpfen und dort — zu philosophieren. 



m 



IV. 

Die „europäische Triarchie" ist anonym erschienen, wie denn 
auch Hess später noch seine Aufsätze als Verfasser der „europäischen 
Triarchie" zeichnete. Ihr Verleger war Otto Wigand in Leipzig. 
Das war schon ein Programm Die „Vierteljahrsschrift", Feuerbachs 
Werke, später die „Epigonen" hatte er herausgegeben und vieles, was 
bös erschien in den Augen der preussischen Zensoren. Er hatte — 
wie Rüge einmal an Marx schreibt — den Ehrgeiz der progressistische 
Buchhändler zu sein und die Bücher der letzten Bewegung zu verlegen, 
wobei er sich freilich oft ein Kritikerrecht zutraute, zu dem er nicht 
berufen war. 

Schon die Beziehung zu Wigand, mit dem Hess noch'zwei Jahr- 
zehnte in Verbindung stand (dem er auch den ersten Entwurf seiner 
jüdischen-nationalen Bestrebungen vorlegte, deren „ganze Tendenz" 
freilich Wigands rein menschlicher Natur zuwider war) — sie 
zeigt, dass unser Hess nicht nur in der stillen Klause seiner Gelehrten- 
arbeit lebte, sondern unter den schon bekannteren Sturmgesellen jener 
unruhigen und unklaren Zeit als Faktor mitgerechnet wurde. 

So war es ganz natürlich gegeben, dass für die 1841 vorbereitete 
„Rheinische Zeitung" auch Hess herangezogen wurde. Er lebte damals 
in Köln. Nicht in Paris, wie Karl Hirsch und nach ihm Georg Adler 
angibt. 

In Rheinland hatten sich allgemach unmögliche Zustände her- 
ausgebildet. Die Industrie, die in den reichen Mineralschätzen des 
Landes Triebkräfte in Fülle und in den günstig gelegenen Wasser- 
strassen die natürlichen Vorbedingungen einer ungezügelten Expansion 
fand, hatte die altständischen Schichtungen durcheinandergeworfen 
und teilweis planiert Das Recht der unbeschränkten Landparzellierung 
hatte den Boden den Grossgrundbesitzern entrissen und auch die kleine 
Bauernschaft aufgerieben. In der ganzen Wirre der Situation und bei 
der Knebelung aller Geistesfreiheit konnte sich die strukturelle Ver- 
änderung in der Bevölkerung noch nicht in partei-, geschweige in 
klassenpolitischen Kämpfen äussern. Es gab eben nur eine allgemeine 
Unzufriedenheit in allen Abstufungen in den Rheinlanden: vom Un- 
behagen bis zur revolutionären Geste. Die Verhaftung des Kölner 
Erzbischofs, die von der preussischen Regierung in absolutistischer 
Widerrechtlichkeit erfolgt war, trieb in allen Kreisen die Erbitterung 



I 



XXXV 

in die Höhe. Die Rheinländer hatten zuviel von französischer Frei- 
heit, von französischem Recht und von französischem Geist gekostet, 
um für das Leitungsystem eines bigotten, verschimmelten, unfehlbaren 
Gottesgnadentums noch den rechten Appetit entgegenzubringen. 

Aus diesen Stimmungen und Empfindungen heraus wurde die 
„Rheinische Zeitung" gegründet, die dann am 1. Januar 1842 heraus- 
kam. Hansemann und Camphausen waren die Hintermänner, zu denen 
sich noch ein Stamm angesehener Bürger fand. Das Programm war 
gegeben: Kampf gegen den preussischen Absolutismus, Kampf gegen 
die Rückstiindigkeit, Kampf um die Geistesfreiheit gegen das Knuten- 
tum der Zensur. Kampf auf der ganzen Linie. So war die ganz 
legitime Verbindung zwischen den bürgerstolzen Industriellen und der 
freiheitstolzen Literatur und Philosophie geknüpft. Die Einigkeit wuchs 
aus dem gemeinsamen Abscheu gegen das System hervor. Stirner, 
Rutenberg, Bruno Bauer, Hermann Püttmann, Karl Marx u. a. waren 
als Mitarbeiter oder Redakteure tätig. Hess scheint von Anfang an 
Redakteur gewesen zu sein. Es lässt sich schwer feststellen, von 
wem die einzelnen Arbeiten stammen. Die Aufsätze von Marx, der 
im Herbst 1842 in die Redaktion eintrat, hat Mehring herausgegeben. 
Hess urteilt über das Blatt in einer Studie vom Jahre 1856: „Sie 
machte der preussischen Regierung eine systematische, schonungslose, 
unversöhnliche Opposition. Das Blatt fand in ganz Deutschland 
AViederhall, der schwer zu beschreiben ist. Es hat unter der 
Herrschaft der Zensur seine Stellung im Sturme erobert, hat die 
preussische Zensoren abgenutzt und alle fortschrittlichen Ideen jeder 
Schattierung verbreitet: Philosophen, Dichter, Gelehrte, ehemalige Staats- 
männer, Liberale, Demokraten, Republikaner und Sozialisten — alles 
fand sich da zusammen." 

Es kam, wie es kommen musste. Trotz der zwei- oder gar 
dreimaligen Filtrierung durch die Zensur drangen noch recht viele 
kontagiöse Freiheitskeime durch die Spalten des Blattes. Allerlei 
kommunistische Notizen, darunter ein Bericht über einen Gelehrten- 
kongress in Strassburg, zu dem wohl Hess als Korrespondent gesandt 
war, gespickt mit Mitteilungen über den französischen Sozialismus 
und verdächtigen Vergleichen zwischen der Mittelstandsbewegung 1789 
und dem Proletarierproblem der Gegenwart, sie gaben den Anlass zu 
denunziatorischen Anzapfungen durch die Augsburger „Allgemeine" 
Das Wortgeplänkel ging so vier, fünf Monate hinüber und herüber 
und — die Rheinische Zeitung war den Streichen und Stichen der 
preussischen Zensur erlegen. Das Blatt wurde verboten und musste 

III* 



XXXVI 

trotz aller" Petitionen am 31. März 1843, also nach fünfvierteljährigem 
Bestände, seine Fahnen senken. 

Noch vor dem Verbot der ,, Rheinischen Zeitung;" war Moses 
Hess im Winter 1842-43 nach Paris, dem Asyl aller Freiheitsfreunde, 
als Pariser Korrespondent der Zeitung gegangen. Hier lebte eine 
deutsche Kolonie von fast 60 000 Leuten, die freilich nur wenig 
zusammenhielten. Es ist sicher, dass Hess erst späterhin in Fühlung 
mit den dortigen Sozialisten trat. Er schreibt in Grüns neuen Anek- 
todis: „Als ich nach Paris kam, hatte ich von den hier bestehenden 
kommunistischen Vereinen der deutschen Handwerker eben so wenig 
gewusst, wie diese von mir wussten. Auch bis heute habe ich mich 
nicht weiter um die Geheimnisse dieser Vereine bekümmert, weil ich 
ein öffentliches Zusammenwirken mit meinen Zeitgenossen 
dem geheimen Verbindungswesen vorziehe." Wenn Hess also 
auch als Mitglied dem vorzugsweise aus Arbeitern bestehenden Kom- 
munistenbunde, der 1836 als ,,Bund der Gerechten" gegründet war, 
nicht beigetreten ist, so hat er in der Folge doch durch Belehrung und Auf- 
klärung der leitenden iMänner den Zusammenhang des neuen Kommunismus 
mit den philosophischen Ergebnissen hergestellt. Wie aus einem 
Briefe von Dr. Ewerbeck an Weitung hervorgeht, verliess Hess Ende 
Mai 1843 wieder Paris, wohin er aber im August zurückkehrte. Auch 
Marx hatte sich trotz seines persönlichen Verkehrs mit den Leitern 
dem Bunde nicht angeschlossen. 

Zu den Männern, mit denen Hess in Paris in näherer Beziehung 
stand, gehörte Arnold Kuge. Aus dem von P. Nerrlich edierten 
Briefwechsel Ruges erfahren wir, dass Hess ihn bei seiner Ankunft 
erwartet, ihm seinen Bruder und Freunde vorgestellt und, ausser 
vielen Liebesdiensten, auch in die Pariser Verhältnisse emgetührt hatte. 
Eine spätere Polemik lässt erkennen, dass Rüge Hess in Köln aufgesucht 
und mit ihm gemeinsam über Brüssel nach Paris gefahren ist, wo 
,,wir beisammen wohnten und uns gegenseitig alle Freundschaftsdienste 
erzeigten, die ein Mensch vom anderen besonders unter den erwähnten 
Umständen verlangen kann'' (Gesellschaftsspiegel 1846, Notizen S. 11). 
Es sollte bald anders kommen! Der llass gegen die regierenden 
Bedrücker iiatte Arnold Rüge an die Reihen der Sozialisten heran- 
geführt. Es war ein Zusammensein, aber keine Gemeinschaft. 

Rüge war im Kampt gegen die Zensur unterlegen. Seine „Hallischen 
Jahrbücher" hatte er 1841 aufgeben müssen, um nicht ganz in preussische 
Hände zu fallen. Er war dann nach Dresden gezogen, von wo aus 
er die „Deutschen Jahrbücher" als Fortsetzung erscheinen liess. Aber 



XXXVII 

schon 1843 musste er die Herausp^abe einstellen. Seine scharfe Kritik 
des Liberalismus, der in Demokratie aufgelöst werden sollte, wimmelte 
von so „verbrecherischen" Gedanken,"dass Preussen, Sachsen und der 
Bundestag ein Verbot erliessen. 

Die „Rheinische Zeitung" und nun auch die „Deutschen Jahr- 
bücher" waren gewaltsam unterdrückt. Für die Kämpfergeneration 
gab es also in Deutschland kein Organ, in dem sie ihre Gedanken 
vertreten, ihrem Ziele in der Gewinnung der Intellis:enz und der Masse 
hätten vorarbeiten können. Natürlich richteten Rüge und Marx ihr 
Hauptaugenmerk zuerst auf die Schweiz. Herwegh, der wie ein 
Triumphatordurch Deutschlandgezogen war, aber durch die widerrechtliche 
Veröffentlichung des Prospektes einer geplanten neuen Zeitung wie 
ein Verbrecher nach der Schweiz heimkehren musste, hatte bereits 
alle Vorarbeiten erledigt, an die Stelle der unterdrückten preussischen 
Zeitungen einen ,, Deutschen Boten aus der Schweiz" herauszugeben. 
An diesem Unternehmen sollte sich auch Rüge beteiligen. Aber die 
Ausweisung Herweghs aus der Schweiz und allerlei verlegerische 
Gründungsmiseren liessen auch diesen Plan verkümmern, und so einigte 
sich denn Rüge mit Marx dahin „Deutsch-französische Jahrbücher" 
herauszugeben. „Titel und Prospekt — schreibt Rüge an Feuerbach, 
um dessen Mitarbeiterschaft sich auch Marx, der mit 500 Talern 
Gehalt angestellte Redakteur, eifrig, aber erfolglos bemühte — stellen 
so die geistige Alliance der zwei Nationen mit einem Schlage dar." 
Aber über all die Vorbereitungen, die Übersiedelung von Rüge und 
Marx, der inzwischen geheiratet hatte, das Werben um die französischen 
sozialistischen Schriftsteller, zu d^nen Hess die Verbindung hergestellt 
hatte, verging doch fast ein Jahr. Mittlerweile hatte Herwegh in Paris für 
seine Zeitschrift geworben. Allein die Verlagshandlung in Zürich 
entschloss sich, ,,aus gebietenden Gründen, deren Erörterung man 
uns erlassen wird, den vielfach angekündigten „Deutschen Boten aus der 
Schweiz" als Zeitschrift nicht erscheinen zu lassen". Nun gab sie 
die für die ersten Monatshefte bestimmten Aufsätze als ein Band 
heraus. Das Werk führt den etwas grotesken Titel: „Einundzwanzig 
Bogen aus der Schweiz" (herausgegeben von Georg Herwegh). Aus 
dem Titel kichert ironischer Spott: Bücher über zwanzig Bogen unter- 
lagen nämlich nicht der preussischen Zensur! . . . 

Hess ist in diesem Werk mit zwei grösseren Aufsätzen vertreten: 
„Sozialismus und Kommunismus" und der Einleitung zu einem grösseren 
Werk (das aber später nicht erschienen ist) mit dem Titel: „Philo- 
sophie der Tat". Gerade der letzte Aufsatz bat eine gewisse Berühmt- 



XXXVIII 

heit in der sozialistischen Literatur erlangt, weil das „Kommunistische 
Manifest", diese Bibel der modernen Sozialdemokratie, ihm einen 
besonderen Fusstritt — widmet. 

Für unsere Betrachtung des geistigen Entwickelungsganges von 
Hess büssen die beiden Aufsätze dadurch nicht an Wert ein. Sie haben 
sich zum Teil auch eine gewisse historische Bedeutung erobert, weil 
sie den ersten Versuch in Deutschland darstellen, eine Theorie des 
Anarchismus zu geben. Man muss sich immer gegenwärtig halten, 
dass um die Wende der vierziger Jahre Sozialismus, Kommunismus 
und Anarchismus und auf der anderen Seite Demokratie, Republikanis- 
mus u.a. Begriffe waren, die immer wieder ineinandertluteten. Die 
Scheidung der Begriffe ist heute — wenn auch noch nicht ganz rein- 
lich — so doch in den Grundzügen vollzogen. Theoretisch und praktisch 
ist sie durch Marx und Bakunin erfolgt; durch Marx im kommunistischen 
Manifest und im „Kapital" nach der sozialistisch-kommunistischen Richtung 
hin. Durch Bakunin und Netschajeff nach der individualistisch-anarchi- 
schen. Praktisch durch die Sozialdemokratie, die Anarchistenbündelei 
und wohl auch durch — Bismarck. 

Die Entwicklung der einzelnen führenden Persönlichkeiten jener 
Tage hat zur Genüge zeigen können, dass das Gemeinschaftsband, das 
sie in Beginn der vierziger Jahre umschlang, aus mannigfachen, philo- 
sophischen Abstraktionen, Sehnsüchten auf eine Verglücklichung der 
Gesellschaft und Unzufriedenheiten mit den obwaltenden äusseren 
und inneren Verhältnissen gewebt war. Wie sind die einst schein- 
bar so fest aneinandergefügten Menschen und Ideen doch so bald in 
die verschiedensten, in alle Richtungen der Windrose zersprengt worden! 

Das Jahr 1842 war im gewissen Sinne für das geistige Deutsch- 
land ein entscheidendes. Die letzten bedeutenderen Schüler Hegels 
hatten die Führung übernommen. Bruno Bauer, einmal die Hoffnung 
des preussischen Geistesministers v. Altenstein, hatte eine so kräftige 
Schwenkung gemacht, dass er den festen Hegelturm — diese Säule 
des preussischen „Vernunft^staates und der preussischen „Vernunft"- 
religion — bedenklich ins Schwanken brachte. Und Ludwig Feuer- 
bach, von dem gesagt wurde: er ist der Einzige, der Hegel verstanden 
hat — und der hat ihn missverstanden! - war nach seinem eigenen 
Wort, über Gott und die Vernunft zum Menschen gekommen. Diese 
beiden hatten auf Hess den machtvollsten Einfluss, der ihm ganz 
aus seinem theoretischen Gehäuse hinausspülte. Nur den Spinoza 
suchte er durch die Verquickung mit den Lehren jener Philosophen 
^'.u retten. Hatte Feuerbach den Menschen, seine Empfindungen, seine 



XXXIX 

Sinneseindrücke zum Mass und zum Schöpfer der Dinge gesetzt, so 
fand Bauer in dem „unendlichen Selbstbewusstsein" das schöpferische 
Prinzip. Es war ihm die Substanz, aus der das All stammt. Es war 
eine Loslösung von Hegels „Begrifft, der ,, Gedanke'' war. Aber Bauer 
blieb beim metaphysischen Ausgangspunkt, obzwar er ihn ins Ich verlegte. 
Nicht ins „empirisches Ich", sondern in das „Einzig- Wahre" im 
Menschen, von dem der ganze Mensch abhängt. Aus den dialektischen 
Bewegungen dieses unendlichen Selbstbewusstseins, die sich ausser- 
halb des Gegenständlichen vollziehen, wird dann — o Gotteswunder! 

— das Gegenständliche erzeugt. . . Der chemischen Bindung, der Hess 
die Philosophieen Bauers' und Feuerbachs unterzog, fügte er noch ein 
Quäntchen Fichteschen subjektiven Idealismus' zu, durch den das 
Kantisciie „Ding-an-sich", das zwar unerkennbar, aber doch ein wirk- 
samer Antrieb für den "Geist ist, durch das Ich überwunden wurde. 
Die Fichtesche Weiterfolgerung, dass die scheinbar durch äussere 
Gegenstände geschaffene Beschränkung des Ich nur eine Selbst- 
beschränkung des Ich ist, wird ein besonders wichtiger Faktor in 
Hessens Gemisch. Neben Fichte versuchte er aber noch die Lehren 
Proudhons chemisch zu binden. Proudhon: Qu'est-ce que la propriet^? 
war 1840 erschienen. Hier war nicht nur das Wort, auch der Begriff 
der Anarchie als Abwesenheit jeder Herrschaft und souveränen Gewalt 
geprägt und aus der Definition des freien und gerechten Tausches, 
bei dem nur gleiche Werte ohne Vorteil für den Produzenten oder 
Konsumenten vermittelt werden, das „Eigentum als Diebstahl" cha- 
rakterisiert worden. 

Aus diesen Komponenten fügte Hess seine „Philosophie der Tat", 
von der theoretisch und in ihren praktischen Forderungen jene Aufsätze 
in den „Einundzwanzig Bogen" und einige spätere Arbeiten durch- 
setzt sind. 

Das Bauersche „Selbstbewusstein" erscheint ihm so lange als nur 
theologisches, totes Bewusstsein, so lange es nicht mit Tätigkeit erfüllt 
ist. Das Ich ist in steter Bewegung und somit in stetem Wechsel. 
Bleibend ist nur seine Tätigkeit. Das Ich ist nur dadurch, dass es 
sich bestimmt, beschränkt; und in diesem Sichanderswerden oder Sich- 
beschränken erkennt es seine Sichselbstgleichheit oder freie Selbstbestim- 
mung Das Individuum ist die einzige Wirklichkeit der Idee. „Tätig- 
keit ist Herstellung einer Identität durch Setzen und Aufheben seines 
Gegenteils, Erzeugung seines Gleichen. Tätigkeit ist Selbsterzeugung. 
Und hinter das Gesetz der Selbstzeugung kommt der Geist eben durch 
seine Selbsterzeugung" 



XL 



Indem Hess nun für das Selbstbewusstsein das tätige, schöpfe- 
rische Ich setzt, erscheinen ihm alle bisherigen Kämpfe nur als der 
Widerstreit zwischen dem Abstrakt-Individuellen und dem Abstrakt- 
Allgemeinen, das auch nur eine Abstraktion des Individuums ist. 
Diese Kämpfe sind aber gewissermassen nur eine dialektische Auseinander- 
spaltung, die sich dann im höheren Ich — von dem sie durch die „Sich- 
anderswerdung" des Ich ausgehen — wrieder vereinigen. „Der Mensch, 
der dass Allgemeine als sein Leben erkennt, ist seine höchste und 
vollkommenste Wirklichkeit" 

Von dieser Voraussetzung ausgehend kritisiert Hess nun die be- 
stehenden Verhältnisse und baut die Zukunft auf. Die Ansätze, die 
alte Ordnung zu reformieren, sind nur Ansätze geblieben, weil' das 
Allgemeine — z. B. der Staat — dem Individuum entgegengestellt 
bleibt. Der Begriff des Staates muss aber negiert werden. Selbst 
der Rechtsstaat, in dem das Volk die Souveränität hat, ist kein Fort- 
schritt. Indem dieser Staat die abstrakte persönliche Freiheit — das 
persönliche Eigentum — zu sichern hat, entsteht der Widerspruch, 
dass das Volk, welches sich selbst beherrschen will, in Regierer und 
Regierte auseinanderfällt. „Die Tyrannei bleibt, die Tyrannen wechseln!' 

Das führt Hess zu einer Kritik des Eigentums. Wer die Arbeit 
als seine freie Tat, als sein Leben begreift, der braucht nicht das 
zwar durch die Arbeit Geschaffene, aber durch den Nichtverbrauch als 
ein ausserhalb des Ich stehendes materielles Gut hinzunehmen. Nur 
dieser unpersönlich gewordene Wert kann uns geraubt werden. Und 
in der Folge wird jedes unpersönliche Eigentum nur Raub. 

So läuft denn alle Entwickelung auf die freie Tätigkeit, die Arbeit 
zurück. Diese freie Tat unterscheidet sich aber von der bisherigen 
unfreien Arbeit dadurch, dass hier nicht die Schöpfung — das Produkt — 
den Schöpfer fesselt und dass alle Beschränkung nur noch Selbstbestim- 
mung ist. 

Die Tätigkeit ist Selbstzweck und darum höchster Genuss, höchste 
Lust, während Genuss und Arbeit im Zustande des getrennten Besitzes 
-^ des Privateigentums — Gegensätze sind. Diese Arbeit braucht 
nicht organisiert zu werden, sie organisiert sich von selbst, indem 
jeder tut, was er nicht lassen kann, und unterlässt, was er nicht tun 
will. „Zu irgend einer Tätigkeit, ja zu sehr verschiedenartiger Tätig- 
keit hat jeder Melisch Lust — und aus der Mannigfaltigkeit der freien 
menschlichen Neigungen oder Tätigkeiten besteht der freie, nicht tote, 
gemachte, sondern lebendige, ewig junge Organismus der freien mensch- 
lichen Gesellschaft, der freien menschlichen Beschäftigungen, die hier 



i 



XLI 

aufliören, eine „Arbeit" zu sein, die hier vielmehr* mit dem „Genuss" 
durchaus identisch sindt' 

Diese absolute Freiheit der Arbeit, der Neigung, ist aber auch 
mit der absoluten Gleichheit vereinbar: sie sind nur die beiden sich 
gegenseitig ergänzenden Momente des Prinzips der absoluten Einheit 
des Lebens. 

Damit ist natürlich die Aufhebung jeder Herrschaft gegeben: — 
die Anarchie. Nicht das Selbstbeschränken - - denn die Schranken, 
die der Geist sich selber setzt, bilden den Inhalt seiner freien Tätig- 
keit — sondern die Beschränkung von Aussen wird aufgehoben. „Wenn 
ich dagegen das Objekt denke, selbstbewusst nach dem Gesetze meines 
Geistes erzeuge, so beschränke ich mich selber, ohne von Aussen 
beschränkt zu sein" 

Darum muss aller Kommunismus darauf hinauslaufen, die äusseren 
Schranken in Selbstbeschränkung, den äusseren Gott in den inneren, 
das materielle Eigentum in geistiges umzuwandeln. Die Negation des 
Bestimmtwerdens von Aussen kann nur durch die Selbstbestimmung 
von Innen erfolgen. 

Jetzt muss Hess auch alle Naturbestimmungen oder die durch 
die Natur gesetzten Schranken auflösen, und somit kann er — auch 
die Schranken der Rasse und der Nationalität in diesem Stadium 
seiner geistigen Entwickelung nicht gelten lassen! Ganz im Gegensatz 
freilich zu Fichte, der von dem Gedanken der vernunftgemässen frei- 
heitlichen Selbstbestimmung aus zu Nationalität gekommen war. Die 
selbständige Nationalität stellte sich ihm dar für das ganze Volk als Ana- 
logen der freien Persönlichkeit für den einzelnen. Denn die Nationalität 
erschien Fichte nicht als eine Engheit oder Zufälligkeit — als „Natur- 
schranke". Das Volk muss als den tiefsten Kern seines Wesens das 
Vernünftige erkennen, dadurch wurde es wirklich! Die Nation muss 
erkennen, dass Prinzip und Ziel, Inhalt und Form ihres Lebens in allem 
Wesentlichen ihr selbst angehören. 

Hess verharrte damals bei seiner Auffassung von der Natur- 
bestimmtheit, die in Selbstbestimmung aufgehen müsse; und mit diesem 
Fichteschen Grundgedanken hat er sich dann über alle Schwierig- 
keiten hinweggesetzt. Freiheit ist nicht Schrankenlosigkeit. Gleichheit 
ist nicht Nivellierung. Einheit nicht nur Negation der Verschiedenheit, 
und die Freiheit der Person ist nicht in der Eigentümlichkeit 
des Einzelnen, sondern in dem allen Menschen Gemein- 
schaftlichen zu suchen. „Jeder Besitz, der nicht ein allgemein 
menschlicher ist, kann meine persönliche Freiheit nicht fördern". Nur 



XLII 

dasjenige ist wahrhaft mein eigenes, unverletzliches Eigentum, das 
zugleich ein allgemeines Gut ist. Dem Einwurf aber, dass für diese 
idealen Menschenverbände nicht Menschen, sondern Engel voraus- 
gesetzt werden müssen, kann er leicht beojegnen: „Er gibt nur eine 
Natur des Menschen, wie es nur ein Prinzip des Lebens gibt — nicht 
ein gutes und ein böses! Jede Neigung ist gut, wenn sie nicht 
durch äussere Hindernisse gehemmt oder durch Reaktion krankhaft 
gereizt war'' Gut ist also, wer frei ist! 

So strebt Hess in den Wegen Proudhons dem Ziele Spinozas, 
der höchsten Sittlichkeit, zu. Wer will, kann dieses Streben Religion 
nennen. Es ist Religion — freilich nicht in dem durch die Geschichte 
des Christentums befleckten Wortsinn. Die „Religion" hat wie die 
„Staatspolitik" einmal einen Zweck gehabt: dem rohen Materialismus 
der Individuen ein Gegengewicht zu geben, weil die noch nicht zum 
Selbstbewusstsein gekommenen Menschen einander bekämpften. Sie 
haben ihr Ziel durch das „Allgemeine" zu erreichen gesucht — durch 
Gott und den sozialen Staat. Sie musste auf ein Jenseitiges, Zu- 
künftiges hinweisen, und sie wird es immer tun, weil — wenn das 
Zukünftige Gegenwart wird — sie ihr Existenzrecht verlöre. Religion 

— die himmlische Politik — und die Politik — die irdische Religion 

— sind die tJbergäng:e von der Bewusstlosigkeit zum Selbstbewusstsein 
des Geistes. „Es schlummert zwar Wahrheit in der Religion und der 
Politik, aber nicht die Wahrheit, sondern das Schlummern derselben 
ist der Religion und der Politik eigentümlich. Hört die Wahrheit auf 
zu schlummern, erwacht sie, so hört sie auf, im Dualismus der 
Religion und der Politik zu erscheinen". 

So hart und oft verächtliche Worte er der „Religion" zuruft, 
man vergesse nicht: er will das Glück, die Freiheit, die Gleichheit, 
die Sittlichkeit. Nicht im Jenseits. Sondern hier und jetzt. Er 
hatte zu lange hegelisch verkapselt im christologischen Dusel geträumt, 
um bei seinem Herabsteigen auf die Erde nicht aufzuschrecken — 
und die Tafeln der Lehre zu zerschmettern! Er hat die Religion 
des Lebens später wiedergefunden, wo sie nur noch zu finden war — 
im Judentum. 

Indessen führt Hess' Weg zu diesem Ziele noch über sehr viele 
Zwischenstufen. Er musste es erst lernen, die Welt nicht von wolkiger 
Höhe zu sehen, weil dieser Standpunkt zwar sehr erhaben ist, aber 
den bösen Nachteil hat, dass die irdischen Dinge — Menschen und 
Verhältnisse — im| Nebel ihre Konturen verlieren und sich schliesslich 
verflüchtigen. /.^— Während;^ seines Aufenthaltes in Paris scheint es 



i 



XLIII 

Hess nicht sonderlich gut gegangen zu sein. Warum auch gar? Mit 
der Schrittstelleroi war nichts zu holen. Denn für seine freiheitlichen 
Ideen gab es in Deutschland keine Organe. In Frage kam noch der 
„Telegraf", den Campe — Heines Verleger — in Hamburg heraus- 
gab. Heine, der mit Hess, Marx und den anderen deutschen Sozialisten 
in Verbindung stand, suchte diesen Kreis für den „Telegrafen" zu 
gewinnen. Er schrieb unter dem 29. Dezember 1843 an Julius 
Campe, er solle dem Blatt eine bestimmte politische Richtung geben. 
„Sind sie zu solcher Umwandlung entschlossen, so bietet sich die 
Gelegenheit, die schiifbrüchigen Trümmer der ehemaligen ,, Rheinischen 
Zeitung", nämlich die Redaktoren, besonders Dr. Hess und seinen 
schreibenden Anhang zu erwerben. Dr. Hess ist eine der aus- 
gezeichnetsten Federn, und er wäre sogar geeignet die Hauptredaktion 
zu leiten" 

Aus dem Plane ist aber nichts geworden. Wo die Schwierigkeiten 
lagen, ist unschwer zu erkennen. 

Mittlerweile konzentrierten sich die Interessen der „Schiffbrüchigen" 
auf die Herausgabe der ,, Deutsch-französischen Jahrbücher". Nach 
vielen Mühen sind sie endlich im März 1844 erschienen. Die beiden 
ersten Lieferungen enthalten neben Versen von Heine, einer geistreichen 
Antizensur den Journalisten Bernays die berühmten Arbeiten von 
Marx „Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie", „Zur Juden- 
frage"; von Engels „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" 
und „Die Lage Englands" 

Von M. Hess sind vier „Briefe aus Paris" in den Jahrbüchern 
erschienen. Sie geben von hohen geschichtsphilosophischen Gesichts- 
punkten aus gesehen eine Kritik der damaligen französischen Partei- 
v(Mhältnisse, die aus den Prinzipien der grossen Revolution heraus- 
entwickelt werden. Er führt die Gegensätzlichkeit der beiden Haupt- 
gruppen, die ihierseits wieder vielfache Abschattierungen haben, auf den 
Antagonismus des Freiheits- und Gleichheitsprinzipes zurück. Die 
Lösung aller Menschheitsprobleme — das bleibt ja der Grundzug 
aller Gedanken von Hess — kann erst dann als abgeschlossen be- 
trachtet werden, wenn es gelingt: die höchste Freiheit mit der ab- 
solutesten Gleichheit zu vereinen. Diese Bindung kann erst nach 
Änderung unserer Wirtschaftsordnung erfolgen. Bis dahin müssen die 
Gegensätze bleiben. Aus der Gleichheit „im Zustand des sozialen 
Egoismus" muss sich notwendig, weil sie jetzt noch Aufhebung aller 
individuellen Selbständigkeit ist, ein despotischer Terrorismus ergeben 
— „die Negation aller individuellen Freiheit" als Folge der Herrschaft 



XLIV 

einer abstrakten, transzendentalen Einheit. Auf der anderen Seite 
muss die Übersteigerung der individuellen Freiheit — jetzt — wieder 
Ungleichheit erzeugen; weil diese Freiheit in Egoismus und Korruption 
ausarten muss. 

Während die beiden Prinzipien in ihrem Wesen, also ungehemmt 
durch unsere sozialen Verhältnisse, nur das eine Lebensprinzip der 
Selbsttätigkeit ausdrücken, fallen sie „im unorganischen Leben" aus- 
einander, weil hier die Freiheit nichts anderes ist als die Unabhängig- 
keit von einander. 

Erst im Sozialismus kann eine menschliche Gleichheit und eine 
lebendige, menschliche Freiheit bestehen. Diese Zurückführung auf 
den Menschen ist die erste Vorbedingung sozialen Fortschrittes. Denn 
abstrakte, transzendentale sozialistische Systeme haben ebenso wie das 
Wahrheitsuchen in einem „Gott'^, einem „absoluten Geist'', einer vom 
Leben abgezogenen „Logik" ihren theologischen Charakter noch nicht 
verloren. 

Diese Charakteristik der französischen Parteien hat nur den ein- 
zigen Fehler, dass sie die Bestrebungen politischer Gleichberechtigung 
mit den Gleichheitsprinzipien identifiziert, gewissermassen Jean Jacques 
Rousseau durch Baboef ersetzt, wozu eben nur in der Theorie ein 
Recht vorliegt. 

Hess, der gegen die philosophisch-theologische Transzendenz ein- 
trat, steckt eben noch ganz in der Theorie. Aber er entwickelt sich. 
Er will schon auf die Erde und bildet sich schon ein, während er auf 
einer Wolke sitzt, auf der Erde einherzuschreiten. 

Die „vier Briefe'* waren die einzigen Beiträge von Hess für die 
deutsch-französischen Jahrbücher. Mehr konnte er nicht geben, denn 
die Zeitschrift ist nicht über die ersten zwei Lieferungen hinaus- 
gekommen. Neben materiellen Miseren und der Schwierigkeit, das 
Blatt über die Grenze zu bringen, war es in erster Reihe der wie in 
den Ansichten, so im Charakter der Beteiligten bedingte Gegensatz 
zwischen Rüge und den Kommunisten. Es kam zu einem völligen, 
unheilbaren Bruch. 

Der Streit wurde zum Teil in dem Pariser „Vorwärts" ausge- 
fochten, den ein geschickter Faiseur, Bornstein, mit Unterstützung 
Meyerbeers 1844 herausgab. Auch Hess hat an dieser Zeitschrift 
mitgearbeitet, ohne indes die Aufsätze zu zeichnen. Den „Vor- 
wärts" erreichte sehr bald sein Schicksal. Er ist den Machenschaften 
der preussischen Regierung erlegen. Und trotz des Widerspruches der 
gesamten französischen Presse wurde durch die Vermittlung von Hum- 



XLV 

bohlt die Ausweisung aller nichtfranzösischen Mitarbeiter durch Guizot 
erzwungen. Heine blieb in Paris. Wie er es durchsetzte, ist nicht 
bekannt. Auch Rüge wusste den Schlingen des Ausweisungsbefehls 
zu entgehen. Marx zog im Exil nach Brüssel. 

Hess konnte von diesem Schicksal nicht ereilt werden, da er 
schon Frühling 1844 Paris wieder verlassen hatte und in Köln lebte, 
wo er natürlich seine sozialistisch-literarische Tätigkeit fortsetzte. Er 
war Mitarbeiter an Karl Grüns ^^ Sprecher oder Rheinisch-westfälischer 
Anzeiger"*, einem Weseler Wochenblatt, das sich seit 1844 aus einem 
verschwommenen politischen Radikalismus zum Sozialismus gewandt 
hatte. Die Geschichte dieses Blattes und der Bielefelder Monatsschrift 
hat Grün des Näheren erzählt — eine Tragikomödie höherer Art, die nicht 
durch eine Mischung von tragischen und komischen Elementen zustande 
kommt, sondern aus einer so überspannten Tragik, dass sie schon 
komisch wirkt. Grün hat später alle von der Zensur gestrichenen 
Aufsätze gesammelt und unter dem Namen Neue Anekdota (Darm- 
stadt 1845 bei Leske) herausgegeben — in einer so jubelnden Frei- 
heitslaune, die uns den Mann menschlich nahe führen könnte — trotzdem 
Marx-Engels, die die Menschen nur mit der Vernunftelle massen, 
ihn für zu kurz befunden haben. 

Von Hess hat Grün in der Neuen Anekdotis aus dem „Sprecher" nur 
den Aufsatz „Fortschritt und Entwicklung" gerettet. Aus der Biele- 
felder Monatsschrift, die von der Zensur erst chikaniert und maltraitiert, 
dann von der Regierung noch vor dem Erscheinen einfach untersagt 
wurde, gibt Grün von Hess den Aufsatz: „Über die sozialistische 
Bewegung in Deutschland". Ob wir hier die erste unzensierte Fassung 
vor uns haben, ist nicht recht ersichtlich: gerade die Arbeit von Hess 
war von dem gestrengen Zensor, dem Hüter der Ordnung und des 
Schlafes des Gerechten, arg gezwickt, gezwackt, amputiert und reseziert 
worden, so dass es schon ein Meisterwerk literarischer Chirurgie war, 
aus den Fetzen noch ein Ganzes zu machen. 

Es erscheint uns heut geradezu unverständlich, wie ein Aufsatz 
von der Art wie „Fortschritt und Entwicklung" die Zensur nicht hat 
passieren können. Gibt es einen besseren Gradmesser für die geistige 
Höhe, zu der die Regierung des Volkes der „Denker und Dichter" 
1844 zweihundert Jahre nach dem dreissigjährigen Krieg um die 

Geistesfreiheit! — bereits heraufgekrochen war, wenn die einfache 
Konstatierung: die Schöpfung sei nicht aus dem Nichts hervor- 
gegangen; nach der Geologie und Zoologie könne die Welt nicht in 
acht Tagen, sondern erst in vielen Jahrtausenden entstanden sein. 



XLVI 

wenn diese einfache Konstatierung zur Streichung des Aufsatzes Anlass 
gibt: „er sei gegen die in den biblischen Schriften vorgetragenen 
Geschichtswahrheiten gerichtet!" Natürlich spielt die ganze Tendenz 
mit hinein, die „geeignet ist — Missvergnügen (!!) mit den 
bestehenden sozialen Verhältnissen zu erregen." — 

Hess deutet Gedanken an, deren Ausbau ihn von den fünfziger 
Jahren bis zu seinem Tode beschäftigt hat. Es werden — freilich 
erst noch mit rohen naturwissenschaftlichen Kenntnissen — die Ent- 
wickelungsgesetze der kosmischen und sozialen Welt gesucht, ihre 
Analogieen angedeutet. Man hat zwei Entwickelungsforraen zu unter- 
scheiden — die Entwickelung zum Wesen hin und die Selbstentwickelung, 
die der Selbstbetätigung gleich zu setzen ist. Die Menschheit ist noch 
nicht als selbstbewusste Gattung organisiert. Wir ringen noch um 
unser Wesen. Revolutionen müssen erst die Existenzbedingungen 
schaffen, wie im Leben des Erdplaneten. Hier scheint die Cuviersche 
Katastrophentheorie auf die Gesellschaft angewendet zu werden. Die 
Kämpfe sind körperlich — also doch schon! — und besonders geistig. 
Das Ziel, die Einheit der Menschen, kann erst erreicht werden, wenn 
alles Menschliche im Menschen liegt. Und nicht ausserhalb seines 
Wesen — als Geld oder Gott entäussert! — gesucht wird. Um 
das von Feuerbach postulierte humane Bewusstsein praktisch 
werden zu lassen, bedarf es einer Organisation der Erziehung. 
Diese kann aber erst durch die Organisation der Arbeit (die Hess 
noch vor einem Jahre als Beschränkung verworfen hatte!) vorbereitet 
werden. Dann wird die vollkommene Menschheit in Liebe leben. 
„Wir stehen am Eingange, an der Pforte dieser neuen Welt der Liebe 
und fordern Einlass!'' 

Der für die „Bielefelder Wochenschrift" bestimmte Aufsatz hat 
vorzugsweise als Dokument der frühsozialistischen Bewegung historisches 
Interesse. Freilich gibt Hess nicht nackte Tatsachen. Dazu neigte er 
zu sehr zur Geschichtsphilosophie, die freilich recht oft in ihre Ueber- 
steigerung — die Geschichtskonstruktion — ausartete. Wie schon in 
den „21 Bogen" sucht Hess den Entwickelungsparallelismus der 
deutschen Philosophie und des französischen Kommunismus blosszu- 
legen: Theorie und Praxis! Erst ihre Vereinigung — der praktische 
Humanismus — wäre das Leben. „Der Sozialismus ist zwar auch 
eine Herzensangelegenheit, auch praktisch, auch ein Bedürfnis für das 
Individuum, aber er ist ebenso sehr Sache des Kopfes, theoretisch und 
allgemein menschlich.". . „In Frankreich vertritt das Proletariat, in 
Deutschland die Geistesaristokratie den Huinanisnms, das französische 



— XLVII 

Proletariat wird durch seine natürliche Humanität gebildet, die 
deutsehe Geistesaristokratie durch ihre Bildung human." 

Diese Hinzielung auf das reale Leben fliesst aus seinem neu- 
gewonnenen philosophischen Standpunkt. Hess hat einen entscheidenden 
Schritt über Feuerbach hinaus getan. Die Lehre vom göttlichen 
Wesen ist auch ihm die Lehre von menschlichen Wesen. Während 
aber Feuerbachs Gattungsmensch immer noch ein metaphysisches 
Gebilde ist, und als solches unwirklich — will Hess den Menschen 
als soziales Wesen begreifen: ,,Das Wesen der Menschen ist das 
gesellschaftliche Wesen, das Zusammenwirken der verschiedenen 
Individuen für einen und denselben Zweck, für ganz identische 
Interessen, und der wahre Humanismus ist die Lehre von der mensch- 
lichen Gesellschaftung, d.h. Anthropologie ist Sozialismus". Hat 
der subjektive Idealismus dahin geführt, dass vom Ich sich wieder 
transzendentale Grössen ablösen, die sich dann dem Ich entgegen- 
stellen, so will Hess gewissermassen den Himmel in den Menschen 
ganz und gar hineinziehen. Damit erscheint ihm auch der brutale 
Materialismus der Empirie — der Hess in tiefster Seele zuwider ist — 
als reaktionär. „Der Kultus der Tatsachen macht unfähig, frei zu 
handeln; wie jener der Vorstellungen frei zu denken." 

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint ihm der Kultus der 
Nationalität in diesem Entwickelungsstadium zwar ein wichtiger Schritt 
in der Befreiung der Realmenschen vom theoretischen — aber doch 
nur praktische Gläubigkeit, weil er Tatsachenkult ist. 

Trotz alles Bemühens konnte Hess den Philosophen nicht ganz 
ausziehen. Seine Ansicht trägt alle Charaktere einer Zwischenstufe 
zum soziologischen Realismus. Hess steht noch auf einem Beine. Er 
musste sich bald auf beide stellen — soweit es die Nationalitätenfrage 
anlangt. 

In der Frage des Eigentums war sein Standpunkt aber gesichert, 
innerhalb dessen es wohl einen Fortschritt, besonders methodologisch, gab, 
über den hinaus aber kein Weg führte. Dauernd bleibt, dass das 
Privateigentum die entäusserte, vom Schöpfer getrennte Schöpfung ist. 
Dieses unpersönliche, falsche und veräusserliche Eigentum muss 
erst wieder unveräusserliches Gut werden — soziales Besitztum. 
„Was vom Zufalle der Geburt und von einer blinden Macht, dem Gelde 
abhängig ist, soll von der Vernunft der vereinigten Menschen abhängig 
gemacht werden. . . Es handelt sich nicht darum, die Eigentümer zu 
berauben, sondern die Räuber zu ehrlichen, gerechten und menschlichen 
Eigentümern zu machen." 

Der Sozialismus ist ihm also eine Weltanschauung, die in gleicher 
Weise die „Herzensnot" und die „Not des Kopfes" auflöst. 



V. 

Das Ringen der deutschen Sozialisten in den vierziger Jahren 
galt vorzugsweise immer dem Ziele, sich Organe zu schaffen, in denen 
sie ihre Ansichten entwickeln und propagieren konnten. In jedem 
Jahr entsteht ein neues Blatt. Sie sind alle von asthmatischen Be- 
schwerden geplagt. Die Zensur sass ihnen auf dem Brustkorb in so 
gediegener Weise, dass ihnen nach kürzester Frist schon das bischen 
Athem ausging. 

So begreift es sich, dass Hess kaum wieder in Deutschland ge- 
landet — oder eigentlich gestrandet an eine Zeitungsgründung denkt. 
In diesem Wunsche begegnet er sich mit seinem Landsmann Friedrich 
Engels, der seit einiger Zeit sich wieder in seiner Heimatstadt, dem 
frömmlerischen Barmen, aufhielt und ödete. Am 20, Januar 1845 
schreibt Engels an Marx: „Das Neueste ist, dass Hess und ich vom 
1. April an bei Thieme & Butz in Hagen eine Monatsschrift „Gesell- 
schaftsspiegel" herausgeben und darin die soziale Misere und das 
Bourgeoisregime schildern werden'' Die nächsten Monate gelten ganz 
den Vorarbeiten; aber schon im Februar kann Engels nach Brüssel 
melden: „Der Gesellschaftsspiegel wird prächtig, der erste Bogen ist 
schon zensiert und alles durch. Beiträge in Masse'' Engels ging kurze 
Zeit darauf nach Brüssel, und Hess blieb die ganze Arbeit, da Engels 
sich fortan nur durch einzelne Notizen beteiligte. Am I.Juli erscheint 
dann endlich das Blatt. Nicht in Hagen, wie geplant, sondern bei 
Baedeker in Elberfeld. Baedeker scheint freilich auch nicht gerade 
der mutigste Verleger und ein gemütlicher Mithelfer gewesen zu sein. In 
einem Briefe an Marx jammert Hess: „Ich habe meine liebe Not mit 
ihm, dass er den „Gesellschaftsspiegel" gehörig unters Volk bringt; 
er will nichts riskieren'.' Und dazu kam natürlich die „ungeheure 
Ängstlichkeit" Über den Erfolg der ersten Hefte berichtet dann Hess 
in einem Briefe, in dem er Engels um den ,,nun doch endlich fertigen" 
Artikel bittet: „Es sind hier am Orte unter der arbeitenden Klasse 
bereits etwa 200 Exemplare vom ersten Hefte abgesetzt und werden 
wohl noch doppelt so viele wenigstens verkauft werden, was insofern 
bedeutend ist, als die armen Leute immer zu mehreren sich auf ein 
Exemplar abonnieren'' 

Der „Gesellschaftsspiegel" ist in der Tat ein geschickt redigierte- 



^— XLIX 

Blatt, in dessen Vorrede den Lesern nichts vorgeredet und nicht 
zu viel versprochen wurde. Es soll das Zentralorgan für das edle 
Streben sein, der leidenden Menschheit zu Hilfe zu kommen. Wie schon 
der Name besagt, sollen die Verhältnisse der Gesellschaft sich in dem 
Blatte wiederspiegeln; vorzugsweise natürlich die Lage der arbeitenden 
Klassen in all ihren Beziehungen zur industriellen und technischen 
Entwickelung, Wanderung in die Grossstädte, zur Gesetzgebung, zur 
Medizin usf. „Wem eine so schonungslose Enthüllung der bisher grössten- 
teils gleissnerisch übertünchten oder verhüllten Zustände unserer 
industriellen sowohl wie ackerbauenden und übrigen Bevölkerung — 
wem eine so offene Darstellung unseres ganzen gesellschaftlichen 
Zustandes, wie sie der „Gesellschaftsspiegel" zu geben beabsichtigt, 
etwa zu viel Kopf- oder Herzweh macht, um sich mit diesem Unter- 
nehmen befreunden zu können, der mag bedenken, dass der Mut, 
der dazu gehört, einem Übel ins Antlitz zu schauen, und die Beruhigung, 
welche aus einer klaren Erkenntnis entspringt, am Ende doch noch 
wohltätiger auf Herz und Gemüt wirkt als die feige idealisierende 
Sentimentalität, welche in der Lüge ihres Ideals — das weder existiert, 
noch existieren kann, weil es auf Illusionen gebaut ist — Trost sucht, 
angesichts einer trostlosen Wirklichkeit! Solche idealisierende Senti- 
mentalität trägt wohl heuchlerisch ihre Teilnahme an den Leiden der 
Menschheit zur Schau, wenn dieselben einmal zum politischen Skandal 
geworden sind, sobald aber die Unruhen aufhören, lässt man die 
armen Leute wieder ruhig verhungern'- Der agitatorische Charakter 
des Blattes darf nicht zu gering bewertet werden. Die „Nachrichten 
und Notizen" aus aller Welt schleppen tausend Einzelheiten des Elends 
herbei, jede nur ein Seufzer; aber in ihrem disharmonischen Zusammen- 
klang ein gewaltiger Aufschrei der Beladenen und Enterbten, der 
durch alle Glieder fährt. Alle Auswüchse der rohkapitalistischen 
Gesellschaftsordnung werden in diesem Panoptikum der Missgeburten 
vorgeführt: Fälle von Verhungern, die Prostitution, Vagabundentum, 
schauerliche Gerichtsszenen, welche die Zerrütttung des Familienlebens, 
Verschüttung aller Quellen der Moral und Zucht grausig demonstrieren; 
daneben werden dann die leisen Anfänge der Abwehrorganisationen 
von Seiten der Philanthropen und der betroffenen Klassen registriert. 
Strikeversuche, medizinische Statistik, Gewerbekrankheiten, Unfälle, 
die Miseren der vierten Wagenklasse, Selbsmorde aus Not — alles 
wird ganz harmlos registriert. Die ,, Verhetzung" wird nicht durch die 
landesüblichen Brusttöne der Überzeugung, sondern durch die nüchterne 
Referierung um so gründlicher besorgt. 

IV 



Auch die Aufsätze zeichnen sich durch Ruhe und Zurückhaltung 
aus. Der Damoklesrotstift der Zensur schwebt über ihnen. Darum 
erscheint es nicht ganz zutreffend, wenn die im „Gesellschaftsspiegel" 
gewählte Form später von einigen überheissen Sozialisten als Zeichen 
der feigen Konzession gebrandmarkt wurde. Denn jener Grundsatz 
der linken Junghegelianer, dass die Form das Wesen wird, hat doch 
nur ein Körnchen Wahrheit. Es ist darum verfehlt, auf die Gesinnung 
von Hess und seinen sozialpolitischen Standpunkt strikte Rückschlüsse 
aus den Aufsätzen zu ziehen. 

Mit diesen Vorbehalten ist auch die Einleitung in den sich durch 
den ganzen „Gesellschaftsspiegel" hindurchschlängelnden Aufsatz über 
die gesellschaftlichen Zustände der zivilisierten Welt aufzunehmen. Er 
rührt sicher von Hess her, während der speziell-ökonomische Teil 
— wenigstens soweit er England betrifft — Engels zum Verfasser 
haben dürfte. Und es ist der ganze Hess, wenn er sagt: „Keine Klasse 
der Gesellschaft würde so herzlos sein, ihre Mitmenschen im Elend zu 
lassen, stände ihr ein Mittel zu Gebote, alle ihre Mitmenschen glück- 
lich zu machen." Gewiss, das klingt sentimentalisch — aber in Hess 
war eben das Sentiment eine ungleich stärkere Triebkraft als die Ver- 
nunft — viel mehr, als er es je zugeben wollte. — Der Mensch ist gut 
und rein von Natur; nur die Verhältnisse bringen Elend und Schlechtig- 
keit! Das ist die Quintessenz von Hess' optimistischer Weltanschauung 
und die letzte Begründung all seiner Systeme: „Wir gehen mit der 
festen Überzeugung an die Schilderung des Elends, dass nicht die 
menschliche Natur oder die „irdische UnvoUkommenheit" dieses Elend 
verursacht. Wäre es wirklich unsere Bestimmung, im Elende zu ver- 
bleiben, so wäre jeder Versuch, die gesellschaftlichen Übel zu 
beseitigen, eine vergebliche Arbeit; so müssten alle, welche im Unglück, 
sowie alle, welche im Glück sitzen und ein Herz im Leibe haben, ver- 
zweifeln; so wären die Herzlosesten und Borniertesten die weisesten 
Geschöpfe unter der Sonne und verrückt alle diejenigen, welche Kopf 
und Herz am rechten Fleck haben, so wäre der Trieb nach Voll- 
kommenheit, Glückseligkeit und Menschenbeglückung, den die Natur 
in unsere Brust gepflanzt hat, ein geiles, fruchtloses Gelüste, welches 
gesühnt werden muss in der Einsamkeit des Klosters, des Zellen- 
gefängnisses und — des Grabes. Aber die Natur lügt nicht. Wir 
zweifeln nicht an die Menschheit Kommen wird bald die Zeit, in 
welcher die Menschheit entwickelt, ausgebildet, vollendet ist, — und 
was wir zur Vollendung und Vervollkommnung unseres Geschlechts 
beitragen, ist weder für uns, noch für unsere Nachkommen verloren 
und fruchtlos." 



• LI 

Welche Artikel sonst von Hess stammen, ist bei der Anonymität 
der meisten Aufsätze recht schwer zu unterscheiden. So manche 
Arbeit, die ganz im Sinne Hess' geschrieben ist und seine Lieblings- 
floskeln enthält, trägt dann die Unterschrift von F. Schnake. Die 
kleineren Premiers aus Elberfeld scheinen indes zumeist von Hess 
herzurühren. Wieweit die Zusammenstellung von Georg Adler (Vor- 
geschichte d. Sozialismus S. 85) das Richtige trifft und ob nicht andere 
oder auch andere Aufsätze Hess zuzuschreiben sind, ist im übrigen eine 
müssige Frage, da sie schliesslich nur die Verdeutlichung und — Ver- 
deutschung der bereits in anderen Zeitschriften in wissenschaftlicher 
Form niedergelegten Ansichten über die Organisation der Arbeit und 
Erziehung, über Arbeit und Genuss, über Gleichheit und Freiheit, über 
die Gefahren der freien Konkurrenz sind. 

Mit dem „Gesellschaftsspiegel" gings wie es mit all diesen Zeit- 
schriften gehen musste: Der zweite Jahrgang ist noch nicht vollendet, 
da kommt auch schon die obligate Notiz: „Er muss für kurze Zeit 
zu erscheinen aufhören". Diese „kurze Zeit" ist ein irdisches Analogon 
zu dem einen Augenblick Gottes! . . 

Noch während der Vorarbeiten zum „Gesellschaftsspiegel", der einen 
populär-propagatorischenCharakter haben sollte, betriebHess dieHer- 
ausgabe einer wissenschaftlichen Vierteljahresschrift. Hermann Pütt- 
mann, der seiner sozialistischen Anschauungen wegen aus der Redak- 
tion der Kölnischen Zeitung hatte ausscheiden müssen, zeichnete als 
Herausgeber. Unter dem Namen „Rheinische Jahrbücher zu gesell- 
schaftlicher Reform" ist die Zeitschrift 1845 in Darmstadt bei 
C. W. Leske herausgekommen, der auch gleichzeitig ein „deutsches 
Bürgerbuch" in zwanglos erscheinenden Bändern ebenfalls von Pütt- 
mann redigieren Hess. Beide Zeitschriften haben — natürlich — ihr 
zweites Jahr nicht überlebt. Die Verleger wurden eben eingeschüchtert 
und mutlos: Die zweiten Jahrgänge beider Editionen haben bereits 
einen anderen Verleger. 

Im „Deutschen Bürgerbuch", das Hess selbst als „Mischmasch" 
charakterisiert hat, ist er mit zwei Aufsätzen vertreten. Seine 
Besprechung einiger „beachtenswerter Schriften für die neuesten 
Bestrebungen" ist ohne sonderlichen Belang. Sie zeigt von neuem 
seine Gegnerschaft gegen den Materialismus, der theoretisch : Sensualis- 
mus und praktisch: Egoismus ist. Auch seine Ansichten über die 
Nationalitätenfrage zeigt keinen Fortschritt. Nicht auf die Bluts- 
verwandtschaft und die Stammesgenossenschaft, sondern auf die 
Geistesverwandtschaft und die fraternit6 als menschliche Ver- 

IV* 



LII 

brüderung muss das Vollgewicht gelegt werden. Den inneren Wider- 
spruch sah er noch nicht, der in den Worten lag: dass die Kultur 
und der Fortschritt der Menschheit nicht auf den engen Kreis einer 
einzelnen Nation beschränkt werden darf. Dass hier komplizierte Vor- 
gänge der Wechselwirkung vorliegen, — zu dieser Realität war Hess 
noch nicht vorgedrungen. 

Ungleich wertvoller ist die Abhandlung über ,,Die Not in unserer 
Gesellschaft und ihre Abhülfe." Mit einem Reichtum an Geist und 
schmerzlich-ironischem Witze geht er an die Analyse der heutigen 
Sozialverhältnisse. Die Trennung der Menschen vom Werke ihres 
Geistes und ihrer Hände ist aller Übel Grund. Jetzt gibt es nur 
einen Stachel zur Arbeit: die übersinnliche Geldmacht. Jeder will, 
jeder muss verdienen. Mag der Antrieb zum Schaffen durch die 
Peitsche der Sklavenbesitzer, den Hunger der Proletarier, die Hab- 
sucht der Krämer und Bankiers, den Willen eines Despoten oder nur 
durch die abstrakte Genusssucht geschaffen werden: es ist äusserlicher 
Antrieb, und darum ist diese Arbeit eine Last und ein Laster! Und 
der Lohn dieser Arbeit ist der Lohn des Lasttieres — der Stall. 
Daran haben die französischen Kommunisten auch nichts geändert: sie 
haben nur das Ideal eines Stalles schaffen können. Der Lohn muss 
in der Tätigkeit selbst liegen. Nur so ist auch die Gütergemeinschaft 
zu verstehen: nicht als ein ausserhalb der Gemeinschaft liegendes 
Nutzungsgut, sondern als ein in jedem Menschen als einem Teile der 
sozialen Gemeinschaft liegender Wert. Darum muss auch über die 
heutige äusserliche Regelung von Arbeit und Genuss hinausgeschritten 
werden. Erst die Überwindung des Geldes als der Transzendenz der 
angehäuften menschlichen Arbeit und die Gottes als des Inbegriffes 
aller geistigen Humanität kann zur neuen Gesellschaft überführen. 
Nicht Dekrete, nur ein allmählicher Übergang kann zum Ziele bringen. 
Zunächst muss die freie Konkurrenz unterbunden werden, die nur ein 
Produkt der dialektischen Entwickelung des Menschen ist und not- 
wendig Entfremdung schaffen muss. Die einstige Aufgabe muss also 
die Vereinigung der Menschen sein, eingeleitet durch die Organisation 
der Erziehung. Bemerkenswert ist hierbei die Wandlung in der 
Beurteilung der Anlagen des Menschen. Erschienen sie ihm früher 
als von Natur gut und nur durch die Verhältnisse depraviert, so meint 
er jetzt, dass die Menschen nicht als „menschheitliche", gesellschaft- 
liche Wesen zur Welt kommen, wenn freilich auch das private Er- 
werben dessen, was Gemeingut sein muss, sie erst so recht entzweit 
und antisozial gemacht hat. Die Erziehung zum Menschentum kann 



— — LIII 

natürlich nur diircb die Orp:anisation der Arbeit erfolgen, die Hess 
mit Nationalwerkstätten beginnen will, aus welchen sich dann die 
allgemeinen Wirkungskreise von selbst ergeben. Hier erst wird der 
Boden für eine gedeihliche Entwickelung vorbereitet, die Bestand hat. 
Die blosse theoretische Erziehung verschlägt nichts. Erst das willige, 
bewusste Zusammenwirken aller individuellen Kräfte erhebt die 
Menschen über das Tierreich. 

Das Elend der menschlichen Gesellschaft führt ihn zu seinen 
Träumen — oder seiner Anschauung — , das Elend, das er nicht wie 
ein kalter Raisonneur, sondern mit dem sensibelsten Gemüt betrachtet 
und das potenziert durch die weitergreifende Industrie, die keine rück- 
läufigen Bewegungen machen wird, ihr bleiches Haupt erhebt. 

Deutlicher, wenn auch widerspruchvoller werden Hessens Tlieorien 
in seinen Arbeiten der „Rheinischen Jahrbücher" Dieser Zeitschrift 
hat er sich mit besonderer Liebe zugewandt: sie war ,, allen Ver- 
zweifelnden'' gewidmet! In einem Brief von 17. Januar 1845 wirbt 
er um die Mitwirkung von Marx und dessen Einfluss auf Heine: 
„Püttmann selbst, der als Herausgeber zeichnen wird, ist eigentlich 
eine stumme Figur in diesem Drama und wird uns diejenigen Sachen, 
die nicht von uns ihm zugeschickt werden, zur Durchsicht resp. zur 
Zensur vorlegen. Er ist ein armer Teufel, dem man unter die 
Arme greifen muss, damit er sich mit seiner Familie erhalten 
kann.... und wir müssen sowohl seinetwegen, wie der Sache wegen 
die neue Zeitschrift in Gang bringen^' 

Im Mai ist dann das erste Heft — natürlich wegen der Zensur- 
freiheit zwanzig Bogen stark, wie alle diese Zeitschriften! — bei Leske 
in Darmstadt erschienen. Marx ist nicht vertreten. Die Gründe dafür 
lassen sich nur vermuten. Von Engels stammt ein Vortrag. Sonst 
treffen wir die frühsozialistischen Dichter Weerth, Püttmann, Wenk- 
stern, ferner Karl Grün, Weller, Semmig u.a. mit grösseren Aufsätzen. 
Das geistige Gepräge hat das Heft vornehmlich durch Hess erhalten. 
Er leitet es auch mit einer grossen Studie „über das Geldwesen" ein, 
in der der Feuerbachsche Humanismus auch auf das Problem des 
Geldes angewendet wird. Die Arbeit lässt alle nationalökonomische 
Vorbildung vermissen. Ja mehr: Hess macht aus der Not eine Tugend 
und schleudert diese ganze Wissenschaft in den Tartarus der „Theologie'. 
Sie kümmere sich so wenig, wie die Gottesgelehrtheit um den wirklichen 
Menschen. Durch einen logischen Zickzackkurs kommt er schliesslich 
zu der Annahme, dass die jetzige Unorganisiertheit der Arbeit, die 
„freie Konkurrenz" mit ihrer Überproduktion die Desorganisation in der 



LIV • 

Gesellschaft schaffen. Malthus irrt, wenn er die Produktion nur 
arithmetisch, die Konsumption geometrisch ansteigen lässt. Gerade 
das Gegenteil ist jetzt wahr. Erst wenn die in den Himmel geflüchtete 
Liebe wieder auf Erden zurückkehrt und in der Brust des Menschen 
ihren Wohnsitz nimmt, in dieser Zeit der „Selbsttätigkeit und Selbst- 
zeugung" hat nur Wert, was unser persönliches Eigentum ist. 
Dann wird auch das Geld, da es nur Tauschwert ist, „entwertet und 
überflüssig" sein — weil es in der sozialen Gesellschaft nichts mehr 
geben wird, was verkäuflich und vertauschbares Gut wäre. Während 
umgekehrt heut der Mensch nur nach der Schwere seines Geldsackes 
bewertet werden könne! In Wahrheit aber ist das Geld: das ent- 
äusserte Vermögen des Menschen, ihre verschacherte Lebenstätigkeit, 
„der geronnene Blutschweiss des Elenden", das entäusserte soziale 
Blut. Indem aber Hess das Ringen um Geld oder die Lebenstätigkeit 
im Gelde dem „Wesen" des Menschen schlechtweg gleichstellt oder 
wie er sich ausdrückt: „das Geld, das wir verzehren und um dessen 
Erwerb wir arbeiten, ist unser eigenes Fleisch und Blut, welches in 
seiner Entäusserung von uns erworben, erbeutet und verzehrt werden 
muss" — wird die Zirkulation des Geldes Menschenzirkulation — wird 
das Geld Menschensklaverei. In der Ära der Entfremdung der Pro- 
duktion vom Produzenten, in der das menschliche „Wesen" nicht aus 
sich heraus, also frei wirkt, sondern nur eines anderen Wesens Tätigkeit 
ausübt, in dieser Ära hatte zwar das Geld eine gewisse Bedeutung, 
weil wenigstens dadurch zwischen den unvereinigten Menschen eine 
Vermittelung hergestellt wurde — ein gemeinsames aussermenschliches 
Verkehrsmittel. Dieser Zustand wird aber aufhören, sobald die Menschen 
unmittelbar in Liebe verbunden sein werden, wodurch sie ihre 
Kräfte erst entwickeln können. Und damit ist dann auch die Gefahr 
des Geldes für die Psyche, deren Tod es ist, beseitigt. 

Mit dem scharfen Herausarbeiten des Diesseitigkeitsgedanken 
gewinnt auch Hess wieder eine neue Distanz zum Christentum. Dieser 
Entwickelungsgang vollzieht sich in logischer Konsequenz. Solange er 
den „absoluten Geist", den „Gedanken" und seine Äusserungen im 
Weltgetriebe suchte und wiederzufinden sich einredete, solange ihm 
der Mensch eine unpersönliche Verkörperung des „Begriffes" oder 
eines ,, absoluten Selbstbewusstseins" war, musste ihm das Christentum 
— unter Hegelschem Gesichtswinkel gesehen — als die letzte und 
höchste Offenbarung, als die Religion schlechterdings erscheinen. Je 
mehr sich aber seine Anschauungen humanisieren in der Richtung 
eines soziologischen Humanismus, bei dem das wirkliche Wesen 



L V 

der Menschen in ihrem Zusammenwirken, in der gegenseitigen Erregung 
ihrer individuellen Kräfte und daher auch als einzige Schöpfer er- 
scheinen, musste Hess gerade das Christentum mit seinen über- 
irdischen und jenseitigen Hoffnungen und Werten am entschiedensten 
bekämpfen: „Es ist die Unnatur par principe" Während in einer 
gesunden Weltordnung nur durch das Medium der Gattung das Indi- 
viduum lebt, ist im Christentum die Gattung nur ein Mittel für 
das Inviduum, das letzter Zweck ist: „Das christliche „Ich" braucht 
seinen Gott; es braucht ihn für seine individuelle Existenz, für sein 
Seelenheil Das Christentum ist die Logik, die Theorie des Egois- 
mus Der klassische Boden des egoistischen Praxis ist die moderne 
christliche Krämerwelt (zu denen auch die „jüdischen Christen!" 
gehören); denn das Geld und das Krämertum sind „das realisierte 
Wesen des Christentums" Da dem Christentum die Wirklichkeit das 
Niedrige und Nichtige war, so konnte es sich um die Wirklichkeit 
überhaupt nicht kümmern. Gefährlicher wurde es erst, als die Christen 
aufhörten, theoretische Egoisten zu sein, die alles Heil erst im 
Jenseits erwarteten. Als sie anfingen, praktisch zu werden, führten 
sie „die scharfsinnige Unterscheidung zwischen Leib und Geist ein" 
„Es musste eine Form des sozialen Lebens gefunden werden, in 
welcher die Entäusserung des Menschen sich ebenso universell gestaltete, 
wie im christlichen Himmel" Sie fanden diese Form in der „absoluten, 
getrennten, isolierten Persönlichkeit", deren egoistische Raubtierinstinkte 
der „absolute" Staat schützt und aufhetzt. Und sehr geistvoll 
deutet er den inneren Widerspruch eines „christlichen Sozialismus" 
an — in Gedankengängen, wie sie die bekannte Rede von Ladenburg auf 
der Casseler Naturforscherversammlung 1903 zum Entsetzen aller braven 
Christenmenschen entwickelt hat. Die soziale Arbeit ist innerliche 
Aushöhlung des Christentums, denn sie hat das Ziel: Macht hier das 
Leben gut und schön. Während das übersinnliche Christentum die 
Hoffnung auf das Gute und Schöne erst aufs Jenseits, aufs „Wieder- 
sehen" vertröstet! 

Freilich bekommen die Juden — die Krämer! — auch ihren 
Fusstritt: sie haben in der Naturgeschichte der sozialen Tierwelt die 
welthistorische Mission, das Raubtier aus der Menschheit zu entwickeln. 
Und sie haben jetzt endlich diese Berufsarbeit vollbracht. Was bleibt 
ihnen aber jetzt noch zu tun übrig? Diese Frage lernte Hess erst 
später beantworten. — — 

Der hier besprochene Aufsatz gab Arnold Rüge Veranlassung, 
seinen Groll gegen die Kommunisten gründlich abzuladen. Seit dem 



LVI 

Eingehen der „Deutsch-französischen Jahrbücher" hatte sich der Gegen- 
satz zwischen dem Hesskreise, zwischen Heine und dem Paris geniessen- 
den Herwe^h — und Rüge immer mehr verschärft. Es waren andere 
Welten! Wie im Persönlichen, so in den Prinzipien. Nur die 
preussische Beschränkungswut hatte so differente Naturen eine Zeit 
lang auf einen gemeinsamen Weg drängen können. 

Die Feindseligkeiten hatte Hess schon in seinem Beitrag in Grüns 
„Neuen Anekdoten" berührt. Aber er war ganz sachlich geblieben. 
Die deutschen Junghegelianer schienen ihm bei der theoretischen Frei- 
heit stehen geblieben zu sein. Soweit Rüge revolutionärer Philo- 
soph war, hat er sich dem neuesten Fortschritt angeschlossen. Aber 
als deutscher Philosoph findet er im Sozialismus die Philosophie 
nicht wieder. ,.Die Praxis des humanistischen Prinzips bleibt ihm 
eine äusserliche Tatsache, dem Zufalle unterworfen, wie jede andere." 
Die ganze Differenz liegt eben darin, dass Rüge den Humanismus als 
Denktätigkeit und nicht als das Zusammenwirken der Menschen, d.h. 
als Lebenstätigkeit in weitestem Sinne fasste. 

Das klingt noch ganz ruhig Und auch bei Besprechung des 
„Unterganges der Jahrbücher" lässt Hess jedes gehässige Wort bei- 
seite: „Rüge fand die Opfer, die er schon gebracht und noch zu 
bringen gehabt hätte, seinen finanziellen Kräften unangemessen. Die 
„Jahrbücher" mussten eingehen, weil sich kein zweiter Fröbel fand 
(ein Mineralogieprofessor, der sich als Verleger für den Sozialismus 
geopfert hatte), der alles an die Verwirklichung einer Idee setzen 
mochte". Darin lag höchstens ein versteckter Angriff. Aber Rüge 
verstand ihn sehr wohl. So schreibt er denn an seinen Freund 
Fleischer (27. Mai 1845): „. . Ich sei zurückgeblieben, als in Paris 
der praktische Sozialismus mir entgegengetreten sei und hatte nicht 
die Fähigkeit gehabt, an eine Idee alles zu setzen, d. b. die deutsch- 
französischen Jahrbücher herauszugeben und darin gegen mich und 
mein Programm schreiben zu lassen, um am Schlüsse ein Proletarier 
zu sein. Denn eine andere Idee als die meinige ist ja, nach seiner 
eigenen Behauptung, der Kommunismus oder radikale Sozialismus, wie 
er vornehmer und kluger sagt; und eine andere Praxis des Sozialis- 
mus als die Gemeinschaft dieser greulichen Judenseelen und 
ihrer Genossen gab es doch wahrlich und gibt es noch jetzt in Paris 
nicht. Hess wird die kommunistische Diplomatie in Preussen nicht 
lange spielen ; denn er ist leer und blauen Dunstes voll. Er hat die 
Philosophie der Tat erfunden. Welch eine alberne Phrase und welch 
eine traurige Praxis, diese Polizei im Namen der Armen — und alles 



■ LVII 

das ohne wirkliebe Kenntnis und Stellung in der Wirklichkeit aus 
der blauen Doktrin. — der logischen Sozialtheorie heraus. . . Aber 
nocli verkehrter als all die Einseitigen und Abstrakten, zu denen 
Hess gehört, sind die Sophisten Marx und Bauer, die dadurch uni- 
versell zu werden suchen, dass sie alles Mögliche nach Belieben und 
nach Lust beweisen." 

Ungefähr um die gleiche Zeit waren Ruges „Studien und Er- 
innerungen" aus dem Jahre 1843 bis 1845 erschienen. Rüge liess 
ieden Einfall gleich drucken; es regte ihn auch auf, warum Marx im 
Privatgespräch so viele gute Gedanken verbrauchte — die man doch 
so schön publizistisch verwerten könnte. Der gute Ökonom und Haus- 
halter gab seine ;,gesammelten Schriften" mehrmals und vorsichts- 
halber — man kann nicht früh genug für die Unsterblichkeit sorgen! — 
einige Dezennien vor seinem Tode heraus. 

In diesen „Studien" schildert er auch — ungenau und voller 
Gehässigkeit — sein Zusammentreffen mit Hess. Er nennt ihn den 
,, Kommunistenrabbi" — ein Titel, der Hess tatsächlich gut charakterisiert 
und auch von seinen näheren Freunden akzeptiert wurde. „Hess ist 
ein langer hagerer Mann mit wohlwollendem Blick und etwas hahnen- 
mässig vorgebogenem Halse, die graue Kutte vollendete sein Priester- 
ansehn." Rüge schildert dann seine Reise nach Paris, die er in der 
Gemeinschaft des „Rabbi" mit den fanatischen, aber milden Augen 
gemacht und verweilt dann mit philiströser Pedanterie bei einer 
Episode, wie Hess sein mit Zigarren gefülltes Etui über die Grenze 
geschmuggelt hat. Damit führt er den Sozialismus Hess' ad absurdum, mit 
dem er den ganzen Weg über die Idee debattiert hätte. In einem späteren 
Brief, bei Gelegenheit seiner Ausweisung aus Paris, apostrophiert er 
Hess sächsisch-gemütlich und doch bitter boshaft: ,.Sie erhalten mir 
Ihre gute Gesinnung, Mr. le Bourgeois, Bürgermeister der Gemeinde 
der Zukunft, Rabbi aller Querköpfe und mein vortrefflicher Stuben- 
genosse in der rue St. Thomas du Louvre. . . Nehmen Sie sich in 
Acht vor dem Kommunistenschuss! Diese Doktrin macht verrückt, 
wenn einer immer, ohne links oder rechts zu sehen, in ihrem Geleise 
fortrutscht." 

Diese gute Gesinnung scheint Hess aber nicht gehabt zu haben. 
Im „Gesellschaftsspiegel" springt er Rüge schon kräftig an die Gurgel: 
„wenn nach dem Tode die Unsterblichkeit beginnt, so ist Rüge längst 
— wenigstens literarisch — unsterblich". Und dann wird das freilich 
durchsichtige Lügengewebe zerfetzt, das Rüge aus den sozialistischen 
Reisegesprächen gewoben. 



LVIII — — — 

Einige Zeit später wurde Rüge auch in der Öffentlichkeit schon deut- 
licher. In den „drei Briefen über den Kommunismus" holt er sich Hess vor, 
über den er den ganzen Sprachreichtum der Psychiatrie giesst. Mit 
den platten Witzen eines commis voyageur tritt er an das Problem 
heran. Hess spricht von dem innerlichen Verwachsensein von Besitzer 
und Besitztum. Gewiss, das sind unklare Formeln, und Rüge hat 
darin im Prinzip recht, wenn er die unverständliche philosophastrische 
Sprache und die mystischen und übersinnlichen Begriffe als störend 
zurückweist. Wie aber versteht Rüge das innerliche Verwachsensein, 
das sich doch schliesslich dem Verständnis nicht verschliesst? „Herr Hess 
wird manches, wenn auch noch so ungern, besitzen müssen, mit dem 
er nicht innerlich verwachsen sein möchte; z. B. ein Hemde, eine 
Hose, einen Stuhl, vielleicht noch eine Knackwurst; und es ist bekannt, 
wieviel Verdruss die Knackwurst jenem Manne gemacht, als seine 
Frau sie ihm an die Nase wünschte, mit der sie sofort „innerlich 
verwuchs". . Und an einer anderen Stelle: Hess hatte den bösen 
Schnitzer stehen lassen, der nur ein ganz grober Druckfehler sein 
muss — denn Hess hatte akademische Bildung! — als er von Anthro- 
pophagen und Theopophagen statt Theophagen sprach. Aus den 
Theopophagen macht Rüge die Theopopophagen. Man sieht, Rüge 
ging nicht sparsam mit seinem Geiste um. 

Allein, was ungleich ergötzlicher ist: Rüge tut nur so, als ob er 
Hess missversteht. Er stiehlt Hess bis in die Wortfixierung hin alle 
Gedanken, um sie dann als seine eigenen dem „Unsinn von Hess" 
entgegenzusetzen!! Ein geradezu grotesk wirkendes literarisches 
Gaunertum. 

Hess hat ihm das später im einzelnen in einem Aufsatz der 
„Deutschen Brüsseler Zeitung" nachgewiesen in einer hastigen, über- 
stürzten und darum drollig wirkenden Sprache, bei der fast die 
einzelnen Worte verschluckt werden. Aus Rüge wird da ein Brei 
gemacht! Und es ist wirklich ein Zeichen, dass wir Menschen im 
Ebenbilde Gottes geschaflen sind, wenn spätere Autoren Rüge noch 
einmal zusammenfügen konnten. — — — Gestorben ist Rüge als 
Ehrensöldner aus dem — — Bismärckischen Geheimfonds! . . . 

Im Jahre 1845 nahm Hess noch eine andere Abrechnung vor mit 
Männern, die zunächst auch zum Kreise der „Aktionäre", der Anti- 
reaktionäre gehörten: Mit Max Stirner, dem Einzigen, dem Philo- 
sophen von „der Eigene und sein Eigentum". Nur nebenher mit 
Bruno Bauer, der sich allmählich zur „kritischen Kritik" durch- 
philosophiert hatte, die den schöpferischen Grundsatz vertrat: Sobald 



LIX 

eine Sache oder ein Gedanke anerkannt wird, ist er schon nicht mehr 
wahr! „Wahr ist nur das kritisierende, alles zerstörende, aller sitt- 
lichen Bande ledige Ich" (R. Falkenberg). 

Der Eindruck, den Stirners Juchhephilosophie im ersten Moment 
auf die radikalen Zeitgenossen machte, kann nur ein verblüffender 
genannt werden. Selbst eine so realistische Natur wie Engels wurde 
doch für eine Weile stutzig. Sie hatten ja schliesslich alle einen 
geraeinsamen geistigen Heimatsort: Hegel-Feuerbach. Und Hess selbst 
ist erst nach einigen Meinungsschwankungen zu einem festen Stand- 
punkt gekommen. Das begreift sich schnell. Sieht man genauer hin, 
so entdeckt man so manche inneren Beziehungen zwischen der Auf- 
fassung beider Männer. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der 
Hess der „einundzwanzig Bogen" so manche Gedankenwelle erzeugt, 
die bei Stirner dann laut ans Ufer schlägt: der Kampf Stirners gegen 
den „Staat" stammt sicher von Hess. Erst in der Auflösung des 
Staates — hatte Hess entwickelt — als von etwas abstrakt Allgemeinem 
kann das Ideal der anarchistischen Gesellschaft, die Freiheit des Ich 
Wahrheit werden. Stirner freilich ist viel weiter gegangen. Er hat 
einfach tabula rasa gemacht mit Gott, Geist, den Sittlichen, der 
Menschlichkeit, der Ehe, dem Recht, dem Liberalismus, dem Kom- 
munismus — kurz mit allem, hinter dem eine wie immer geartete 
Transzendenz lag. Besonders aber mit der Philosophie, mit dem 
Denken: „Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet mich vor 
dem Gedanken. . . Ein Ruck tut mir die Dienste des sorglichen 
Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken 
ab . . ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Ich hab 
mein' Sach' auf nichts gestellt! Juchhe!'* 

Sobald Hess sich zurechtgefunden hatte, machte er sich an die 
Arbeit, die drohende Gefahr abzuwenden. Schon im Frühjahr 1845 
erschien seine Streitschrift bei Leske in Darmstadt unter dem Titel 
„Die letzten Philosophen". Es ist ein Heftchen von 28 Seiten. Hess 
hat davon am 17. Januar Marx Mitteilung gemacht: „. . Als Engels 
mir Ihren Brief zeigte, hatte ich gerade eine Beurteilung Stirners zu 
Ende gebracht; und ich hatte die Genugtuung zu sehen, dass Sie den 
„Einzigen" ganz von demselben Gesichtspunkt aus ansahen. Er hat 
das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft im Kopf und bildet sich ein, 
mit seinem idealistischen „Un-Sinn" den Staat zu vernichten, wie 
Bruno Bauer, der das Ideal des Staates im Kopfe hat, mit diesem 
„Un-Sinn" sich einbildet, die bürgerliche Gesellschaft zu vernichten. 
Ich komme mit meiner Arbeit nebenbei auch auf Feuerbachs „Philo- 



LX — 

Sophie der Zukunft'^ zu sprechen, die ich als Philosophie der Gegen- 
wart (einer Gegenwart also, die in Deutschland noch als Zukunft 
erscheint) betrachte, und womit ich den Prozess der Religion als ab- 
geschlossen erkläre." 

In der Einleitung seines Werkes betont Hess, dass diese Schriften, 
obwohl sie sich wie Anstiftungen der Reaktion ansehen — nicht 
irgendwie jemals von aussen bestimmt worden sein können. „Viel- 
mehr ist es gerade die innere vom Leben abgezogene Entwickelung 
dieser Philosophen, welche in diesen ,,Un-Sinn'^ auslaufen musste." 
Das ist vollkommen deutlich, und nur die blinde und verblendete 
Liebe des Stirnerpropheten John Henry Mackay macht es erklär- 
lich, wenn er Hess hiermit eine Verdächtigung unterschiebt und Er- 
folgbuhlerei bei der Masse. Man kann von dem Anachronismus ganz ab- 
sehen — 1845 und die sozialistische Masse! Aber an dem von allen, 
selbst gegnerischen Seiten gewürdigten reinen Adelscharakters Hessens 
gleitet dieser Anwurf spurlos ab. 

Die Argumente, mit denen Hess gegen Feuerbach, Bauer — den 
,, Einsamen", Stirner — den „Einzigen" ankämpft, sind nur die Zu- 
sammenfassung seiner Grundansichten, wie sie sich allmählich bei ihm 
herausgebildet hatten. Sie zeigen die weite Entfernung von der Hegelei 
und Nebelei der Erstlingsschriften. Einst war ihm der Mensch, der 
die Erkenntnis der Natur und der Geschichte besitzt, schon die 
Gattung und das All, so dass — wie Hess jetzt ironisch folgert — 
der Astronom, der das Sonnensystem erkennt, demnach selbst das Sonnen- 
system ist. Nun kann er nicht starke Worte genug gegen diese 
Selbstlügo finden. Alle Versuche, die Unterschiede zwischen Mensch 
und Gattung aufzuheben, müssen scheitern, solange die Vereinzelung 
der Menschen nicht praktisch aufgehoben ist. In der Vereinzelung 
ist der Mensch nichts. Er wird erst etwas durch die gesellschaftliche 
Vereinigung. Über den durch das Christentum gesetzten Zwiespalt 
zwischen Göttlichem und Menschlichem, Diesseits und Jenseits sind 
auch die modernen Philosophen ~ die „Pfaifenphilosophen" — nicht 
hinausgekommen, denn sie haben den Menschen nur theoretisch auf- 
genommen. Alles Nachdenken muss im Praktischen enden, damit aus 
der Wechselwirkung des Denkens und Handelns die sozialen Forderungen 
sichtbar werden. Denn erst im Sozialismus werde der Gegensatz von 
Mensch und Gesellschaft überwunden. 

Hier beginnt nun Hess den „Einzigen" zu zerzausen, dessen 
grösstes Verbrechen es ist: den Egoismus nun gar noch zum Bewusst- 
sein bringen zu^ wollen, damit er_^ nicht als.Sünde empfunden werde, 



LXI 

Der Egoist solle ohne Arbeit geni essen, denn sonst schaffte er doch 
nur um des Genusses willen. Und das wäre Verrat! 

Nein — ruft Hess da aus — ich schaffe und liebe keineswegs 
um zu geniessen, sondern liebe aus Liebe, schaffe aus Schöpferdrang, 
aus Lebenstrieb, aus unmittelbarem Naturtrieb. Wenn ich liebe, um 
zu geniessen, dann liebe ich nicht nur nicht, dann geniesse ich auch 
nicht — wie wenn ich arbeite, um etwas zu erwerben, ich nicht nur 
nicht freitätig bin, nicht nur keine Lust und Liebe zur Arbeit habe, 
sondern mir in der Tat auch nichts erwerbe." Das Ichbewusstsein 
bringt Entfremdung. Durch das Bewusstsein des Egoismus als die 
Grundlage der allgemeinen Menschheitrechte der „unabhängigen", 
„freien'' Menschen ist der Krieg aller gegen alle sanktioniert. Bauers 
Egoismus — der Egoist ohne egoistische Bedürfnisse — ist das sündlose 
Paradies. 

Stirners kategorischer Imperativ aber heist: Werdet Tiere! 

Die menschlichen Eigenschaften sind unausgebildet nicht wirklich, 
sondern nur eine Möglichkeit. Ausgebildet in sozialer Erziehung und 
in der Gemeinschaft betätigt werden sie wie persönliches Gut, so auch 
inneres soziales Vermögen. Humanität, Vernunft und Liebe — die 
Stirner als Abstrakta ablehnt — sie können Realitäten werden im 
Leben, wenn sie auch in der Philosophie Abstrakta sind. 

Stirner kann sich einen „Verein der Egoisten'' denken: -- den 
gab es längst, sagt Hess — die ganze bisherige Menschheitsgeschichte 
bezeugt es. 

„Bauer hat sich den theoretischen Un-Sinn, Stirner den praktischen 
„Ün-Sinn" in den Kopf gesetzt. . . Vereinigt würden sie wie unsere 
Zustände und wie ihr philosophischer Repräsentant Feuerbach not- 
wendig einer ferneren Entwickelung entgegengehen, und man hätte 
die Hoffnung, sie einstmals als Sozialisten auferstehen zu sehen, nach- 
dem sie der innere Widerspruch aufgerieben. Getrennt, wie sie sind, 
bleiben sie einsam, einzig, ohne Leben, ohne Streben, ohne auferstehen 
zu können. — Sie sind und bleiben Philosophen'- 

Marx scheint durch die Ausführungen von Hess nicht ganz be- 
friedigt worden zu sein. In manchen Punkten bieten sie dem Gegner 
tatsächlich manche Blossen. Freilich hat sie Stirner nicht alle ent- 
deckt. Er hat sich den Schädel gerade an den bestgepanzerten 
Stellen eingerannt. Gegen den Vorwurf der Phrase wendet sich 
Stirner auf sonderliche Art: „Der „Einzige" ist ein gedankenloses Wort, 
es hat keinen Gedankeninhalt. Es ist darum auch undenkbar und 
unsagbar; damit ist diese vollständige Phrase — keine Phrase." Man 



LXII 

sieht, Stirner dreht sich hierbei wie ein Kreisel oder richtiger: er 
dreht sich wie ein — Pfau! Und so auch in vielen „Argumenten" 

Den Kernpunkt der ganzen Streitfrage hat er zwar auch behandelt. 
Aber nur als einen Punkt, wie alle anderen. Er hat nicht erkannt, 
dass hier das Zentrum des Missverständnisses oder des Gegensatzes 
liegt. Denn logisch durchgeführt hätte die Liebe des „Einzigen" nicht 
zu einer Abweisung des Sozialismus führen können. Indem sich Hess 
auf das Wort Egoismus festlegt und es in alltäglichem Sinne fasst 
und nicht in der Stirnerschen Bedeutung und darauf weiterarbeitet, 
muss er notwendig vorbeischlagen. Stirner fasst diese Kardinal- 
schwäche Hessens, durch die seine ganze Beweisführung in sich zu- 
sammenbricht; aber weil er wiederum den Kommunismus trivial als 
Gleichmacherei, als Beugung des Ich versteht, kommt er in die Irre 
und wird widerspruchsvoll. Rüge hat sehr richtig gesehen, wenn er 
an Hess schreibt: „Sie scheinen es nämlich nicht gemerkt zu haben, 
dass er au fond dasselbe will wie Sie. Während Sie vom Ganzen 
ausgehen, kommt er als Einzelner und verlangt, dass es jeder so 
machen soll." Tatsächlich kann man beider Anschauungen vollkommen 
zur Deckung bringen. Sie sind kongruent. „Ich liebe die Menschen 
auch, nicht bloss einzeln, sondern jeden. Aber Ich liebe sie mit dem 
Bewusstsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glück- 
lich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mirs 
gefällt. Ich kenne kein Gebot der Liebe" so heisst es in Stirners Hauptwerk. 
Und in der Ewiderung: „Wie kann gegen Stirner (die Erwiderung ist 
zur Abwechselung in dritter Person gehalten) ein solcher Gegensatz 
von egoistischem Leben und Leben in der Liebe geltend gemacht 

werden, da sich in ihm beide vielmehr vollständig vertragen " 

Und später: In mir ist die Vernunft und Liebe real, wohl haben sie 
Realität" 

Emanzipiert man sich aber erst von dem landläufigen Begriff 
des Egoismus und packt ihn im Stirnerschen Sinne als das freie, von 
allen idealistischen Zwangsjacken (Hess würde sagen: von allen 
theologischen, jenseitigen Göttern), nicht aus der eigenen Art gedrängte 
Ich, so sind alle Gegensätze aufgehoben. Denn was ist Stirners 
Eigener und Einziger anderes als Hess' Mensch ist, der in 
Selbstbeschränkung, Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit sich auslebt! 
Hess' entgötterte oder entgötzte Zukunftsgemeinschaft ist ja geradezu 
darauf aufgebaut, dass Lust, Lohn, Genuss und Liebe nicht durch 
Selbstentäusserung zu erjagende, sondern in unserem schöpferischen 
Sein liegende Eigenwerte sind. Aber Stirner, der doch das Ich und 



J7 



LXIII 

die Menschenliebe als Icligenuss verbinden kann, wird inkonsequent 
und tobt unlogisch gegen alle Sozialtheorien, weil sie alles entfernen 
und entwerten, was den Menschen vom Menschen trennt! Das mussto 
einem Manne wie Hess, der nicht mit dem Kopfe, wie ersieh mühet, 
sondern doch vorzüglich mit dem Herzen Sozialist, Menschenbeglücker 
war, in tiefster Seele verletzen. Aber statt Stirners Inkonsequenz 
aufzudecken und ,,Ihm" in der sozialen Gemeinschaft die Erfüllung 
seiner Strobung zu zeigen, läuft Hess blindlings dem Egoisten nach, 
um ihn — der doch ganz sein Genosse ist — zu erwürgen. . . . 

Hess hat sich bei der einmaligen Vernichtung nicht beruhigt. 
Der landläufige Egoist muss vom Sozialisten tatsächlich mehrmals 
totgeschlagen werden. Er hat sich an der Marxschen Schrift vom 
„Sankt Max" beteiligt, die neuerdings von Bernstein — „so weit 
die Mäuse sie nicht zerknabbert haben" — in den Dokumenten des 
Sozialismus Bd. 11 und 111 veröffentlicht worden ist. Die ersten 
sechzehn Seiten stammen von Hessens Hand; und Bernstein hat sicher 
Recht, wenn er den Gedanken zurückweist, dass Marx den „Senior 
des Sozialismus" einfach als Abschreiber — missbraucht hätte. 



VI. 

Hess blieb nicht bei seinen schriftstellerischen Arbeiten stehen. 
Die „Idee" sollte ins Volk kommen. Die Stimmung in der noch ganz 
akademischen Bewegung hat Engels trefflich gezeichnet: „Es ist doch 
ein ganz anderes Ding, vor wirklichen, leibhaftigen Menschen zu 
stehen und ihnen direkt, sinnlich, unverhohlen zu predigen als dies 
verfluchte, abstrakte Schreibertum mit seinem abstrakten Publikum 
„vor den Augen des Geistes" zu treiben". Für eine gross angelegte 
Propaganda freilich waren weder die Zeiten, noch die ~ Regierungen. 
Im allgemeinen blieb der Kreis, der an den Sozialproblemen ein 
Interesse nehmen konnte, beschränkt auf die Literaten verschiedenster 
Observanz und auf einige Intellektuelle, die sich von den geistigen 
Strömungen mittreiben Hessen. Das natürliche Rückgrat für eine 
sozialistische Agitation — die Arbeiterschaft — war zwar em- 
bryonal schon angedeutet. Aber es fehlte ihr noch ganz jedes 
Klassenbewusstsein. Natürlich musste der Sozialismus gerade dort 
zuerst Wurzel schlagen, wo die in der Erde schlummernden Reichtums- 
quellen am ehesten eine grosse Industrie und damit ein Proletariat 
erzeugen mussten: im Rheinland. Es ist kein Zufall, dass die Schöpfer 
der neuzeitlichen Arbeiterbewegung in den Kohlenrevieren geboren sind. 

Mit zu den ersten Arbeitern, denen die sich immer schärfer zu- 
spitzenden Verhältnisse das Verständnis der wirtschaftlichen Ent- 
wickelung aufschlössen, gehörten die Bandwirker des Wuppertales, bei 
denen die Proletarisierung schon in den vierziger Jahren auf der 
ganzen Linie erreicht war. Der oder jener vorgeschrittene Fabrikant, 
der nicht mit blöden Blicken die Strukturveränderung der Bevölkerung 
verfolgte, ahnte zwar, dass hier ein Unwetter heraufziehe, suchte sich 
zwar durch mancherlei gemeinnützig Werk den brutalen Formen der 
Verelendung entgegenzustemmen. Dass sie trotz alledem kommen 
musste, diese Tatsache einzusehen war man aber ausserstande, so- 
lange man sich über die letzten Gründe dieser wirtschaftlichen Er- 
scheinung noch nicht Klarheit verschafft hatte. 

Es entstand die Gegensätzlichkeit der Interessen von Industrie 
und Arbeiterschaft. Was noch fehlte, war das Bewusstsein dieses 
Gegensatzes. So ergab es sich leicht, dass zu einer Zeit, in der die 
objektive Interessendivergenz noch nicht zu subjektiver Feindseligkeit 



' LXV 

gesteigert war, in den gebildeteren Kreisen das Verlangen nach einer 
Aufklärung lebhaft wurde. Man hatte ja mancherlei vom Kommunis- 
mus gehört. Aber das klang nicht nur, das war so grotesk, dass 
man sich nach authentischerer Interpretation sehnte. In Elberfeld 
trat es sich gut. Dort waren einige „kommunistische Wortführer", Hess, 
Engels, der Maler Koettgen, beisammen, und so wurde dann am 
8. Februar 1845 auf Betreiben der geistigen Elite Elberfelds ein 
DiskussioQsabend über den Kommunismus veranstaltet. „Man ging — heisst 
es in den Rhein. Jahrbüchern — am folgenden Samstag, aber ohne 
eigentliche Verabredung wieder in denselben Gasthof (Zweibrücker 
Hof), am dritten Sonnabend ebenfalls und würde solchergestalt die 
Zusammenkünfte ad infinitum fortgesetzt haben, wenn nicht alles in 
der Welt einmal ein Ende haben müsse. Aber diese Versammlungen 
starben eines gewaltsamen Todes, wenn es auch wahr ist, dass zuletzt 
das grösste Lokal zu klein gewesen wäre, um alle die Leute zu 
fassen, welche sich herandrängten, das neue Evangelium des Sozialis- 
mus anzuhören." In der Tat waren zuerst 40, dann 120, schliesslich 
200 Zuhörer anwesend — eine peinliche Progression! 

Engels schreibt über die Versammlungen in höchster Ekstase an 
Marx: „Ganz Elberfeld und Barmen, von der Geldaristokratie bis zur 
Epicerie, nur das Proletariat ausgeschlossen, war vertreten. Das Ding 
zieht ungeheuer. Man spricht von nichts als vom Kommunismus, und 
jeden Tag fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunis- 
mus ist une verit6, ja beinahe schon eine Macht . . . Das dümmste, 
indolenteste, philisterhafteste Volk, das sich für nichts in der Welt 
interessiert, fängt an beinahe zu schwärmen für den Kommunismus. . . . 
Die Polizei ist jedenfalls in höchster Verlegenheit und weiss nicht, 
woran sie ist." 

Sie hatte aber bald ihre kostbare Besinnung wiederbekommen. 
Das ganze Register der Staatsretterei wurde aufgezogen; Warnung 
an sämtliche Wirte, solche Versammlungen zu dulden, unter 
Androhung des Verlustes der Konzession, von Geldstrafen, Gefängnis, 
Gendarmerie-Überwachung. Hess selber erhielt ein Schreiben des Bürger- 
meisters von Carnap, seine Vorträge einzustellen auf Grund von ein- 
viertel Dutzend staubiger Paragraphen: Nur Personen, die polizeiliche 
Erlaubnis zum Halten öffentlicher Vorträge haben etc. etc. . . . Polizei- 
liche Gewalt etc. etc. Hess und Köttgen haben darauf eine massvolle 
und überzeugungsehrliche Beschwerdeschrift eingereicht, über die sich 
Rüge in seinen „Drei Briefen" und später noch andere „Konsequente" 
entrüstet haben. Rüge kann nicht genug schmählen über die „Kriecherei'* 



LXVI 

Hessens vor dem ,, raubtierbeschützenden Staate" und über die Feigheit, 
von einem Hass der Kommunisten gegen die Revolution zu sprechen. 
„Patre Hess (höhnt Rüge), ehe der Hahn dreimal gekräht, solltest 
du den Kommunismus zweimal verleugnen, einmal als Politiker und 
dann als Philosoph oder als Narr der Wahrheit" Es war ein Angriff 
auf Hess' Charakter. Wer aber die ßeschwerdeschrift liest, sieht, dass 
der Angriff nur eine Infamie des späteren bismärckischen Ehrensöldners ist. 
Mehring hat mit guten Gründen und entrüstet diese Verlogenheit 
gebrandmarkt und darauf hingewiesen, dass auch Engels mit dem 
Protest einverstanden war, den er nur deshalb nicht unterzeichnet 
hat, weil er abgereist war; nicht aber, wie Rüge andeutet, sich vor 
dem Rencontre gedrückt hatte. In Engels' Brief findet sich auch eine 
Stelle über Hess, die wichtig ist: „Hess ist wieder ungeheuer 
sanguinisch, weil Alles sonst so famos abläuft und unsere Fort- 
schritte sonst so ungeheuer sind. Der gute Kerl macht sich nur 
immer Illusionen. . . ." 

Die beiden Elberfelder Vorträge sind in den Rhein. Jahrb. (Bd. I.) 
abgedruckt. Sie liegen zwar ganz in dem Rahmen seiner nolens 
volens philosophischen Anschauungen, allein in ungleich stärkerer 
Weise tritt schon das soziologische und ökonomische Moment hervor. 
Und deutlicher noch blicken wir in die letzte treibende Kraft seiner 
Seele hinein: die Liebe. Es wäre falsch, das Betonen dieses Elements 
vor der Bürgerschaft einfach als agitatorischen Kniff hinzustellen. 
Die Liebe zu den Verwaisten des Glückes und nicht theoretische 
Ableitungen haben sein Handeln bestimmt. Sein Handeln — und 
sein Schicksal. „Wir wollen es nicht in Abrede stellen, nein wir 
schämen uns dessen nicht, das unser Herz, unser Mitgefühl mit dem 
geistigen, sittlichen und physischen Elend unserer Nebenmenschen 
uns zur Idee und Fortbildung des Kommunismus antreibt". Aber 
auch das zu Verstand gekommene Herz. Die Idee des Kommunis- 
mus — setzt er seinen Mitbürgern; „Menschen von Herz!" aus- 
einander — mit der sich jeder einverstanden erklärt, ist das Lebens- 
gosetz der Liebe, angewandt auf das Sozialleben. Das Gesetz der 
Liebe lag stets im Menschen, wie in allem Leben ; aber der Versuch, 
dieses Gesetz auf das Sozialleben anzuwenden, wurde erst gemacht, 
als in dem Menschen das Bewusstsein ihres Lebens zu reifen anfing, 
als der Mensch sein eigenes Leben immer deutlicher zu fühlen begann, 
als er immer klarer erkannte, dass eben in der Liebe allein die 
Kraft, die Lebenskraft, die Schöpferkraft liegt" Das Ziel alles 
organischen Lebens, das Leben in der Liebe, ist aber die Einheit, 



■ LXVII 

der Zusammenschluss der Menschen. Die ganze Menschheitsgeschichte 
ist nichts weiter als ein ewiger Kampf, entstanden aus dem Verkehr 
und der Wechselwirkuug der annoch getrennten Individuen. Wären 
die Menschen schon zum Lebensbewusstsein gekommen, so würden 
sie erkennen, wo ihre Einheit liegt und wie sehr die Vereinigung 
auch die für jeden Einzelnen zuträglichsten Güter schaffen muss. Der 
Egoismus, unter dessen Zeichen sich bisher alles Menschenleben in 
Handel, Verkehr und Arbeit abgespielt hat, muss überwunden werden. 
Er aber ist nicht in der Natur der Menschenseele begründet, sondern 
in den äusseren Verhältnissen, im wirtschaftlichen Freibeutertum, das 
die Kluft zwischen Reich und Arm, Kapitalisten und Arbeitern ver- 
grössert, den Mittelstand und die Arbeiterschaft aufreibt und schliess- 
lich auch die Kapitalisten „hinschlachten" muss. Darum kann nur 
der Kommunismus der Schluss der Entwickelungsgeschichte der Gesell- 
schaft sein. 

In seiner zweiten Ansprache setzt sich Hess dann mit den Diskussions- 
rednern auseinander: Nicht den Verkehr an sich, sondern den heutigen 
Verkehr hat er als verkehrte Welt, nicht den Produktenaustausch an 
sich, sondern den heutigen ungerechten Produktenaustausch als 
Räuberei bezeichnet, bei dem nicht Arbeit gegen Arbeit, sondern 
Arbeit gegen Müssiggang und betrügerische Spekulation ausgetauscht 
wird. Man muss sich erst von der die Probleme überkleisternden 
Gemütlichkeit emanzipieren. Dann wird die Erkenntnis reifen, dass 
wir neue Bahnen wandeln müssen. Gewisslich sind wir weiter- 
gekommen. Es sind die Schätze vergrössert worden. Aber sie sind 
nicht das Gut der ganzen Menschheit, sondern einzelner reicher 
Privilegierter! So kommen die Kontraste zwischen dem gesteigerten 
Überfluss und der groben Armut. Diese Verarmung ist nicht die 
Folge der Industrie, sondern der freien Konkurrenz der Privat- 
eigentümer. Die Unterdrückung der freien Konkurrenz würde freilich 
noch lange nicht die Zersplitterung des gemeinsamen Eigentumes, die 
gegenseitige Ausbeutung und das Gegeneinanderhetzen der Menschen 
unterbinden. Die Vernichtung aller Übel, die Rettung der Menschheit 
aus Not und Elend, die Rettung der Menschlichkeit, der Vernunft und 
der Liebe, sie werden einst durch die Organisation der Gesellschaft 
auf kommunistischer Basis erfolgen. 

Zu einer Apotheose der Arbeit erhebt sich ein ebenfalls aus dem 
Jahre 1845 stammender Aufsatz, der aber erst in den Rhein. Jahrb., 
Bd. II erschienen ist. Aus dem Plane, die Jahrbücher als Viertel- 
jahrsschrift herauszugeben, war natürlich nichts geworden. Der zweite 



LXVIII — 

Band erschien erst ein volles Jahr später (Juli 1846). Durch eine 
Ungesetzlichkeit der hessischen Regierung war die weitere Veröffentlichung 
der Zeitschrift inhibiert worden — obwohl sie doch über zwanzig Bogen 
stark war! Aber nicht genug damit, der Verleger wurde wegen 
,, Hochverrats" und „Verspottung der Religion'* angeklagt und ihm 
mit Entziehung des Debits für seinen ganzen Verlag gedroht. Ja, 
man zwang ihn, alle Buchhandlungen zu nennen, denen er Exemplare 
übersandt hatte. Solchen Verfolgungen hält selbst der stärkste Ver- 
legersmann nicht lange stand — und der zweite und letzte Band 
erschien in Belle -vue bei Konstanz in der Schweiz, wohin Püttmann 
hatte flüchten müssen. 

Der Aufsatz von Hess bespricht „die Verhandlungen des gesetze- 
gebenden Staatskörpers der Republik Waadt über die soziale Fragen. 
Das Waadtland war einer der politisch am meisten vorgeschrittenen 
Kantone der Schweiz. An den Ufern des Genfer Sees hatten die 
Märtyrer der Freiheit gastliches Asyl gefunden und ihren Dank dafür 
abgestattet, indem sie der Bevölkerung die Ideen der Menscheitsbeglückung 
brachten. Im Waadtland wurde ohne Blutvergiessen die alte Regierung 
gestürzt, und stark sozialistisch gefärbte Männer kamen ans Ruder. 
Nun hiess es, die Gedanken der Freiheit Wirklichkeit werden zu 
lassen. Es gab erregte Verhandlungen. Den alten Bourgeois mit ihren 
philanthropischen Gefühlen und den Zwischenstuflern gegenüber galt es 
den sozialistischen Standpunkt verteidigen: — das Ende waren Kom- 
munistenverfolgungen! Hess' Kritik, die sich gleich an die Verhand- 
lungen anknüpfte, war nur ein Protest gegen die Vertreter der quasi- 
kommunistischen Anschauung. Sie oszillierten eben nur sozialistisch. 
Der Staatsrat Druey, der nachmals das schweizer Asylrecht an die 
Reaktion verschacherte, hatte einen Konstitulionsentwurf in sechs Para- 
graphen ausgearbeitet, der sich fast wie ein sozialistischer ausnahm. 
Aber Hess sah, dass er nur verkappte Konzession an die alte Ver- 
fassung war und gefährlicher, weil er den geistigen Gehalt des Sozi- 
alismus verdrehte. Hess hat ihn gründlich abgefertigt, denn in allen 
Parteien sind die „sympathisch Gegenüberstehenden'', die Drittel-, 
Viertel-, Halbgenossen schlimmer als der offene Feind! Druey hatte 
eine Organisation der Arbeit gefordert auf der Basis der gleichmässigen 
Verteilung. Gegen diese triviale Formulierung musste Hess eintreten, 
wobei er ein paar kräftige Seitenhiebe gegen List austeilt So lange 
die Arbeit Lohnarbeit ist, ist sie nicht sanktioniert. Ehrenvoll ist nur 
die freie Arbeit, die unschätzbar geworden ist. „Frei ist meine Arbeit 
nicht, wenn es mir frei steht, eine mir unangemessene, folglich un- 



LXIX 

angenehme Arbeit entweder beständig zu verrichten oder zu verhungern. 
Frei ist nur die Arbeit, die aus innerem Berufe, aus Lust und Liebe 
zu ihr geschieht, nur diejenige, in welcher ich zur Entwickelung der 
mir innewohnenden Fähigkeiten und Kräfte komme.*' An die Stelle 
der gleichmässigen ist. die zweckmässige Arbeit zu setzen. Denn nicht 
aus Müssigkeit und Arbeitsscheu leitet sich alles Elend her, sondern 
aus der unorganisierten Produktion, aus dem Ueberfluss an Arbeitern, 
die keine Konsumenten werden können. Die Arbeit muss wieder 
Selbstzweck werden und nicht mehr nur ein Mittel zum Leben, nicht 
mehr eine Möglichkeit, Werte aufzuspeichern und sie andern zu ent- 
ziehen. Der Kommunismus aber will nicht teilen, sondern vereinigen. 
Die Aufhebung der isolierten Menschen ist darum die Voraussetzung 
alles Glückes. Und alle Versuche der Einmischung des Staates in 
die bürgerlichen Verhältnisse, der Überwachung der Mildtätigkeit 
und allerlei kleinliche Organisationen können, ohne die Veränderung der 
sozialen Basis, niemals die Kluft zwischen Reichtum und Armut aus- 
füllen. Sie könnten im besten Falle die „Not des Magens" lindern. 
Aber darin könnte ein wohlverstandener Kommunismus sich nicht er- 
schöpfen. 

Diese grosse soziale Revolution wird aber nie von der Bürgerschaft 
ausgehen. Hess tritt hier mit aller Deutlichkeit für den Klassenkampf 
ein und setzt alle Hoffnungen auf das Proletariat. Drei Jahre vor 
dem Kommunistischen Manifeste! „Es sind nur wenige Männer unter 
der besitzenden Klasse, welche hochherzig genug sind, den ganzen 
Plunder, dem sie ihr Glück verdanken, von sich zu werfen und zur 
Idee des Kommunismus sich zu erheben; und wiederum nur die wenigsten 
unter den Wenigen haben den Mut, die Feuerprobe der Praxis zu be- 
stehen. Die meisten Kommunisten aus der Klasse der Bourgeoisie 
bringen es höchstens zu Vermittlungversuchen und allgemeinen Phrasen, 
welche um so hohler werden, je mehr es sich um ein entschiedenes 
prinzipielles Auftreten handelt; zu einem ernstlichen Bruch mit dem 
Bestehenden bringt es nur das Proletariat." 

Von nun an nannte sich Hess Kommunist, indem er den philo- 
sophischen Begriff des sozialen Kommunismus und die begriffliche Trennung 
von Sozialismus und Kommunismus fallen lässt. „Die Unterschiede 
von französischem und deutschem Kommunismus sind nur Unterschiede 
zwischen Theorie und Praxis " Er erkennt aber der Theorie das Recht 
nicht zu, sich pedantisch von der Praxis zu sondern. 

Damit ist — wenigstens im Willen — der Bruch mit dem 
philosophischen Sozialismus vollzogen. Hess ist auf die Erde zurück- 



LXX — 

gekehrt. Eine zehnjährige reiche Entwickelung jagte ihrem Ende ent- 
gegen. Welche Bedeutung aber dem Philosophen Hess in seiner 
Zeit beigemessen wurde, erhellt aus einem Aufsatz von Hermann 
Semmig in den Rhein. Jahrb. Er setzt ihn an die Seite von Feuerbach. 
Wie dieser den Scholastizismus und die theoretische Abstraktion und 
die religiöse Illusion „Gott" zerstört hat, so hat Hess die „Spaltung" 
des Lebens, die politische Illusion, die Abstraktion seines Vermögens 
d. h. das Vermögen aufgelöst. „Nur durch die Arbeit der Letzteren 
ward der Mensch von den letzten Mächten ausser ihm befreit, zu sitt- 
licher Tätigkeit befähigt (alle Uneigennützigkeit der früheren Zeit war 
nur eine scheinbare) und in seine Würde wieder eingesetzt. Nun erst, 
nach Zerstörung jener Illusionen, kann an eine neue menschliche 
Ordnung der Gesellschaft gedacht werden, ohne dass es von neuem 
einer Deklarierung der Menschenrechte bedürfe." 

Dass Hess diesen Hymnus nur mit gemischten Gefühlen hat auf- 
nehmen können, ist fraglos. Er war ein anderer geworden und hatte 
willig — wie es es bei einer so ehrlichen und selbstlosen Natur nur ver- 
ständlich ist — die geistige Suprematie an das immer heller auf- 
leuchtende Doppelgestirn Marx-Engels abgegeben. Er kämpfte fortan 
in ihrem Schatten. 

Der „Gesellschaftsspiegel", der Hessens innerer Wandlung schon in 
jeder Zeile Zeugnis ist, war im Juni 1846 der Zensur erlegen. Schon 
während der letzten Monate hatte Hess die Redaktion nicht mehr 
am Erscheinungsorte geführt. Er zeichnet zwar noch als Heraus- 
geber. Die Notizen aus Elberfeld — zumeist programmatischer kritischer 
und apologetischer Natur — sind grossenteils von F. Schnacke ge- 
schrieben. Hess selbst hielt sich in Verviers auf, von wo aus er im 
Mai mit Marx korrespondiert. 

In der kommunistischen Gruppe, die ohnehin kein festes Band 
umschlang, zeigten sich je länger, um so deutlicher klaffende Risse. 
Marx war durch die Kraft seines alle weit überragenden Genies, wenn 
auch nicht formell, so doch tatsächlich der Meister der Geister ge- 
worden. Die höchste Instanz. Der Pontifex maximus. Seine 
scharfe Kritik löste aus dem unklaren Brei die zukunftsstarken Elemente 
heraus. Den ,, schäbigen Rest" schleuderte er mit sicherem Schwünge 
in den Tartarus. Einer nach dem anderen aus der Schar der bis- 
herigen „Führer" (Geführte gabs freilich noch nicht) wurde erwürgt. 
Gewiss ist es zwerghaft gesehen, wenn Heinzen dieses Aufräumen unter 
den Vorkämpfern auf absolutistische Gelüste, auf ,,Rangläuferei" zurück- 
führt. Ohne die durch Marx herbeigeführte Scheidung wäre niemals 



LXXI 

jene grosse Bindung; erfolgt, die heut als sozialistische Organisation 
ein Faktor von geschichttreibender Kraft geworden ist. Allein es 
fehlte auch Marx die nötige Brutalität nicht. Ein besonderer Gemüts- 
mensch dürfte er nicht gewesen sein. Vielleicht durfte er es kraft 
seiner historischen Sendung auch nicht sein. 

Das erste Opfer war Karl Grün. Er war kein starker Kopf. 
Aber er hatte sich doch als Vorkämpfer manches Verdienst erworben 
und hat auch durch sein ganzes Leben die Ueberzeugungstreue bewahrt. 
Marx hatte ihn aber schon bei Zeiten aufs Korn genommen Da Grün 
nicht ohne Einfluss auf Proudhon war, so sparte Marx nicht mit 
AVarnungen. Gegen Grüns „soziale Bewegung in Frankreich und 
Belgien" ist er nicht weniger heftig vorgegangen wie gegen dessen 
Behandlung Goethes „vom menschlichen Standpunkt". Grün war ihm 
nur der Ignorant und Hessnachbeter. Dabei fielen ein paar heftige 
Worte auch gegen Hess: „Sachen, die im Anfang noch anzuerkennen 
waren, sind sie durch ihre ewige Wiederholung zu einer Zeit, wo sie 
bereits wieder antiquiert waren, langweilig und reaktionär geworden." 

Nach Grün kam Proudhon an die Reihe. Proudhon hatte in Paris 
im Kreise der deutschen Exsulanten freundschaftlich verkehrt, wobei 
Proudhon von Marx in die deutsche Philosophie eingeweiht wurde. 
Aber kaum waren sie durch Guizots Ausweisungsbefehl ein Jahr ein- 
ander getrennt, als sich der Gegensatz herausstellte. In einem Briefe, 
den Proudhon als Antwort auf die Bitte um Mitarbeit an der „Kom- 
munistischen Korrespondenz" Marx schrieb, finden wir ein paar Sätze, 
die für die späteren Beziehungen von Marx und Hess von mittelbarem 
Interesse sind: „Denken wir an unserem Teile nicht daran, das Volk 
mit Doktrinen einzuseifen, nachdem wir alle Dogmatismen a priori 
zerstört haben — schaffen wir dem menschlichen Geschlecht nicht neue 
Arbeit durch neuen Wirrwarr — geben wir der Welt das Beispiel 
einer weisen und weitsichtigen Bildung, aber machen wir uns nicht, 
weil wir an der Spitze der Bewegung stehen, zu den Führern einer 
neuen Intoleranz, spielen wir uns nicht als die Apostel einer neuen 
Religion auf, und wäre es selbst die Religion der Logik und Vernunft." 

Die Abschlachtung Proudhons wird dann im Winter 1846 zu 
1847 durch Marx besorgt in dem Werke, „das Elend der Philosophie" 
— ein grundlegendes Werk, das bereits die Kerngedanken der 
marxistischen Geschichtsauffassung gibt. 

Nach Proudhon kam Weitling an die Reihe. Das Zerwürfnis war zu- 
nächst aus theoretischen Meinungsverschiedenheiten hervorgegangen. 
Zur Explosion kam es dadurch aber, dass Marx dem Herausgeber derVolks- 



LXXII 

tribüne in New York, Hermann Kriege, an die Gurgel ging. Kriege 
war ein Schüler Feuerbachs und hatte in den sozialistischen Kreisen, 
nicht zum geringsten auch bei Engels, grosse Hoffnungen erweckt. In 
Amerika schien er für den Kommunismus eifrig zu arbeiten. Aber die 
deutschen Genossen, zumal der Brüsseler Kreis, sahen in den An- 
schauungen, die er als Kommunismus ausgab, nur eine Verschleimung 
der Ideen, weil er den ganzen Gedankenreichtum des Sozialismus aus- 
schliesslich auf den Egoismus und die Liebe reduzierte. Marx über- 
nahm das literarische Henkersamt gegen die ,, Liebessabbelei". Damit 
war Weitling nicht zufrieden. Er hatte den „Bund des Gerechten*' 
gegründet, dann in der Schweiz fleissig und mit Erfolg agitiert. 
Theoretisch war er mit bemerkenswerten Schriften hervorgetreten, die 
für einen Schneidergesellen, der er war, erstaunliche Leistungen dar- 
stellen. Viel bewundert und von den Handwerkern gefeiert kam er 
sich allmählig wie ein Apostel der neuen Weltanschauung vor und 
gefiel sich in Posen, in denen nur noch der Heiligenschein zum Ab- 
schluss des Evangelistenbildes fehlte. Wie seine Schriften ja auch 
stark mit christlich-religiöser Mystik durchtränkt waren: ,,die Religion 
— heisst es in seinem Evangelium des armen Sünders — muss also 
nicht zerstört, sondern benutzt werden, um die Menschheit zu befreien." 
Solche Männer konnte Marx nicht gebrauchen. Und Weitling scheint 
auch nicht ohne Neid auf den neuen Stern vom „Osten" gesehen zu 
haben Als er Ende September 1845 in London weilte, um bei der von 
den Chartisten veranstalteten Erinnerungsfeier an die Errichtung der 
französischen Republik (22 IX. 1792) die Ansprache zu halten, merkte 
er, dass er in seiner eigenen Schöpfung, dem „Bunde der Gerechten" 
den Boden verloren hatte. Man wollte sich nicht mehr auf seine Lehre 
festlegen, für die er ein Leben, überströmend an Verfolgung, Gefängnis- 
not und Entbehrung, durchgekämpft hatte. Der Vertreter des „stehlenden 
Proletariats" ginp; dann nach Brüssel. Aber überall trat ihn der neue 
Geist — der Geist Marxens feindlich entgegen Die Kritik gegen Kriege 
brachte dann den offenen Kampf und die Klärung: „Ich kann nicht 
anders denken — schreibt er nach New York — als der Angriff gegen 

dich war im Voraus schon gegen mich berechnet Jeder will 

Kommunist sein und einer den andern als Nichtkommunisten hinstellen, 
sobald er seine Konkurrenz fürchtet". Weitling hat die Situation richtig 
erkannt, wenn er die letzten Ursachen auch menschlich, allzu menschlich 
erklärt: „Ich kriege zuerst den Kopf herunter geschlagen, dann die 
andern und zuletzt ihre Freunde und ganz zuletzt schneiden sie sich 
selbst den Hals ab. Die Kritik zerfrisst alles Bestehende und wenn 



LXXIII 

nichts mehr zu zerfressen ist, frisst sie sich selber auf. Dabei macht 
sie den Anfang an der eigenen Partei, besonders seitdem die andern 
sich nicht darum scheren." 

Zum Schluss eine Bemerkung über Hess; man beachte, der Brief 
ist vom 16. Mai datiert. ,,Ich stehe von dieser Seite allein mit Hess; 
aber Hess ist, wie ich, in die Acht erklärt''. 

Es ist nicht anzunehmen, dass diese Schlussbemerkung nur ein 
Versuch ist, Hess in einen Gegensatz zu Marx zu treiben. Weitling 
hätte sich also in der immer sicherer nahenden qualvollen Vereinsamung 
eines Genossen versichern wollen. Zum Tröste oder zum Trutze. Wie 
immer: Die Tatsache bleibt bestehen als Massstab für die sittliche 
Wertung der kommenden Ereignisse: Hess stand schon im Mai 1846 
auf der Proskriptionsliste! Die Schnitter dengelten schon die Sensen. 
Aber Hess war noch nicht ganz reif. 

Es lag System in der Aufräumungsarbeit. Hess wurde zunächst 
noch festgehalten. Man Hess den Anschein, als sei er ein wichtiges 
Glied des ., Triumvirats" — wie Heinzen sie in seiner kostbarlich groben 
Schrift: Die Helden des teutschen Kommunismus nennt: Marx, Hess 
und Engels. So kam Hess als Partisane des „Wadenbeissers" — 
epitheton „ornans" für Marx — mit allen andern in die Brüche. Dann 
wurde er selbst zerbrochen. Die Loslösung Hess' von Weitling war 
auch ein Schritt zu diesem Endziel. 

Die Beziehungen Hess' zu den genialen Schneidergesellen gehen 
noch auf das Jahr 1843 zurück, in dem Hess als Korrespondent der 
Rheinischen Zeitung in Paris weilte und in persönlichem Konnex zu den 
Leitern des ,, Bundes der Gerechten", in Sonderheit zu Dr. Ewerbeck 
stand. Hess hatte eine längere Kritik des damals erschienenen Werkes: 
„Garantien der Harmonie und des Friedens" geschrieben, in der 
Weitling doktrinär zerstückelt wurde. Weitling war besonders durch 
die französischen Kommunisten beeinflusst, gegen die, weil sie Praktiker 
waren, der philosophisch abstrahierende Hess damals heftig ankämpfte. 
Aber die Kritik — die bei Froebel in Zürich erschienen sein soll, 
aber nirgends sonst genannt wird — Hess die Person des ,, Lumpen- 
proletariers" ganz aus.dem'^Spiel, so dass die Freunde Weitlings auf- 
schäumende Wut gegen Hess leicht zum Abbrausen brachten: „Schlage 
dir nur aus dem Sinn, dass Doktor Hess dir Leid antun will. Er 
tadelt dein Werk mit Recht, mit Unrecht, wies geht Aber was er 
einigen hier vorlas, ist nicht beleidigend." So schrieben ihm die 
Pariser Genossen. Sie suchten die beiden in Freundschaft einander 
näher zu führen: „Männer, wie Hess, sind direkt wirksam in ihrer 



Lxxrv 

Sphäre, indirekt auch darüber hinaus. Schliesse mit ihm ein nahes 
Band, das wird euch beiden heilsam sein." Aus den empfehlenden 
Briefen sind hier einige Urteile über Hess in vieler Beziehung bemerkens- 
wert: „Hess ist sehr wirksam für die Bekehrung der sehr Gebildeten; 
aber er spricht in Begriffen, nicht in Anschauungen, mithin für die nicht 
sehr Gebildeten unverständlich. Er siehts ein und verspricht 
Besserung. Er hat auch manche Barockseiten; z. B. will er durch- 
aus nur Atheismus und Anarchie predigen, mit diesen Ausdrücken, 

wobei man sich natürlich nichts Untugendhaftes zu denken hat 

Aber diese Schwächen abgerechnet, ist Hess sehr tüchtig; in kurzem 
wird — sagt er — die ganze junge Philosophie Deutschlands sozialistisch 
sein/' In der Tat wurde das Verhältnis zwischen Hess und Weitling 
— wie die Korrespondenz ergibt — recht intim. Ungeachtet aller 
sachlichen Differenzen! Hess tadelte insbesondere die Auffassung der 
Freiheitsideen, die in dem Gleichheitssystem Weitlings zu kurz kämen. 
Die Bindung von Genuss und Arbeit, auf die Hess grosses Gewicht 
legte, schien ihm in der „Harmonie" nicht vollzogen : Die Arbeit war 
ein Zwang. Und die Lust floss nicht wie alle Tugend aus der freien 
Tätigkeit. 

Trotz dieser Gegensätze, die uns heut mehr als Jongleurübungen 
mit Begriffen erscheinen, im Beginne der vierziger Jahre aber die 
Volksraänner grimmig auseinandertrieben, blieben Hess und Weitling 
gute Kameraden. Und nun, in den bösen Kämpfen mit Marx schüttet 
der Märtyrermessias dem Rabbi Moses sein Herz aus. Er schildert 
die Szene, in der Marx und Weitling gegeneinander standen und aus 
der sich dann der unheilbare Bruch ergab. „Marx war sehr heftig." 
Das Resume der Debatte war: Es muss eine Sichtung in der kommu- 
nistischen Partei vorgenommen werden Der Handwerkerkommu- 
nismus, der philosophische Kommunismus müssen bekämpft, das Gefühl 
verhöhnt werden; das ist blos so ein Dusel. Der Kommunismus kann 
erst verwirklicht werden, nachdem die Bourgeoisie ans Ruder gekommen 
wäre." Weitling fügte dem Resume noch ein paar saftige Grobheiten 
gegen Marx an, der sich an die Geldmenschen herandrücke. Weitling 
war damals in höchster Not. Marx hatte ihn einen Freitisch besorgen 
müssen, und dem armen Hess lag Weitling mit seinen Klagen in den 
Ohren. Hess stand zwischen den friedlichen „Brüdern" und rausste nun 
beider Verbitterung fühlen, bis ihm die leidige Sache über wurde: „Ihr 
habt ihn ganz toll gemacht — schreibt er Marx — und wundert euch 
nun darüber, dass er es ist." Nur Hessens Nachgeben konnte die 
offene Feindschaft mit Marx niederhalten. An Sticheleien hatte es 



• LXXV 

Marx nicht fehlen lassen. Die Wut auf den philosophischen Sozialismus, 
dessen Schöpfer Hess war, wenn er auch sein Vertreter nicht 
mehr sein mochte, der Kampf gegen Kriege, der schliesslich doch 
nur die von Hess eingeführten Kategorieen von Egoismus uml Liebe als 
Urquell sozialen Geschehens promulgiert hatte — all diese Schärfen 
konnten Hess nicht ganz ruhig lassen. Wenn man ihn auch persönlich 
nicht — noch nicht! — zur Zielscheibe genommen hatte. Der 
Schriftwechsel zwischen Marx und Hess wird nun recht gereizt im 
Tone. Hess lenkte zwar ein — aber der Stachel im Gemüte sass doch 
fest: „Wenn du übrigens auch Recht hast, dass die Privatmisere mit 
den Parteistreitigkeiten nicht zusammenhängt, so sind doch beide 
zusammen hinreichend, einem das gemeinschaftliche Wirken in 
dieser Partei zu verleiden, und so wenig du auch für erstere 
verantwortlich gemacht werden kannst — da du selbst am meisen 
darunter leidest und ich wahrhaftig viel weniger wegen meiner, als 
gerade wegen deiner Privatmisere unsere Partei anklage — so sehr 
könntest du doch dazu beitragen, die Parteistreitigkeiten zu verhindern. 
Indessen, du bist einmal ein „auflösendes", ich vielleicht zu sehr 
ein versöhnendes Naturell — „ein jedes Volk hat seine Grösse 

— und jedes Individuum seine Blosse Mit dir persönlich möchte 

ich noch recht viel verkehren; mit deiner Partei will ich nichts mehr 
zu tun haben" Einige Tage später — 5. Juni 1846 — wieder die 
Reue: „Dass ich in Sachen der Partei nicht mehr mit dir in Kom- 
munikation stehe, daran bin ich nicht Schuld. Tut auch weiter nichts 
zur Sache, die ohne mein Zusammenwirken mit dir doch marschieren 
wird." Und zugleich damit das Geständnis, dass Weitling ihm widerlich 
geworden — der Bruch war erreicht. 

Hess war wieder nach Köln zurückgekehrt, wo er neue literarische 
Unternehmungen plante. Mit ihm rechneten auch die Pläne, die 
damals durch die Unterstützung zweier reicher Westfälinger ihrer Ver- 
wirklichung entgegensahen. Es handelte sich um eine Vierteljahrsschrift, 
die Marx, Hess und Engels redigieren sollten. Gleichzeitig um die 
Herausgabe einer kritischen Abrechnung mit der deutschen Ideologie, 
in der Marx-Engel sich Feuerbach, Stirner, Rüge u. a. vornahmen. 
Zugleich aber wurde die Herausgabe einer „Bibliothek der ausländischen 
Sozialisten" näher getreten: ein Lieblingsgedanke von Engels schon 
aus der Barmener Zeit 1842, in dem er sich mit Marx wie durch 
Ferowirkung fast gleichzeitig traf. Auch hier sollte Hess Mitarbeiter am 
Werke sein. Ihm war die Herausgabe der Conspiration pour l'egalite 
dite de Baboef zugedacht, jenes Werkes, das den kommunistischen 



LXXVI — 

Agitator Michel Buonarotti zum Verfasser hatte und das schon im Beginne 
der dreissiger Jahre auf die Propagierung der kommunistischen Gedanken 
starken Einfluss gehabt. Aber all die Pläne zerrannen, und Hess blieb 
in bitterer Not zurück. Er hatte jetzt viel freie Zeit. Und er ver- 
wandte sie auf Studien — Hess der Philosoph! — auf Studien national- 
ökonomischer Werke. Wie hatte er noch vor kurzer Zeit auf diese 
Form der Auchtheologie geschmählt. Jetzt warf er den philosophischen 
Ballast von sich. Er wollte mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. 
Diese W^andlung hat sich gewiss unter dem Einfluss von Marx-Engels 
vollzogen. Aber ebenso stark war doch die Erkenntnis, dass die Ver- 
dichtung der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht mehr in verflüchtigender 
Spekulation begrifl'en werden konnte. 

Diese Umkrempelung der ganzen Menschen sahen die beiden 
Dioskuren deutlich sich vollziehen. Sie haben fortan auch wohl Hess 
zu den Ihrigen gezählt; Fleisch von ihrem Fleisch und Geist von 
ihrem Geiste. Die Axthiebe gegen die Ideologen und die philosophischen 
Sozialisten schienen nicht für Hess bestimmt zu sein. Er selbst gab 
ihnen ja Recht. „Er kapitulierte" Am 28. Juli 1846 schreibt er an 
Marx: „Mit Deinen Ansichten über die kommunistische Schriftstellerei 
l)in ich vollkommen einverstanden. So notwendig im Anfang eine 
Anknüpfung der kommunistischen Bestrebungen an die deutsche Ideo- 
logie war, so notwendig ist jetzt die Begründung auf geschichtliche 
und ökonomische Voraussetzungen, sonst wird man weder mit den 
,, Sozialisten", noch mit den Gegnern aller Farben fertig. Ich habe 
mich jetzt ausschliesslich auf ökonomische Lektüre geworfen'' 

Marx hatte schnell mit allen alten Kommunisten aufgeräumt. 
Und in den Brüsseler Kreisen stand seine geistige Suprematie auf 
festem Grund. Es machte ihm keine grosse Schwierigkeit, sich all- 
mählich die „Deutsche Brüsseler Zeitung," die Adalbert von Bornstedt, 
ein früherer preussischer Offizier, seit Beginn 1847, herausgab, immer 
mehr zu seinem Organ zu machen. Bewährte Genossen wurden aus 
allen Orten herangezogen. Auch Hess wurde Mitarbeiter, der nach 
Brüssel übergesiedelt war. Welchen Ansehens er sich auch hier und 
damals erfreute, beweist die Tatsache, dass er in dem Ende August 
1847 dort unter Marx' Auspizien gegründeten deutschen Arbeiterverein 
zum Vorsitzenden gewählt wurde. Auch unter den Mitgliedern der 
demokratischen Gesellschaft für Vereinigung aller Völker, die am 7. 
und 15. November in zwei Hauptversammlungen in Brüssel zusammen- 
trat, wird Hess als einer der wenigen Deutschen zusammen mit Marx 
genannt. 



LXXVII 

Die „Deutsche Brüsseler Zeitung'^ brachte von Hess ausser der 
Atomisierung von Rüge eine Reihe von vier geistvollen Aufsätzen 
über ,,die Folgen einer Revolution des Proletariats." Hess hatte seinen 
alten Adaui ausgezogen! Kein Satz, kein Gedanke erinnerte auch nur 
leise noch an den einstigen philosophischen Sozialisten. Marx, Du 
hast gesiegt! Der Wandel in Hess' Kernanschauungen war in der Tat 
jedem sinnfällig geworden Auch Marx! Und als Heinzen, dieser 
„Erneuer der grobianischen Literatur", gegen den Pontifex Sturm lief, 
nahm er sich gleichzeitig Hess vor, diesen „herzensguten, unschulds- 
vollen Jüngling, der, nachdem er der Gefahr entgangen war, durch den 
Hegelianismus närrisch zu werden, sich befleissigt hat, durch den 
Kommunismus möglichst dumm zu werden". Und so schlägt dann 
der starkknochige Revolutionshäuptling Heinzen, der das Schimpfen 
mustergiltig verstand, auf den guten Hess los, der alle kommenden 
Umwälzungen nur von den Fabrikarbeitern erwartet. Wenn Hess nicht 
mehr von Prinzipien, sondern von Interessen ausgeht, dann fällt es 
ihm nicht mehr ein — meint Heinzen — zu bedenken, dass auch 
andere Leute Interessen zu vertreten, dass z. B. ,,dem König von Berlin 
nicht vorgeworfen werden kann, dass er Zensur, Beil, Kasematten usw. 
beibehält, denn der hohe Herr tut das in seinem Interesse und fragt 
so wenig wie Herr Hess nach dem rechtlichen, vernünftigen oder 
menschlichen Prinzip. So höhnt Heinzen voll Wut, denn das Prinzip 
der Freiheit, das er in der Republik verkörpert sieht, steht ihm am 
höchsten. Der Brandruf Heinzens gegen den zum Klassenkämpfer ge- 
wordenen Marxisten Hess, muss uns noch ein Weilchen im Ohre klingen, 
weil er für die Beurteilung des Marx'schen Verstosses gegen Hess von 
Wichtigkeit ist. 

In seinem Artikel der Deutschen Brüsseler Zeitung hatte Hess 
anschliessend an einen nationalökonomischen Kongress, in dem über 
Freihandel und Schutzzoll debattiert wurde, die Frage behandelt: 
welche Massnahmen haben die Proletarier zu ergreifen, nachdem sie 
durch den Sturz der herrschenden Klasse die politische Macht errungen 
haben. Durch diese Fragestellung erst wird ein Unterbau geschaffen, 
auf dem man weiter arbeiten kann. Und haltlos sind alle die Fiktionen 
der „Systemmacher, die ohne Rücksicht auf die existierenden gesell- 
schaftlichen Zustände und Kämpfe nicht im Interesse der unter- 
drückten Arbeiterklasse, sondern lediglich im Interesse eines 
beliebigen Prinzips ausgetrachtet werden" Hess sieht jetzt lediglich 
in der Entwickelung der Grossindustrie die „objektiven Faktoren", 
welche die Umwälzung der bisherigen gesellschaftlichen Organisation 



LXXVIII ■ 

herbeiführen. Er entwickelt das eherne Lohngesetz: Die freie Kon- 
kurrenz drückt die Arbeitslöhne auf ein gleiches Minimum herab, das 
gerade hinreicht, den Menschen bei der Arbeit am Leben zu er- 
halten. Damit wird aber die Produktion selbst unterbunden, weil es 
an Konsumenten fehlt. Aus der Unkenntnis der Bedürfnisse des 
Weltmarktes ergeben sich dann Handelskrisen, die schliesslich dahin 
führen, dass weniger produziert als konsumiert wird. Jetzt tritt nach 
der Zerschmetterung vieler Existenzen zwar wieder eine Besserung ein 

— ohne dass indess die Aufbesserung der Löhne damit gleichen Schritt 
hält; denn auch die Arbeiterschaft hat sich durch die soziale Degra- 
dierung von Mittelstandspersonen während der Krisen vermehrt. Die 
Kapitalien, die doch nur aufgespeicherte Arbeit sind, für die der Be- 
sitzer nichts getan, häufen sich in wenigen Händen an. Der Arbeiter 
wird nur eine Ware. Er könnte auch produzieren, aber Mittel fehlen 
ihm und Instrumente. Sonst kennt er alles. Die Grossindustrie muss 
die Technik entwickeln und, ohne dass sie es will — auch das 
Klassenbewusstsein. Damit ist der gordische Knoten gegeben und der 
kann nur mit dem Schwerte durchhauen werden. Die Revolution ist 
die stillschweigende Voraussetzung! Diese Umwälzung wird sich da 
zuerst vollziehen müssen, wo die Grossindustrie die Verhältnisse bereits 
gereift hat, z. B. in England. Sie wird vielleicht anfangs nur eine 
partielle sein, aber die Rückwirkungen auf andere Länder werden nicht 
ausbleiben können. Schon die partielle Revolution muss den Gemein- 
betrieb allmählich, aber sicher bringen. Die transitorischen Massregeln, 
die das auch zur politischen Herrschaft durchdringende Proletariat 
einführen wird: Aufhebung des Erbrechtes, Progressivbesteuerung aller 
noch bestehenden privatkapitalistischen Unternehmungen und aller 
Kapitalisten, Mediatisierung aller herrenlosen Güter zu Gunsten nationaler 
Erziehungsinstitute, Unterstützung der kranken Arbeitsunfähigen u. a. 

— ergeben in Bälde die Aufhebung des Privateigentums und die ge- 
meinschaftliche Industrie. 

Hess hatte schon in früheren Werken die Krisen-, Zusammen- 
bruchs-, Konzentrationtheorieen angedeutet. Nun traten sie in aller 
Schärfe hervor. Nur die Interessen des Proletariats bringen die neue 
Weltordnung. Damit ist die völlige Absage gegen die prinzipienver- 
tretende Ideologen erfolgt. Aber die Hoffnung verlässt Hess nicht, dass 
auch die Spaltungen im Lager der Radikalen sich überbrücken werden, 
wollen sie nicht die Schmach auf sich laden, über den Kampf um 
Prinzipien die realen Interessen zu vergessen. 

Die Aufsätze, die auch heute noch lesenswert sind und mancherlei 



^— LXXIX 

ganz aktuelle Probleme berühren, stammen aus den Monaten Oktober 
und November 1847. Dem ersten Artikel fügte die Redaktion eine 
Bemerkung an, die wichtig erscheint: „Wir bitten um die Fortsetzung 
dieser sezierenden und belehrenden Aufsätze. Der gemässigte fort- 
schreitende Michel kann darin studieren und wird sich nicht über zu 
starkes Schimpfen zu beklagen haben." In Marx' Organ haben die 
Arbeiten gestanden, ein tatsächlicher Beweis, dass Hess die Phase 
seines philosophischen Sozialismus überwunden hatte. Wenige Tage 
darauf geht Marx als Abgesandter der demokratischen Gesellschaft 
nach London, um an dem Feste zur Erinnerung an die polnische 
Revolution teilzunehmen. In demselben Monat begannen auch die ge- 
heimen Verhandlungen im Bunde der Kommunisten, der sich nach 
dem Ausschwitzen des Weitlingstum und ähnlicher halbmystischer 
Fantasien reorganisiert hatte und nun ein einheitliches Programm beriet. 
Das Ergebnis war das „kommunistische Manifest'^, bis zum heutigen 
Tage die Basis der internationalen Sozialdemokratie. Marx und Engels 
haben es gemeinsam aufgesetzt. Diese kleine kraftvolle Schrift durch- 
zieht wie ein breiter, nährender Strom der Gedanke: alle Geschichte ist 
nur Klassenkampf zu dem Ziele hin, dass das Proletariat, das Joch 
der ausbeutenden Bourgeoisie sprengend, die Gesellschaft für immer von 
Ausbeutung und Klassenkämpfen befreit. Dahin führe die Gewalt der 
ökonomischen Entwickelung Darum stellen die Kommunisten keine 
besonderen Prinzipien auf, nach denen sie die proletarische Bewegung 
modeln wollen. 

Diesen Grundsatz kennen wir schon von Hess, der ihn mit aller 
Schärfe ausgesprochen. Und nun, da sich die beiden Dioskuren Marx- 
Engels daran machen, alle Formen des Sozialismus niederzuschlagen, 
durch deren Geäder ein Prinzip als Pumpstation seine blassen Doktrinen 
jagt, nahmen sie sich auch den „deutschen" oder ,, wahren Sozialismus" 
vor. Mag man diese die Zusammenhänge deutscher Philosophie und 
französischer Gleichheitstrebung scharf herausdeutende Kritik auch als 
notwendige Voraussetzung einer rationellen Arbeiterpolitik objektiv 
ansehen, so setzten sich Marx-Engels subjektiv ins Unrecht, dass sie 
ihre Bomben gegen Hess schleuderten. Ganz abgesehen davon, dass 
Hess von allem Anfang an systematisch die Entwicklung nicht als 
eine Kategorie des Willens, „des Willens, wie er sein muss, des wahr- 
haft menschlichen Willens," sondern immer als eine Kategorie des 
Müssens, der objektiven Notwendigkeit betrachtet hat — ganz abge- 
sehen weiter, dass Hess niemals des Wort vom „wahren" Sozialismus 
nur geprägt oder übernommen hat — Hess hatte sich schon seit zwei 



LXXX — 

Jahren zum ökonomischen Sozialismus durchgerungen und hatte mit 
Marx-Engels gemeinsam diese Auffassung verfochten — es war ein 
persönliches Unrecht, ein hinterlistiger üeberfall, eine Treulosigkeit, 
nun den Hess von früher als abschreckendes Paradigma zu präsen- 
tieren: „Sie schrieben ihren philosophischen Unsinn hinter das französische 
Original, z. B. hinter die französische Kritik der Geldverhältnisse 
schrieben sie „Entäusserung des menschlichen Wesens", hinter die 
französische Kritik des Bourgeoistums schrieben sie „Aufhebung der 
Herrschaft des Abstrakt-Allgemeinen." 

„Die Unterschiebung dieser philosophischen Redensarten unter die 
französischen Entwicklungen tauften sie „Philosophie der Tat", „wahrer 
Sozialismus, deutsche Wissenschaft des Sozialismus, philosophische 
Begründung des Sozialismus". 

. . Die französische sozialistisch-kommunistische Literatur wurde so 
förmlich entmannt. Und da sie in der Hand der Deutschen aufhörte, 
den Kampf einer Klasse gegen die andere auszudrücken, so 
war der Deutsche sich bewusst, die „französische Einseitigkeit" über- 
wunden, statt wahrer Bedürfnisse die Bedürfnisse der Wahrheit und 
statt der Interessen des Proletariers die Interessen des 
menschlichen Wesens, der Menschen überhaupt vertreten zu 
haben, des Menschen, der keiner Klasse, der überhaupt nicht der 
Wirklichkeit, der nur dem Dunsthimmel der philosophischen Phantasie 
angehört." 

Jedes Wort ist hier auf Hess gemünzt! Lässt man den objektiven, 
den Tatbestand ganz ausser Acht, geht man darüber vollends hinweg, 
dass Hess eben nach Analogie seiner französischen Lehrmeister nur die 
Endstationen der Entwicklung behandelt — in denen es doch auch 
nach Marx keine „Klassen" mehr gibt — während Marx die gegen- 
wärtige Situation, den gegenwärtigen Kampf anpackt und die 
Zukunft- in jeder Richtung klug— „verdunstet", es war nicht nur „über- 
trieben" zu erklären: der „wahre" Sozialismus „diente den deutschen 
absoluten Regierungen mit ihrem Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, 
Krautjunkern und Bureaukraten als erwünschte Vogelscheuche gegen 
die drohend aufstrebende Bourgeoisie." Zwar ^ lässt das Manifest die 
Frage geschickt offen, ob es die Absicht, die Tendenz des frühen 
Sozialismus war, dem Absolutismus in die Hände zu arbeiten." Aber 
diese beabsichtigt unklare Formulierung war'eine Treulosigkeit gegen 
Hess, über die nur ein unmarxistischer Heroenkult von Marx hinüber- 
gleiten kann. 

Das objektive Unrecht hatMehring neuerdings mit anerkennenswerter 



LXXXI 

Offenheit gut zu machen versucht. Das genügt aber nicht! Marx' 
Charakter weist hier einen bösen Defekt auf. So nötig es war, gegen- 
über den „Wahren", den Prinzipienmännern der Bedürfnisse, die 
Interessen des Proletariats in den Vordergrund zu rücken — der spezielle 
Hinweis auf Hess ist und bleibt der Ausfluss einer kleinlichen, 
persönlichen Ranküne. Hess war nicht ein enthirnter Bewunderer des 
Menschen Marx; er hatte für seine Weltanschauung Verständnis und 
Liebe; nicht aber für seine „Wadenbeisserei". Es ist auch nicht ganz 
abzulehnen, dass Marx-Engels versucht haben, ihn in allerlei philo- 
sophische Irrgärten zu locken, um sich über ihn lustig zu machen. 
Sie hatten ihn freilich etwas dünkelhaft unterschätzt. Hess merkte die An- 
zapfungen und — schwieg vornehm. Aber der Groll setzte sich bei ihm fest. 
Oder richtiger ein Widerwille. Die Rache dafür kam dann im „Manifest". 

Marx aber und Engels beruhigten sich dabei nicht. Alte psycho- 
logische Erfahrung: Adelsmenschen ( — sie brauchen keine grossen 
Geister sein! — ) sehen ein Unrecht ein und machen es gut. Dabei 
vergeben sie sich nichts. 

Marx hat seine Beschimpfungen fortgesetzt, und Engels spricht 
noch in der Ausgabe des „kommunistischen Manifestes" von 1890 von 
der „schäbigen Richtung" dieser schmutzigen, entnervenden Literatur, 
ohne ein Wort für Hess zu finden, der doch noch 1870 im „Volksstaat" 
Aufsätze veröffentlichte, für die Liebknecht und Bebel die Verantwortung 
vor den Richtern im Leipziger Hochverratsprozess übernahmen. 

Das Manifest ist im Februar 1848 erschienen. Indess ist es nicht 
ganz ausgeschlossen, dass er in einer noch nicht aufgefundenen früheren 
Ausgabe existiert. Hess hatte jedes Falles genug an dem Treiben 
seiner „Freunde". Seine innerliche Entrüstung bebte noch lange in 
ihm. Der „gute Kerl" litt sein Lebelang an dem Wahnsinn: die 
Menschen nicht nur nach ihrem „Klassenbewusstsein", sondern auch 
nach ihren sittlichen Qualitäten zu werten. Noch während seiner 
lassalleanischen Periode war sein Widerwillen gegen Marx — dem 
Menschen! — nicht ganz überwunden. Auch in seinem „Rom und 
Jerusalem" zittert er leise, im Gesinnungsadel gedämpft, nach: „Andere 
Völker haben nur Parteistreitigkeiten; die Deutschen können sich auch 
dann nicht vertragen, wenn sie zu einer und derselben Partei gehören. 
Meine eigenen Gesinnungsgenossen haben mir die deutschen Bestrebungen 
verleidet und im Voraus das Exil erträglich gemacht, das erst einige 
Jahre später, infolge des Sieges der Reaktion, aus einem freiwilligen 
in ein unfreiwilliges verwandelt werden sollte. — Schon kurze Zeit 
nach der Februarrevolution ging ich nach Frankreich". 

VI 



LXXXII 

Das war 1848. 

In den zahlreichen Konventikeln deutscher Flüchtlinge, die zu- 
meist ihrer republikanischen Gesinnung wegen die Heimat hatten ver- 
lassen müssen, arbeitete er im sozialistischen Geiste. Nach Engels 
herrschte damals in Paris die Manie der revolutionären Legionen. 
„Spanier, Italiener, Deutsche taten sich in Haufen zusammen, um ihre 
respektiven Vaterländer zu befreien". Engels-Marx widersetzten sich 
„der Revolutionspielerei aufs Entschiedenste"*. Hess aber nahm von 
der Ferne her an den deutschen Kämpfen regen Anteil. Aber dabei 
liess er es nicht bewenden. Er trat mit vielen Verbannten in das 
Freikorps der politischen Flüchtlinge ein, die in Baden für die Roichs- 
verfassung kämpften. 

Baden war durch die französische Revolution aufs tiefste aufge- 
wühlt worden. Umgeben von zwei freiheitlichen Republiken war es 
bis in den höchsten Schichten des Volkes von dem Zauber der Freiheits- 
reden ergriffen. Galt in anderen Ländern Deutschlands der Kampf 
vorzugsweise der Befreiung des Bürgertums von dem aussaugenden 
Polypen Feudalismus, so spielten in die badische Erhebung proletarische 
und kleinbürgerliche Interessen und republikanische Träume mit hinein. 
Zu einem verständigen Anpacken der Aufgaben konnte es nicht kommen, 
weil die treibenden Männer von verschwommenen Phantastereien sich 
leiten liessen. Zwar fehlte es nicht an Kampfgenossen. In der Bürger- 
und Volkswehr waren viele Tausende organisiert. Und die Soldaten- 
schaft beseelt vom Geiste der Massen, aus denen sie eben erst 
ausgehoben waren, trat ganz auf die Seite der Freiheit. Aber die 
Leitung war verworren, weil gar zu gemischte Elemente sich zusammen- 
fanden. Vollends unfähig erwies sich vor allem die Kriegsführung. 
Mit der freien Wahl der Offiziere war nichts getan, wenn diese von 
Strategie keine Ahnung hatten. Und der Elan allein reicht gegen gut 
ausgerüstete, disziplinierte Armeen nun eben nicht aus. Zu dem kam, 
dass die Ohnmacht des Volksheeres einen Einfluss weder auf Frankfurt, 
noch auf die Bevölkerung der anderen Bundesstaaten erzwingen konnte. 
Die Bewegung blieb auf Baden beschränkt, und damit waren ihr schon 
die Beine abgehackt. Zwar leisteten die Volkstruppen ehrliche Kriegs- 
arbeit, die in keinem Verhältnis zu ihren primitiven Hilfsmitteln 
stand, zwar haben die Freikorps mit Heldenmut gofochten, aber der 
Ausgang konnte keinem mehr neWig erscheinen. Die Freiheitsehnsucht, 
die roh und ungestüm explodiert war, wurde von den herannahenden 
preussischen Armeen niederkartätscht. Wer nicht in der Schlacht um- 
kam, den liess das Standrecht „blaue Bohnen schlucken". Wars gnädig, 



— — LXXXIII 

SO nahm das Zuchthaus die Verbrecher in Liebe auf für den schäbigen 
Rest des Lebens. Die anderen Kämpfer suchten in gastlichere Asyle 
zu kommen. Viele Tausende fanden im Elsass und vorzüglich in der 
Schweiz Zufluchtsstatt. 

Über Hess, den Kriegersmann, lässt sich bis jetzt wenig eruieren. 
Vielleicht, dass neue biographische Quellen reichlichere Angaben bringen. 
Nach dem Niederwerfen der Revolution ging er nach Strassburg für 
einige Monate, dann hielt er sich über ein Jahr in verschiedenen 
Städten der deutschsprachlichen Schweiz auf, bis er sein Domizil für 
fast zwei Jahre nach Genf verlegte. Nach Deutschland durfte er nicht 
zurückkehren: er war wegen Beteiligung am Aufstande in contu- 
maciam zum Tode verurteilt worden. . . . 

Über die revolutionär -sozialistische Bewegung jener Zeit nach 
dem Unterwerfen der Aufstände von 1848 und 1849 liegen fast keinerlei 
Mitteilungen vor. Es lag in der ganzen Natur der Verhältnisse, dass 
literarische Erzeugnisse, wenn sie überhaupt veröffentlicht wurden, 
jedenfalls keine Verbreitung fanden. Der Schmuggel solcher papiernen 
Bomben war schier gefährlicher als der rechter Mordinstrumente. 

In der sozialistischen Demokratie kriselte es bedenklich. An eine 
wirkliche Organisation war nach dem Siege der Reaktion nicht mehr 
zu denken. So blieb als Krystallisationspunkt nur noch der Bund der 
Kommunisten. Aber auch hier trieben Spaltungen die Mitglieder aus- 
einander. In London hatte sich allerlei revolutionäres Volk ange- 
sammelt: Flüchtlinge aus aller Herren Länder. Besonders stark waren 
die Männer vertreten, die in Deutschland für die Freiheit ihr Leben 
gewagt und nicht lange nach Doktrinen gefragt hatten. Vor allen 
Dingen gegen das verhasste Regiment kämpfen! Vielleicht käme doch 
etwas für die Sache des Volkes heraus. Marx stand während der 
Revolution fern vom Schuss. Beileibe nicht aus Feigheit. Er wusste 
auf Grund seiner Geschichtsauffassung ganz genau, dass diese Revolution 
nur bürgerlich ist und nur die Bourgeoisie zur Herrschaft bringen kann. 

So ergab es sich leicht, dass in der Partei zwei Richtungen sich 
sondern mussten, die Partei Marx und die Partei Schapper- Willich. 
Diese hegten die Hoffnung, dass die Revolution bald wieder aufflammen 
müsse und dass man sich zu rüsten habe für die kommenden Tage. 
Marx war gegen diese „Revolutionspielerei". Er trat mit der genialen 
Ruhe seines kühl rechnenden, die Verhältnisse auf Grund wirtschaft- 
licher Deduktionen von hoher, stiller Warte überblickenden Geistes den 
Ekstatikern entgegen: „Eine Revolution ist erst möglich, wo die 
modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen 

6* 



LXXXIV 

miteinander in Widerspruch geraten. . . . Statt der wirklichen Ver- 
hältnisse wird der blosse Wille zum Triebrad der Revolution." Die 
eine Gruppe warf die andere heraus — kurzum es gab zwei Fraktionen, 
von denen jede — alte und ewig junge Geschichte! — sich für die 
alleinigen Vertreter des kommunistischen Bundes hielt. 

Zu welcher Fraktion Hess gehörte, wenigstens durch die Auffassung 
gehören musste — ergibt sich leicht Gräbt man unterhalb alles 
Doktrinären noch eine Schicht weiter, so kommt man auf die Tempera- 
mente. Hess gehörte nicht zu den kühlen. Er war heissblütig. 
„Sanguiniker" hatte ihn Engels genannt. Ihn trieb nicht nur wägender 
und rechnender Verstand, sondern die Freiheitliebe. Er stand also 
zu Schapper und zu Wallich, unter dem er gefochten. Das Zerwürfnis 
mit Marx braucht man nicht erst zur Erklärung heranzuschleifen. 

Über seine damalige Stimmung, seine instinktive Hoifnungselig- 
keit besitzen wir ein wertvolles Dokument. Natürlich eine aktuell 
geschichtsphilosophische Studie: es ist die besondere Psychologie bei 
Hess, dass er alle seine Sentiments erst verstandesgemäss — entschuldigt. 

Das Werkchen führt den Titel: Jugement dernier du vieux monde 
social und ist bei F. Milly in Genf 1851 erschienen. Eine nicht ganz 
vollständige Übersetzung hat Bernstein in den Dokumenten des 
Sozialismus (Bd. 1. 533 if) veröffentlicht. Das Motto: „Unit6 dans Paction, 
libert6 dans la discussion" spielt deutlich auf die Partei Verhältnisse an. 

Alte Gedankengänge wieder aufsuchend, erneuernd und ausbauend 
sucht Hess die Zusammenhänge der Philosophie und des Sozialismus 
blosszulegen und in einer geistvollen Parallel isiorung Feuerbach als 
den Proudhon der religiösen Revolution zu zeichnen. Aber beide haben 
das Problem nicht gelöst, dem Menschen ,, seine von dem irdischen 
und himmlischen Kapital aufgesogene lebendige Schöpferkraft wieder- 
zugeben. Sie konnten auch zu einer befriedigenden Lösung nicht 
kommen, weil erst eine neue Welt revolutionär geschaffen werden 
muss, die das den Händen der Volksfeinde entrissene Kapital im 
Gemeinbesitz der Gesamtheit aufweist. So musste es dahin kommen, 
dass in Deutschland die jungen Philosophen linkshegelscher Observanz 
nach schweren inneren und äusseren Kämpfen politisch — d. h. sozia- 
listisch werden mussten. 

„Somit sind die deutschen Sozialisten, die Karl Marx als ihren 
Führer anerkennen, die einzigen, die, nachdem sie den philoso- 
phischen, politischen und nationalökonomischen Konservativen die Maske 
abgerissen haben, nicht mehr in irgend eine Falle gehen, weder in 
die der als Revolutionäre verkleideten Utopisten oder in die der als 



LXXXV 

Erforsclier von Lösungen verkleideten Bourgeois." Von diesem Gesichts- 
punkt aus kritisiert er Proudhon ganz im Geiste von Marx' bekannter 
Schrift gegen den grossen Franzosen. Hess hielt die gesellschaftlichen 
Zustände noch in höherem Grade als Marx für den „grossen Kladde- 
radatsch" gereift. Darum musste er auch zu der sofortige Revolution 
fordernden Gruppe gehören. Wie Unrecht er hatte und wie viel schärfer 
Proudhon sah, der die Utopisterei in der Gegenwart bekämpfte, hat 
die Zukunft gelehrt. Was hat die proletarische Partei anders tun 
können, als im Rahmen der immer noch bestehenden Ordnung die 
„kleinliche" Interessenpolitik der Arbeiter zu vertreten. . . . 

ludess so entschieden sich Hess auf marxistischen Boden stellt, eines 
trennte ihm von dem „Führer" — die Aktivität. Denn im letzten 
Grunde schaltet der marxistische Gedanke jede zielstrebige Organi- 
sation a priori aus. Es entwickelt sich alles nach fest bestimmten 
Gesetzen aus den Produktionsverhältnissen heraus. Und diese Ent- 
wickelung allein unterminiert schon von selbst ihre Basis, so dass die 
privatkapitalistische Wirtschaftsform durch sich selbst in sich zusammen- 
stürzt. Damit ist aber für die Sozialisten, die an „Aktivitätshypertrophie" 
leiden, auch ein veränderter philosophischer Standpunkt entschieden. 
Die älteren Schulen — zumal die französischen — haben darum den 
Willen in den Vordergrund geschoben. Hess kommt nun ins Gedränge: 
für ihn war alles Geschehen wie in der Vergangenheit, so in der 
Zukunft naturgegebene Entwickelung — die Kategorie des Müsse ns. 
Jetzt muss er seine Grundfeste verteidigen, um zum Handeln zu 
kommen und die Konzession an den Willen war in diesem revo- 
lutioniüsternen Augenblick nicht zu umgehen. Hess konnte die 
Entschuldigung bei sich selbst nur dadurch anbringen, dass der Anta- 
gonismus der „Klassen" die Verhältnisse eben schon hatte zur Revo- 
lution heranreifen lassen. So muss sich Hess denn — in diesem 
Punkte — gegen Marx wenden: Die deutschen Sozialisten — meint 
er ironisch — wissen alles! Aber sie können nicht handeln. „Sie 
besitzen nichts als die Waffen der Kritik, um die alte soziale Welt 
anzugreifen. Sie verstehen aufs vorzüglichste die Kunst, den Körper 
unserer «Gesellschaft zu sezieren, ihre Ökonomie zu entwickeln und 
ihre Krankheit klarzulegen. Aber sie sind zu materialistisch, um den 
Schwung zu besitzen, der elektrisiert, der das Volk hinreisst. . . . Sie 
haben den nebelhaften Standpunkt der deutschen Philosophie mit dem 
engen und kleinlichen Standpunkt der englischen Ökonomie vertauscht. 
Die deutschen Sozialisten bilden nur eine Schule gelehrter Ökonomen, 
mit ebenso wenig Anhängern und ebenso vielen Prätensionen, wie die 
philosophiöchö Schule, der sie trüber angehört haben." 



LXXXVI 

Nach dieser Einleitung vollzieht dann Hess das Urteil in dem 
„Jüngsten Gericht'^ über die jetzige Welt. Die Katastrophe wird wieder 
in Frankreich beginnen; und sie rauss die ganze Welt erfassen, weil 
die französische Republik ohne die Erkämpfung der Weltrepublik eine 
Unmöglichkeit ist. 

Hess erörtert dann den Begriflf des Fortschritts. Schon hier tritt 
das Bestreben hervor, die Sozialgesetze aus den Experimentalwissen- 
schaften herzuleiten. Auf Grund des biologischen Grundgesetzes, das 
Haeckel später dahin fixiert hat, dass die Seinsgeschichte die Wieder- 
holung der Stammesgeschichte ist, unterscheidet Hess den Fortschritt von 
der Keimanlage bis zur Geburt und die abgelöste Weiterentwicklung 
des ausgebildeten Organismus. Die embryonale Werdenszeit der 
Gesellschaft ist durch die Sklaverei jeder Form bezeichnet. Dieser 
Antagonismus von Herrschenden und Beherrschten, in dem wir bis heute 
treiben, war notwendig, um seine Ursache aufzuheben: die Armut an 
Produktionskräften, an Verkehrswegen und an hinreichenden Lebens- 
mitteln. Nachdem diese Werte aber geschaffen sind, ist der weitere 
Fortschritt der selbständigen Sozialkörper ausschliesslich durch die 
Gemeinschaftlichkeit, durch Assoziation möglich. Zwar war die Arbeit stets 
organisiert, und die grossen Revolutionen hatten immer den Zweck, 
die Produktionsweise auf die Höhe der Produktivkräfte zu erheben 
( — Gedanken, die Marx später (1859) in seiner „Kritik der politischen 
Oekonomie" ausgeführt hat — ), allein sie ebneten nur den Weg für 
neue Formen der Akkumulation und Produktion in den Händen der 
herrschenden Klassen. Die Aufhebung dieser Klassenherrschaft kann 
aber einst den Fortschritt bringen. Die Überproduktion, die jetzt 
noch Krisen und Elend schafft, kann erst durch die Steigerung des 
Konsums, durch die Assoziation aller Kräfte, reguliert und ausgeglichen 
werden. 

Diesen Wandel kann nur die schöpferische Arbeiterklasse selbst 
herbeiführen und die französische Nation, in der soziales Gefühl mit 
starkem Tätigkeitsdrang und Freiheitsliebe verknüpft sind und dessen 
Temperament die Harmonie der menschlichen Anlagen bewahrt hat. 
Erfüllt aber Frankreich seine Mission nicht, dann ist der moralische Tod 
der menschlichen Gesellschaft besiegelt. Dieser moralische Tod der 
Völker, dessen Form die Sklaverei darstellt, ist schlimmer als der 
physische: ,,Die Geschichte hat nur zwei fürchterliche Beispiele 
unglücklicher Völker bewahrt, die exemplarisch dafür bestraft wurden, 
dass sie sich mit ihren toten Einrichtungen identifizierten, von Völkern, 
die sich in der letzten Stunde ihres sozialen Lebens, als dieses 



— LXXXVII 

abgelaufen war, an ihre Institutionen klammerten, deren Lebens- und 
Fortschrittsbedingungen erschöpft waren." Die Chinesen — ein der 
Seele verlustig gegangener Körper und die Juden — eine des Körpers 
beraubte Seele. Dieses Volk ,,muss wie ein Gespenst durch die Jahr- 
hunderte umherirren — zur gerechten Strafe für seine spiritualistischen 
Verirrungen!" 

Wenn man von dem ganz spezifischen Geisteseinschlag bei Hess 
absieht, erkennt man die starke Beeinflussung durch die marxistischen 
Lehren. Bernstein weist mit gutem Rechte darauf hin, wie Hess in 
dieser Broschüre die theoretischen Leistungen von Marx besser würdigt, 
„als irgend einer der sozialistischen Gegner und wahrscheinlich auch 
mit grösserer Sachkunde, als die grosse Mehrzahl der 
sozialistischen Freunde von Marx." 

Hess arbeitet die theoretischen Differenzen zwar deutlich heraus. 
Und einer gewissen Verstimmung wird er auch nicht ganz Meister; sie 
blinzelt zwischen einigen Zeilen hervor. Aber roher Gehässigkeit, 
brutaler Feindschaft ist keine Spur zu finden. Dazu war Hess ein zu 
vornehmer, offener und reiner Charakter. 

Marx freilich suchte den wackeren üeberfall von hinten her, den 
er im „Manifest" gegen den Freund Hess unternommen hatte, nur 
noch immer schimpflicher zu machen. Er biss sich in seinen Hass 
immer fester. Für die sensible Natur eines Hess fehlte Marx jedes 
Verständnis. Als bei Gelegenheit des Kölner Kommunistenprozesses 
1852 auch der „rote Katechismus", eine in Paris gedruckte Agitations- 
broschüre, zur Belastung der Angeklagten benutzt wurde, wimmelte Marx 
jedeVerantwortung für diese Schrift von sich ab. Er hielt Hess für ihren 
Autor und schrieb : „Moses Hess, der Fraktion angehörig, der Verfasser 
des roten Katechismus, dieser unglücklichen Parodie des Manifestes 
der kommunistischen Partei, Moses Hess, der seine Schriften nicht nur 
selbst schreibt, sondern selbst vertreibt, er wusste genau, an wen er 
Partien von seinem „Roten" abgelassen hatte. Er wusste, dass Marx 
ihm den Reichtum am „Roten" auch nicht um das Mass eines einzigen 
Exemplars geschmälert hatte. Moses lässt ruhig auf den Angeklagten 
den Verdacht, als hätte ihre Partei sein „Rotes" mit melodramatischen 
Begleitschreiben in der Rheinprovinz hausiert." Jedes Wort in dieser 
Stelle ist eine Unwahrheit. Der Vorwurf, dass Hess der politischen 
Polizei in die Hände gearbeitet habe, ist die Umprägung eines Schlag- 
wortes aus dem Manifest für die besondere Angelegenheit — sonst 
aber eine bedingunglose Gemeinheit. 1875 gibt Marx ein Nachwort 
zu den^ „Enthüllungen". Er entschuldigt einige Irrtümer, sucht seine 



Lxxxvin 

Gegner Schapper und Willich in günstiges Licht zu rücken. lieber 
Hess spricht er so nebenher: „Er soll nicht der Verfasser des 
roten Katechismus gewesen sein". Die Irrtümer und andererseits er- 
klären die Umstände, unter denen die „Enthüllungen" verfasst wurden, die 
Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen Helfershelfer des gemein- 
samen Feindes. Hess nun aber eine Ehrenerklärung zu geben, unter- 
lässt Marx auch jetzt noch — ein rechter Gemütsmensch. Das ganze 
Verhalten zu Hess, das Übertrumpfen eines Unrechtes durch neues 
Unrecht, gehört nicht zu den Ruhmesmitteln von Marx, und es genügt 
nicht, wenn Bernstein objektiv feststellt, dass die Einreihung von 
Hess in das Register von Verfassern „schmutziger, entnervender Schriften 
als sachlich berechtigt nicht anzuerkennen ist.*' Der Hinweis auf Marx' 
Zwangslage, den Sozialismus vor verschlammender Konfusion zu schützen, 
trifft für Hess weder im Persönlichen, noch seit dem Jahre 1846 im 
Sachlichen zu, wenn auch Hess nicht bis zur Selbstbewusstlosigkeit im 
Marxismus untertauchte, 

Hess war zur Zeit des Kölner Kommunistenprozesses der Appetit 
an der Arbeit seiner Parteigenossen schon gründlich vergangen. Neben 
den Zankereien war es besonders die Zerschmetterung seiner grossen 
Hoffnung auf die nahe Revolution, die ihn vom Kampfplatz trieb und 
ihm alle Politik verleidete: Frankreich, von dessen Veranlagung er die 
schnelle, die morgige Erlösung der Menschheit erwartete, war der 
Tyrannis des dritten Napoleon erlegen. 



VII. 

Im Jalire 1852 verliess Hess sein Asyl in Genf. Nach den Anj^aben 
von Carl Hirsch soll er „im strengsten Geheim'' nach Deutschland 
zurückgekehrt sein, um an der Bestattung seines Vaters teilzunehmen. 
Diese Mitteilung steht freilich im Gegensatz zu Hess' Bemerkung in 
„Rom und Jerusalem" (S. 3), denn dort schreibt er, dass der Vater 
„während meiner langen Abwesenheit" beerdigt worden ist. Immerhin 
ist es nicht ausgeschlossen, dass Hess Deutschland passiert hat. Denn 
von Genf verlegte er sein Domizil nach Lüttich. Indess kaum hatte 
er sich dort häuslich niedergelassen, als die preussische Regierung mit 
aller Entschiedenheit seine Auslieferung forderte. Belgien beschränkte 
sich jedoch darauf, Hess auszuweisen. So musste er denn wieder zum 
Wanderstab greifen und ging dann nach Antwerpen, wo er aber durch 
die Polizei solange chikaniert wurde, bis er sich entschloss, sich wieder 
in Paris ein Heim zu gründen. Was ihn abhielt, gleich nach Paris 
zu gehen, erklärt sich aus der ganzen Veranlagung von Hess: Am 
2. Dezember 1851 war es dem Neffen des grossen Napoleon gelungen, 
durch einen geschickt arrangierten und durchgeführten Staatsstreich 
sich der Herrschaft in Frankreich zu bemächtigen und seine Macht- 
stellung durch mancherlei glückliche Manöver zu befestigen. Damit 
waren Hess' grosse Hoffnungen auf die Revolution zu Grabe getragen 
und — Gräber hat er nach eigenem Bekenntnis nie besucht. 

Jetzt war ihm aber keine andere Zufluchtstatt gegeben. In 
schmerzlicher Resignation wollte er nun aller Politik Valet sagen! 
und Vergessenheit suchen in dem „ausschliesslichen" Studium der 
Naturwissenschaften. Seine philosophische Entwickelung hatte ihn auf 
diesen Weg gedrängt. Seitdem er erkannte, dass man mit blassen 
Theorien und Prinzipien nicht mehr die Welt aus den Angeln heben 
konnte, war er immer mehr zur Realität der Dinge gekommen. In 
der Geistes-Schule von Marx hatte er gelernt, die Gesellschaft zunächst 
in allen ihren Äusserungformen zu studieren und aus den Fakten 
die Gesetzmässigkeiten herzuleiten. Aber war selbst diese ökonomische 
Wissenschaftspolitik nicht letzten Endes auch nur Ideologie? Waren 
die Gesetze, die man als eherne und ewige bezeichnete, nicht auch 
nur Abstraktionen, die genaueres Detail und unbekannte oder nicht 
einbezogene Faktoren umblasen mussten wie Kartenhäuschen? Da 



xc . 

schien es ihm als der sichere Weg, einmal die Elemente alles Seins 
erst zu studieren und aus ihrer Bindung zu Erkenntnissen vorzu- 
dringen. Leitend war für ihn die Kernanschauung seines Denkens, 
dass es nur ein Gesetz auf der Welt gibt. Dieses Gesetz aus dem 
tausendfaltigen Spiel der Kräfte, aus der Wechselwirkung des kosmischen, 
organischen und sozialen Lebens herauszulösen — das wäre erst der 
grösste Fund, die stärkste Entdeckung, die sicherste Methode die zu- 
künftige Gestaltung zu erkennen und durch diese gesicherte Erkenntnis 
unnötige Kraftverschwendung, Kämpfe und Irrwege zu vermeiden. 
Denn wie schon in den ersten Arbeiten leitete ihn die Überzeugung, 
dass das Bewusstwerden, das Wissen — das Leben ist. 

Dass Hess kein „reiner" Naturwissenschafter wurde, werden 
konnte, versteht sich von selbst. Dazu fehlte ihm schon die nötige 
Unbefangenheit. Die Naturwissenschaft, die experimentellen Arbeiten 
setzen bedingunglose Objektivität voraus, soweit das Subjekt, der 
Forscher — ein Mensch überhaupt zur Objektivität vordringen kann. 
Und weiterhin schliessen sie alle Ideologie aus. Nicht um zu diesem 
oder jenem Ergebnis zu kommen, sondern um des Ergebnisses 
willen schlechtweg soll geforscht und experimentiert werden. 

Für diese „voraussetzunglose" Wissenschaft brachte der philosophie- 
durchtränkte Hess natürlich nicht genügende Naivität mit. Seine 
naturwissenschaftlichen Studien waren eben nicht Selbstzweck. Er sah 
sich auf diesem Gebiet mit Ernst und Eifer um; aber er wollte doch 
nur Bausteine suchen, um seinen gedanklichen Gebilden die materiellen 
Stützen zu schaffen. Es ist natürlich nicht dahin gekommen. Die 
Steine, die er auflas, hängen wie die Probefassaden auf allerlei Gebälk 
vor seinem Gebäude, das doch nur aus Ideen zusammengebracht und 
zusammengedacht war. 

Der Übergang zu seinen naturwissenschaftlichen Studien leitet 
— es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre! — die Astronomie ein. 
Es ist psychologisch nicht uninteressant, daran zu erinnern, dass 
auch Wilhelm Weitling in der Sternguckerei sich bis zur Resignation zu 
vergessen suchte. 

Hess hat seine Arbeiten in den Zeitschriften „Die Natur", die 
Ule und Müller herausgaben, und in Wigands „Jahrhundert" ver- 
öffentlicht. Sie behandeln die „Physische Beschaffenheit und Geschichte 
der Weltkörper", „Die Sonne und ihr Licht" u. a. Er ist jedenfalls 
mit grosser Energie an die Probleme herangetreten und hat weit- 
schichtige mathematische Studien betrieben. Mit gleichem Eifer pflegte 
er die Geologie; denn aus den Schichtungsgesetzen der Erde mussten 



XCI 

sich doch entschieden Analogieen mit den sozialen Schichtungen 
ergeben ! 

So ernsthaft er sich mühte, von der Philosophie freizukommen, 
sie trat ihm immer wieder in den Weg. Schon nach drei Jahren der 
naturwissenschaftlichen Arbeit fixierte er die Umrisse eines encyklo- 
padischen Sammelwerkes, in dem er seine „genetische Weltanschauung" 
entwickeln wollte durch Zusammenfassung der experimentellen Wissen- 
schaften unter dem Gesichtswinkel der Einheitphilosophie. Er hat 
für diesen Gedanken eifrig und lange geworben. In seinem Nachlass 
befinden sich eine Reihe von Briefentwürfen an Freunde, eine Menge 
„Überschriften im Unreinen" und ein stattlicher Band, in dem die 
Ergebnisse der Astronomie festgehalten werden. Diese Bearbeitung 
bildet auch den Grundstock seines späteren Werkes: „Die dynamische 
Stofflehre". 

Seine publizistische Tätigkeit, die er natürlich nie ganz unterbrach 
(— unterbrechen konnte — ) galt der Referierung wichtiger natur- 
wissenschaftlicher Arbeiten. Viele hundert Zettel seines Nachlasses 
sind mit Exzerpten aus allen möglichen Wissensgebieten beschrieben. 
In der „Revue philosophique et r^ligieuse'' suchte er dann auch wie 
ein Jahrzehnt vorher Heine in weiteren Kreisen der französischen 
Gebildeten ein Verständnis für deutsche Geistesarbeit zu schaffen. 
Deutschland ist für die Franzosen erst sehr spät — durch die Frau 
von Stael entdeckt worden, und mit der Kenntnis deutschen Lebens waren 
sie auch in der Folge immer um ein paar Jahrzehnte im Rückstand. So 
wies denn Hess auf die Bedeutung Hegels hin und ging dann in raschem 
Fluge über Feuerbach, Bauer und die Junghegelianer zu den freiheit- 
lichen Bestrebungen über, wobei er eine geistvolle Schilderung der 
Stimmung und der geistigen Grundlage der grossen Masse in Deutsch- 
land gibt. Deutschland steht auf einer Weltanschauung, die Goethe 
und Humboldt geschaffen, die ihrerseits ihre Meister in Spinoza und 
Newton hatten. 

Voller Finessen ist dann die Begründung, warum die Reaktion in 
Deutschland gerade die Naturwissenschaften hat entspriessen lassen. 
Er spricht von Büchner, dessen „Kraft und Stoff" damals eine Bildung- 
quelle der Deutschen war, wie dieses Werk ja auch heut noch die 
Elementargrammatik im rohen Atheismus unserer angehenden Sekundaner 
ist. Mit besonderer Liebe verweilt Hess dann bei Feuerbach. 

Feuerbach hat für die Schwenkung Hessens die Hauptanregung 
gegeben. Er hatte die Welt anthropologisiert. Aber Hess hatte bald 
erkannt, dass Feuerbachs „Wesen" des Menschen durchaus nur ein 



XCII ' ■ 

theologischer Begriff war und dass es gelten müsse, dieses „Wesen" 
im sozialen Milieu real zu erkennen. Nun aber lernte Hess einsehen, 
dass auch diese soziale Anthropologie noch nicht genüge und dass man 
— um zum Wesen des Menschen zu kommen — ihn erst einmal in 
seine realen Bestandteile zerlegen müsse. Die Erkenntnis des Menschen 
kann erst geschaffen werden durch die Anatomie und weiterhin durch 
die physische Anthropologie (Anthropologie nicht in dem alten Feuer- 
bachschen, sondern im modernen rassenanatomischen Sinne gefasst). 
Es war noch Neuland. Aber in rascher Folge mehrten sich die ana- 
tomischen, besonders die gehirnanatomischen Funde, und die Grund- 
lagen einer Ethnologie wurden damals gelegt. Grosse kraniologische 
Atlanten erschienen. Anthropologische Gesellschaften wurden gegründet. 
Praktische Fragen wie die Negeremanzipation gaben den akademischen 
Kämpfen der Polygenisten und Monogenisten einen Resonanzboden in 
der Öffentlichkeit. Die Anhänger der Lehre, dass die Rassen aus 
einer einheitlichen Menschenart durch Kreuzung und Milieu entstanden 
^eien, fochten mit denen, welche die Vielheit und ihre unbeeinflussbare 
Stabilität behaupteten. Hess beteiligte sich an diesen Kämpfen. Es 
war Polygenist in dem Sinne, dass die Verschiedenheit der Rassen 
das Ursprüngliche ist; aber er erweiterte diese Überzeugung dahin, dass 
die Verschiedenheit der ,, organischen" Rassen zur ,, sozialen" Einheit 
der Menschheit führen müsse. 

Und an diesem Punkte setzt seine neue Bewertung der Nationalitäten 
ein. Sie sind ein Faktum! Hatte er sie früher weggewischt in seinen 
Theorien, so erscheinen sie ihm jetzt als die realen Träger der 
Gedanken. Ihre Verschiedenheit ist gewissermassen ein Kunstgriff 
der Natur. Sie sollen bestimmte Qualitäten durch Inzucht und be- 
sondere Pflege hochzüchten und schliesslich durch den Austausch mit den 
Gütern der anderen Nationen und Rassen das grosse, friedliche Zu- 
sammenwirken der Menschheit schaffen. Jetzt konnte er auch nicht 
mehr von den „toten" Juden sprechen. Waren sie denn verknöchert? 
Sie lebten ja. Sie wirkten ja. Sie betätigten sich auf allen Gebieten 
menschlichen Geistes- und Wirtschaftlebens. Sie konnten nicht mehr 
aus dem System gewälzt werden. Es lag viel näher zu erforschen, 
warum sie noch existierten und warum sie noch — existieren mussten: 
„Rom und Jerusalem" war in der Keimesanlage fertig. 

Erschienen ist dieses Werk erst im Jahre 1862. Hess war 1860 
nach Köln zurückgekehrt, nachdem beim Regierungsantritt Wilhelms I. 
am 3. Januar 1861 eine allgemeine Amnestie für politische "Verbrecher 
erlassen worden war. 



XCTII 

Ins Jadontum war Hess schon länger zurückgekehrt. Wir haben 
seine Anschauungen der nur sozialistischen Periode kennen gelernt. 
So harte Worte er auch gegen sein Volk geschleudert hatte, wer 
feiner blicken konnte, übersah nicht, dass es eben nur Worte, doktri- 
näre Ableitungen, Anwendung der Zeitphilosopheme auf das Judentum 
und nicht zuletzt die Lehrmeinungen Feuerbachs waren, der das 
Christentum niederreissen wollte und darum die Axt gegen dessen 
Wurzel schwingen musste. Aber es war deutlich, dass die heisse, 
opferfreudige Liebe „für die grösseren Leiden des Proletariats" letzten 
Grundes nur Antrieb aus seiner jüdischen Rassenanlage heraus war, 
aus dem eingeborenen und vererbten Mosaismus, der ja nach Hess 
nur Sozialismus ist. Aber es war unbewusstes Judentum. Aus seinen 
Rassenstudien war ihm wieder die Judenheit entstanden. Und die 
Stimmungen und Regungen seines jüdischen Herzens, die er so lange 
gewaltsam niedergehalten — nicht indem er sie herausriss aus seiner 
Seele, sondern indem er sie abdämmte und abbog auf andere Interessen 
hin, sie nehmen nur in Reinheit und Gewalt ihren natürlichen Lauf: 
„Vor allem war es mein eigenes Volk, das jüdische, welches mich 
mehr und mehr zu fesseln anfing. Die Geister meiner un^^lücklichen 
Stammesgenossen, die mich in meiner Kindheit umschwebten, kamen 
wieder zum Vorschein und längst unterdrückte Gefühle liessen sich 
nicht mehr abweisen. Der Schmerz, der zur Zeit von Damaskus ein 
vorübergehender war, wurde jetzt vorherrschende Geistesrichtung. Nicht 
mehr suchte ich die Stimme meines jüdischen Gewissens zu unterdrücken, 
im Gegenteil ich verfolgte eifrig ihre Spuren." 

Man kann sich heut kaum noch eine Vorstellung machen von 
jener aufwühlenden Erregung, welche die Damaskusaifäre 1840 in 
der Judenheit machte. Aller Hass und das namenlose jüdische Elend 
sind der heutigen Judengeneration nach Xanten, Tisla-Eslar, Polna, 
Konitz, Kischinew und Homel fast zur abstumpfenden Selbstverständlich- 
keit geworden, wie ihren Ahnen im Mittelalter. Aber in den vierziger 
Jahren empfanden — zumal die westeuropäischen — Juden die Schmach 
von Damaskus wie einen Faustschlag ins Gesicht. Zwar waren sie 
noch nicht überall — von Frankreich abgesehen — zu gleichberechtigten 
Bürgern de iure geworden. Allein das praktische Leben hatte sie 
den anderen Staatsbürgern in der Tat gleichwertig gemacht. Sie 
nahmen an allen wirtschaftlichen und geistigen Arbeiten regen und 
tätigen Anteil und konnten in dem lieblichen Wahne leben, dass die 
Vergangenheit versunken und dass sie in aller Stille ihr Sondersein 
vergessen machen und in die Menschheit restlos untertauchen könnten. 



XCIV 



Da riss sie aus aller Assimilationsseligkeit die Brutalität von Damaskus, 
^m kurpfuschender Kapuziner, der Pater Thomaso, war verschwunden. 
Er musste wohl ermordet sein. Alles Suchen nach dem Täter war 
vergebens. Also wird er wohl ein Jude gewesen sein. Sechs Wochen 
vor Passah war Thomaso verschwunden. Man überlegte: die Juden 
können nicht früh genug mit der Beschaffung von Menschenblut für 
Ihre Osterkuchen beginnen. So wichtige Ingredienzen — ohne die 
ein anständiger Osterkuchen nicht leben kann — darf man nicht am 
letzten Tage besorgen. Denn Menschenblut ist nicht so feil wie 
Brombeeren. Aber die verstockten Juden wollten nichts gestehen. 
Jis war zwar so etwas wie das 19. Jahrhundert. Allein das Mittel- 
alter hat doch nicht vergeblich existiert. Sollten alle Kulturerrungen- 
schaften der „christlichen Liebe" vergessen sein? Das köstliche 
Gewaffen der Liebe: Daumenschrauben, spanische Stiefel, Gefängnis, 
Hunger, Folter und Hiebe auf die Sohlen - war es stumpf 
geworden. Diesen schmachvollen Glauben durften der französische 
Konsul Rati-Menton und seine Henkersknechte nicht aufkommen 
lassen: in maiorem dei gloriam. Wollte die zivilisierte Welt gegen 
die Greuel protestieren, die katholische Kirche sah ein, dass ihr 
mühselig zusammengefoltertes Renomm6 auf dem Spiele stand; und 
so war es Ehrenpflicht, das Blutmärchen bei guter Gesundheit zu 
erhalten. Sie hatte alles angewendet, um nicht der Treulosigkeit 
gegen den Gemütsadel der Inquisition bezichtigt zu werden. Und es ist 
eine Weile gelungen. Aber wie alles Erhabene in dieser traurigen 
VVelt, so hatte auch die Heldentat von Damaskus ihre Schattenseiten: 
die Juden rafften sich zur Verteidigung ihrer Ehre auf und gaben * 

ein kraftiges Zeichen ihres alten Nationalstolzes. Was Cremieux ** 

Montefiore, die Rotschilds, Fould getan, wird unvergessen bleiben! 
Davon weiss die Geschichte. 

Für die Stimmung der Stillen aber sprechen so manche Auf- \ 

Zeichnungen, die nicht zur pragmatischen Geschichte gehören, aber 
für die Zeitpsychologie bedeutsam sind. Man erinnere sich der Worte 
die der jugendliche Brausekopf Lassalle damals in sein Tagebuch 
schrieb (Donnerstag, 21. Mai 1840): „0, es ist schrecklich zu lesen, 
schrecklich zu hören, ohne dass die Nerven erstarren und sich alle 
Gefühle des Herzens in Wut verwandeln. Ein Volk, das dies 
erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung Wahr 
fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: „Die Juden 
dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen Parias 
der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können". Also 



1 



xcv 

sogar die Christen wundern sich über unser träges Blut, dass wir uns 
nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfelde, als auf der Tortur 
sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren Willen sich die 
Schweizer erhoben, grösser? Gab es je eine Revolution, welche 
gerechter wäre als die, wenn die Juden in jener Stadt aufständen, 
sie von allen Seiten anzündeten, den Pulverturm in die Luft sprengten 
und sich mit ihren Peinigern töteten? Feiges Volk, du verdienst 
kein besseres Los! Der getretene Wurm krümmt sich, du aber bückst 
dich nur tiefer! Du weisst nicht zu sterben, zu vernichten, du weisst 
nicht, was gerechte Rache heisst, du weisst nicht, dich mit deinen 
Feinden zu begraben und sie im Todeskampf noch zu zerfleischen! 
Du bist zum Knecht geboren!" 

In jenen Schreckenstagen tauchte auch wieder der Plan der Be- 
gründung eines Judenstaates auf. Diese Mahnrufe, die in Fürst's Zeit- 
schrift „Der Orient" wiedergegeben sind und auf die Heinrich Loewe 
von neuem die Aufmerksamkeit gelenkt hat, verhallten natürlich. So stark 
das Entsetzen auch bei den jüdischen Westlern war, für so weit aus- 
schauende Gedanken fehlte jeder Wurzelboden. 

In Hess schössen damals seine jüdisch-nationalen Instinkte auf. 
Der Sturmwind der erregten vierziger Jahre hat sie zwar zu Boden 
gedrückt. Und sie haben sich nur langsam wieder aufgereckt. Aber 
sie sind für Hess doch bezeichnend. Er erkannte schon damals den nur 
relativen Wert der Emanzipation, die durch Verleugnung jüdischen 
Stammestums zu teuer erkauft und gänzlich wertlos sei. Denn sie hat 
den Juden ihr nationales Rückgrat gebrochen und hat doch den Makel 
im Namen „Juden" nicht fortwischen können. Im Gegenteil: Die Art, 
wie die modernen Juden sich der Emanzipation „würdig" zu zeigen 
bestrebten, hat sie ungleich verächtlicher gemacht als sie je früher 
erschienen. „Nicht der alte, fromme Jude, der sich eher die Zunge 
ausreissen Hesse, als sie zur Verleugnung seiner Nationalität zu miss- 
brauchen; der moderne Jude ist der verächtliche, er, der gleich den 
deutschen Lumpen im Auslande, seine Nationalität verleugnet, weil die 
schwere Hand des Schicksals auf seiner Nation lastet." 

Seitdem in Hess die Liebe zum angestammten Volkstum alle 
Dämme niedergerissen und nicht mehr in künstlichen Wendungen, 
sondern in ihrem natürlichen Lauf starkwellig flutete, nahm er die Studien 
seiner Kindheit und Jünglingsjahre wieder auf. Im Kommunisten war 
ja der alte „Rabbi" auch nicht erstickt gewesen. Jetzt treibt er mit 
voller Bewusstheit und in der Absicht, seiner Liebe zum Judentum 
neue Schwungkraft zu geben, jüdische Studien. Die Bibel lockt ihn 



XCVI : 

wieder, und wundersame Gedanken, die er als letztes Ergebnis anderer 
Wissenschaften gefunden, sieht er darin in aller Reinheit und Ein- 
deutigkeit ausgesprochen. Auch die geheimnisvolle Welt des Sohar ent- 
schleiert sich ihm; ihm, der gegen die Mystik mit solcher Wucht Sturm 
gelaufen. Die Ethik des Talmuds erscheint ihm in neuer Beleuchtung. 
Und die jüdische Volks- und Geistesgeschichte tritt ihm jetzt entgegen 
aus den bibelkritischen Arbeiten der christlichen Theologen und vor 
allem Luzzattos, aus den genialen Leistungen Munks, der das wuchernde 
Gestrüpp herausgerissen und breite Pfade für das Verständnis der 
jüdischen Philosophen des Mittelalters geschlagen. Vor allem war es 
aber Grätzens in verinnerlichtem Sinne grossangelegtes jüdisches Ge- 
schichtswerk, das ihm mit seiner flammenden Beredsamkeit, dem leiden- 
schaftlich jüdisch-patriotischen Pathos, dem nationalen Stolz und Trotz 
neue Welten erschloss, in denen zu leben Lust und Weihe war. 

Die alten, ihm aus frühen Tagen vertrauten Laute der hebräischen 
Sprache weckten nun wieder tausend Seligkeiten in ihm. Ein süsser 
Duft quoll ihm aus den alten Gebeten wieder auf: „Das Echo von 
tausend Generationen, die sie täglich aus bedrängtem Herzen zum 
Himmel aufsteigen Hessen, klingt mir aus ihnen entgegen." 

Die totgesagte Sprache war wieder erstanden. Die Meister der 
jüdischen Wissenschaft Krochmal, Rappaport, Luzzatto gaben ihren 
jüdischen Gedanken die adäquate Form in der hebräischen Sprache. 
Zeitschriften, wie Schorrs Chaluz, Silbermanns Hamagid, erschienen 
hebräisch, und die Sprache strafte all diejenigen Lügen, die ihr 
senile Verknöcherung nachsagten. Sie war gelenkig und schmiegsam, 
graziös und kräftig zugleich, um sich in den Fechierkünsten des Geistes 
zu bewähren. 

Noch lag eine Eisdecke über der westlichen Judenheit. Allein hier 
und dort blickte doch schon schwarzer Humus durch. Und ein paar 
grüne Keimchen grüssten zum Himmel. Er gab also ein Leben unter 
der starren Kruste. Sie musste bald bersten. Die Zeichen mehrten 
sich Tag um Tag. Jüdische Wissenschaft war rüstig am Werke, und 
die jüdische Kunst trieb junge Zweige 

Konnte Hess schon den Pulsschlag jüdischen Lebens — schwach 
annoch wie nach schwerer Ohnmacht, aber doch voll Rhythmus — spüren, 
so wuchs ihm aus den Ereignissen des Tages gute Hoffnung auf. Der 
nationale Gedanke, noch in der Rohform des Nationalitätenprinzipes, 
bestimmte das Schicksal der Länder. Hess hatten die Rassenstudien 
die tieferen Zusammenhänge von Geschichte, Rasse und Nationalität 
aufgedeckt. Er war von einer anderen Richtung gekommen, um bei 
denselben Forderungen zu landen wie die leitenden Staatsmänner. 



— ^xcvir 

Napoleon der Erste war gewissennassen der Schöpfer des National- 
gedankens. Und die Hegelianer bezeichneten die Zustände, die er ge- 
schaffen, gern als die Antithese. Gerade die gewaltsame Nieder- 
werfung der Volksstämme und ihre Einzwängung unter gemeinsames 
Gesetz entband die latenten Volkskräfte. Die Heere, die gegen 
Napoleons Zwangsherrschaft organisiert wurden, waren nicht mehr die 
beruflichen Vollstrecker eines königlichen Willens. Der nationale 
Gedanke der Freiheit und der Eigenheit hatte sie geschaffen; und 
nationaler Geist hatte ihre Kraft zu dem wilden Enthusiasmus gesteigert, 
dem Napoleon erliegen musste. 

Wenn nach den grossen Befreiungkämpfen der ursprünglich 
wohl harmlosen heiligen Allianz mystisch-romantischer Verbrüderungs- 
rummel christlicher Liebe durch Metternichs Ränkespiel auch in eine 
krämerhaft kleinliche Knebelung aller nationalen und freiheit- 
lichen Regungen auslief; wenn auch Napoleon die bei seiner Rückkehr 
in Cannes gemachten Versicherungen, die Rechte der Völker unberührt 
zu lassen und die ganze Nation für die Staatsleitung heranzuziehen, nicht 
ausgeführt hat und wenn auch unter Ludwig XVIII die „weissen Jakobiner" 
die Hochroyalisten-Partei alle Errungenschaft der grossen Revolution 
wieder verschüttet hatten, es verschlug nichts. Das Volk war mündig 
geworden. Und es war kindliches Verkennen des Zeitenwandels, wenn 
durch Unterdrücken der Volksrechte versucht wurde, alte Zeitläufte 
wieder zurückzuführen, die für immer dahin waren. Selbst in den 
südromanischen Ländern war ein neuer Geist lebendig geworden, der 
sich schliesslich aller bewaffneten Macht gegenüber durchgesetzt hat. 

Vollzogen sich diese Kämpfe auch unter dem Zeichen der Ver- 
fassung, so blieben sie eine spezielle Anwendung der neuen, obzwar 
nicht formulierten Nationalideen. Die Staaten waren nicht mehr die 
Spielbälle in der Hand der Fürsten. Und die Volksindividualitäten 
anders geartet, wie der Tropfen am Eimer. Schon in den zwanziger 
Jahren rissen sich die südamerikanischen Staaten von ihrem spanischen 
Mutterlande los. Und langsam bereiteten sich die neuen Völkerschichtungen 
vor. Und sie mussten zu staatlicher Geschlossenheit und Einheit führen, die 
nicht mehr auf rohen Prinzipien und Machtgelüsten und glücklichen 
Heiraten aufgebaut war. Sondern auf einer kulturellen, historischen, 
sprachlichen und nativen Gemeinsamkeit. Während Österreichs buntes 
Völkergemisch durch die straffe Zentralleitung noch zusammengezwungen 
wurde und sich in das zwanzigste Jahrhundert in schönster Un- 
appetitlichkeit hineinwälzte, als wollte es der übrigen Menschheit die 
Unnatur antinationaler Staatsgebilde als warnendes Exempel vorhalten, 

VII 



XCVIII 

begann die nationale Zertrümmerung für Europa »uerst in der Türkei, 
die immer stärker zerbröckelte. Zuerst hatte sich Griechenland freige- 
macht. „Hier rangen — wie Gervinus*) schreibt — in glücklichem 
Zusammentreffen die physischen Volkskräfte einer verwilderten Nation 
mit den christlichen und humanistischen Sympathien von ganz Europa 
zusammen, um, wenn auch spät und verkümmert, doch einen Erfolg 
zu erringen gegen die Künste der Diplomatie ... die politische Schlaf- 
sucht zu brechen, die infolge der Erschöpfung nach den grossen früheren 
Bewegungen über dem Weltteile lag, dafür wirkte die griechische Sache 
das Wesentlichste mit. Sie übte auf die politischen Stimmungen, be- 
sonders in Frankreich, einen gewaltigen Einfluss. Ohne den durch 
sie veranlassten Aufschwung waren die Verordnungen von 1830 
schwerlich von jenen grossen Folgen. . . . Der Juliaufstand (1830) gab 
den Anstoss zu neuen Ereignissen, die Spanien verjüngten; veranlasste 
die Reform in England, er demokratisierte die Schweiz, er trennte 
Belgien von Holland, er stachelte Polen zur Empörung; selbst in 
Deutschland gelangen einige rasche Veränderungen. ... In Spanien 
regte sich der alte Stamraesgeist der baskischen Lande, in Italien der 
von Sizilien". Zwar spukte noch immer der weltbürgerliche Gedanke 
in den Köpfen philosophischer Männer und nicht zum wenigsten und 
vielleicht am längsten in Deutschland; aber ihre Träumereien verblichen 
an der Morgenröte der neuen Tage, die heraufzogen. Wenn Gervinus 
noch 1853 sagen konnte: Der Zukunft bleibt ein Rätsel gestellt, an 
dessen Lösung viele verzweifeln, so sollten ihm die kommenden Jahre 
Klarheit schaffen. Schon der Krimkrieg zeigte, dass die europäischen 
Grossmächte die russischen Ambitionen auf die Türkei nicht dulden 
wollten. Sebastopol fiel. Freilich die Türkei ging geschwächt aus dem 
Kampfe hervor. Es war aber nicht nur Interessenpolitik und die 
dunkle Macht der Diplomatie, wenn sich nun so grundlegende Wand- 
lungen auf der Balkanhalbinsel vollzogen. Hatten die Mächte auch 
ein Interesse, die Zerstückelung der Türkei anzubahnen, ohne Russland 
zu stärken, so wären ihre Absichten unmöglich geworden, wenn nicht 
die Sondernationalstrebungen der Rumänen und Serben einen praktischen 
Unterbau geschaffen hätten. Die Donaufiirstentümer Moldau und 
Walachei vereinigten sich zu einem Fürstentum Rumänien. In Serbien 
bekam die Nationalpartei die Oberhand. 

Allein so bedeutsam auch von prinzipieller Seite die Kämpfe weit 
hinten in der Türkei waren, ])raktiscli und gewissermassen zu einer 



O Einleitung in die Geschichte des 19. Jahrhunderts. Leipzig 1853. S. 154. 



xcix 

persönlichen Frage jedes Zeitgenossen wurden die Einlieitsbestrebungen 
in Italien. 

Italien ist das klassische Paradigma für die Kraft des National- 
gedankens, gegen den schliesslich der Witz der Diplomaten und die 
Gewalt grosser Armeen auf die Dauer eitel werden. 

Hatte einst Metternich Italien nur als einen geographischen Begriff 
bezeichnet, so hat der italienische Volkswille doch eine andere An- 
schauung durchgesetzt. Nach mannigfachen vergeblichen Versuchen 
mit unzulänglichen Mitteln schien dann die Revolution von 1848 
eine Wandlung zu bringen. Metternich war gestürzt, und Karl Albert 
(der Form nach nur Träger der piemontesischen Königskrone, aber die 
Seele der italischen Einheitbestrebungen) holte nun zum Schlage aus. 
Allein in der blutigen Schlacht bei Custozza wurde er niedergeworfen 
und bald darauf auch die zahlreichen Aufstände in Oberitalien und Sizilien. 
Die alte „Ordnung" wurde wieder hergestellt — so parodox es klingt: 
die österreichische Ordnung! 

Aber der Einheitwille war nicht niedergeschlagen. Er fand in 
Napoleon einen Förderer. Am 25. April 1859 rücken die Franzosen 
in Italien ein. Mochte ihr Kaiser sein Eingreifen nur als Mitarbeit an 
der Durchsetzung des Nationalitätenprinzips in die Welt hinausposaunen, 
es als einen der Vergangenheit Frankreichs schuldigen Befreiungakt 
hinstellen — ^Italien frei bis Adria!" — so begriff doch alle Welt, 
dass sich eine vollkommen neue Konstellation vorbereite, dass 
Tage von weltgeschichtlicher Bedeutung heraufziehen. Die aktuellste 
Frage war, wie sich Preussen zu den aufgeworfenen Problemen stellen 
würde. Es war das keine Angelegenheit, die nur in den Geheim- 
sitzungen der Ministerien behandelt wurde. Die ganze öffentliche 
Meinung in Preussen war aufgewühlt und nahm in endlosen, aufgeregten 
Debatten Stellung. Soll Preussen neutral bleiben oder soll es gegen 
Osterreich oder Frankreich aggressiv vorgehen? Das war die Frage. 
Wie die Ereignisse des nächsten Jahrzehnts zeigten — eine Lebens- 
frage für Preussen. Sein oder Nichtsein! 

Österreich warb mit Schmeichelworten um die Gunst der deutschen 
Kleinstaaterei: der Kampf um Italien liege in deutschem Interesse Und 
Frankreich peitschte durch bezahlte und freiwillige Agitatoren die öffent- 
liche Meinung gegen Österreich auf. In all den leidenschaftlichen 
Pronuntiamentis lag mehr oder weniger erkannt der Gegensatz von 
Kleindeutschen und Grossdeutschen. Aus dem wirren Stimmengesumme 
jener Tage hallt die Lassallesche Schrift „Der italienische Krieg und 
die Aufgabe Preussen'^ wie ein Posaunenschall. Die Schrift hat Lassalle 

vu* 



voll hinreissender Verve verfasst, „jede Nacht durchschreibend, aus 
Logik und Feuer ein Gewebe machend". Sie gipfelt in der Forderung: 
Krieg mit Napoleon, wenn er die den Österreichern abgejagte Beute 
für sich oder für seine Vettern behalten will. Aber nur dann!! 

„Wenn dieser Fall nun nicht eintritt, oder bis dahin? . . . Wenn 
Friedrich der Grosse auf dem preussischen Throne sässe, so kann 
wenig Zweifel sein, welche Politik er befolgen würde. Er würde er- 
kennen, das jetzt der Moment gekommen sei, den deutschen Einheits- 
bestrebungen endlich einen Ausdruck zu geben. Er würde erkennen, 
dass selbst jenes Kriegsgeschrei nur die in verkehrter Form sich 
äussernde Wirkung des deutschen Einheitstriebes, dieses zu allen Poren 
der Nation ausbrechenden nationalen Dranges ist. Er würde den 
Moment für den geeignetsten erachten, in Österreich einzurücken, das 
deutsche Kaisertum zu proklamieren und der habsburgischen Dynastie 
zu überlassen, ob und wie sie sich in ihren ausserdeutschen Ländern 
behaupten kann. ... Ja, noch einmal liegt die deutsche Kaiserkrone 
auf der Strasse. Aber . . . „es wäre unbillig, von jedermann zu ver- 
langen, dass er ein Friedrich der Grosse sei !" . . . Marx und Engels sind 
nicht ganz zu den gleichen Forderungen gekommen. Sie sehen in 
Napoleon den Erzfeind aller Demokratie, und dieser muss niederge- 
worfen werden. 

Auch Lassalle blieb in seiner bündigen Beweisführung natürlich 
nicht stehen bei rohnationalem Machtgelüste und der Selbstbeschränkung 
auf die Einheit Deutschlands als deutsches Kaisertum. Vielmehr sah 
er darin erst die Vorbedingung für den Sieg der Demokratie. Hier 
liegen denn auch die breiten Berührungflächen mit der nationalen 
Weltanschauung von Hess: ,,Da hinein — sagt Lassalle — werden 
sich alle demokratischen Fraktionen vereinen, dass dieser Begriff 
(Demokratie) auf einen allgemeinsten Ausdruck reduziert nichts anders 
bedeutet als: Autonomie, Selbstgesetzgebung des Volkes nach Innen. 
Woher aber sollte dieses Recht auf Autonomie nach Innen kommen, 
wenn ihm nicht zuvor die Rechte der Autonomie nach Aussen, auf 
freie vom Ausland unabhängige Selbstgestaltung eines Volkslebens 
vorausginge! Das Prinzip der freien, unabhängigen Nationa- 
litäten ist also die Basis und Quelle, die Mutter und Wurzel 
des Begriffes der Demokratie überhaupt! Die Demokratie 
kann nicht das Prinzip der Nationalitäten mit Füssen treten, ohne 
solbstmördcrisch die Hand an ihre eigene Existenz zu legen, ohne sich 
jeden Boden theoretischer Berechtigung zu entziehen, ohne sich grund- 
sätzlich und von Grund aus zu verraten". Und später der Kern- 






ci 

gedanke, bei Hess die Basis aller Argumentation: „Eine Demokratie, 
welche in der Freiheit, die sie für die eigene Nationalität fordert, 
nicht zugleich die unverbrüchliche Notwendigkeit erblickte, dieselbe 
Freiheit auch anderen Nationalitäten zukommen zu lassen, eine Demo- 
kratie, welche ihre Nationalität in dem finstern, barbarischen, mittel- 
alterlichen exklusiven Sinne auifasste, andere Nationalitäten erobern 
und beherrschen zu wollen, würde sehr bald selber die Beute eines in 
ihr „aufstehenden Eroberers," oder „glücklichen Soldaten" werden." 

Lassalle ist sich keinen Augenblick darüber im Zweifel, dass 
Napoleon selbstsüchtige Zwecke bei seinem Befreiungwerk in Italien 
leiten. Im Gegenteil: Lassalle mascht das ganze, so geschickt verknotete 
Gewebe der napoleonischen Politik auf. Aber er lässt sich nicht dazu 
verleiten, „die objektive Beschaffenheit der Sache" deshalb abzulehnen, 
weil die Motive nicht ganz reinliche sind. Die Nachwelt wird schon 
dafür sorgen, dass die Erbärmlichkeit der Beweggründe Napoleon jedes 
persönliche Verdienst rauben wird. 

Hess beurteilt Napoleon nicht anders. Aber das Eintreten Frank- 
reichs für Italien erscheint ihm doch in wesentlich hellerem Lichte als 
den damaligen Politikern. Hess hat nicht die geringste realpolitische 
Ader. Alles Geschehen vollzieht sich nicht aus zufälliger momentaner 
Konstellation. Sondern, nach einem bestimmten, vorgesehenen Plane, 
den die Bewusstheitlosigkeit der Menschen zwar über ein Weilchen 
hemmen und abbiegen kann, der sich aber doch durchsetzt. Und wenn 
Frankreich jetzt für Italien das Schwert beim Knaufe fasst, um der 
Freiheit eine Gasse zu schlagen, so folgt es einer inneren Stimme. 
Es bedient sich der kaiserlichen Diktatur zu völkerbefreienden Taten. 
Es ist Frankreichs Beruf in der Weltgeschichte, für den es alle 
Qualitäten erhalten hat, Begeisterungskraft, Temperament, soziales 
Empfinden, Freiheitsliebe und Tatwille, es ist sein Beruf, den nach 
Selbständigkeit ringenden Geschichtsvölkern freie Bahn zu ebnen. Denn 
nur so kann der Geist der grossen Revolution in die Menschheit 
dringen. 

In der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, die ihn früher geschreckt 
hatte, lernt er jetzt Notwendigkeiten kennen: Absichten im Schöpfer- 
plan; Voraussetzungen der Zukunft. Das „Allgemeine" ist nur philo- 
sophische Abstraktion, die um so gefährlicher ist, als sie den Dualismus 
zwischen Sein und Denken, zwischen Wesen und Gedachten nur mehr zer- 
klafft, anstatt ihn durch die Zielsetzung zu überwinden. „Wie die Natur 
keine allgemeinen Blumen und Früchte, keine allgemeinen Tiere 
und Pflanzen, sondern nur Pflanzen- und Tiertypen produziert, so der 



CII 

Schöpfer in der Geschichte nur Volks typen." Ihre Vielheit ist Natur- 
schöpfung. Und wenn Hess jetzt den Feuerbachischen Humanismus 
definieren will, so erscheint ihm der Mensch weder als mystisches 
Gattungwesen, noch als Sozialprodukt — sondern als Rassenglied. 
Nicht der abstrahierte und nicht der durch ökonomische Gesetze kon- 
struierte, sondern der Mensch, der in seiner Rasse wurzelt — er ist 
der Schöpfer der Dinge. Und jetzt kann Hess sagen: „Das Leben 
ist ein unmittelbares Produkt der Rasse, die ihre sozialen Institutionen 
nach ihren angeborenen Anlagen und Neigungen typisch gestaltet. Aus 
dieser ursprünglichen Lebensgestaltung entsteht die Lebensanschauung, j 

welche allerdings auf das Leben zurückwirkt, aber nur modifizierend, t 

nicht schöpferisch einwirkt und niemals fähig ist, den ursprünglichen 
Typus, der stets wieder hervorbricht, wesentlich umzugestalten." Und 
auf das Judentum gewendet lautet sein Gesetz, dass nicht die „Lehre", 
sondern die Rasse das Leben gestaltet: „Das patriarchalische 
Leben der jüdischen Stammväter ist vielmehr der schöpferische Grund i 

der Bibelreligion, welche nie etwas anderes war, als ein aus Familien- 
traditionen sich fortbildender nationaler Geschichtskultus." Damit aber 
muss Hess auch die marxistische Geschichtauffassung, diese genialste 
Einseitigkeit, zurückweisen. Auch die sozialen Lebenseinrichtungen 
sind wie die geistigen Lebensanschauungen^ typische und ursprüngliche 
Rassenschöpfungen. Hess weist den Klassenkämpfen eine starke Trieb- 
kraft für die geschichtliche Entwickelung zu. Aber sie sind sekundäre 
Erscheinung. Das Ursprüngliche ist der Rassenkampf. Und darum 
wird es Maxime bei Hess, dass eine erspriessliche Lösung der sozialen 
Frage erst erfolgen kann, wenn die Rassenfrage entschieden ist. So 
lange noch Völker an Rassenhochmut leiden und wie die Deutschen 
mit dem Betonen der Rasse zugleich Herrschafrgelüste verfolgen, die 
sich in der Unterdrückung anderer Völker und im Hass — wie dem 
Antisemitismus Luft schaffen, ist der Fortschritt geknebelt. Den Weg 
zum Fortschritt bricht erst die Erkenntnis, dass jede Rasse, deren 
Charaktere in einigen Völkern zu besonderer Reinheit und Höhe ent- 
wickelt werden, im Plane des Weltganzcn ihre „Mission", oder in 
unserer Sprache, ihren Zweck zu erfüllen hat. Mit der Durchführung 
dieses Gedankens hat Hess den Riff glücklich passiert, an dem die 
Rassenbiologen von Gobineau bis Ghamberlain so elend gestrandet sind. 
Sie haben die gesunde Rassenidee durch ihre Wertigkeitsetzungen 
lächerlich gemacht. Die zur Herrschaft bestimmte dolichokephale 
Edelrasse wirft das ganze System als konstruiert über den Haufen. 
Jedes Volk, jeder Mensch, jedes Mitglied der geschichtlichen 



I 



. cm 

Völker, hat seine Eisenhoit und seinen speziellen Beruf. Dringt diese 
Erkenntnis durch, dann ist der Friede und die geruhige Entwickelung 
der Menschheit gewährleistet. Denn dann muss es dahin kommen: 
„Je mehr ein Volk in seinem speziellen Berufsfache leistet, desto 
neidloser erkennt es die speziellen Leistungen anderer Völker an — 
desto unbefangener nimmt es von anderen auf, was ihm fehlt und was 
doch zum modernen Leben unentbehrlich ist." So muss denn Hess 
fordern, dass die verschiedenen Volkstypen wieder frei hervortreten 
und sich entwickeln können. Und dieses nationale Ausleben kann 
nur in einem freiheitlichen Sonderstaate seine höheren Zwecke erfüllen. 
Die Völker müssen diese Zwecke erfüllen. Wollen sie sich aber ab- 
schliessen und vollends einander ignorieren, so wäre ihre Nationalität nur 
Lüge und würde an dieser Lüge verrecken. Diese Gefahr kann aber Hess 
in den heutigen nationalen Bestrebungen nicht fürchten. Denn sie 
schliessen nicht nur die Humanität nicht aus, sondern haben sie zur 
Voraussetzung. „. . . Sie sind eine gesunde Reaktion, nicht gegen die 
humanitären Bestrebungen selbst, aber gegen deren Übergriffe und 
Entartungen, gegen die Nivellierungstendenzen der modernen Industrie 
und Zivilisation, welche ieden urkräftigen organischen Lebenstrieb durch 
einen unorganischen Mechanismus zu ertöten drohen." Diese Drohung 
muss man freilich als eine harmlose setzen, der die Tat niemals folgt 
— folgen könne. Denn sonst würde Hess von der marxistischen Ge- 
schichtsauffassung nicht eine Weltanschauung, sondern nur ein wackliger 
Stacketenzaun trennen, den schon ein sommerlicher Wind umwürfe. 
Aber Hess erholt sich bald von diesem Schrecken und findet den An- 
schluss an seine Leitmotive. Er dringt zu einer organologischen Auf- 
fassung der Volksdifferenzierung vor, wie Schaffte sie später für die 
Gesellschaft durchgeführt hat Sind ihm die Rassen und Völker Organe 
und Glieder des lebenden Menschheitorganismus, so müssen auch die 
embryologischen Tatsachen der Atrophie und rudimentären Entwickelung 
auf das Rassenleben anwendbar sein. Die Menschheit ist mit der 
französischen Revolution in ihre Blütezeit eingetreten. Nun kommt 
das selbständige Leben der Frucht. Da mögen die Kräfte mancher Völker, 
die für das fötale Sein notwendig waren, rückläufige Entwickelungen 
haben und absterben. In den Juden aber sieht Hess die schöpferischen 
Organe der Menschheit, die immer wieder neue Befruchtung bringen. 
Aber all diese Prozesse, die in komplizierten zeitlichen und räumlichen 
Beziehungen zu einander stehen, müssen nach dem vom Schöpfer vor- 
gezeichneten Plane zu einem Ziele führen: zur All-Einheit des 
Menschengeschlechtes. Diese aber ist kein unmittelbares Produkt des 



CIY 

organischen Lebens, sondern das letzte Erzeugnis des sozialen, geschicht- 
lichen Entwickelungprozesses; sie hat die Mannigfaltigkeit der ur- 
sprünglichen Volksstämme zur Voraussetzung, ihren Kampf zur Be- 
dingung, ihr harmonisches Zusammenwirken zum Ziele. So aufgefasst 
zerbröckelt der Wahn, der sich bei vielen eingenistet: dass die 
Nationalität nur eine Zwischenstufe auf dem Wege von Humanität 
zur Bestialität sei. Für Hess muss die Entwickelung auch über die 
Nationalität gehen; aber die Rohheit ist ihm der Ausgangszustand. 

Allein Hess kann bei der Betrachtung des Menschengeschlechts 
nicht stehen bleiben. Auch dieses kann nur begriffen werden im Zusammen- 
bang mit der ganzen Erscheinungsweit. Im kosmischen, organischen und 
sozialen Leben waltet nur ein Gesetz, das nicht mechanistisch aufge- 
fasst werden darf. Die Planmässigkeit der ganzen Welt und ihres 
Inhaltes setzt eine Inspiration, einen ewigen Schöpfer voraus, dessen 
Wesen nicht metaphysisch als ausserweltliche Macht — spiritualistisch 
und supranatural gedacht werden soll, sondern als Wesen, das im 
Sinne Spinozas — und des Judentums das Weltall beseelt und sich in 
dem selbstgesetzten Gesetz der Zweckmässigkeit immer von neuem 
offenbart, bis es sich in seinem Ziel, der Aufhebung alles Dualismus 
— in der Einheit — realisiert hat. Als Bindung von Hegel und 
Spinoza rettet er die Entwickelunggedanken durch eine Mischung 
von Pantheismus und Panentheismus als Verwirklichung des absoluten 
Geistes. Indem Hess dann die Analogie der triadischen Entwickelung 
in den drei Lebenssphären nachzuweisen sucht — nicht ohne manche 
erzwungene Deutung von naturwissenschaftlichen Tatsachen, die sich 
bald als falsch ergeben haben (so werden symbiotische Erscheinungen 
und der später aufgehellte Generationwechsel als Beweis für die 
generatio aequivoca genommen) — indem er also den Kreislauf des 
Lebens zu ergründen sucht, begreift er das Leben der Menschen- 
gesellschaft, wie es sich heute gibt, als einen Entwickelungzustand 
der Unreife. Die Rassen sind nur die höchsten Formen des organischen 
Lebens. Erst die soziale Epoche kann die freie und letzte Entfaltung 
der Menschen bringen, ohne dass dadurch aber die Wechselbeziehungen 
und Abhängigkeiten mit der kosmischen und organischen Sphäre 
schwänden! Selbst die höchstmögliche Entwickelung des Menschen 
löst ihn weder von der Rasse, noch vom kosmischen Milieu (Leben 
der Erde, der Sonne etc.). 

Aus der heutigen Unentwickeltheit der Menschen erklärt sich weiter- 
hin auch, dass Gelüste und Launen, Unvernunft und Unsittlichkeit noch 
die Macht über uns haben. Es sind Entwickelungkrankheiten. Heut 



cv 



können und sollen wir nach Sittlichkeit streben. „Nach vollendeter 
Ausbildung der Erkenntnis Gottes oder seines Gesetzes müssen wir 
sittlich leben. Diese sittliche Notwendigkeit ist die Heiligkeit". Denn 
sittlich frei ist nur dasjenige Wesen, welches mit Bewusstsein und 
Willen seiner Bestimmung gemäss lebt, dessen Wille mit dem Gesetz 
und Willen Gottes übereinstimmt". So landet Hess wieder, von 
einer anderen Richtung kommend, bei dem anarchistischen Idealzustand, 
den er zwanzig Jahre zuvor in der „Philosophie der Tat" zu begründen 
suchte. 

Die Weltauffassung — so muss man die Brücke schlagen — ist 
nicht seine unabhängig persönliche, seine individuelle. Er ist ein Jude, 
er trägt alle Rassen- und Nationalitätcharaktere der Juden an und in 
sich: seine Weltanschauung liegt also im Judentum eingebettet! 

In dieser Überzeugung tritt er nun an die Analyse des Judentums, 
seiner Geistesdenkmale, seiner Geschichte und seiner typischen Re- 
präsentanten heran und ist glücklich, seine Überzeugung als die rechte 
bestätigt zu linden. . . . 

Die Juden sind die höchste Ausprägung der semitischen Rasse 
wie die Hellenen die der indogermanischen Völkerfamilie. Die Hellenen 
haben das Sein, die sichtbare Natur in der Geschichte, das Individuum 
geadelt; die Juden suchten die Menschheit, das Weltprinzip — Gott — , 
suchen das Werden zu erkennen. Für die Hellenen liegt das goldene 
Zeitalter in der Vergangenheit; die Juden sehen die messianische 
Zeit in der Zukunft. Ihr Ideal ist die Entwickelung zur Einheit, die 
sie allein als Plan der Weltgeschichte erkannt haben. In ihnen lebte 
diese Idee zuerst und blieb dauernd leben. Gott hatte sich eben in 
ihnen mit seiner Planmässigkeit offenbart. Sie sind das auserwählte 
Volk. Und das Judentum ist Geschichtsreligion, Geschichtskultus im 
Gegensatz zum Naturkultus der Heiden. Die Juden setzten sich nicht 
in einen Gegensatz zur Natur — denn sie waren nicht spiritualistisch. 
Sie setzten sich der Natur auch nicht gleich — denn sie waren nicht 
materialistisch. Sie haben die rohe Materie geadelt, weil sie Natur, 
Welt und Mensch als die Offenbarung Gottes erkannten. Sie waren 
^diesseitige", beseelte Realisten. Das ist aber nicht ihr Verdienst. 
Es ist lediglich die Veranlagung, die Eigentümlichkeit ihres Genies, 
ihre Organisation (ihre Konstitution) — Rassenprädisposition. Und 
damit ist ihre Stellung in der Menschheit gegeben. Und ihr Beruf — 
ihre „Mission"! Bei der grossen Arbeitsverteilung ist den Juden die 
Aufgabe zugefallen, den Entwickelunggedanken, die Einheit des Alls, 
die Einsicht in die Gottesoffenbarungen, die sich immer deutlicher und 



cvi 

umfassender kund tun, die Hoffnung auf die Messiaszeit als die Zeit, 
da Gott auch von jedem Menschen bewusst erkannt wird, als die Zeit 
des Friedens, der selbstbeschränkten Freiheit, der Aufhebung der Willkür 
und Unsittlichkeit — diese ganze Weltanschauung zu verbreiten und 
für diese Erkenntnis gegen die Nochroheit der Menschen zu kämpfen. 
W^ahrlich, sie sind nicht „auf Rosen gebettet". Die Juden sind oft im 
Kampfe erlegen; sie sind schwach geworden und haben ihr stolzes 
Privilegium „durch tiefe Schiiiach" abbüssen müssen. 

Wollen die Juden aber ihre „Mission" erfüllen im modernen 
Völkerbunde, dann müssen sie erst wieder beginnen, sich selbst zu er- 
kennen. Denn die Erkenntnis ist in Hess' Auffassung schon das Seifl. 
Als Spinoza das Reich des Geistes als gegenwärtiges begriffen hatte, 
war es „also" mit Spinoza angebrochen! 

Die Juden sind eine Nationalität. Diese Tatsache muss erst 
wieder begriffen werden. So haben Spinoza und Mendelssohn die 
Judenheit aufgefasst. Erst die neuere Zeit hat in feiger Interessen- 
politik aus dem Judentum einen „Glauben" gemacht. Und docli ist 
niemals der Glaube, sondern das Forschen von den Juden gefordert 
worden. Nur so wird es verständlich, dass sich trotz der vielen be- 
deutenden Männer in unserer Gemeinschaft niemals haben Sekten bilden 
können. Sie war eben eine Volksgemeinde, innerhalb deren die ver- 
schiedensten Ansichten haben bestehen können; denn sie waren im 
Grunde nur die Andersformung der gleichen Rassen- und Volksanlagc. 
So prononziert diese aber auch ist, und so sehr sie sich in Rassen- 
kreuzungen durchsetzt und durch eine gesteigerte Akklimatisation- 
fähigkeit auch den Einwirkungen des Milieus standhält, mag es sich 
nun rein örtlich als veränderter Wohnsitz oder geistig als Taufe — 
Schmarotzerwohnsitz in einer anderen Konfession — geben: mit der 
nationalen Umgrenztheit war niemals ein Gegensatz zum humanitären 
und sozialen Leben verbunden. Die jüdische Nation musstc sich eben 
erhalten, damit der Gottesgedanke einen kraftvollen Träger und 
Verteidiger habe. Das Individuum sollte nicht zerdrückt werden; 
sondern seine Weihe und Auferstehung in der Nation finden. So tragen 
denn auch alle Gebete den Charakter der ,, Kollektivgebete". Die 
solidarische Verantwortlichkeit war stets Grundsatz. Und „nichts ist 
dem Geiste des Judentums fremder als das egoistische Seelenheil des 
isolierten Individuums, der Hauptgesichtspunkt der Religion nach 
modernen Vorstellungen". Eine atomistische Unsterblichkeit konnte 
es in der jüdischen Auffassung nicht geben, denn sie verneinte das Leben 
nicht, und Leben und Tod erschienen ihr von gleicher Giltigkeit: „Die 



cvn 

Ewigkeit Hingt nicht erst an, wenn wir gestorben; sie ist, wie Gott, stets 
gegenwartig. 

Alles geistige Leben ist im Volke, aus dem es herausgewachsen, 
verankert. Darum ist es unmöglich, das Religiöse vom Nationalen im 
Judentum zu trennen. Jeder Versuch muss scheitern, und die Absicht- 
lichkeit der „Reformer" stempelt derlei Versuche zum Verbrechen. 
Sie können nur die Gemeinden und die Geschlossenheit Israels zerreissen 
und Unklarheit schaffen, die zum Untertauchen in die „Notreligion'' 
führt. Und somit Israel der Menschheit rauben, der Menschheit aber die 
Erkenntnis der Gott-Einheit erschweren. 

Indem Hess die bewusste Scheidung vom Politischen und Religiösen Iq 
als missglückt erkennt, gewinnt er erst den Standpunkt für die Be- / 
urteilung der jüdischen Zeitfragen. In den sechziger Jahren des vorigen 
Säkulnra war die ursprüngliche Tendenz der Reformpartei ganz ver- 
gessen. Im Geschiclitleben sind Jahre und Jahrzehnte nicht als Zeit- 
masse giltig. Oft ist ein Jahrhundert nur wie ein Tag. Und ein 
Jahr wie ein Jahrhundert. Die aufgeregten Zeiten der vierziger und 
fünfziger Jahre, die Beteiligung der Judenheit am öffentlichen Leben, ihre 
aktive und passive Interessiertheit, haben äusserlich ihre ganze Gestalt 
verändert. Zudem kam, dass der völlige Indifferentismus gegenüber 
allen jüdischen Angelegenheiten notwendig Unkenntnis und Verständnis- 
losigkeit für die jüdischen Probleme zeitigen musste. Alle hielten sich 
für die Anhänger der „mosaischen Konfession". Und das Wunder hatte 
sich begeben, dass die Holdheimischen Reformideen — nicht durch 
Holdheims agitatorische Rührigkeit — sondern durch die Gunst oder Un- 
gunst der Zeiten bis tief in die Orthodoxie hinein gesiegt hatten. Denn 
auch in dieser Partei — ein Analogon zu der christlich-orthodoxen 
— war das nationale Segment des Judentums in der Versenkung ver- 
schwunden. Das Volk war nichts. Der Glaube alles. Das Priester- 
volk war im Priestertum vergeistigt und vergeistlicht. 

Holdheim, der einzig klare Kopf, den die modern-jüdische Reform- 
bewegung hervorgebracht hat, hatte zwanzig Jahre zuvor den clou schnell 
entdeckt. Die Fragen der bürgerlichen Gleichberechtigung lagen noch 
immer in der Schwebe. Das „Korporationsgesetz" drohte den Juden. Immer 
wieder wurde von den Verfechtern der Rechtlosigkeit den Juden ihre Natio- 
nalität vorgehalten, um dem instinktiven arischen Judenhass eine 
Scheinberechtigung für die Verweigerung bürgerlicher Gleichstellung 
zu geben. Die gescheiten Juden sagten einfach: Nun, schaffen wir die 
jüdische Nationalität ab und werden wir mosaischer Konfession! 
Holdheim sah aber ein, dass diese terminologische Umänderung blauer 



CVIII ■ — 

Dunst ist, den die Gegner durch eine müde Handbewegung fortfächeln 
würden. Darum ging er konsequent vor; und allem Biegen abhold 
wollte er systematisch alles Politische aus dem Judentum herausbrechen. 
Er hatte Recht: wenn dann noch etwas übrig blieb, so müsste es ein 
Konfessiönchen sein. In seiner „Autonomie der Rabbiner und das 
Prinzip der jüdischen Ehe" (1843) hat er das Problem durchgeführt. 
Und es ist ein schmerzlich köstliches Vergnügen, zu verfolgen, wie er 
auf der Braunschweiger Rabbinerversaramlung (1844) die wirren, von 
allerlei dunklen Regungen, „atavistischen" Empfindungen umherge- 
schleuderten Reformmännlein auf ihre schwachen Beinchen stellt und 
„an der Strippe" hält. In alle Konfusion fliegt dann immer wie ein 
Blitz sein Losungwort: National oder religiös. 

In der Negation konnten die Reformer Erkleckliches, im Positiven 
nur Klägliches leisten. Natürlich! Schon Heine amüsierte sich über 
die „orthografischen Gesänge" der Hamburger Templer. Und Hess 
wetterte gegen die theatralischen Vorstellungen, die „neuerfundenen 
Zeremonien und die abgestandene Schönrederei, die dem Judentum 
das letzte Mark aus den Knochen saugten und von dieser grossartigsten 
Erscheinung der Weltgeschichte nichts als den Schatten eines Skeletts 
übrig Hessen." Ein Greuel sind ihm „die Reformen, die jeder geistliche 
Stümper nach eigenem Muster zuschneidet und die schliesslich auf den 
inhaltslosen Nihilismus und die schrankenloseste Anarchie hinauslaufen, 
welche nur Verwüstungen in den jüdischen Gemütern anrichten und 
unsere jüngeren Generationen mehr und mehr dem Judentum ent- 
fremden". Dann zerpflückt er den Unsinn, das mosaische vom tal- 
mudischen Judentum trennen zu wollen, als ein Plagiat fremder Geistes- 
bestrebungen. Sie sind aus einem Geiste geflossen, der nicht weniger 
heilig wie bei Moses, bei den Soferim in der Zeit der Restauration 
nach der babylonischen Gefangenschaft war. „Jede Befreiung aus 
politisch-sozialer Knechtschaft ist zugleich eine geistige 
Befreiung und eine Befruchtung des nationalen Genius". 

Nicht mit gleicher Schroff'heit, aber entschieden genug weist Hess 
aber auch die Orthodoxie zurück. Freilich nicht jene alttraditionelle 
Treue zur jüdischen Vergangenheit, wie sie zumal den Juden der 
östlichen Länder eignet. Für sie hat Hess alle Liebe und Verehrung. 
Denn er weiss die Ganzheit dieser Juden, die nicht nur in Denken 
und Forschen, sondern auch in allen Lebensäusserungen keine Konzes- 
sionen machen, sehr wohl zu unterscheiden von jener dummen Neu- 
orthodoxie, die nichts gelernt hat und kein junges Reis mehr treiben 
kann: sie ist die „Umkehr in den alten kritiklosen Glauben, der bei 



cix 

ihr jedoch seinen naiven, wahrheitgetreuen Charakter eingebüsst hat. 
In ihrer Verzweiflung", aus dem Nihilismus herauszukommen, verharren 
sie im bewussten Widerspruch mit der Vernunft". Von dieser Konfession 
S. R. Hirschs trennt ihn eine ganze Welt. Ist ihm Judentum, als 
Geschiehtsreligion gefasst, die lebendige Überzeugung der immer- 
währenden und sich verdeutlichernden Offenbarung Gottes im All, so 
kann kein Frieden walten mit denen, die nur eine einmalige Offen- 
barung auf dem Sinai annehmen. Die zielstrebige, ewige Entwickelung 
- der Lebensgehalt des volkständigen Mosaismus — wäre damit ge- 
leugnet. Diese Neuorthodoxie ist auf fremdem Boden gewachsen. Sie 
ist ein Plagiat des supranaturalistischen Christentumes. Der Esel, der in 
das Lüwenfell der altjüdischen Formen geschlüpft ist. Mit dem 
Christentum aber, dessen unwahre Liebesduselei ihm früher die Sinne 
narkotisiert hatte, kann Hess jetzt mit freiem Kopf abrechnen. Es ist 
die Inschrift auf den Grabsteinen, die barbarische Gewalt auf die 
Nationen gewälzt. Seine welthistorische Bedeutung war, die Heiden- 
welt mit dem Geiste des Mosaismus zu erfüllen. Nun ist es aber 
seines Wesensgehaltes bar. Es hat den Dualismus von Lehre und 
Leben, von Liebe und Kanonen in die Welt gesetzt. Im Abfall vom 
Judentum hat es die Verachtung dieser Welt gelehrt und für das 
individuelle Seelenheil in sentimentaler Resignation den Trost auf ein 
mystisches Jenseits verabreicht. Dieser Trost war gratis zu haben. 
Wer ihn aber nicht mochte, für den standen ein paar Folt>*rblöcke der 
Liebe bereit. Ist das Christentum in seinem ursprünglich lauteren 
Gehalt nur jüdischer Messianismus und strebt es zum bewussten, d. h. 
heiligen, sittlichen Leben der Menschheit, so hofft es jetzt alles Heil 
und allen Adel erst im übersinnlichen Himmel. 

Auch das Judentum hat auf seiner schmerzenreichen Wanderung 
durch die Roheit der Völker manchen Flecken erhalten. Nicht nur 
blaue von den Hieben. Die Läuterung kann nur das Bewussthalten 
seines Wesens, das seine Mission ist, bringen. Die Menschheit macht 
jetzt einen entscheidenden Schritt in die soziale Lebenssphäre hinein. 
Es ist kein Zufall, dass an den Wendepunkten der Geschichte jüdische 
Männer auftreten, die im Nebel den rechten Pfad erleuchten. Die 
grossen Männer haben den Geschichtgang bestimmt. Aber Hess lässt 
die heroische Geschichtauffassung nur mit einer Einschränkung 
gelten: Nicht die grossen Männer an sich machen die Geschichte, 
deren Gesetzmässigkeit daher nur Konstruktion wäre, weil Menschen — 
nach H. Oncken — irrationale Grössen sind. Die grossen Männer sind 
Hess nur die Zusammenfassung der ihrer Rasse und ihrer Nationalität 



ex ■ 

eigenen Kräfte, die Zusammenfassung und die Potenzierung. Es 
mussten jüdische Heroen — Christus, Spinoza — an der Zeitenwende 
erscheinen, weil es die Mission des jüdischen Volkes ist, das Bewusst- 
sein der historischen Höher- und Weiterentwickelung zu verkörpern 
und daher diesen Fortschritt zum planraässigen Ziele zu leiten. 

Aber die Gegenwart sieht die jüdische Nation zerrissen und 
verirrt. Sie muss — will sie ihre Aufgabe erfüllen — wieder stark 
sein und geschlossen. Und muss wieder den eigenen Staat haben. Denn 
die staatliche Organisation ist die normale Lebensform und die zweck- 
dienlicliste der Nationalität „Bei den Juden noch mehr als bei 
Nationen, die auf ihrem eigenen Boden unterdrückt sind, muss die 
nationale Selbstständigkeit jedem politisch-sozialen Fortschritte voran- 
gehen. Ein gemeinsamer heimatlicher Boden ist für sie die erste 
Bedingung gesunderer Arbeitsverhältnisse. Der gesellige Mensch bedarf 
zu seinem Gedeihen und Fortkommen eines weiten, freien Bodens, 
ohne welchen er zum Schmarotzer herabsinkt, der sich nur auf Kosten 
fremder Produktionen ernähren kann." Nicht im Exil — nur in Palästina 
kann dieses Gemeinwesen erstehen. Alte historische Traditionen fesseln 
die Juden an diesen Flecken Erde. Sie haben ihn einst mit dem 
Schwerte erobert und mit dem Geiste von dieser Stätte aus die Welt. 
An der Scheide dreier Erdteile liegt es; und darinnen muss ein Volk 
leben, dass der Bindung ein Symbol ist und dessen Mission dahin drängt, 
die Güter der Bildung auszugleichen zum letzten Ziele der Menschen- 
brüderschaft hin. Die politische Konstellation scheint ihm für die 
Erlangung der Heimat recht günstig. Der Suez-Kanal, den die 
Franzosen jetzt bauen, macht ein Nachbarvolk wie die Juden nötig. 
Und die Franzosen werden nach dem inneren Gesetze ihrer welt- 
historischen Veranlagung: den Menschen die Gleichheit und Freiheit 
zu bringen, auch diesem gehetzten Volke die Kraft ihres Volkstums 
weihen. Drum muss sich Juda politisch-sozial an Frankreich, an 
Deutschland aber für das geistige Leben halten. Und es ist Hess' 
L'berzeugung, dass die Juden Garantieen für den Bestand ihrer Gemein- 
schaft von den massgebenden Völkern erstreben müssen und erhalten 
werden. Die Gleichberechtigung, welche die Juden als Menschen nicht 
vom Menschen erlangen konnten, wird das Volk vom Volke erreichen. 
Die praktische Durchführung seines Planes will Hess mit der 
Kolonisationarbeit in Palästina beginnen. Der Jude muss wieder 
Ackersmann werden. Nur seine Urhein)at wird ihn dazu machen. 
Im Exil kann er durch Reformen und philanthropische Bemühungen 
(„Verbreitung des Ackerbaues unter den prcussischen Juden") höchstens 



f 



CXI 

zur Abtrünnigkeit gebracht werden. Wir müssen zunächst trachten, 
der Jüdischen Arbeit im alten Lande den gleichen gesetzlichen Schutz 
zu srlintVen, den sie im Okzident besitzt. Und dann langsam, in steter 
Ausbreitung vorwärts. Der Orient muss erschlossen werden. Alle 
Völker arbeiten an diesem Werk. Die Juden werden dann zeigen 
müssen, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen sind. Aus kleinen Anfängen 
soll das Werk erstehen; und „es versteht sich übrigens ganz von sell)st, 
dass bei dieser Aufforderung zu jüdischen Niederlassungen im Orient 
nicht von einer allgemeinen Auswanderung der okzidentalen Juden nacii 
dem Lande der Väter die Rede sein kann. Selbst nach der Herstellung 
einen modernen jüdischen Staates werden ohne Zweifel die relativ 
wenigen Juden, welche die zivilisierten Länder des Okzidents bewohnen, 
meist dort bleiben, wo sie ansässig sind" Als den Stamm des jüdischen 
Staatswesens denkt Hess die grosse Masse der Juden östlicher ßarbaren- 
staaten. Der Druck wird die Stammesbrüder einen, und die Sehnsucht, 
die in ihnen lebendig wirkt, wird sie in die alte Heimat bringen. Und 
ein Abglanz ihrer Arbeit wird auch um die Juden des Auslands 
schillern. Auch ihnen wird der jüdische Staat zum Segen sein. 

Es werden gute Tage kommen. Aber es muss schon jetzt zum 
Ziele hingewirkt werden. Ohne Regeneration kein Volk. Überall 
muss der Renaissancegedanke verbreitet werden zu den vier Ecken 
der Erde. Das jüdische Volk muss erst das Bedürfnis seiner nationalen 
Wiedergeburt fühlen, um sie zu erlangen. „Bis dahin haben 
wir noch nicht an den Tempelbau, sondern nur daran zu denken, die 
Herzen unserer Brüder für ein Werk zu gewinnen, das der jüdischen 
Nation zum ewigen Ruhme, der ganzen Menschheit zum Heile gereichen 
wird.*' Die Kenntnis jüdischer Geschichte wird die Bahn freilegen; das 
Judentum braucht die Wissenschaft nicht zu fürchten. Ihr Fortschritt 
ist auch sein Fortschritt. Denn das Judentum zielt in die Zukunft. 
Auf drei Dingen beruht also die Gewissheit, die alte Heimstätte zu 
erwerben: Kolonisation des Landes; Agitation unter den Juden; Ge- 
winnung der Sympathie, des Schutzes der Mächte. 

Die Fragen nach der zukünftigen Gestaltung des jüdischen Lebens, 
des Opferkultes rückt Hess beiseite: heut sollte an altem Brauch 
und alter Satzung nicht gerüttelt werden. Dereinst aber wird 
ein Synhedrion gottbeseelter Männer die Fragen entscheiden und giltige 
Formen finden. Wichtiger dünkt ihm, der Zeichen regenerativer Kraft, 
die in unsern Tagen schon wirksam werde, zu achten. Seines Scharf- 
blickes Zeugnis kann es sein, dass er vor mehr als vierzig Jahren 
schon den tieferen Sinn und die nationale Bedeutung des Chassidismus 



cxii 

erfasst hatte. Noch Graetz hatte diese nach Millionen Getreuer 
zählende Bewegung mit der Engheit des Rationalismus als Verirrung 
verworfen. So stark in Graetz auch nationales Instinktleben flutete, 
ein Stückchen posenschen Aufklärertums steckte doch sein Füsschen 
heraus. Hess aber sah im Chassidismus die Verinnerlichung des 
jüdischen Geistes gegenüber der Werkeltagheiligkeit und den instinkt- 
mässig richtigen Übergang des mittelalterlichen in das regenerierte 
Judentum. Die nationale Bewegung sollte sich seiner bemächtigen! 
Hess hat Erkenntnisse vorgeahnt, wie sie ein liebevolleres Studium dieser 
merkwürdigen halbsozialistischen Welt gezeitigt hat. Der Chassidismus 
hat wieder die Freude in jüdischem Volkstum lebendig gemacht: Wein 
und Lieder. Er hat den dummen Sensualismus durch luftige Träume- 
reien verscheucht. Und ein wenig hellenischer Lust in die Trübheit 
der Ghetti gerettet. 

Der Lust zu leben und dem Stolz ein Jude zu sein — ihnen müssen 
neue Altäre gebaut werden in jüdischen Häusern. „So lange ein Jude 
Keine Nationalität verleugnen wird, weil er eben nicht die Selbstver- 
leugnung hat, seine Solidarität mit einem unglücklichen, verfolgten und 
verhöhnten Volke einzugestehen, muss seine falsche Stellung mit jedem 
Tage unerträglicher werden." Die Juden werden als Anomalie von allen 
Völkern empfunden. Die Emanzipation, die sie gewähren, gewährt 
nicht die Liebe, sondern ein totes Prinzip. Und um dieser Gnade 
willen sein Judentum verleugnen! Nein! Und dann ein kraftvolles 
Wort: „Wäre es war, dass die Emanzipation der Juden im Exil un- 
vereinbar sei mit der jüdischen Nationalität, so müsste der Jude die 
Emanzipation — der Nationalität zum Opfer bringen." Hess glaubt 
zwar nicht an solch Dilemma. Aber wenn es käme! — Hess war 
im Opferbringen und Märtyrertum geübt. ... 

Und was sind die kleinen Opfer gegen das grosse Ziel! Die 
Menschheit tritt aus ihrer paläontontologischcn Epoche in die Zeit 
der Reife. Die Tage des Messias sind nahe — die Zeugnisse 
mehren sich Tag um Tag. Und Israel hat seine Mission erfüllt: es 
hat den Völkern den nationalen Geschichtskult gebracht. Wie sieht 
doch diese Mission so anders in die Welt, als das auf Rabbinertagen 
ausgeklügelte, aus Feigheit und Unwahrheit geborene Missiönchcn. 
Hess hat dieser Lüge jedes Glied einzeln ausgerenkt und zerbrochen. 
Denn brächte nur noch dasMissiönchen den Juden die Existenzberechtigung, 
wahrlich: für den Fortbestand des Judentums gäbe es dann keinen 
„irgend nur haltbaren Grund." 

Allein Hess hatte den starken Glauben an jüdische Stammeskraft. 



i 



CXIII 

„Die jun^e Generation, die für alles Erhabene und Heilige empfanglich 
ist, wird sich den nationalen Bestrebungen mit Begeisterung anschliessen ; 
und hat einmal der frische Nachwuchs seine Triebkraft nach dieser 
Richtung hin genommen, so wird auch das dürre Holz sich mit den 
Blattern und Blüten Israels schmücken." 

. . . Ein Schwälblein schoss über ein schneebedecktes Land — und 
Hess sah den Lenz schon knospen. . . . 



Vill 



VIII. 

Mit den Ideen ists nicht so wie mit den Geschossen. Ihre 
Flugbahn ist ungleich komplizierter, und der Zeitpunkt, da sie ein- 
schlagen, lässt sich nicht ohne weiteres berechnen. „Rom und Jerusalem" 
ist erst in den neunziger Jahren wieder auferstanden, und gar manche 
Gedanken ragen noch in die Zukunft. Bei seinem Erscheinen hat 
es nach vielen gleichzeitigen Angaben sofort nur grosses Aufsehen 
gemacht. Es muss jenes Aufsehen gewesen sein, das die Schau- 
stellung eines fiinfbeinigen Kalbes in einem Wanderpanoptikum erregt. 
„Da will einer einen Judenstaat gründen!'* Die Sache war aber 
nicht einmal zum Lachen. Eher schon zum Weinen. Die Leute 
waren einfach starr. Und ein eigenes zeitpsychologisches Interesse 
gewinnt die vollkommene Ratlosigkeit der jüdischen Kritik jener 
Tage. Sie ist überrumpelt und stammelt erst vor sich hin, bis sie 
sich zu einer Gegenargumentation zusammenraffen kann. Freilich gab 
sich die Gedankenwelt Hessens nicht jedem leicht hin. So geistvoll 
auch die Beweisführung ist und so reich an überraschenden Beobachtungen, 
die ganze Anlage des Werkes schliesst doch die bündige Systematisierung 
aus. Das Werk zerfällt in drei Teile: Briefe, Epilog und Noten. 
Um in die Voraussetzungen seiner Weltanschauung einzudringen, 
empfiehlt es sich — es ist ein gut jüdisch Werk — von hinten an- 
zufangen. In den Epilogen sind die Leitmotive dargestellt. Die 
Briefe zerfasern schon durch die Form den Gedankengehalt in Aperpus, so 
dass es dem Werk an Geschlossenheit vollends gebricht. 

Allein diese mehr äusseren Schwierigkeiten verschwanden freilich 
gegen die frappierende Bestimmtheit, mit der Hess eine neue Welt 
vor seine Zeitgenossen hinstellte. Wie sehr sich Hess alter, lieber 
Freund Berthold Auerbach über so böse Gedanken entrüstet hat, die 
man doch sogar im verschlossenen Kämmerlein nicht laut äussern 
dürfe, berichtet Hess selbst. Er stand der feigen, verlogenen Halb- 
heit verständnislos gegenüber. 

Simon Szanto, der Herausgeber der Wiener „Neuzeit", der sonst 
nicht so leicht die Contenance verlor — er hatte sich im Kampf mit 
dem Leuchten der ungarischen Dunkelmännerei einen kecken Mut 
angeschafft — kommt doch auch dem Hesswerk gegenüber ins Schwanken. 
„Seit Wochen liegt uns das wunderliche Schriftchen vor, ohne dass 



cxr 

wir uns zu einer Besprechung anschicken konnten. Es ist eine neue 
Idee, die mit ihren Theorien viel zu spät kommt, es ist ein alter 
Gedanke, der mit seinen praktischen Forderungen viel zu früh kommt" 
Man merkt dieser Antithese ihre Selbstgefälligkeit an. Aber sie 
fliegt nicht gar so weit vom Ziele vorbei. Szanto verspricht, erst 
das Werk zu referieren und dann den kritischen Massstab anzulegen. 
Er bringt auch einen vielspaltigen Auszug — aber den kritischen 
Massstab scheint er verlegt zu haben. . . . 

In der Monatschrift für die Wissenschaft und Geschichte des 
Judentums wird das Werk sorgsam und liebevoll gewürdigt. Bezeichnend 
ist auch hier das Zugeständnis: dass man von dem Gedankengange 
zunächst überrascht wird und sich nicht leicht dareinfindet. Des- 
halb warnt der Referent ausdrücklich davor, „den Verfasser eine 
Stunde früher zu bekämpfen, eh man ihn — verstanden hat." Seine 
Ausstellungen beschränken sich auf einige strittige Fragen, ob der 
Gottesbegriff dem jüdischen Volke immanent sei oder sich in jahrtausend- 
langer Entwickelung erst herausgebildet habe. Hess selbst ist in späteren 
Arbeiten von seinem alten Standpunkt abgerückt und hat sich der 
letzten Anschauung angeschlossen. Auch über die Nationalität drückt 
sich der Referent spiralig aus. Freilich merkt man aus allem Winden 
und Drehen, wie wertvoll ihm der Nationalgedanke für die Weiter- 
entwickelung der religiösen Idee und des religiösen Lebens erscheint 
und welchen Stolz er in die bewährte jüdische Rasse setzt. „Es 
kann niemand leugnen, dass auch das religiöse Leben ein 
lebendigeres ist, wenn es zu seinem Träger eine ungebrochene 
Nationalität hat'' Balanzierend sucht dann der Referent — der 
M. zeichnet — die Leitsätze von Hess anzugreifen, dass das Judentum 
nur eine aus Familientraditionen entstandene Geschichtsreligion sei. 
Aber die Rasse will es gelten lassen. Denn die göttliche Offenbarung 
an Moses kann nicht ein Akt der Willkür sein, sondern der W^ahl. 
„Die göttliche Wahl wird sich wohl die geeignete Rasse, das geeignete 
Volk ausgewählt haben". Mit geradezu mustergiltiger Fürsichtigkeit 
umkreist aber der Referent die Judenstaatsforderung und weicht ihr 
durch eine geschickte Wendung im letzten Augenblick vor dem Zu- 
sammenprallen aus. Er gibt zwar zu, dass über die Bedeutung der 
Nationalität für die religiöse Weiterentwickelung zu reden wäre. 
Aber die Rasse hat sich doch auch im Exil bewährt. „Denn wenn 
sie an der Bibel auch nicht ein portatives Vaterland besass, so 
besass sie doch an ihr einen nie versiegenden Quell, aus dem sie 
die Kraft zu leben uud zu wirken sog'' 

vm 



CXVI 

Wenn auch nicht — so doch! Man könnte diese Floskel 
direkt als Motto für die Breslauer Rabbinerschule setzen... 

Immerhin lässt der Referent seine Sympathieen für die nationalen 
Forderungen von Hess sichtbar durchleuchten: „Das Ganze müssen 
wir jedenfalls nicht bloss als originell, sondern auch als nach vielen 
Seiten hin bedeutend und von jedem Standpunkte auch berücksichtigens- 
wert bezeichnen." Die Scheu, sich trotz aller inneren Wahlverwandt- 
schaft deutlich zu erklären, ist historisches Dokument — 1862! 

Es bleibt jeden Falles bemerkenswert, dass die „Kölnische Zeitung" 
in einem kurzen Hinweis auf die günstige Beurteilung des Werkes „von 
Breslau her" aufmerksam macht. 

Kurz und wenig erbaulich ist der Schächtakt, mit dem M. Kg. — 
wohl Meyer Kayserling ~ „Rom und Jerusalem" ins Jenseits spediert, 
vor dem Hess doch einen so grimmen Widerwillen hatte. „Das Buch 
ist a la Heine geschrieben, soll geistreich sein. Der Verfasser ist 
von der Reform unbefriedigt, der er selbst vollkommen fremd geworden 
ist; eine solche Prinzipienreiterei ekelt wirklich an". M. Kg. Die 
Besprechung erschien in der hebräischen Bibliographie Hamaskir (Bd. V). 
Ihr Herausgeber — M. Steinschneider — scheint aber durch das „ab- 
gekürzte Verfahren" nicht ganz befriedigt worden zu sein, und so fügt er 
eine Note an: „Orthodoxe und anscheinend orthodoxe Blätter (wie 
Hamagid) weisen mit Wohlgefallen auf diesen Baal-Teschubah (den 
Reumütigen) dessen Begriff, der angeblich uralten Synagoge und 
ihrer Zukunft die radikalsten Reformen bedingt. Es ist nur zu wünschen, 
dass man sich dem gegenüber nicht dieser Bücher gegen besonnene 
Bestrebungen für die traurigen Verhältnisse des Juden in Palästina 
bediene.'' Also der später so scharf betonte Standpunkt der Chowewe- 
Zion gegenüber dem national-politischen Zionismus! 

Einen ähnlichen Standpunkt wie Steinschneider nimmt auch Josef 
Lehmann in seinem so schicksalsreichen „Magazin für die Literatur" 
ein. Auch er ist für die Begründung von Kolonisationgesellschaften 
durch französische, englische und deutsche Juden, mit dem Ziele, 
jüdischen Auswanderern die Niederlassung im Lande ihrer Väter, in 
Palästina, möglich zu machen und für die Sicherheit und das 
Gedeihen dieser Niederlassungen Sorge zu tragen. „Es sind das 
Unternehmungen, die jeder Menschenfreund im Interesse der Zivilisation 
und Kultur des Orients unterstützen kann und wenn sich daraus ein 
neues Liberia befreiter jüdischer Heloten aus allen unzivilisierten 
Ländern der Erde gestaltet, dann um so besser." An Sympathieen für 
die Besiedlungidee Palästinas durch Juden hat es eben nicht gefehlt. 



I 



CXYII 

Sie blieben aber platonisch und mussten platonisch bleiben, so lange 
der nationale Antrieb und die nationale Tendenz fehlten. In dieser 
Richtung; kann aber Lehmann keine Zugeständnisse machen: „In ganz 
Europa sind die Juden unserer Zeit keine Orientalen mehr. Sie fühlen 
sich in Deutschland so sehr als Deutsche, dass sie auch die Partikular- 
gelüste der Deutschen teilen und hier gute Österreicher, dort gute 
Preussen, Sachsen und selbst gute Reuss-Greiz-Schleizer sind". An 
einem ernsteren Verständnis für die Gedankenwelt Hess' gebricht es 
Lehmann ganz. So paradox es klingt: er versinkt in seine Untiefe. 
Nur seine Kleinheit ermöglicht ihm das Untertauchen. Ein typischer 
Repräsentant des jüdischen Kleinbürgertums, das auch heut noch nicht 
ausgestorben ist, begreift er nur die Verbitterung wegen der Antipathieen 
gegen die Juden. Aber er vermag nicht zu erkennen, wie die anti- 
jüdischen Insulte nur ein ganz äusserer, äusserlicher Anlass für Hess' 
nationale Anschauung sind. Denn Hess ist nicht vom Antisemitismus, 
sondern von jüdischer Rassenartung ausgegangen. Und strebt nicht 
zur „Abwehr" des Judenhasses, sondern zur bewussten, freiheitlichen 
und gleichberechtigten, wenn auch nicht gleichgearteten Menschheit. 
Die Empfehlung der Schrift, die wie Lehmann gern zugiebt, das Werk 
eines charakterfesten und wissenschaftlichen Mannes ist, verfehlt aber 
ihren Zweck, wenn sie sich an alle diejenigen wendet, „denen es um 
die Beseitigung des letzten Unrechtes zu tun ist, das noch jemand — 
um seines Glaubens (1) willen zugefügt wird". Mehr Verständnislosig- 
keit kann man nicht gut verlangen! 

Mit ähnlichen Argumenten arbeitet auch der Referent M. K. aus 
Frankfurt, dessen Kritik den Jahrgang 1862 der Allgem. Zeitung des 
Judenturas schmückt. Ludwig Philippson, ihr Redakteur, bescheidet 
sich bei diesem Referat. Ursprünglich wollte er überhaupt keine 
Besprechung geben, weil, ja weil „zu viel angreifbare Sätze in dem 
Werke ständen!" Hess hat später in einem Brief an die „Archives 
israelites" und in den Noten zur „Religiösen Revolution im 19. Jahr- 
hundert" die Demaskierung von Philippson vorgenommen. Er ist ihm 
der Mann, der sich hütet, wo anders zu stehen — weder rückwärtig 
noch im Vorderplan — als das Publikum. Hess hätte sagen müssen: 
als sein Publikum. Dann wäre ihm der Typ Philippson zeitpsychologisch 
geworden! 

Die Besprechung ist in mannigfacher Beziehung von Interesse. 
Sie bringt das ganze Arsenal von Pappewaffen und ähnlichem Kinder- 
spielzeug, mit dem das „Halb und Halb" der mosaischen Konfession 
seit einem halben Jahrhundert dem jüdischen Volksgedanken Wunden, 



CXVIII 

sogar blutige!, hat schlagen — wollen. Nur in der Rassenfrage gibt 
der Referent nach. Er ist noch nicht aus der jüdischen Rasse ausge- 
treten und will unsere alte Kultur als nationale gelten lassen. Dagegen 
wendet er sich mit aller Schärfe gegen jede Ambition politisch-natio- 
nalen Charakters. ,, Wir sind vor allem erst Deutsche, Franzosen, Engländer 
und Amerikaner und dann erst Juden. Unsere Liebe und Verehrung 
für alles, was uns an unser Stamraland, an Palästina, erinnert, hat auch 
nichts mit einem Patriotismus gemein und nur den Wert und die Be- 
deutung, wie die Pietät zu urväterlichem Geräte, dem wir wohl in 
unseren modernen Prunkgemächern einen ehrenvollen Platz ein- 
räumen, ohne dass es uns in den Sinn käme, unser ganzes Leben mit 
diesen Erinnerungen in Einklang zu bringen." Dieser Mann mit den 
Prunkgemächern lehnt natürlich die Bedeutung Frankreichs für die 
Freiheit ab, hatte sich doch sein Schirmherr Philippson vor lauter Patrio- 
tismus geweigert, der AUiance israelite beizutreten! Etwas vorsichtiger 
spricht er sich schon über das Nationalitätenprinzip aus. Er ist ein 
teutscher ,iPatriot", und da muss man erstlich gegen die Franzosen, 
und dann darf man aber nicht gegen das Nationale schlechtweg sein. So 
scheint ihm das Recht der freien Nationalität nur denen zuzukommen, „die 
ihr Stammland nicht in Kämpfen verloren und nur ihrer staatlichen Herr- 
schaft und staatlichen Institutionen beraubt sind." Wie ganz anders 
liegen doch die Verhältnisse bei den Juden, die in der Zerstreuung 
und der Amalgamierung mit allen Kulturvölkern sich ihrem Staramland 
so entfremdet haben. ,,Wir bilden nunmehr (?) nur eine grosse religiöse 
Genossenschaft, vereint durch das Band eines gemeinsamen Glaubens, 
durch unsere historische Vergangenheit, unsere Literatur und gemein- 
same Sprache des Gebetes. Ein einheitliches Band wird aber in 
Wahrheit weder erstrebt, noch gewünscht." Übrigens eine Redefloskel, 
die auf dem Frankfurter Rabbinertag 1845 für die deutsche Judenheit 
entdeckt worden ist. Die auf die Heimkehr ins Ahnenland zielenden 
Gebete ^sind uns nur noch stereotype Formeln, welche wie mit einer 
malayischen Gebetmaschine abgebetet werden." Man kann jetzt 
verstehen, warum die nationalen Zukunfthoffnungen aus den Betbüchern 
herausgerissen worden. Wer will denn Malaye sein? Sehr bezeichnend 
ist auch die Parallele mit der Rückkehr aus dem ersten Exil. „Würde 
auch in unsern Tagen ein französischer Koresch ausrufen: „Wer unter 
euch seines Volkes ist — er ziehe hinauf", so würden, wie früher 
unter Esrah, nur wenige ihr liebgewordenes Vaterland verlassen, um 
auf Gräbern und Trümmern ein neues Vaterland zu gründen." Man braucht 
die sehr zutreffende Parallele nur weiterzuführen, um den Untergang der 



— CXIX 

Assimilationjudenheit zu erkennen. Durch den kleinen Stamm der 
Heimgekehrten ist das bedeutendste Kulturgut der Menschheit gerettet 
und ausgebaut worden, ward eine moderne welthistorische Entwickelung 
eingeleitet! A'onden jüdisch-babylonischen Krämerseelen — den Zurück- 
gebliebenen — haben sich nur ein paar — Rechnungen auf Ziegelsteinen, 
sonst keine Spuren in der Welt erhalten. 

Aber der Referent hat noch schlagendere Beweismittel zur Verfügung. 
Man kann die Gedanken von Hess nicht tot genug machen. Die Juden- 
staatgründung ist einfach eine Unmöglichkeit. Wie sollen der aristo- 
kratische Engländer, der demokratische Amerikaner und der frivole 
Franzose einen Staat bilden können?! Er setzt also einfach für den 
Juden Frankreichs und der anderen Länder die nationalen Eigenschaften 
der Franzosen in brutal-groben Verallgemeinerungen. Und dann muss 
das Exempel stimmen. Die Folge würden Kämpfe sein, von denen 
der Gegensatz aschkenasischer und sephardischer Juden schon heut 
einen bitteren Vorgeschmack gibt. Und weiter: Die Voraussetzung 
eines Heims in Palästina wäre doch die Erweckung des Orients durch 
die andern Nationen. Die Juden können keine Kultur bringen; 
sie stehen immer nur auf der geistigen Höhe der sie umgebenden 
Völker — sehr konsequent für die Leute, denen die Auserwähltheit 
der Judenheit eine so blamable Eigenschaft ist. Wahrlich ! Man kann 
die feige Selbstentmannung nicht weiter treiben. Es würde in diesem 
Gesamtbilde noch ein Farbenton fehlen, wenn der Referent nicht zum 
Schlüsse noch für die Besiedelung Palästinas und die Beförderung des 
Ackerbaues und der Industrie unter den dortigen Juden einträte — 
aber nun als Mittel, unseren orientalischen Brüdern Zufluchtort und 
einen Wirkungkreis anzuweisen. Auf die Juden der östlichen Länder 
aber dürfe man nicht rechnen, denn wenn sie erst so sehr zivilisiert 
sein werden wie die deutschen Juden, werden sie nicht mehr in 
Sehnsucht nach Jerusalem blicken. 

Der Referent der Allgem. Ztg. d. Judent. musste so weit zum 
Schlage ausheben, weil „keine Tendenzschrift in unserer Zeit so grosses 
Aufsehen gemacht hat." — 

Ungleich gehaltvoller ist die eingehende Besprechung des Szegediner 
Reformers Leopold Loew, die zuerst in seiner Zeitung Ben-Chananja 
(Bd. V) erschienen ist und später in seinen Gesammelten Schriften Bd. I 
neu abgedruckt wurde. 

Auch Loew ist überzeugt, dass „das merkwürdige, originelle, 
pikante, sehr anziehende Buch „Rom und Jerusalem" dank der lebendigen, 
oft hinreissenden Darstellung ungewöhnliches Aufsehen erregen werde; 



cxx 

und es wäre kein Wunder, wenn es die Herzen der jüngeren Leser 
und Leserinnen für die neue Messiaslehre gewinnen würde." Er macht 
darauf aufmerksam, dass schon im Jahre 1848 der sephardische Rabbi 
Alkaley in Semlin in zwei Schriften: Kol köre und Petach ke- 
Chuda schel Machat ein ähnliches Projekt wie Hess veröffentlicht 
habe und durch eine Reise nach London Moses Montefiore für die Idee 
zu gewinnen suchte. Prinzipiell weist Loew den Standpunkt einer Geschicht- 
auffassung zurück, die aus den geistigen Triebkräften der Rasse die 
Geschichtentwickelung herleitet. Nach der orthodoxen Auffassung müsse 
ein Messias kommen; überhaupt beweist die Geschichte, dass nur 
die grossen Männer den Fortschritt bringen. Mit diesem Argument 
trifft er Hess freilich nicht, der ja die Bedeutung der „Heroen" nicht 
leugnet, sie aber aus den in ihnen konzentrierten Rassenanlagen her- 
leitet. 

Aber dieses Moment rückt Loew bei Seite und stellt die Frage 
des Patriotismus in den Vordergrund. Er gibt sich jedenfalls die 
Mühe, diesen Patriotismus zu analysieren, und ihn nicht als ver- 
schwommene Phrase Hess an den Kopf zu werfen. Er gesteht zunächst 
zu — und belegt die Tatsache mit einer grossen Reihe interessanter 
Talmudstellen — dass die Liebe zur palästinischen Heimaterde von 
den Talmudisten gepflegt und durch den Hinweis auf die wundersamen 
Kräfte des Landes gefördert wurde. Allein „das Wesen des Patrio- 
tismus" liegt nicht in der Liebe zu den Bergen und Tälern, Fluren und 
Flössen des Vaterlandes. Loew meint, dass diese Tatsache von keinem 
Denkenden geleugnet werden könne. Er hätte sagen sollen, von keinem Ent- 
wurzelten. Er sagt es nicht: denn er ist ein Jude, selbst ein Entwurzelter! 
Patriotismus ist ihm vielmehr die Liebe zu den vaterländischen 
Institutionen, „insofern sie dem materiellen Wohle (—steht an erster 
Stelle! — ) dem Bildungsgrade, den Sitten und Gewohnheiten, dem 
Ehrgefühle und den geschichtlichen Erinnerungen der Bürger in mehr 
oder minder vollkommenem Masse entsprechen". Man sieht: in nuce 
die Psychologie des ungarischen Rabbiners, der in Deutschland deutsch- 
national ist, wenn die Institutionen ,,dem materialen Wohle entsprechen" 
und der von seinem „deutschen" Patriotismus aus dann die jüdisch-natio- 
nalen Gesinnunj^en denunziert. Freilich gehört „die patriotische Liebe 
nicht immer dem Geburtlande, vielmehr widmet sie sich, wie die 
Erfahrung lehrt, nicht selten mit aller Hingebung einem anderen 
Lande!!" Zutreffender ist nie vom modern-rabbinerischen Standpunkt 
der — Patriotismus definiert worden! Also nicht „die patria naturae 
oder loci, sondern die patria civitatis und iuris ist die Wiege des 



cxxi 

echten Patriotismus." Diese Institutionen können natürlich auch im 
Geiste vorweggenommen werden, so dass man Patriot ist für Institutionen, 
die erst errungen werden müssen. Und nun! ,, Welche Institutionen 
hat aber der Herr Verf. bei seinem palästinensischen Patriotismus im 
Auge? Worin wird die Umgestaltung bestehen, die sich Hess von der 
Kraft des schöpferischen Geistes des jüdischen Volkes verspricht?" 
Loew hat jetzt den armen Hess in die Enge getrieben. Hess kann 
nichts erwidern, frohlockt der Szegediner. Als ob nicht das ganze 
Werk nur den alleinigen Zweck hätte, die Juden für die letzte 
Institution der Menschheit — für die soziale Freiheit, die Gleichheit 
und das Glück — wie sie Moses und die Propheten gewollt, wieder 
zu kraftvollen Vorkämpfern zu adeln. Das aber sieht Loew vor lauter 
Gelehrsamkeit nicht. Auch die Grundbedingungen nationaler Existenz 
sucht er vergeblich bei den Juden: Das räumliche Substrat und die ge- 
meinsame Sprache. Eine gemeinsame Judensprache aber gibt es schon seit 
fast zweitausend Jahren nicht. Selbst die alten Lehrer haben die hebräische 
Sprache nicht aus patriotischen, sondern aus puristischen Gründen 
empfohlen, um der Sprachmengserei zu begegnen. „Da aber keine 
Spracheinheit erzielt werden kann, ist die ganze Wiedergeburt Israels 
ein eitles Phantasiewerk". So unglücklich weiterhin Loew trotz aller Breite 
gegen Hess polemisiert, weil er die Reformer einen Gegensatz der 
Bibel zum Talmud konstruieren lasse, so zutreffend ist der Vorwurf, 
dass Hess für die politisch-soziale Wiedergeburt den Anschluss an 
Frankreich, für die geistige den Anschluss an Deutschland empfiehlt. In 
dieser Form würde freilich die autochthone jüdische Nationalkraft nicht 
mehr schöpferisch, sondern gebunden erscheinen. Und diese Forderung 
würde einen wunden Punkt in Hess' Darlegungen markieren, wenn 
eben nicht seine ganze Weltanschauung diesen Satz als ein formelles 
Entgleisen charakterisierte. Nicht das Prinzip, sondern die ausser- 
lich-praktische Durchführung des Gründungplanes erzwingt den Anschluss 
an die Hauptrepräsentanten der Kulturvölker. 

Trotz Hessens grober Verstösse gegen den „Patriotismus" hofft 
Loew von dem „hochbegabten" Verfasser die Emanzipation von seiner 
exzentrischen Anschauung. Das ist gnädig; aber Hess war gar zu 
„verrannt'^ um die guten Erwartungen des Patrioten Loew zu erfüllen. 
Jedenfalls treibt Loew die für den Liberalismus typische „Toleranz" 
nicht so weit, Hess die Möglichkeit einer kritischen Kritik im Ben- 
Chananja abzuschneiden. Hess' Erwiderung ist entschieden. Aber 
massvoll. Sie zeigt den Gegensatz der Methode. Hess geht von den 
gegebenen Faktoren aus, studiert die Erscheinungformen, in denen 



CXXII • 

sich das jüdische Leben geäussert hat. Loew stützt sich auf Zitate, 
die er so wendet, dass sie seine Wahrheit beweisen können. Hess' 
Messiasglaube ist der altjüdische, wie er sich vor der Verängstigung 
durch die römischen Machthaber dargestellt hat. Will man den 
Patriotismus nur von der Liebe zu den Institutionen — auch zu den 
antizipiert<^n — herleiten, könnte es dann einen leidenschaftlicheren 
jüdischen Patriotismus und einen berechtigteren geben als seinen, der 
die Erlösung der Menschheit durch das regenerierte Judenvolk erwartet? 
Vom Volke erwartet er alles. Denn der Geist des Judentums — soll 
er nicht mystisch vernebeln — ist nur der Geist der Juden, der 
aktive Selbstoffenbarung ist. Auch die grossen Persönlichkeiten werden 
nicht ausbleiben, wenn aus dem Keim des Patriotismus und des Willens 
nach Wiedergeburt einmal in einem Volke erst Wurzeln spriessen. 
^Die Nationen, welche sich erheben, produzieren diese Persönlichkeiten; 
dieselben waren niemals die Schöpfer gewesen, sondern die Produkte 
einer gewissen Bewegung" Auch wegen der Sprache beruhigt Hess 
den Szegediner. Sie ist eine Schöpfung der Not, ein Zwang; und 
wenn sie anfangs noch fehlte, so kann sie kein Hemmnis gemeinsamen 
Strebens sein, wie vieler Völker Befreiungakte beweisen. Die Sprache 
muss schliesslich doch zu irgend einer Einheitlichkeit kommen. 

Es ehrt Loew, dass er trotz dieser deutlichen Atoraisierung seiner 
Zitatenbasis dem Gegner auch weiterhin sein Organ zur Verfügung 
stellt. Hess schreibt über den Gottesnamen und sucht — wovon er 
sich später freigemacht hat — die pluralische Form Elohim als 
Superlativum hinzustellen und somit die monotheistische Überzeugung 
der Juden schon für die frühesten Zeiten zu retten. 

Mit dieser Studie beginnen eine Reihe jüdischer Arbeiten, die 
nicht nur aus dem Zufallsgrunde der Übersiedelung Hess' nach Paris 
in französischer Sprache erschienen sind. In Deutschland verklebten 
die Vertreter der freien jüdischen Wissenschaft die Spalten ihrer 
Blüttlein, so dass kein Hauch vom Geiste Hessens hineindringen konnte. 
Gegen Abraham Geiger musste sich Hess darum in einem Flugblatt i i 

wehren. Geiger hatte anfänglich zu „Rom und Jerusalem" geschwiegen, 
aber doch seinen Freunden mitgeteilt, er werde dem tollen Spuk zu 
Leibe gehen. ,, Nächstens". Die Gedanken von Hess scheinen in 
dem totenruhigen, morastigen Teich der damaligen jüdischen „Öffentlich- 
keit" wie ein Stein hineingefallen zu sein, der Kreise zog und Wellen 
schuf. Allein Geiger ging im weiten Bogen um die gefährliche Broschüre 
herum; sogar in sehr weitem Bogen! Er gab in seiner Jüdischen 
Zeitschrift für Wissenschaft und Leben (Bd. 1), einen Aufsatz über „Alte 



— ■ CXX 11 

Romantik und neue Reaktion". Es sind treffliche Gedanken, die Geiger 
hier ausspricht. Die Romantik erscheint ilim als Abwehr gegen die 
triviale Popularisierungarbeit. Die Reaktion aber, die nur das Alte 
erhalten will, ist grämlich wie das Alter; sie ist nicht die Geburts- 
stätte einer neuen Zeit; sie ist das geöffnete Grab einer vergangenen. 
Tatsachen der Natur und Geschichte wendet sie ihr Interesse zu und 
lässt die Tatsachen des Geistes bei Seite. Geiger hat die Neuorthodoxie 
von Hirsch dabei im Auge: „Sie will zwar die nur in alter Volks- 
tümlichkeit wurzelnde sogenannte „religiöse" Absonderung nicht auf- 
geben, dennoch ist sie lüstern nach Emanzipation. Dem bürgerlichen 
Rechte nach will sie nicht im Golus leben. Die sog. religiösen Pflichten 
aber deduziert sie aus dem Lande Kanaan und aus der erhofften Rück- 
kehr dorthin" — alles niedliche, aber geschickt maskierte Denunzia- 
tiönchen. Und diese Orthodoxie muss sich auch, da in ihr von einem 
konsequenten Gedankengange keine Rede ist, „fein vorsichtig" vor 
Leuten wie Hess zurückzuziehen. Jetzt wird Hess nebenbei in 
einigen Zeilen abgetan. „Gleich den Sylphiden wagt Geiger ihn nur im 
Davonlaufen zu besudeln." Hess ist ein „fast ganz ausserhalb stehender, 
an Sozialismus und allerhand Schwindel bankerott Gewordener, der in 
Nationalismus machen will und neben der Frage über die Herstellung 
der czechischen, montenegrinischen und szeklerischen usw. Nationalität 
auch die der jüdischen Nationalität erwecken will." Das war stark. 
Schon die Anwendung des für einen ,, Seelsorger" übrigens meisterhaft 
gehandhabten Krämerdialektes, die Hess geschäftliche Motive unterschiebt, 
war eine schwere Versündigung gegen den idealen, opfermütigen 
Kämpfer. Aber rührend ist direkt die Parallelisierung der jüdischen 
Nation mit den anderen. Der geistige Vertreter des Judentums kann 
seine Nationalität nur mit der montenegrinischen, der szeklerischen 
vergleichen. Er japst ordentlich nach noch tiefer stehenden Volksgruppen. 
Und sein „usw." ist ein schmerzlicher Weheruf, dass ihm hinter der 
szeklerischen keine rohere, kleinere, schmutzigere mehr einfallen will, 
die er der jüdischen Nationalität an die Seite stellen könnte — : Baustein 
für die Naturgeschichte eines gewissen deutschen Rabbinertyps. 

Hess hat ihm ein paar Seiten gewidmet. Sachlich war mit Geiger 
nicht zu verhandeln. So entlarvte und entkleidete er denn den Pontifex, 
dass man vor der Nacktheit die Augen schliesst. — Geantwortet hat 
Geiger — scheints — nicht. Auch in den von seinem Sohn edierten 
Briefen wird unseres Hess nicht Erwähnung getan. Immerhin bleibt 
die Konsequenz Abraham Geigers doch anerkennenswert. Während 
die übrigen Besprecher die Abschlagzahlung der Kolonisation Palästinas 



CXXIV 

— theoretisch! — leisten" ►.wollen, hat sich Geiger später mit aller 
Entschiedenheit gegen solch böses Vorhaben ausgesprochen. 

Mit der Fürsichtigkeit, welche die Häupter der Neoorthodoxie dem 
Hessbuche gegenüber obwalten Hessen, hatte Geiger so ganz Unrecht 
nicht. Das Judentum des Samson Rafael Hirsch schwieg sich aus, 
obwohl Hess sich gerade mit Hirsch auseinandergesetzt hatte. Dagegen 
ergriff Lehmanns „Israelit" in lehrreichen Ausführungen das Wort. 
Zunächst konstatiert er mit schmunzelnder Genugtuung, dass Hess, der 
früher vom positiven Judentum und seinen Satzungen abgefallen war, 
wenigstens zu den Satzungen zurückgekehrt ist. Wie überhaupt 
„Rom und Jerusalem" ein Anzeichen dafür sei, dass „die gefährliche 
Krisis der Aufhebung der Lehre und der Abschaffung der Gesetze 
von ihrem Höhepunkt herabgestürzt ist." Freilich eine Überbrückung 
der Kluft, die Hess selbst schon mit seiner Wertung der Neoorthodoxie 
aufgedeckt hat, ist unmöglich. Hess musste seiner ganzen Anlage 
nach gegen die versteinerte, einmalige Offenbarung und gegen 
die ihm roh erscheinende Auffassung eines ausserweltlichen Gottes sein, 
der die ganze Welt am Schnürchen hält. Lehmann musste sich also 
dagegen wenden, dass das jüdische Volk als schöpferische Instanz in 
das Weltgefüge gestellt war: „Es ist der Geist, der sich sein Gefäss 
bildet, die Thora mit ihren Gesetzen und Verboten, mit ihren Be- 
stimmungen und Beschränkungen. Die Thora, die veredelnd und ab- 
sondernd der eigentliche Stempel des jüdischen Typus ist." Übersetzt man 
diesen Satz aus der mainzerischen Israelitsprache ins Hegeische, so hat 
man die absolute Idee, die alles schafft. Und weiterhin hat man dieVer- 
bindung der protestantischen Neoorthodoxie rechtshegelscher Observanz 
mit der jüdischen Neoorthodoxie. Oder historisch richtiger gefasst: 
Die Herleitung, eine Nebenquelle der Hirsch'schen Reform aus der 
starren Hegelei des Ministers v. Altenstein. 

Von der Prämisse des spiritualistischen Gottesbegriffes aus be- 
handelt Lehmann dann auch das Messiasproblem und die Heimkehr 
nach Palästina: „Die Erscheinung des Messias und die Rückkehr ins 
heilige Land sind daher nicht blos eine sach- und naturgemässe Ent- 
wickelung, sondern zugleich ein spontaner Akt des Allgewaltigen, 
dessen wir uns würdig machen sollen." Die Rückkehr ist zwar ein 
notwendiges Moment der Erlösung. Aber nicht das einzige! Und 
gewaltsam dürfen wir die Rückkehr überhaupt nicht erzwingen. 
Davon hatte aber Hess nicht gesprochen. Im G«'genteil; all seine 
praktischen Forderungen wollen die langsame, ganz allmähliche und 
friedliche Besiedelung. Man musste nun erwarten, dass Lehmann 






cxxv 

darauf hinweist und seine Sympathieen für den Hess'schen Weg wenigstens 
beteuert und zur Mitarbeit auffordert. Allein er resigniert: Gewaltsam 
dürfen wir nicht die Heimat erwerben. „Und friedlich werden wir 
wohl nicht zurückkehren können, bis der Einig-Einzige uns den lang- 
und heissersehnten Erlöser sendet." So ist also wieder die gefährliche 
Stelle passiert; und man kann getreulich sein ganzes Judentum in der 
pünktlichen Erfüllung der Q 'j'"! ausleben Im Übrigen hat Lehmann gegen 
die Kolonisation des heiligen Landes natürlich auch nichts einzuwenden. 

Der einzige, der es wagte, offen Partei für Hess zu ergreifen, war 
der Elsässer Alexandre Weill, ein begeisterter Jude. Ein freier Luft- 
hauch zieht durch seine Studie. Die feige Scheu der Juden, sich ein- 
mal recht mit den Christen und den Vertretern ihrer Wissenschaft 
auseinanderzusetzen, hat er abgeworfen. Er geht ihren Philosophen 
hart an den Leib, die — nachdem sie sich an den Brüsten des Juden- 
tums vollgesogen, nachdem sie aus jüdischem Schrifttum gelernt, was 
Menschenliebe, was Arbeit, was soziale Gerechtigkeit ist, — ihre geistige 
Nährmutter durch den Kehricht der Gassen zerren. 

Mit flammenden Worten brandmarkt Weill die erbärmliche Kriecherei, 
die sich von aller Stammesart fortdrückt um der Emanzipation wegen. 
Nicht die Verleugnung ihrer Nationalität, sondern ihr Menschentum 
kann den Juden den Mut geben, die Menschenrechte zu fordern. Ob aber 
das Herausarbeiten des nationalen Gedankens schon genügt, die staat- 
liche Einheit zu erlangen, bezweifelt WeilL Erst die Befreiung von 
den Schlacken des Talmud und den rein örtlichen Satzungen kann 
dem Judentum seinen Ewigkeitstempel wiedergeben. Die Hoffnung 
auf Frankreich, das den unterdrückten Völkern die Freiheit zu bringen 
durch seine Volksanlage gezwungen sei, kann Weill nicht teilen. 
Frankreich geht nicht vorwärts. Soll Europa den Juden Gerechtigkeit 
widerfahren lassen, dann müssen die Juden selbst ihre virtuelle Natio- 
nalität bestätigen und beweisen durch unsterbliche, nationale Werke. 
Nicht Millionäre, sondern die Daniels und die Esras werden uns 
erlösen! 

Geht auch Weill nicht in allen Punkten mit Hess konform, spiri- 
tualisiert er auch den Nationalbegriff zu sehr, so bringt er ihm doch 
jenes Verständnis entgegen, das nur Bekennermut aufkeimen lässt. 
Weill schliesst mit dem Wunsche, dass das W^erk durch eine Über- 
tragung auch den Franzosen zugänglich gemacht werde. 

Von den nichtjüdischen Besprechungen kommt nur das eingehende 
Referat von Michel et in Betracht Die Bemerkungen von Carl Hirsch 
im „Armen Konrad" verdienen keine Würdigung. Es sind die 



CXXVI — 

Interjektionen eines sozialistischen Wald- und Wiesenagitators. Hess 
solle später selbst das Unmögliche und Zeitwidrige seiner Idee einge- 
sehen haben; zudem habe ihm nichts ferner gelegen, als die jüdische 
Religion zu verteidigen. Denn über religiöse Vorstellungen sei er trotz 
seiner ihm von den Lehrern beigebrachten idealistischen d. h. ver- 
kehrten Auffassung der Welt, hinweggekommen und habe ihre historische 
Berechtigung nur insoweit anerkannt — als sie auf dem Aussterbeetat 
stünde. Gewiss kämpfte Hess gegen den Supranaturalismus, aber er 
war eine tief religiöse Natur, ein Getreuer der jüdischen Religion; der 
Religion der Menschen und des gottbewussten Erdenlebens. 

Mit dem ganzen wissenschaftlichen Apparat ging Michelet an die 
Kritik des Werkes heran. Hess war auf Michelets Vorschlag in 
der Sitzung vom 28. Dezember 1861 zum auswärtigen Mitglied der 
„Berliner philosophischen Gesellschaft" ernannt worden und hatte sich 
auch durch Mitteilungen über die Einwurzelung der Hegeischen Gedanken- 
welt in Frankreich an den Arbeiten der Gesellschaft beteiligt. Michelets 
Referat erschien im 4. Bande der Zeitschrift: „Der Gedanke", des 
Organs der Gesellschaft. Die Nationalitätenfrage war in jenen Jahren 
auch von den Hegelianern eifrig diskutiert worden. Sie wollten ja 
nachweisen, dass alle Möglichkeiten schon im ,, System" implizite 
enthalten seien. Denn Hegel war ihnen nicht ein — sondern der 
Philosoph. Die Debatten, die durch viele Wochen gingen und alle 
Köpfe der Gesellschaft zur Stellungnahme zwangen — auch Lassalle 
hat sich eifrig an ihnen beteiligt — hatten die Nationalitätskämpfe in 
ItMÜen zum Vorwurf und drehten sich um die Frage, ob die Nation 
ein Naturprodukt sei und wie weit die eine sich durch die Energie der 
eigenen ,, Selbstrealisierung" über die anderen erheben könne. Zur 
Herrschaft sei nur die Nation berufen, die als Eigenschaft (als „natür- 
liches Prinzip") dasjenige Moment der Idee, des Weltgeistes besitze, das 
gerade seine „Stufe" habe. Hess hat in diese Debatte eingegriffen, die 
wegen der barocken Form für unsern Geschmack nicht ohne komische 
Wirkung ist. Anstatt sich zu mühen, das Nationalitätenprinzip in das 
Fachwerk der Hegeischen Philosophie einzuklemmen, legt er ihre Be- 
grenztheit bloss. Hegel klebt am christlich-germanischen Element, miss- 
achtf't die Berechtigung aller welthistorischen Rassen und vermag nicht 
zu einem allumspannenden Monismus vorzudringen, weil er die Natur- 
wissenschaften bei Seite lässt. Erst das Einschliessen des kosmischen 
und organischen Lebens und der sozialen Stufe, die ihre Basis in den 
Nationalitäten hat, könnte das Weltganzo systemisieren. (Das waren 
recht ketzerische Ansichten.) Aber der Pontifex maximus der starren 



— CXXVII 

Hegelei, Michelet, drückte sein Jupiterauge gnädig zu. Und liess 
Milde walten gegen Hess, den er übrigens gerade wegen seiner auch 
die Erfahrungwissenschaften in die genetische Philosophie hinein- 
ziehenden Richtung gern gegen die materialistischen Feinde des Hegel- 
tums ausspielte. 

Michelet untersucht das Hessbuch nach zwei Seiten, nach den 
theoretischen Voraussetzungen und den praktischen Konsequenzen, nach- 
dem er als Gesamteindruck festhält: es ist „ein merkwürdiges, ja ein 
interessantes und, wenn man will, wichtiges Buch". Er gibt gern zu, 
dass die Juden ein Recht und vielleicht die Aussicht haben, ihre 
Nationalität in einem selbständigen Staate in Palästina wiederherzu- 
stellen. Aber er leugnet ganz entschieden, dass dieser restaurierte 
„Hebräerstaat" oder einzelne erleuchtete Juden die Erreichung des Zieles 
der Weltgeschichte ausschliesslich oder auch nur vorzugsweise als ihren 
Beruf in Anspruch nehmen dürfen und den Abschluss der letzten Welt- 
epoche herbeiführen werden. Wenn sie sich — schon wegen ihres zwei- 
tausendjährigen Zusammenlebens mit arischen Völkern — sicherlich auch 
auf Europas kultureller Höhe behaupten werden, so wäre es doch ein 
exorbitantes Vorrecht der Juden, zweimal welthistorisch zu sein, ,,denn 
das ist noch keinem Volke geglückt." Ohne jede Unterlage scheint 
ihm die Behauptung von Hess, dass das Judentum die positive Einheit 
des individuellen Lebens mit dem „Absoluten" begünstige, da es ja 
die unendliche Freiheit der Einzelnen in der selbstlosen Anschmiedung 
an die Familie und den Stamm aufhebe. Wo sollten also die Keime 
wahrhaft sozialen Lebens im Judentum gefunden werden, da der 
„Verein" als freier von Freien und ihrer unendlichen Freiheit sich 
bewussten Personen geschlossen sein soll?! Das Judentum sei spezifisch 
national im Sinne der Absonderung. „Die absolute Durchdringung des 
substanziellen, allgemeinen Lebens mit dem individuellen ist nur das 
letzte Resultat der das Christentum erfüllenden und abschliessenden 
Religion der Humanität". Das Judentum lehre die Transzendenz Gottes 
— darüber komme man eben nicht hinweg. Durch den Menschensolm 
sei sie in etwas zwar zerbrochen. Aber Spinoza hat von den Juden 
leiden müssen, weil er die Liebe der Menschen zu Gott als die 
intellektuelle Liebe Gottes, mit der Gott sich selbst im Menschen liebe, 
gedeutet hat. In der Tat muss man zugeben, dass Hess die Immanenz 
Gottes in der Welt widersprechend behandelt hat; in der Form: denn 
in seinem System hat der ausserweltliche Schöpfer keinen Raum. 
Aber im Einzelnen redet doch Michelet an Hess vorbei. Hess hat im 
Mosaismus die Keime der späteren Geschichtentwickelung gefunden, 



cxxvm 

derenVesentlichster Grundzug der soziale Charakter ist. Die „unendlich 
freie Persönlichkeit" hatte er nur aller Willkür möglichkeit entkleidet, 
weil der am Ende der letzten Geschichtepoche vollkommen gotterfüllte 
Mensch (in dem Gott ins Bewusstsein eingedrungen ist und sich 
aufgelöst hat) so leben muss, weil er nicht anders leben will, dass sein 
Leben die Kreise der anderen Menschen nicht nur nicht stört, sondern sich 
in ihnen auslebt, wie sich das Leben der andern in seinem Kreise auslebt. 
Für dieses Sozialleben, das Wirklichkeit werden wird, hat das Judentum 
den Grund gelegt; und weil es allein das Bewusstsein des Endzieles hat, 
muss es auch dieses Endziel vorbereiten! Damit aber verschwindet 
das Christentum aus aller Zukunftrechnung, jenes Christentum, das 
sich vom Judentum abgetrennt hat und nicht mehr den Messianismus 
des jüdischen Volkes darstellt. Denn das Christentum sieht die Er- 
füllung des Weltreiches transzendental — im Himmel. Hess ist es 
aber nicht um das „Absolute" zu tun; darüber ist er seit fast zwei 
Dezennien hinausgeschritten. Er will die soziale, glückliche, gott- 
bewusste Menschheit hienieden. So stellt sich die Hesssche Weltan- 
schauung dar; und ihr gegenüber — die in den Propheten bereits an- 
gedeutet ist — verschlagen Tatsachen, wie die Härte gegen eroberte 
Städte, Wucher gegen Fremde nichts. Es waren Entwickelungstadien 
in annoch rohen Epochen; zeitlich und lokal bedingte Massregeln, die nichts 
gegen die Zukunfthoffnungen Israels sagen, für die es dulden muss und 
um derentwillen es den Sturm der Zeiten überdauert hat und über- 
dauern muss. 

Hess selbst hat sich gegen Michelets Einwände nicht gewehrt. 
Aber sie lassen sich aus seinem „Rom und Jerusalem'* widerlegen. 
Volle Sympathie aber hat Michelet für den Rückkehrgedanken — 
sofern von der Idee der Wiederaufnahme der welthistorischen Arbeit 
durch die Juden abgesehen wird. Er hat freilich seine Zweifel, ob die 
reichen Juden mitmachen und ein „gutes Geschäft" wittern werden 
und ob Rothschild nicht lieber der Jude der Könige, als der König 
der Juden sein wolle. (Wie trivial doch auch „reine" Philosophen 
werden können, wenn sie sich entkleiden!) 

Noch eines: das Grabmal Christi — meint Michelet — bliebe jedesfalls 
immer eine unangenehme Erinnerung. Allein trotz alledem: „wir 
können nur von ganzem Herzen diesem Plane beistimmen und wünschen, 
dass recht viele „Jüdische Herzen" sich zu diesem Lebensberuf bereit 
finden mögen. Der Ackerbau ist nach Steffens das noch nicht ganz 
verlorene Paradies. Und so würden die Juden in einem jüdischen 
Staate mit Jerusalem als Hauptstadt sich im Vereine mit allen übrigen 



CXXIX 

Völkern auf die messianische Zeit, die wir ja alle erwarten, auf die 
Lösung der ungeheuren Krise, in die sich Europa immer tiefer hinein- 
wühlt, in aller Ruhe und Gemächlichkeit vorbereiten können. Sie 
würden den Druck los, der in einigen Ländern Europas noch immer 
nicht ganz von ihnen genommen ist: — und Europa mit der Erinnerung 
an den Vorwurf seines Unrechts, die Bürde, welche das Verwachsen- 
sein mit einer fremdartigen Nationalität, die sich eben nicht aufgeben will, 
immer im Gefolge hat/' In Hess' Argumentation war freilich das 
momentane Elend kein Faktor. Aber er war eine zu menschenliebende 
Seele, um nicht in seinem Judenstaat des hohen Berufes auch die 
schnellste Befreiung vom Judenleide zu erblicken. — Hess ist aufgerichteten 
Hauptes aus dem Kampfe hervorgegangen. Keine Wundmale bedeckten 
sein Werk. Freilich: es gab nur ein rein akademisch -literarisches 
Scharmützel. Der eigentliche Kampf in Erbitterung und Hass tobte 
auf einem anderen, ferneren Schlachtfelde, so fern, dass man nur mit 
geschärften Blicken den Herd des Krieges erkennt. Im Komperts 
Jahrbuch für Israeliten hatte Graetz 1863 eine Abhandlung: Über die 
Verjüngung des jüdischen Stammes veröffentlicht. Es ist einer der 
besten Aufsätze Graetzens durch den starkwelligen Fluss der Gedanken, 
die leidenschaftliche Glutsprache und trotzigsten Nationalsiolz. 
Er behandelt die Gestalt des zweiten Jesaias, des ergriffenen Künders 
jüdischer Heimatsehnsucht, des prophetischen Mahners an Israels Welt- 
beruf. Kein Wort des Aufsatzes deutet auf Hess hin. Allein nicht nur 
die Entstehungzeit — ein halb Jahr nach dem Erscheinen von „Rom 
und Jerusalem" — die ganze Gedankenführung, die Stimmung und 
der persönliche Untergrund führen geradlinig auf Hess zurück. Von 
Hess' Auffassung der jüdischen Mission, seinem jüdischen, spezifisch 
getonten Patriotismus ist Graetzens Arbeit durchtränkt und durch- 
duftet: „Gott hat seinen Geist auf diesen Volksstamm ausgegossen, 
dass er das Recht, das Rechte, den Völkern bringen soll.... 
Israel ist das Messiasvolk.... es ist der Heiland der Welt, der 
das Wort der Erlösung in die Nacht des Kerkers sprechen soll. Die 
königliche Davidische Nachkommenschaft, auf welche die meisten 
Profeten alle Herrlichkeit übertragen haben, verschwindet diesem 
Profeten vor der idealen Grösse Gesamtisraels. Die verkümmerte, 
verachtete, angespieene, zertretene Knechtsgestalt ist zu hohen Dingen 
berufen, gerade durch ihren Leidensstand. Die Dornenkrone, welche 
das Messiasvolk geduldig erträgt, macht es eines Königsdiadems würdig. 
Ein Volk, das durch Leiden und Tod zur Auferstehung, 
durch die Pforten des Grabes zum Leben erweckt werden 

IX 



cxxx 

soll, das hat Sinn, auf eine Einzelperson lichkeit übertragen, 
wird es Karrikatur und führt zur romantischen Schwärmerei. 
Der „heroischen" Messiasidee war die national-demo- 
kratische entgegensetzt, die Hess als erster in der Neuzeit mit 
Flammenworten gekündet hatte. Ihn hatten Kritiker literarisch 
befehdet. Vor die Schranken der öffentlichen Gerichte aber kam diese 
Auffassung durch den Grätzschen Aufsatz. Kompert wurde — der 
Religionsstörung und der Beleidigung einer anerkannnten Religions- 
gemeinschaft bezichtigt. Verurteilt wurde er nur wegen „Vernachlässigung 
der pflichtgemässen Obsorge". Aber einen Brand entfachte dieser 
Streit, dessen züngelnde Gluten die Gesichter der Drahtzieher der 
Neoorthodoxie gespenstig beleuchtete. Verzerrte Gesichter! Nicht 
um den Messiasglauben ward gekämpft, sondern um die Einheit der 
jüdischen Volksgemeinde. Sie wollten Sekten und Schismen — und 
Stellen für sich und dynastisch vorgewärmte Ruhebettchen für ihre 
Nachkommen und Getreuen . . .? 



IX. 

So stark Hess im Jahre 1862-63 die jüdisch-nationale Gedanken- 
arbeit beschäftigte, — nach Philippson hatte er sich damals mit aller 
Welt wegen seines Nationaljudentums herumgeschlagen — so konnte 
doch der alte Kommunist in ihm nicht zur Ruhe kommen. Es lebte 
am Rhein in einem jüdischen Milieu, das aus seiner Lethargie nicht 
zu erwecken war. Zudem waren gerade die fünfziger und sechziger 
Jahre die traurigsten Zeiten der deutschen Judenheit. Von den Re- 
formkämpfen, die einstmals noch die Gemüter erregt hatten, war es 
in der jüdischen Bevölkerung still geworden. Sie wurstelten sich 
kümmerlich fort als die Zänkereien kleiner Männer, die sich in ihren 
Blättchen, so unter völligem Ausschluss der Öffentlichkeit erschie- 
nen, von Zeit zu Zeit anheulten. Aber es war eigentlich kein Heulen, 
sondern nur noch ein Winseln, das so wenig Nachhall hatte wie das 
Piepsen der Mäuse in einer Mausefalle. Man greift wohl nicht zu 
niedrig, wenn der damalige Leserkreis aller jüdischen „Zeitungen" deutscher 
Sprache auf kaum zweitausend Abonnenten eingeschätzt wird. Im 
Inneren braute die Stille eines Reformtempels. Von aussen her drängten 
keine Feinde an die Judenheit heran. Eine „Abwehr'* gab es nicht. 
Der Kampf um die letzte Gleichberechtigung der Juden wurde in 
der Arena der öffentlichen Innenpolitik ausgefochten. Die Sache der 
Juden wurde von den Fortschrittsparteien als ein Teilprogramm ihres 
Kampfes um die bürgerlichen Volksrechte betrachtet und behandelt. Und 
es war nur die natürliche Konsequenz der Tatsachen, wenn sich die 
Juden mit Haut und Haaren dem Liberalismus verschrieben. 

Für die politische Kannegiesserei war in jenen Konfliktszeiten die 
Hauptsaison. Nur scheinbar handelte es sich damals um die Bewilli- 
gung der Roonschen Militärvorlage. Die Erregung der Masse, der 
Bürgerkreise, in denen die Juden und ihre Sonderinteressen nicht ge- 
ringe Geltung hatten, fand ihren Antrieb in der berechtigten Anschau- 
ung, dass hinter der speziellen Frage der Heeresreorgajiisation prinzi- 
pielle Verfassungfragen über die Machtsphären von Krone und Volks- 
parlament lagen. Aus der alten Fortschrittspartei lösten sich starke 
Gruppen ab, welche die schärfere Tonart gegen die Regierung forderten. 
Es half ihnen nichts. Das Parlament wurde aufgelöst; und gleicher 
Zeit trat an die Stelle des liberalen Ministeriums das Beamten- 

IX* 



cxxxn 

regiment. Der Wahlkampf, den die für den 28. April 1862 angesetzten 
Neuwahlen entfesselten, wurde mit grosser Erbitterung gefuhrt. Und 
hierbei geschah es, dass Lassalle aus seinen wissenschaftlichen und kritischen 
Studien heraus sich wieder in das Getümmel der Politik warf. Freilich 
nicht im Sinne und in der Richtung der damaligen Parteien. Mit 
immer mehr sich konzentrierender Deutlichkeit führte er in die preussischen 
Verfassungkämpfe ein neues Element ein, einen neuen Faktor, so jenseits 
aller mit einander ringenden Doktrinen lag: — den in der Arbeiter- 
schaft Tatsache gewordenen ökonomischen Klassenkampf, der einen 
völlig anders gearteten Staatsunterbau voraussetzte und programmatisch 
vorerst sich selbst zum Ziele setzte. Erschienen Lassalles Reden (roh ge- 
wertet) noch im Rahmen der damals gebotenen Fragestellung, so empfand 
man doch hüben und drüben kräftig die „unterirdische Argumenta- 
tion", welche die prinzipielle Auflösung der bestehenden Verhältnisse 
bedeutete. So sehr auch immer noch nur liberale Forderungen behan- 
delt zu sein schienen, es wurde recht bald zu einer Gewissheit, dass 
sich der Hieb Lassalles gegen die Fortschrittler richtete. Offen kam 
diese Gegensätzlichkeit dann in dem Ringen um die damals von demo- 
kratischer Seite gepflegten Arbeiterbildungsvereine zum Ausdruck. In 
Leipzig hatte die Arbeiterschaft für Lassalle, — für den Lassalle des 
„offenen Antwortschreibens" — entschieden. Und hier wurde auch, nach 
der zweitägigen Redeschlacht in Frankfurt am Main mit Schulze- 
Delitzsch und der siegreichen Versammlung in Mainz, am 23. Mai der 
„allgemeine deutsche Arbeiterverein" begründet. 

Elf Städte hatten Vertreter gesandt. Darunter auch Köln, wo 
Hess lebte und — wirkte. Für einen Mann wie Hess ist freilich leben 
und wirken eine Tautologie. Die leuchtende Gestalt Lassalles, des 
Mannes mit dem „jüdischen Goethekopf", hatte es Hess angetan. Schon 
seit 1848 waren sie mit einander befreundet. Aber mehr noch als die 
Persönlichkeit, die Hess später (1864 April) im Journal des Action- 
naires liebevoll gezeichnet hat, waren es Lassalles Gegenwartforde- 
rungen, die ihn so stark anzogen. Der Gedanke der „Produktivgenos- 
senschaften mit Staatshilfe" lag schliesslich doch mehr in der Richtung 
seiner Weltanschauung als die Marxschen Formulierungen. Produktions- 
genossenschaften, mit Staatshilfe schienen Hess ein gesundes Mittel, um 
der theoretischen Konsequenz der Freiheitidee der Revolution — dem 
Manchestertum, dem Liberalismus — die unsozialen Begleiterscheinun- 
gen abzuschnüren. 

Schon im Mai 1863 hatte Hess im allgemeinen deutschen Ar- 
beiterverein das „Bevollmächtigtenamt" für Köln übernommen, ohne 



I 



CXXXIII 

indes zum Vorstände zu gehören. Wie ernst Hess seine Aufgabe nahm, 
geht auch aus der unscheinbaren Notiz in der durch die Benutzung 
authentischer Quellen wertvollen, aber durch den Hass gegen 
Lassalle entstellten „Geschichte der Arbeiteragitation Lassalles" (Braun- 
schweig 1874) hervor, die der spätere unfähige Präsidialnachfolger 
Lassalles, Bernhard Becker, verfasst hat: Zu den wenigen Bevoll- 
mächtigten, die den Mitgliedsbeitrag ihrer Ortsgruppe ablieferten, ge- 
hörte Hess. Die Geldfrage war ja im Arbeiterverein immer die 
schmerzlichste Seite. Denn in ihr äusserte sich so recht deutlich, wie 
gering die Zahl der angeschlossenen Arbeiter war im Gegensatz zu 
der ungeheuren Agitation und dem Schrecken, den die kleine Organi- 
sation der bürgerlichen Gesellschaft in die Knochen jagte. Wie im 
Zionismus war es nicht die reale Macht der Organisation, sondern 
die Macht des Gedankens, der die armen Seelchen aus dem gewohnten 
Schlafe riss. 

Hess hat sich schriftstellerisch und rednerisch an Lassalles Agi- 
tation beteiligt. Im Sommer 1863 hielt er in verschiedenen Städten 
des Rheinlandes Propagandareden, von denen die in Mühlheim a. Rh. 
gehaltene: „Über sozialökonomische Reformen" in dem armseligen, 
zum offiziellen Organ des Vereins ernannten Hamburger „Nordstern" 
abgedruckt wurde, der nur auf ein paar hundert Abonnenten seine 
dünnen Lichtstrählchen warf. Ungleich wertvoller war Hess' in Köln 
und Elberfeld gehaltener Vortrag, der später wesentlich ausgebaut als 
eigene Broschüre herausgegeben wurde. Sie ist unter dem Titel 
„Rechte der Arbeit" in Kommission bei Reinhold Baist (Frankfurt 
a. M.) erschienen. Lassalle hat sie hoch eingeschätzt: unter den 20 
von ihm für die Verbreitung genehmigten und bevorzugten Broschüren 
war sie eine der wenigen, die nicht von — Lassalle waren. Sein 
stark ausgeprägtes Persönlichkeitbewusstsein, dem die mit allen 
geradezu absolutistischen Machtbefugnissen ausgestattete Präsidial- 
Diktatorenstellung Rechnung trug, Hess prononzierte Mitarbeiter nicht 
gern aufkommen. Von der Hessbroschüre — die viele Jahre hindurch 
als Agitationmaterial benutzt wurde — schrieb Lassalle in einem 
Briefe ausserordentlich günstig, wobei er mit seltsamer Bescheidenheit 
hinzufügte, sie halte vorderhand noch die nötigen Grenzen ein; und es 
sei es sehr gut, „dass nicht immer nur von mir allein gesprochen werde ; 
die Bewegung nimmt sonst vor Schafsköpfen die Gestalt einer blossen 
Person an." 

Für den, der sich ein Gesamtbild von Hess als Menschen, von 
seiner seelischen Struktur machen will, muss eine Stelle aus dem 



CXXXIV 

Vorwort des „Rechtes auf Arbeit" besonders wertvoll sein : „Wenn ich 
hier gegen Gesinnungsgenossen auftrete, die heute ihre Ansichten ge- 
ändert zu haben scheinen, so soll damit keineswegs ihre Uberzeugungs- 
treue verdächtigt — im Gegenteil, sie sollen gegen ihre eigenen Illusionen 
in Schutz genommen werden. Sie selbst bilden sich ein, sich den 
Umständen anzubequemen, während sie in der Tat die Geschichtsauf- 
fassung der Sozialdemokratie niemals geteilt haben, deren klassischer 
Vertreter das französische Volk ist." 

In seinem Vortrag behandelt er das Problem der Arbeit. Die 
Arbeit ist die Basis jedes politischen und sozialen Rechtes, die Grund- 
lage aller Macht im Staate und in der bürgerlichen Gesellschaft, kurz: 
die Wurzel, ohne welche das soziale Leben weder bestehen, noch sich 
entwickeln kann. 

Was ihm 20 Jahre zuvor unklar gewesen und woraus sich 
für ihn und seine ihm gedanklich näher stehenden Freunde noch die 
Unsicherheit ergab, die Stellung des Mittelstandes zwischen Feudalismus 
und Proletariat zu erkennen und aus eigner Erkenntnis die Folgerungen 
für die Arbeitrichtung herzuleiten, diese Unklarheit ist jetzt gewichen. 
Freilich hatte Marx in seinem Scharfblick den Gang der Entwickelung 
schon 1847 vorausgesehen und mit Engels im „Manifest" charakteri- 
siert. Mochte noch der junge Hess in der unklaren Zeit vom Beginn 
der vierziger Jahre nicht die Grenze ziehen können zwischen politischen 
und ökonomischen Streitfragen, so hatte er jetzt Boden unter den 
Füssen. Und von seinem erkämpften Standpunkt aus konnte er nun 
in das Mittelstandproblem hineinschauen und zu einer Wertung ge- 
langen. Er rückte von den Parteien des Mittelstandes weit, weit ab, 
weil sie bei ihrem ständigen ständischen Oppositiönchen gegen den Feuda- 
lismus schlapp und träge beharrten. Immerhin ein harmloses Treiben. 
Gefährlich schienen die Fortschrittsmänner erst zu werden, als sie an- 
fingen, unter der Anführung von Schulze- Delitsch den Proletariermassen 
den Kopf zu verkeilen und die Organisation der Arbeit für den 
Sturmlauf gegen den Kapitalismus zu hintertreiben. Arbeit und Kapital 
müssen in der jetzigen Wirtschaftordnung Gegensätze sein, die keine 
Brücke überwölbt. In der Durchführung dieser These leitete Hess das 
eherne Lohngesetz und Gedankengänge des „Manifestes". Aber in den 
praktischen, schon jetzt realisierbaren Forderungen, die für Marx 
indiskutabel waren, weil sie den Verelendungprozess nur verschleierten 
und die reinliche und reinigende Scheidung der Interessengegensätze 
verzögerten, schloss sich Hess eng an Lassalle an. Im Rahmen der 
heutigen Sozialverfassung für die Arbeiterschaft bessere Lebensbe- 



I 



cxxxv 

dingungen schaffen zu können — dieser Hoffnung, die der Marxismus 
strenger Observanz und die auf ihm gegründete sozialdemokratische 
Partei Deutschlands in der Theorie ablehnt, sucht Hess im Geiste 
Lassalles Eingang zu schaffen. Schon jetzt bessern, was auszuflicken 
war, schien ihm richtiger zu sein als die vertröstende Aussicht auf die 
spätere Basisveränderung (an die er selbst ja auch fest glaubte) und 
sicherer, weil damit dem Zukunftbau vorgearbeitet werde. Die Sozial- 
demokratie der drei Millionen Stimmen hat sich praktisch auch in 
dieser Bahn bewegen müssen. Und was man „Revisionismus" genannt 
hat, ist doch nur der Versuch, die Theorie der Praxis anzupassen. Hess 
verfocht die Forderung von Lassalie, dass vorerst durch staatliche 
Hilfe, Intervention und zinsfreien Kredit an die Arbeiterproduktiv- 
genossenschaften die Regulierung der unerträglichen Zustände zu er- 
folgen habe. „Denn soziale Revolutionen sind Phantasien, die ins Irren- 
haus gehören. Man kann durch keinen gewaltsamen Eingriff in die 
Produktionsweise eine bessere Verteilung der Güter bewirken, weil er 
die Quelle der Gütererzeugung selbst verstopfen, die Produktion lähmen 
und die ganze Existenz der Gesellschaft bedrohen würde." 

So heftig er auch gegen das Manchestertum wettert, so reicht er 
ihm doch noch ein Konzessionzipfelchen: „Die Staatsintervention 
schliesst den Wetteifer, die gute Seite der Konkurrenz so wenig als 
die Regulierung der Warenpreise durch Angebot und Nachfrage aus. Nach 
wie vor werden die Produktionkosten und die freie Konkurrenz den 
Wert der Arbeit bestimmen — und wenn auch die freie Arbeit des 
Arbeiters nicht mehr direkt als Ware behandelt und verhandelt wird, 
so bemisst sich doch ihr Wert nach dem Werte der durch sie erzeugten 
Produkte, der im Preise des Weltmarktes seinen ökonomischen Ausdruck 
erhält". In der Folge entwickelt Hess dann, wie durch diese Staats- 
intervention der Zinsfuss fallen und und die Produktion sich in ge- 
sunden Formen steigern müsse. Dem Staate räumt er eine privat- 
rechtliche Kontrolle ein, in dem Sinne, dass der Staat Vertreter präsentiere, 
die von den Arbeitern angestellt werden oder dass er die bestätige, 
80 die Arbeiter vorschlagen. Die Regierung darf aber nur aus 
Wahlen mit geheimem, allgemeinem Stimmrecht hervorgehen. Von 
der eisernen Konsequenz, zu der das kommunistische Manifest vor- 
drang: „Aufhebung des Privateigentums" ist in Hess' Broschüre nichts 
zu spüren. Das mag der Broschüre für die Jetztzeit den sozialistisch- 
agitatorischen Wert nehmen. Aber interessant bleibt sie doch. Nicht 
zum wenigsten auch durch eine Reihe geistvoller historischer Analogieen 
und — Konstruktionen. Für den Nationaljuden Hess ist es charakteristisch, 



CXXXVI 

dass er in den nationalen Unabhän^igkeitbestrebungen die 
Voraussetzung sozialer Evolutionen sieht. Auch in der 
materialistischen Geschichtauffassung vertritt er eine in der Form 
zwar kaum angedeutete, aber in tiefstem Wesen doch prinzipiell ver- 
schiedene Auffassung als die Marxisten: „Wenn es wahr ist, dass 
allen grossen politischen Umwälzungen sozial-ökonomische Klassen- 
gegensätze zugrunde liegen, welche sich im Laufe einer langen ge- 
schichtlichen Entwickelung ausgebildet haben, so ist nicht minder wahr, 
dass nur tatkräftige Nationen, wie die französische in der modernen, 
wie die römische in der antiken Welt, die Klassengegensätze zum 
Klassenkampf, das mächtigste soziale Element auch zur politischen 
Herrschaft bringen. — Deshalb bleibt Frankreich der politische Vor- 
kämpfer in der modernen Entwickelung " 

Von den Kritiken dieser Broschüre ist besonders die von Michelet, 
des Vorsitzenden der Berliner philosophischen Gesellschaft bemerkens- 
wert. Michelet war die letzte Säule der orthodoxen Hegelei. Und 
wie es solcher Säule zukommt, bis ins Innere verkalkt und versteinert. 
Besonders wendet sich Michelet (Der Gedanke 1863) gegen die Staats- 
theorie von Hess. Aber näher besehen, ist seine Auffassung nicht gar 
so abweichend von Hessens. Will Michelet es nicht gelten lassen, 
den Staat als eine dem Volksganzen übergeordnete oder beigeordnete 
Instanz zu nehmen, so vergisst er, dass Hess den Staat, d. h. die 
Leitung des Staates als dessen konkreten Ausdruck aus den allgemeinen 
Wahlen gleichberechtigter und gleichgewerteter Bürger hervorgehen 
lassen will, unüberbrückbar aber ist der Gegensatz zwischen ihnen 
in der Frage des Kapitals: die von Hess in Anlehnung an die 
Lassalleschen Lehren gestellten Forderungen müssten nach Michelet 
dahin führen, dass, wie früher das Kapital die Arbeit, so jetzt die 
Arbeit das Kapital erschlage. Und alle solche Gedanken bringe man 
zu einer Zeit, wo der Staat doch so viel für die Volksbildung und 
die Besserstellung der Arbeiter tue. Der gute Mann! 

Weiterhin kamen die beiden nicht mehr in Berührung. Hess wird 
zwar noch lange in den Listen der korrespondierenden Mitglieder 
geführt Aber Anteil an den Arbeiten der Philosophischen Gesell- 
schaft hat Hess seitdem nicht mehr genommen. Möglich, dass die 
Differenzen doch zu stark waren, obwohl Michelet noch 1867 in 
einem Aufsatze seines „Gedankens": „Wo stehen wir in unserer Philo- 
sophie?'* die Studie Hessens über die genetische Weltanschauung und die 
Erfahrungswissenschaften besonders herausstreicht. Hess habe zuerst 
nachgewiesen, das die genetische Anschauung, die zunächst die 



CXXXVII 

Erzeujrung: der Dinge in der Wirklichkeit nachweisen will, nicht im 
Widerspruch mit der dialektischen stehe. Dadurch, dass Vernunft in 
der wirklichen Welt ebenso wie im Geiste ist, ist jeder Gegensatz auf- 
gehoben.— Möglich ist aber auch, dass Hess mit Rücksicht auf Lassalle, 
der sich seit seiner Aufnahme am 28. November 1857 als ein eifriges 
Mitglied betätigt hatte, aber am 31. Mai 1862 wegen der scharfen 
Besprechung seines römischen Erbrechts ausgeschieden war, die Ver- 
bindungen abbrach. Die Gesellschaft fristete dann noch einige Jahre 
kümmerlich ihr Dasein, bis sie an Michelets Hegelorthodoxie — die 
etwas tragikomische Formen annahm — innerlich zerspellte. 

Im „allgemeinen deutschen Arbeiterverein" stellte Hess bald seine 
Tätigkeit ein. Seinen Kölner Verein hat er nie über 32 Mitglieder 
hinausbringen können. Im September begleitet er Lassalle auf seinen 
Wunsch noch nach Elberfeld. Dort wollte Lassalle sprechen. In 
einem Brief vom 20. September 1863, der von Reinhold Rüegg aus 
dem Nachlass des Genfer Sozialisten Johann Philipp Becker in der 
Neuen Zeit, Bd. VI veröffentlicht worden ist, hat Lassalle um diese 
Begleitung gebeten, damit Hess, als ein mit den Kölner Verhältnissen 
besser Vertrauter, angebe, wie er seine Elberfelder Rede für Köln 
modifizieren müsse. (Nebenbei: Frau Sybille Hess hatte die Briefe an 
Becker übergeben, als Dank dafür, dass er durch die Vermittelung 
des Deputierten Talantier die Zurücknahme ihrer Ausweisung aus 
Frankreich 1880 erwirkt hatte.) 

Ende des Jahres 1863 geht Hess nach Paris, von wo aus er Lassalle 
mitteilt, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren werde. 



X. 

Solange sich das Archiv des allgemeinen Arbeitervereins im Besitz 
der Hatzfelds befindet — der jetzige Besitzer, der deutsche Botschafter 
in London, reagiert trotz aller öifentlichen Apostrofierungen nicht — 
wird man von dieser Seite nicht feststellen können, v^as Hess zu seiner 
Übersiedelung nach Paris bewogen hat. Eine Zwiespältigkeit mit Las- 
salle gab sicher nicht den Anlass. Aus den Briefen des Nachlasses 
J. P. Beckers geht hervor, dass die Beziehungen noch recht intime 
waren. Am 19. März 1864 geht Lassalle ihn an, eine französische 
Ausgabe der Bastiat-Schulze zu veranstalten und einen Verleger dafür 
zu interessieren. Diese Übersetzung soll nach Carl Hirsch auch ange- 
fertigt worden sein, ohne dass sie indes im Druck erschienen ist. 
Auch in dem vorhandenen Nachlass ist sie nicht zu finden. 

Von Paris aus war Hess ein fleissiger Mitarbeiter am offiziellen 
Organ der Lassalleaner, dem „Sozialdemokrat". Das Blatt erschien, 
nachdem im Dezember 1864 drei Probenummern veröffentlicht waren, 
vom 4. Januar 1865 unter der Redaktion von Hofstetten und dem 
später arg diskreditierten v. Schweitzer regelmässig als Tageszeitung. 
Es fand nicht den gleichmässigen Beifall der leitenden Sozialisten. 
In der Tat waren die damaligen Parteiverhältnisse, so lehrreich sie 
auch sind, geradezu unerträglich geworden. Die ganze Geschichte des 
Arbeitervereins nach Lassalles Tode war eine einzige Intrigue, in der 
die Grätin Hatzfeld eine nicht sonderlich rühmliche Rolle spielt. Marx 
und Engels mochten nur mit einigem Widerstreben mitarbeiten; und 
kaum war ein Monat vergangen, als sie, wie sehr sie auch die 
Schwierigkeit in Schweitzers Lage erkannten, ihre Mitarbeit aufkün- 
digten: „die ganze lassalleanische Richtung passte ihnen nicht". Be- 
sonderen Anlass zur Unzufriedenheit gab ihnen neben anderem ein 
Brief aus Paris, der Hess zum Verfasser hatte. Auch Hess hatte den 
alten Groll noch nicht vergessen; und bei der Besprechung der Engelsschen 
Broschüre ,,dio preussische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei" 
äusserte er: Engels habe für die darin behandelte preussische Militär- 
frage den preussischen Orden pour le merite verdient. Trotz aller 
Ärgernisse hielt Hess treu zum „Sozialdemokrat". Vielleicht, dass in 
der Ferne die Wühlereien und die Korruption ihre peinigende Ünsauber- 
keit verloren: „Dieselben Motive, die mich vom Beginne der Lassalleschen 



1 



CXXXIX 

Agitation an veranlasst haben, mich derselben anzuschliessen, bestimmen 
mich auch jetzt, trotz aller Verdächtigungen einer Partei treu zu bleiben, 
die heute ist, was sie immer war". Seine Mitarbeit bestand in regel- 
mässigen grösseren Korrespondenzen aus Paris, in denen alle Ereignisse 
des Tages, äusserer und innerer Politik, literarische Erscheinungen 
registriert und in sozialistischer Beleuchtung vorgeführt wurden. Ende 
1866 stellte Hess seine Korrespondenzen ein. Mit dem Erfurter Wabl- 
jMOgramm (vom 27. Dezember) konnte er sich nicht einverstanden er- 
klären: Es schien ihm der Invasion einer verdächtigen arbeiterfreund- 
lichen Bourgeoisie die Tore gar zu weit zu öffnen. 

In gleicher Zeit war Hess auch der Pariser Korrespondent der 
Illinois-Staats Zeitung, und er blieb es, bis das Blatt anfing, bismärckische 
Tendenzen zu verfolgen. Er war aber kein Soldschreiber. 

Es ist nicht unmöglich, dass diese Korrespondentenstelle Hess 
veranlasst hat, dauernd in Paris seinen Wohnsitz zu nehmen; indess 
ist es wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, dass ihm eine nähere 
— mittelbare oder unmittelbare — Beziehung zur Alliance israelite 
universelle für die Domizilverlegung bestimmend war. Die Alliance 
war 1860 begründet worden in der Absicht: „überall an der Emanzi- 
pation und dem moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten." In 
den ersten Jahren hatte sie unter Netter, der 1870 die Ackerbauschule 
in Mikw^eh Israel (bei Jaffa) gründete und unter Narciss Leven eine stark 
jüdisch-nationale Tendenz mit ausgesprochen palästinophilem Einschlag. 
Es kann immerhin möglich sein, dass man die agitatorische Kraft 
Hessens in den Dienst der Palästinasache stellen wollte. In seinem 
,,Rom und Jerusalem" hatte er — so weit ausschauend seine Gedanken 
waren und so starke Hoffnungen er auf die Weltmission des palästinischen 
Zukunftstaates der Juden setzte — doch als den Anfang der Arbeit 
die kleine Kolonisation und die wirtschaftliche Erschliessung des 
heiligen Landes gefordert. Er war nicht der erste, der diese Ziele 
der jüdischen Nationalarbeit gesetzt hatte. Aber er war wohl doch der 
erste wirkliche Europäer mit den Kenntnissen einiger lebenden Sprachen 
und ein Mann von gutem Namen und weitem Ruf, der für die Koloni- 
sationidee eingetreten war. 

Es sind das nur Vermutungen. Aber es wäre doch nicht gar so 
schwierig und doch lohnend, die Tatsachen einmal festzustellen. Es 
ist jedesfalls bemerkenswert, dass die Archives israelites schon am 
15. Dezember 1863 mitteilen: „Ein berühmter israelitischer deutscher 
Schriftsteller, Herr Moritz Hess, der bis zu diesem Tage in Köln lebte, 
hat sich soeben in Paris niedergelassen. Der Verfasser von „Rom und 



CXL 

Jerusalem" ist einer jener Männer, deren concours est pr^cieux. 
Daher betrachten wir es als ein gütiges Geschick, unsern Lesern mit- 
teilen zu können, dass die Mitarbeit Hessens für die Archives isr. 
gewonnen wurde." Zu beachten ist die auffallend schnelle Verständigung 
mit Hess sofort nach seiner Ankunft. Die Archives waren damals im 
Gegensatz zu dem orthodoxen l'ünivers das offiziöse Organ der Alliance 
— oder doch der leitenden Alliancepersönlichkeiten. 

Welcher Art die Beziehungen zu den Führern der französischen 
Judenheit auch gewesen sein mögen, vielleicht waren sie auch nur eine 
Hoffnung von Hess, seine Mitarbeit an den Archives lag sicher in der 
Richtung der Alliance. 

Zwei Gebiete waren es vorzugweise, denen Hess seine Liebe zu- 
wandte: der jüdischen Missionidee und der Urgeschichte des Christen- 
tums. Die Gedanken, die er verficht, sind dem Kenner von „Rom 
und Jerusalem" ziemlich vertraut. Wesentlich Neues bietet er nicht. 
Aber seine kritischen Aufsätze fundieren seine Anschauungen fester 
und lassen ihn in den literarischen Erscheinungen des Tages die 
Bestätigung seiner Lehren sehen. Die meisten Arbeiten sind Referate 
neuer Werke, oft voll überraschender Ausblicke und geistvoller Be- 
merkungen, die wertvolle Anregungen in der Richtung der damals erst 
noch embryonalen Völkerpsychologie sind. Nebenher gehen kleinere 
Aufsätze apologetischer Art: Abwehr gegen spiritualistische Rabbiner wie 
den Luxemburger Rabbiner Hirsch, Abwehr gegen die hämischen Angriffe 
der Judenfeinde, die sich ihr giftiges Gewaffen mit Bibelweisheit und 
Rassentheorieen harmlos lackierten. 

Die umfangreichste Studie in den Archives behandelt in spielerischer 
Essayform Israels Mission in der Geschichte der Menschheit. Die 
Arbeit sollte noch weiter ausgebaut werden. Aber auch als Torso 
bietet sie mehr als biographisches Interesse. 

Ihren spezifischen Wert hat Philippson schnell erkannt. (Er 
hatte besonders geschärfte Sinne für alle Ideen, die der mosaischen 
Konfession deutscher Nationalität gefährlich werden könnten) Und 
er tobt seine Wut aus. „Ein deutscher Schriftsteller unseres Glaubens (?), 
der vor einigen Jahren mit einer Broschüre, in welcher er eine 
jüdische Kolonie in Jerusalem, am Suezkanal oder Euphrat als 
unerlässliche Bedingung der Fortexistenz des Judentums hinstellte, 
einiges Aufsehen, zugleich aber auch vollständiges Fiasko machte, 
lagert jetzt seine Expektorationen in den Arch. isr. ab." Philippson, 
der den Inhalt von „Rom und Jerusalem" so charakteristisch wieder- 
gibt, macht_ sich die| heftigsten Selbstvorwürfe — !_man kann schier 



CXLI 

Mitleid mit ihm haben! - dass er den ganzen Hess nicht mit Still- 
schweigen übergeht, was doch in den „liberalen" Kreisen immer als 
die beste Methode gilt, unangenehme Gedanken „voll und ganz" aus 
der Welt zu schaffen. Denn Polemik würde ihnen ein Piedestal — 
um Gottes Willen — geben können. Aber Philippson vertraut 
^unentwegt" auf den „gesunden Sinn des Publikums, welches mit 
Extravaganzen und verkehrten Meinungen schon selbst fertig wird". 
Besonders erbost ihn die Malice von Hess, dass die modernen Reforra- 
tempel und ihr reinlicher Gottesdienst darauf Bedacht nimmt: was 
werden wohl die Christen dazu sagen! Das ist eine Denunziation 
des „Knappen des Herrn Lassalle". Hess hasst Deutschland und 
hasst nun auch die deutschen Juden — „wir werden von seinen 
Sophistereien keine Notiz nehmen". War auch das Vernünftigste, was 
Philippson je tun konnte! 

Der Messiasgedanke ist Hess die Seele des Judentums. „Jeder 
Jude hat den Stoff zu einem Messias in sich." Wir erinnern uns der 
Zeit, da ihm das Judentum mumienhaft erscheint nur deswegen, weil 
seine Pfäfflinge den spezitischen Gehalt des jüdischen Volkstums vereist 
und verbogen hatten. Die jüdische Renaissance kann ihm nur das 
Wiederauferstehen der alten, nicht rationalistisch vergasten Idee des 
Menschheitberufes Israels sein. Sie ist den Juden nicht zufällig 
gekommen, weil zufällig Moses, der Mann, der Gottes voll war, ein 
Jude war. Und sie ist nicht von aussen her den Juden willenlos 
aufgedrängt worden. Sie ist in diesem Volke entstanden und gewachsen, 
wie auch Moses nicht der Schöpfer, sondern das Produkt seines Volkes 
war. Und als dieses Produkt konnte sein hochentwickelter Geist — 
der Konzentration jüdischer Rassenartung — auch wieder erziehlich auf 
sein Volk wirken. Denn alles historische Geschehen, die treibenden 
Kräfte und die Zielsetzung, haben letzte Ursache nicht in super- 
naturalistischen Mächten, sondern in den Rassen und ihren Spaltungen, 
den Völkern. In ihnen ist die natürliche Grundlage der Menschheit 
zu suchen; in ihren Kämpfen die geschichtlichen Bedingungen und in 
ihrem Zusammenwirken der Menschheit Ziel oder Endzweck. Die 
jüdische Rasse aber hat aus Gründen, die nur zum Teil im 
Milieu liegen, vorzüglich aber aus einer letzten Rassenanlage den 
gesellschaftlichen Trieb lebendig erhalten. Er ist eine Eigenheit der 
Seele und nicht der Intelligenz. „Man kann an Wissen überlegen sein 
und in der Nächstenliebe zurückstehen; und der Grad der Herzens- 
liebe, deren eine Rasse fähig ist, bestimmt den Grad der Zivilisation, 
den sie erreichen kann". 



cxLn — 

Für diese Herzensliebe, von der die höchste Kultur, die Menschen- 
verbrüderung ausströmt, hat Israel geblutet. Für sie ist Israel 
erhalten geblieben". Soll aber sein Beruf nicht nur wesenloser Schein 
sein — und war es auch ein Heiligenschein — so muss er an ein 
Volk gebunden sein: „Man nehme der messianischen Religion das 
Messias-Volk und diese Religion, die Gott selbst in uns gepflanzt, 
existiert nicht mehr". Aber auch die Kehrseite ist wichtig gegenüber 
jener äusserlich - materialistischen Doktrin, die in der Nationalität 
nur das rohe Band der Abstammung sieht: „Man nehme unserem 
Volke seinen alten nationalen Kultus, und es hat keine Daseins- 
berechtigung mehr: es geht zu Grunde in dem ungeheuren Ozean der 
Völker, zwischen die es geworfen ist, wie es teilweise schon zu 
Grunde gegangen ist, als es die Religion unserer Völker verlassen und 
den Kultus der fremden Völker nachgeahmt hat". Wenn Hess hier 
also die Existenzberechtigung nicht einfach aus der Existenz, nicht 
aus dem Selbstzweck, sondern einer weiteren Zwecksetzung herleitet, 
so fliesst diese Anschauung geradlinig aus seinem System der Welt- 
einheit, in die alle Strebung eingeht; m der jedes Wesen seine Stellung 
hat. Verliert eine Gruppe das Bewusstsein ihrer Aufgabe, so 
verliert sie die Aufgabe — und damit die Existenz. Israels Mission 
in der Menschheit ist „den starken Glauben an die Vorsehung, die 
ihre hohen sozialen Geschicke leitet (diese Grundlage aller mensch- 
lichen Moral, die das Opfer des Egoismus verlangt) zu propagieren, 
um das erschlaffende Gewissen der Menschheit aufzurütteln und mit 
neuem Geiste zu füllen. Die Hoffnung, dass der Fortschritt der Wissen- 
schaften, der Künste und der Industrie allein zum Endziel der Mensch- 
heit führen können, kann Hess nicht hegen. Die Regeneration kann 
nur von Juda ausgehen, das seinen Beruf in der Geschichte treff- 
lich bewährt hat. Soll es aber selbst nicht erschlaffen, so bedarf 
es für die stete Erneuerung seiner Kraft der Heimaterde — eines 
eigenen Landes. Der Verlust Palästinas war die Strafe für den Verlust 
des Bewusstseins seiner heiligen Berufung. Um es wiederzuerlangen 
und durch eigene Einrichtungen zu sichern, braucht das jüdische Volk 
eine Volksheimat: „Ja, das Land fehlt uns, um unsere Religion 
auszuüben!" Wobei Religion nicht im christlichen Sinne des Glaubens, 
sondern im hebräischen der Treue zu fassen ist. Bei diesem gesunden 
Erfassen der Aufgabe kann auch die Reformarbeit nicht mehr das 
gegebene Geleis verlassen. Ein Synhedrion wird die Institutionen so 
gestalten, dass sie der sich immer mehr offenbarenden Gotteserkenntnis 
angepasst sind. Und diese Reform wird eine andere sein, als die 



CXLIII 

destruktiver Tendenz neuzeitlicher Rabbiner. Sie will Wege weisen, 
und nicht der Entwickelung des ,. Zeitgeistes" nachhinken oder gar 
nur das eine Ideal haben, ja nicht von den Kulten der anderen 
Völker abzuweichen. Diese neue Reform, die ihre artfremde Herkunft 
wie ein Kainszeichen auf der Stirn trägt, musste auch alle Erinnerungen 
an die arteigene Heimatscholle aus dem Judentum herauslaugen und 
in Hessens Gedankenwelt eine Gefahr sehen. Er muss daher seine 
national-politischen Forderungen von neuem verteidigen. Nicht alle 
sollen auswandern. Aber alle Juden sollen solidarisch mit einander 
fühlen, für einander arbeiten. Was Hess will, das ist das heilige 
Land als Heimat für die Unterdrückten der östlichen Barbarenstaaten 
und als Stätte, wo sie die Bildung der Zeit organisch in sich einfügen 
und weltbedeutend weiterbauen. Es brauchen der bewussten Arbeiter 
nicht viele zu sein, die im alten Lande wohnen. Gedanken, wie sie 
später der hebräische Denker Ach ad Haam (A. Günsburg) immer 
wieder, mit leidenschaftlicher Energie verfochten hat, sie hat auch 
Hess schon ausgesprochen. In einer geistvollen Kritik eines Werkes 
von Eichthal: „die drei grossen mittelländischen Völker und das Christen- 
tum" führt Hess aus: „Wir glauben auch an die Wiederauferslehung 
des Geistes unserer Rasse, dem nur ein Aktionszentrum mangelt, um 
das sich eine auserlesene Schar von der religiösen Mission Israels 
ergebenen Männern gruppieren könnte, um aus diesem Zentrum von 
neuem die ewigen Grundsätze hervorsprudeln lassen, welche die Mensch- 
heit mit dem Weltall und das Weltall mit seinem Schöpfer verbinden. 
Jene Männer werden sich einst in der alten Stadt Israels wiederfinden. 
Die Zahl tut nichts zur Sache. Der Judaismus ist nie von einem 
zahlreichen Volke repräsentiert worden. Das goldene Kalb hat immer 
die grössere Anzahl angezogen, und nur eine kleine Schar von Leviten 
wird auf ihrem alten Herde das heilige Feuer unserer Religion bewahren." 
Für diese heilige Arbeit soll die Kolonisation Palästinas den 
Unterbau legen. Keine Besiedelung, die erst auf Schleichwegen 
ermöglicht wird, fordert er. Sie soll „mit der laut verkündeten 
Absicht" ins Werk gesetzt werden, die Basis für eine politische und 
soziale Niederlassung zu schaffen. 

In dieser Richtung gehen denn auch Hessens Bemühungen. In 
seinen „Jüdischen Schriften" finden wir einen Aufsatz, der ein wert- 
volles Dokument zur Geschichte der Palästinakolonisationidee ist. 
Er behandelt den Versuch des Hohweissenburger Rabbiners Natonek, 
einen Zusammenschluss aller Palästinavereine zu schaffen. Das Expose 
Natoneks für die Vorstandschaft der Alliance trägt ganz die Spuren 



CXLIV 

von Hessens Diktion. Der Versuch scheiterte. — Dreissig Jahre später ist 
er erst durch die Bemühungen von Willi Bambus geglückt. Aber die 
Blüte von Hess' Idealismus zierte das neue Werk nicht. Es ist in eine 
mikrige Wohltätigkeitgründung zusammengeschrumpft. Die grosse natio- 
nale Idee mit ihren weiten menschheitlichen Horizonten war für Hess der 
Regenerationgedanke Israels und der Quell seines Schaffens, nicht mit- 
leidige Philanthropie. Israel muss regeneriert werden, damit auch das 
Christentum wieder seine ursprüngliche Reinheit und zugleich seine kul- 
turelle Jugendkraft wiederfinde. Aber Israel kann auch regeneriert 
werden. Das beweist seine lebendige Anteilnahme an allen sozial- 
zivilisatorischen Arbeiten. Während die Juden aber jetzt nur als 
Einzelwesen teilnehmen an der Bewegung der modernen Gesellschaft, 
sich aber mehr treiben und beeinflussen lassen, würden sie national- 
staatlich zusammengefasst der Gesellschaft mächtigen Impuls geben. 
„Als Individuen ziehen wir Nutzen aus der Mission der anderen grossen 
historischen Rassen; als Nation erfüllen wir die unserige. Als Indi- 
viduen haben wir zweifellos Rechte zu beanspruchen und Pflichten zu 
erfüllen; aber unsere heiligsten Rechte und Pflichten sind die, welche 
wir als Nation zu fordern und zu erfüllen haben'.' 

Allein, ist auch der freiheitliche Staatsverband der Juden als die 
Lösung der letzten Nationalitätenfrage zu betrachten, so können Eifer 
zur Wiedergeburt und Wille nicht früh genug und nicht wuchtig genug 
jüdische Kraft in zielsichere Bewegung setzen. Unser Leben ist kon- 
zentrierter geworden; und inhaltsreicher jagen dieJahredahin. Des Lebens 
Rhythmus hüpft hastiger als in einstigen Tagen. Man blicke auf die 
Geschichte. Die früher ein Jahrhundert füllten, die Ereignisse — heute 
wickeln sie sich in Dezennien, in Jahren ab. Geschichte ist nicht das 
Wiederaufleben alter Zeiten nur, hervorgezaubert durch die naive 
Schöpferkraft des Künstlers. Sie ist die Mutter der Weisheit: Werdet 
weise und erkennet eure Tage. 

In Grätz hat Hess den Mahner gesehen. Hess war der ersten 
einer, der den national-erziehlichen Charakter des stärksten neuzeit- 
lichen Historikers der Juden erkannt hat. Mag die weiter vordrängende 
Wissenschaft Einzelangaben berichtigen und neue Wissensquellen an- 
bohren, und in der Folge so manchen Anschauungen und Wertungen 
der Boden genommen werden, die spezifische Note und die 
historische Bedeutung Grätzens bleibt, dass er seinem wegesirren Volk 
in einer Zeit der Selbstverachtung und somit der Verächtlichkeit bei 
anderen Israels Martyrium für die Menschheitgedanken wie einen Fanal 
aufgesteckt hat. Er hat mit wuchtigem Temperament das Werk 



CXLV 

geschrieben und mit jener patriotischen Liebe, die „viel scharfsichtiger 
ist als die Gleichgiltigkeit, die sich Unparteilichkeit nennt." 

Nur einige Bände waren erst des grossen Geschichtswerkes erschienen. 
Aber Hess konnte schon den Gesamtbau ahnen. Treue und Dankbar- 
keit waren Grundzüge in dem reichen Gemütsleben Hessens. Wie sein 
Auge leuchtete, da er der Lehren seines Grossvaters gedenkt, so hat 
er Grätz ein Denkmal gesetzt — denn die Renaissance des Judentums 
in Hess' Seele hat dieser Meister eingeleitet. So mühte sich denn Hess, 
dem G ratzwerke auch in der französischen Judenheit eine Heimstätte 
zu errichten. Er wies in einem flammenden Aufsatz auf die ersten 
Bände hin und hat selbst einen Band unter dem Titel: ,, Sinai et 
Golgatha" als einheitliches Ganze geordnet und ins Französische übersetzt. 
Die Übertragung ist 1867 in Paris bei Michel Levy freres erschienen 
als erste Publikation der Societö scientiiique litteraire israelite, einer 
Vereinigung, die ungefähr die gleichen Ziele verfolgte, wie der in 
Deutschland jüngst begründete „Verein zur Förderung der Wissen- 
schaft des Judentums". Die Kenntnis der jüdischen Literatur 
sollte verbreitet werden, um die Grösse der heiligen Beredsamkeit 
auch auf die jetzigen Generationen wirken zu lassen; um dem Ideen- 
gehalt des Judentums seine Stellung und seinen Einfluss im modernen 
Geistesleben wiederzuerobern. Die ersten Männer des französischen 
Judentums standen an der Spitze dieses Verbandes: Cremieux, Adolf 
Franck, Munk, Alfons Rothschild, Erlanger, Koenigswarter u. a. Auch 
Hess wird unter den Mitbegründern aufgeführt; und es ist nicht un- 
möglich, dass seine Anregung, den dritten Band des Grätzischen Werkes 
— die Urgeschichte des Christentums darstellend - zu verbreiten, den 
ersten Anstoss zu dem grösseren Plane gegeben hat. Der Missions- 
charakter des Aufrufes — den Hippolyte Rodrigues zeichnet — führt 
deutlich auf Hess zurück. Jüdische Mission als Tat. Nicht als narko- 
tisierende Phrase. Die Hess'sche Übersetzung, eine mustergiltige 
Wiedergabe des Originals, hat in den interessierten Kreisen Anklang 
gelunden. Ob der Widerhall freilich ein vieltausendstimmiges Echo 
war, kann füglich bezweifelt werden. Wenn Abraham Geiger in seiner 
„Jüdischen Zeitschrift" gegen den „prunkenden Titel" wettert, der in 
keinem Verhältnis zu dem Inhalt stünde und wenn er das ganze Werk 
wegen der rückständigen Anschauungen, der Missverständnisse in der 
Deutung der Urquellen, und der falschen und gewagten Kombinationen, 
zu deren Richtigstellung man eine eben so grosse Schrift anfertigen 
mü^^se, in Grund und Boden schimpft, so dröhnt hier die alte Feind- 
schaft zwischen Grätz und Geiger wie eine Fanfaronade durch. 

X 



CXLVI 

Mochte Hess in Einzelheiten auch irren und mochte die freudige Ver- 
tretung und Verbreitung der Lehren anderer Meister, die seiner Ideen- 
führung parallel gingen, ihn oftmals exponieren, so hat man festzu- 
halten, dass es Hess nur auf das Leitmotiv ankam. Die Urgeschichte 
des Christentums lockt ihn immer wieder. Denn in ihr ist das Ge- 
heimnis eingeschlossen, warum der Einheitgedanke des Judentums — 
der die Grundlage aller menschlichen Entwickelung ist — durch fast 
zweitausend Jahre in den Juden wohl konserviert, den übrigen Völkern 
aber verschlossen blieb. Die grosse französische Revolution hat nicht 
nur die Fesseln des dritten Standes zerschlagen; das wäre nur ein 
Symptom! Es hat den immanenten Menschheitgedanken aus seiner Ver- 
kerkerung befreit und und ihm die lebendige Kraft, die Gestalterkraft 
wiedergegeben. Mit den Augen des Lenzsuchers und mit der seligen 
Hoffnung des zielgewissen Optimisten späht er nach allen Keimen aus, 
die der neuen Tage frohe Botschaft bringen. So begrüsst er denn mit 
junger Lust ein Werk, dass die Menschheit mit dem Glauben an die 
soziale Religion der Zukunft segnen will. Fran^ois Huet, ein Schüler 
des französischen Philosophen Bordas Dumoulin hatte sich in schweren 
Seelenkämpfen vom Katholizismus abgelöst. Je mehr das Patri- 
monium Petri sich zum ültramontanismus wandte, um so weiter ward 
die Kluft, die Huet und viele Franzosen vom Katholizismus trennte. 
Er lernte das Christentum ablehnen: aus Religion. Religion soll Einheit 
bringen und die Menschen sozial verbinden. D i e Religion aber war der 
Inhalt des jüdischen Messianismus. 

Gestützt auf die Arbeiten der Tübinger Schule (Baur), von D. Strauss 
und Renan, sie aber kritisch zergliedernd, tritt er an die Probleme 
heran. Er entkleidet Ciiristus seiner legendarischen Umhüllung und 
zeigt, dass der Autor des siegreichen vierten Evangelium mit vollem 
Bewusstsein die Christusdarstellung als eine Gegenschrift gegen die 
judenchristliche Auffassung gibt, mit dem Ziele, das durch den Juden 
Paulus von Tharsus unterminierte Judenchristentum ganz von seinem 
jüdisch-messianischen Mutterboden abzulösen. Huet will aber den 
wahren Christus wieder lebendig machen. Nicht nur aus wissenschaft- 
lichen Gründen! Für das Leben und die Menschheit! Denn Christus, 
der jüdische Revolutionär, der Träger des jüdisch-sozialen Gerechtig- 
keitideals, Christus der Ebionite, der Befreier der Armen — sein 
Reich war von dieser Welt! Und damit es komme, muss das dua- 
listische Christentum wieder zu jener Gedankenwelt zurückgeführt 
werden, das johannäische Christentum zum Judenchristentum, aus der 
die Menschheit wieder die Richtung in die Diosseitigkcit, wieder die 



CXLVII 

sozial-liunianitäre Einheit.tendenz erhält. Darum kommt Huet auch 
zu einer grosszügigen Schätzung Israels, dem man nicht nur Dankbarkeit, 
sondern für die grausame Verfolgung auch eine Genugtuung schuldig ist, 
um t;o mehr, als auch die freiesten Kritiker ihm nicht gerecht zu werden 
verstanden. „Infolge seines sozialen, durch und durch demo- 
kratischen Geistes, ist das Judentum schon jetzt die 
modernste aller Religionen. Am meisten übereinstimmend 
mit unserer heutigen Zivilisation und Gesellschaft. Es ist 
nahe daran, eine humanitäre Religion ohne Wunderund ohne Priester- 
schaft zu sein. Es ist fast schon die reine philosophische, moderne 
Weltanschauung, und es wird sich in kürzester Zeit mit ihr identi- 
fizieren." Leider verfängt sich Huet in mancherlei Widerspruch. So 
lange er sich seinen eigenen Reflexionen hingibt, findet er den rechten 
Weg. In die Brüche gerät er erst, wenn er sich — der „Führung" 
einiger modern-jüdischer [Rabbiner anvertraut, in der holden Naivität, 
dass sie doch des Judentums letzte Ziele kennen müssten. Hess hat 
alle Mühe, in seinen Noten den der modernen jüdischen Wissenschaft 
unkundigen Huet auf festen Grund zu bringen und ihn von jenen 
^Führern" abzudrängen, die aus lauter Besorgnis um die Emanzipation 
ihre Glieder wie einen Korkenzieher verdrehen und ihre Augen niemals 
geradeaus richten, sondern in die kompliziertesten Schielstellungen 
zwängen. ... Nicht uninteressant ist die Kritik, die Gutmann an das 
Werk knüpfte. (Mon. f. d. Gesch. u. Wiss. d. Jud. 1869.) Und sie ist 
es um so mehr, als dieser selbe Breslauer Rabbi später gegen die 
national-jüdische Idee aus deutschem — Patriotismus protestiert hat. 
Er schreibt: „Das heutige Judentum kennt er (Huet) nur in jenen 
beiden Richtungen, von denen die eine darauf ausgeht, alle nationalen 
Eigentümlichkeiten zu verwischen, um sich desto leichter mit anderen 
Stämmen amalgamieren zu können. Die andere jeder heilsamen Ein- 
wirkung von aussen sich verschliesst. Huet kennt ein konservatives 
Judentum nicht, das bei nachdrücklicher Betonung unserer nationalen 
und religiösen Traditionen doch auf der Höhe seiner Zeit steht . . . und 
so recht geeignet wäre, die Erbschaft der alten Propheten unseren 
modernen Verhältnissen anzupassen und für deren Verbreitung Sorge 
"iu tragen''. Sonst hätte Huet das nationale Judentum nicht mit 
dem eng-orthodoxen, das aufgeklärte mit dem farblosen Rationalismus 
identifiziert. 

Das Huet- Werk ist eine köstliche Gabe, für die die Zeiten noch 
heranreifen werden. Und es ist ein Verdienst von Hess, dass er in 
einer Übersetzung dem Gedankengange Huets als seines Sachwalters 

X* 



CXLVIII 

auch in Deutschland Eingang zu verschaffen sich bemüht hat. Hess 
nennt das Werk in seiner gehaltvollen, an feinen völkerpsychologischen 
Betrachtungen reichen Einleitung „die Bilanz des liquidierenden Christen- 
tums". Es ist gut, die Erinnerung an solche Abrechnungen lebendig 
zu halten in einer Zeit, da in geschickter Arbeit das Christentum 
seines ganzen spezifischen Inhaltes entleert, mit dem neuen sozialen 
Geist der Zeiten angefüllt wird — und immernoch als „Christentum" 
der Menschheit sich präsentiert. Und doch ist johanneisches Christen- 
tum nur „verinnerlichter Dualismus" während der Lebensgedanke der 
neuen Zeit — der Geist des Judentums ist: die Auflösung der Religion 
in soziales Leben, in Friede, Einheit, Freiheit. Man kann es begreifen, 
dass es Gutmann schwarz vor den Augen wird, wenn er hört, dass 
Judentum Sozialismus ist. Nichts kann auch den liberalen Neujudäer 
peinlicher sein. Hess kennt die Angst nicht. Er rettet das Juden- 
tum für die Zukunft; er rettet die Juden für ihre Prophetieen. Noch 
ist jetzt reales und zukünftiges ideales Dasein in Bewusst- 
sein getrennt. Im reifen Mannesalter des sozialen Lebens werden 
sie zusammen fallen. Für diesen Gedanken hat Christus geblutet, 
haben die jüdischen Seher gelitten — für diesen Gedanken und durch 
diesen Gedanken lebt Israel! 

Dieser Überzeugung ist Hess treu geblieben. Sie adelt seinen 
Rassenstandpunkt, der nicht zur „Hunderassenmoral" herabsinkt, sondern 
die Gleichheit in aller Differenzierung, die Freiheit in aller „Selbst- 
bestimmung und Selbstbeschränkung" und die soziale Bruderliebe Jesaias' 
will im Leben der freien Nationalitäten. 

Hier begegnet sich Hess mit dem rassenstolzen Grätz, mit dem 
er sein Lebelang in freundschaftlicher Verbindung blieb. Wenn Grätz 
in seiner bedeutungsvollen Ablehnung der Synode (1869) seines Auf- 
enthaltes in Paris gedenkt, so hat Hess sicher zu jenen „massgebenden 
Freunden" gehört, die mit ihm die Gedanken, die zunehmende Anarchie 
im Judentum zu bannen, besprachen, wie denn auch ein gut Teil der 
Ansichten über die jüdische Nationalität als Sicherung gegen die rechts- 
und linksseitige Reform gradlinig auf Hess zurückzuführen. 

Seitdem Grätz an der Herausgabe von Zacharias Fränkels „Monats- 
schrift für die Wissenschaft und Geschichte des Judentums" beteiligt' 
war, trat auch Hess dieser Zeitschrift näher. Sie hatte damals noch 
nicht den rein- oder wohl richtiger den klein-wissenschaftlichen Charakter. 
Sie war ein Kampforgan, in dem die „Breslauer Schule" zu den Fragen 
des Tages ihren ,, historischen" Standpunkt vertrat und gegenüber Geiger 
und S. R. Hirsch verteidigte. Hess' erster Aufsatz erschien im Jahre 



CXLIX 



1869. Im Jahrgang 1870 folgte ein zweiter. Den letzten Beitrag 
lieferte er 1873. Es sind die einzigen jüdischen Studien, die er im 
Endjahrftinf seines Lebens veröffentlicht hat. Mit den Archives scheint 
er auseinander gekommen zu sein. Der Nachruf, den sie ihm widmeten, 
war kurz und wenig erbaulich, ein paar unauffällige Petitzeilen, wie 
man sie einem verdienten Synagogendiener auch nicht versagt. 

Und Hess war auch nur ein Diener der Synagoge! Aber Synagoge 
nicht im Sinne der imitierten Kirche, sondern in alter Übung als das 
Symbol des Judenvolkes genommen. War es ihm auch nicht beschieden, 
fiir die jüdische Weltanschauung, wie er sie sich errungen, die Gesamt- 
heit seiner Stammgenossen oder auch nur ihre geistigen Führer zu 
Tragern und Kündern zu machen, Hess selbst blieb ihr treu; und nur 
wem der Zauber dieser stillen Persönlichkeit sich nie entschleiert hat, 
kann von seinem in „Rom und Jerusalem" festgehaltenen Gedanken 
als einer augenblicklichen Laune, als Kindern der Verzweiflung und 
Verbitterung sprechen. 

Seine späteren jüdischen Aufsätze sind dessen beredtes Zeugnis. 
Innerhalb der heutigen religiösen Anarchie hat er des Judentums 
Einheit verfochten. Wenn neuerdings mit gutem Grunde behauptet 
wurde, dass zwischen jüdischer Neuorthodoxie und Reformisterei breiterer 
Abgrund klafft als zwischen Katholizismus und Protestantentum, so 
trifft diese gefährliche Konstatierung so lange das Rechte, als man 
das Judentum als Glaubensform ansieht. Um die Einheit, die hier 
die Wahrheit ist und keine Friedensduselei und Konzessionverängstigung, 
in einstiger Kraft zu erhalten, beweist Hess, dass Judentum nicht 
Glaubensbekenntnis, sondern die Überzeugung von der Richtigkeit des 
Weltgesetzes ist. Im Judentum hat es nie Sekten gegeben, die Stand 
hielten. Sie verschwanden wieder im Judentum oder versanken in 
andere Kulten. Soweit im Judentum Glauben liegt, ist er der sub- 
jektiven Überzeugung freigegeben. Die Einheit aber erwächst aus der 
Erkenntnis gemeinsamer .Geschichte, gemeinsamer Abstammung, ge- 
meinsamen Volkstums und der gemeinsamen Hoffnung, dass die fort- 
schreitende Weltontwickelung die messianische Einheitzeit bringen 
muss. „Die objektive Einheit des nationalen und traditionellen Juden- 
tums beherrscht hier die subjektive Glaubensverschiedenheit". Diese 
Überzeugung haben die Juden festzuhalten und zur Lebensmaxime in 
sich zu festigen. Nur Glaubenssekten sprüht der Bekehrungfanatismus 
verzerrend aus den Augen. Das Christentum war die Abspaltung des 
Glaubenssegments im Judentum zu einei* reinen Glaubensgemeinschaft, 
die sich aus der Zusammenschnürung der individuellen Glaubensbe- 



CL 

bedürftigen ergab. Hier mussten Glaubenshass und Gewissenszwang 
mörderische Brüderkriege zeitigen. Das Judentum trennte aber von 
vornherein den individuellen Glauben, der Freiheit hatte, vom sozialen 
Gesetz nicht ab. Sein Glaube setzt dieses Gesetz voraus. Und wenn 
es sich erfüllt hat, wenn Einigkeit und Frieden ihre Rosenketten um 
die Menschheit schmiegen, wird auch das tiefste und reinste Gemüts- 
leben triumphierende Befriedigung finden. Die Religion des Judentums 
hat „zur Basis die organisierte Gesellschaft und einen wirklichen 
gemeinsamen Boden, das heilige Land!" 

Gedanken voll aufgespeicherter Nationalkraft birgt der Aufsatz. 
Hess blieb allein , ein einsamer Rufer in der Wüste. Aber er 
verblutete nicht. Er lebte im Glücke der Zukunft. Die Verzweiflung 
strich er von sich ab und brauchte sie nicht zu einem menschenver- 
achtenden System des „Einsamen" und „Eigenen" zu verdichten. Aber es 
lag doch Tragik in diesem Schicksal, dass der Mann, der die Hoftnung 
der Menschheit auf die jüdische Nation setzte, von dieser Nation, die 
sich selbst verleugnete, nicht gehört ward. Ein Schatten verbitterter 
Resignation umflorte ihm den Blick. Nur ein Schatten! Aber er 
zerteilte ihn bald. War es immer die Ganzheit der Völker, die in 
die Geschicke schöpferisch eingriff"? Oder taten es nicht immer nur 
vereinzelte geistige Grossherren, zwar gewachsen auf nationalem Boden 
und genährt mit nationalem Gute?! Aber doch hochragend in den 
blauen Äther. Grätz hatte 1869 in einer seiner geistvollsten Konstruk- 
tionen den Begriff" der Ebionim und Anawim durch exegetische Methode zu 
erhellen gesucht und war zu historisch und psychologisch bedeutungsvollen 
Ergebnissen voll überraschender Ausblicke durchgedrungen. Die Ebionim 
sind nicht die Armen schlechtweg, sondern eine Volksklasse im 
hebräischen Volksorganismus, die sich der Verderbnis der entarteten 
herrschenden Kasten ferngehalten, und an deren höherer Kultur 
und reinerer Gesittung die Propheten durch Beispiel und Umgang sich 
hatten bilden können. Die Ebionim sind vorzugsweise Leviten gewesen, 
ein gottgeweihtes Proletariat, identisch mit den Anawim, „die sich 
nicht genug tun konnten, die Starken, Schrecklichen, Frechen, Adeligen 
und Reichen zu verhöhnen.*' Die Reichen sind gleich wie Toren und 
Dummköpfe. Und ein Gegensatz zu den „Armen und Niedrigen, in 
deren Mitte tiefere Religiosität, Sittlichkeit, Poesie und Musik eine 
Heimat hat." 

Hatte Hess schon früher seine Hoff'nung nicht auf die „Viel-zu- 
Vielen" gesetzt, so führt ihn die Resignation des Lebensabends zu 
den Anawim, denen immer seine Liebe gehörte. Will Juda geblendet 



CLI 

durch die Theatersonne der Eraanzii)ation seiner Aufgabe sich entziehen 
durch die Flucht und durch die Lüge: die Armen, die Gebeugten 
und Elenden des alten Volkes werden die Treue wahren, die Sitte 
der Völker nicht knechtisch nachahmen, ohne dass sie sich indess von dem 
breiten Strom verjüngter Wissenschaft abwendeten. So leidenschaft- 
lich Hess' jüdischer Patriotismus pulst — national ist ihm nicht 
kleinlich-chauvinistisch. Nicht alles, was mit jüdischer Rasse und 
Geschichte zusammenhängt, darf man beschönigen. „Es gab stets 
nur einen kleinen Kreis im Judentum, dem alles Grosse und Heilige 
zuzuschreiben ist. . . . Aber es gab auch stets und gibt noch heute in 
der Mitte unserer Stammesgenossen eine egoistische, habsüchtige, eitle, 
nach Reichtum und Auszeichnung jagende Klasse voller Ansprüche, 
welche den schroffsten Kontrast zu den Gerechten und Anawim bildet 
und den Juden nicht ohne Grund das Misstrauen der Völker zugezoge/? 
hat. Während der Verfolgung waren diese hochmütigen uns 
weniger gefährlich — weil sie dann offen von uns abfielen 
und sich mit unseren Feinden verbanden — als in den Zeiten 
des Glückes und der Freiheit. Die Propheten haben sie nicht 
geschont, und man sollte sie auch heut nicht schonen. Die wirklichen Ver- 
treter des Judentums sind verpflichte t, den Anspruchsvollen und Herrsch- 
süchtigen die Wahrheit zu sagen und unsere Brüder von einer Soli- 
darität zu befreien, die ihnen in jeder Beziehung nur verderblich sein 
kann." 

So tönt die letzte Apostrophe Hessens an sein Volk aus; schmerz-- 
lieh, aber nicht hoffnunglos. 



XL 

In Frankreich hatte sich die politische Situation im Innern immer 
mehr verschärft, obwohl der Kaiser sich ernsthaft bemüht hatte, den 
Staatsstreich verp^essen zu machen Seine Heirat mit Eu^enie Montijo 
sollte den demokratischen Anschauungen schmeicheln; die Amnestie 
und die glücklichen Handelsverträge manchen Gegner versöhnlich stimmen. 
Aber die anti-bonapartistischen, republikanischen Elemente drängten 
sich bald wieder in die Öffentlichkeit. Und sie hatten Erfolg, um so 
erschreckender die Folgeerscheinungen uneingeschränkten Kapitalis- 
mus zu Tage traten. Der mächtige Aufschwung der Industrie, die 
Förderung der Aktiengesellschaften durch die Regierung, die an- 
wachsende Staatsschuld hatten der Spekulation mästende Nahrung ge- 
geben. Die Rückwirkung auf die Massen konnte da auch nicht aus- 
bleiben. Sie an der Kandarre zu halten, versuchte Napoleon Methoden, 
die im Lande der grossen Revolution recht gefährlich werden konnten. 
Die Presse wurde unter scharfe Kontrolle gestellt; das Vereinswesen 
so „sorgsam^' überwacht, dass die Beobachtung einer Knebelung 
ähnlich sah Diese Reaktion gewann vollends die Oberhand seit dem 
Attentat Orsinis. Hatte es in Italien den Mut zu entschiedener natio- 
naler Tat gesteigert, so war die Wirkung nach Frankreich hin ein 
nicht mehr nur chikanöses, sondern absolutistisches Schreckensregiment 
der Polizei. Napoleon war viel zu sehr Historiker, um nicht zu wissen, 
dass derlei Zustände sein sicheres Ende werden mussten. Allein wenn 
er sich auch noch 1865 bemühte, die Leine lockerer zu halten — er 
leistete sich diesen Luxus der Sorglosigkeit, nachdem er sich zuvor für alle 
Zufälle von innen und aussen her durch die Reorganisation der Armee 
gesichert hatte — und obwohl das Versammlungrecht liberaler ge- 
handhabt wurde, blieb die Masse der Bevölkerung doch voller Arg- 
wohn. Im Frühjahr 1869 lief die Legislaturperiode ab, und die nun 
entfaltete Wahlagitation bewies, wie viel Zündstoff sich aufgehäuft 
hatte Die alten Demokraten und Republikaner standen wieder aui 
ihren Posten, um das Volk vor dem Abgrund zu warneri. 

Wen darf es da Wunder nehmen, dass Moses Hess wieder auf dem 
Plane erschien? Für ihn handelte es sich nicht um Parteifragen und 
um Wahlmanöver. Frankreich, Frankreich der grossen Revolution, 
welche das embryonale soziale Leben in eine bewusste Daseinsform 



— — CLIII 

oelioben, drohte die Tmgik, seiner weltliistorischen Mission entrissen 
zu werden! So niusste Hess in den Kampf eintreten! Seine Kampf- 
brochüre ist betitelt La haute finance et rempire. (Paris 1869.) In 
dem Vorwort vertritt er ganz die materialistische Geschichtsauffassung. 
Selbst den religiösen Kämpfen lägen wirtschaftliche Probleme zugrunde. 
Um wie viel mehr der nahenden politischen Wahlschlacht. „Jedermann 
weiss, dass sich seit 1789 eine soziale Umbildung vollzieht. Heut 
handelt es nicht sowohl um eine neue ökonomische Frage als um die 
Feststellung des Reifestandes der modernen Gesellschaft — um die 
Krönung der französischen Revolution. Die Freiheit ist nicht der 
Gipfel; sie ist die Basis des Werkes der Umwälzung. Der Gipfel ist 
die neueWirtschaftordnung^^ Seine Untersuchung der natürlichen Grenzen 
der Einzel- und Gemeinproduktion, der kapitalistischen Produktion in 
all ihren Abstufungen, der Objekte und Methoden der Börsenspeku- 
lation zeitigt ihn folgende Ergebnisse: 

An allen Nöten der Gegenwart hat der moderne Kapitalismus 
Schuld, der, ohne eigene Arbeit zu leisten, die Arbeit und die Erspar- 
nir^se des Arbeiters ausbeutet. Jeder Fortschritt auf ökonomischem 
Gebiet kann erst erfolgen, wenn die Arbeit unter eine staatliche, 
öffentliche, verantwortliche Verwaltung kommt. Diese Umwandlung 
kann ohne Entwertung des Kapitals erfolgen; zumal die Kollektiv- 
produktion - die heut nur Finanzspekulation ist — im Grunde schon 
unpersönliche Kollektivproduktion, soziale Funktion und soziale Macht 
darstellt ('wenn auch eine gar unreinliche). Statt aller Pallia- 
tive, wie Änderung des Erbrechts etc. beseitige man die durch die 
Hochfinanz geschaffene widerrechtliche Verteilung des Reichtums. „Die 
unpersönlich gewordenen Produktivkräfte haben kein Recht mehr auf 
persönliches Eigentum." 

Die staatlich geleitete Gemeinarbeit müsste alle produktiven Kräfte 
an sich und durch die erziehliche Einwirkung des Staates steigern. 
Hierdurch würde der Wert der Arbeit erhöht, und die Staatsschuld 
sinken, die Renten steigen und die Steuerlast eine geringere werden. 
Die Abschaffung der Lohnarbeiterschaft und aller Privatproduktion, 
wie ihn sozialistische Utopisten fordern, wäre unter einem staatlichen 
Arbeitsregime durchaus überflüssig. Nur das Proletariat muss abge- 
schafft werden; und dahin führe die von Hess vorgeschlagene Reform. 
Im Gegensatz zu den meisten sozialistischen Lehren führt Hess aus, 
dass man gerade den Wert der persönliöhen Arbeit steigern solle, 
anstatt überhaupt den Preis der Arbeit abzuschaffen. In gleicher Weise 
macht Hess auch gegen die von ihm selbst früher so hartnäckig ver- 



CLIV 

fochtene Anschauung Front, dass alles Unglück durch die freie Kon- 
kurrenz verschuldet wird. Sobald der Staat die Arbeit leitet und be- 
aufsichtigt, kann freie Konkurrenz geradezu förderlich werden. Denn 
auch sie ist eine freiheitliche Folge der französischen Revolution. Und 
weiterhin würde die Reform von Hess auf die Assoziation von Arbeitern 
nur segensreich wirken, während sie jetzt Arbeit und Kapital noch 
mehr auseinanderreisst. 

Darum muss alle Agitation dahin gerichtet sein, Abgeordnete zu 
wählen, die der Schreckensherrschaft des Kapitals nur den Boden ent- 
reissen wollen. Der Kapitalismus hat die Errungenschaften der Revo- 
lution zur Ausbeutung der Mitmenschen ausgebeutet und ist letzten 
Grundes auch der Schöpfer des Kaisertumes. Jeder Abgeordnete sollte 
sich des bewusst sein, dass er die Güter Frankreichs, welche die Revo- 
lution für die Menschheit errungen, zu schützen hat. 

„Um zu dieser heilvollen Reform zu gelangen — müssen da die 
sozialen Grundlagen, welche uns die Revolution übergeben hat, abge- 
tragen werden? Im Gegenteil! Nur die wahre Rückkehr zu den 
Traditionen der grossen Revolution kann jene Reform herbeiführen. 
Sie hat damals ihre Aufgabe glücklich gelöst, als es galt die Arbeit 
von jedem Monopol zu befreien und alle Privilegien abzuschaffen. 
Damals war die Hoffnung fest begründet, dass aus dieser Freiheit und 
dieser Gleichheit sich das Gleichgewicht in den Privat- und Staats- 
verhältnissen entwickeln würde, wobei beide mit der Bildung und der 
Volksaufklärung fortschreiten müssten. Freilich konnte die Revolution 
nicht voraussehen, dass dereinst eine kleine Klasse sich des Staates be- 
mächtigen werde. Jene konnte auch nicht wirtschaftliche Phänomene 
kennen, die damals nicht existierten, als sie die Grundlage der neuen 
Verfassung legte, die — obwohl sie von der Freiheit ausgegangen ist 
— heute ihre Urheberin zu vernichten droht." 

Hessens Broschüre war eine gute Hilfstruppe im Kampfe gegen die 
Reaktion, die trotz aller Pressagitation der Regierung nur einen zweifel- 
haften Wahlerfolg hatte: in Paris und anderen Grossstädten siegten 
die Radikalen, Republikaner und sonstige Unversöhnliche. Der Kaiser 
musste sich schon zu einer prinzipiellen Systemänderung entschliessen. 
Mit der Übergabe der Regierunggeschäfte an den liberalen Olivier, 
und der Entlassung von Rouher, der den Kaiser immer weiter auf die 
schiefe Ebene des* Absolutismus drängen wollte, und weiterhin mit 
seiner glänzenden Thronrede vom 29. November 1869 gewann Napoleon 
wieder starke Sympathieen. Aber mancherlei Zwischenfälle, die den 
Republikanern willkommenes Agitationmaterial gaben, 'zeigten doch, 



CLV 

dass Napoleon alle Veranlassung hatte, dem Frieden nicht zu trauen. 
Um sich über die Volkstimmung zu vergewissern, legte er dann jedem wahl- 
berechtigten Franzosen die Frage nach seinem Standpunkt zur freiheitlich 
abgeänderten Verfassung vor. Das Ergebnis war wohl ein Erfolg für den 
Kaiser, indem trotzder lebhaften Aufldärungarbeit derRepublikanernahezu 
7 '2 Million sich für die neue Verfassung aussprachen gegenüber 
1 Vj Million Dissentierender. Aber in manchen Grossstädten hatten 
die „Neinsager" die Überzahl, und auch das Heer war nicht ganz fest 
geblieben. Jetzt gab es nur einen Ausweg: Die gewaltsame Ab- 
drangung von der Beschäftigung mit den Fragen der Innenpolitik. Trotz 
aller Friedensversicherungen kam dann der Krieg, der aus vielen, aus 
allen Ursachen schon längst fällig war. 



Aus seinen einsamen naturwissenschaftlichen und mathematischen 
Studien, die sich je intensiver betrieben ihm immer deutlich anein- 
anderfügten zu dem grossen Einheitbau, dem all seine Hoffnungen und 
Träume galten: dem Einheitbau des kosmischen, organischen Lebens 
— aus diesen einsamen Studien und flüchtiger Tagesschriftstellerei, 
die ihm seinen kärglichen Lebensunterhalt bot, riss Hess der deutsch- 
französische Krieg heraus. Dieser furchtbare Krieg war nicht wie ein 
plötzliches Ungewitter gekommen. Er war — von einer anderen 
Richtung her gesehen — eine späte Folge des Nationalitätenprinzipes; 
und der Mann, der es in schärfster Prägung Europa verkündet und 
mit der Kraft des Schwertes und der gewundenen Sprache der Diplo- 
matie zum sieghaften Durchbruch geführt hatte, sah jetzt seinen 
eigenen Thron bedroht. Gerade die italienische Frage, die er zur 
Lösung gebracht, war sein Verhängnis geworden. Als er an jenem 
denkwürdigen Neujahrsempfang dem österreichischen Gesandten 
Baron Hübner sagte, er bedaure, dass seine Beziehungen zur öster- 
reichischen Regierung nicht mehr so gute seien wie früher trotz seiner 
unveränderten persönlichen Gefühle für den Kaiser Franz Josef, da 
handelte es sich nicht mehr allein um die Freiheit Italiens. Sondern auch 
um seine eigene Herrschaft. Vergebens hatte ihn Tiers gewarnt, 
dass die Niederlage Österreichs Preussen in die Höhe bringen müsste 
und dass die Unabhängigkeit Deutschlands nur in einem Kriege gegen 
Frankreich geschaffen werden würde. Er hatte recht gesehen. Auf 
Frankreichs blutgetränktem Boden wuchs die Einheit und Stärke 
Deutschlands. Man muss weit zurückgehen, um wieder auf einen Krieg 



CLVI 

zu stossen, der die nationalen Leidenschaften so hoch aufgepeitscht 
hätte. Wir erinnern an jene wutschnaubenden Aufsätze Renans, an 
Quatrefages hasstriefende Argumentationen über die race prussienne. 
Aber es wird wenige Männer geben, die so vor Wut alle Besinnung 
verloren wie Hess. Nein, es war nicht Wut und Hass, wenn auch 
seine Aufsätze des Zorns übertriefen Es war tiefer, tiefer Schmerz. 
Wir müssen uns noch einmal vergegenwärtigen, in wie innigem inneren 
Konnex Hess zu Frankreich stand. Es w^ar nicht die Liebe zu dem 
Lande, das ihm ein Asyl gegeben in den finsteren Zeiten preussischer 
Reaktion — der Contrerevolution. Frankreich war das Land der 
Revolution; das französische Volk hatte die Menschheitrechte gebracht 
und die Nationen mündig gemacht für die letzte grosse Befreiung 
aus sozialer Not zu kämpfen. Schon in seinem Jünglingswerk 
hatte Hess Frankreich gepriesen. In der „Triarchie" hatte er 
Frankreich die höchsten Aufgaben gestellt; und später in aller sozia- 
listischen Gleichmacherei hatte er immer die Eigenart dieser Nation 
herausgehoben und ihren ewigen Beruf für die letzte Befreiung der 
Menschheit gerühmt. In seinem „Rom und Jerusalem" hatte er die 
Hoffnungen seiner jüdischen Nation, des Proletariers unter den Völkern, 
auf das Land der Revolution gerichtet Es würde auch den Juden 
in ihrem Freiheitkampfe zur Seite stehen und ihnen die Heimat 
geben. Dieser stille Mann mit der grossen Liebe zu allen Unter- 
drückten und der reinen Seele des Kindes sah nun sein Frankreich 

— die Geburtsstätte der modernen Menschheit, der Wiege aller 
Zukunfthoffnungen der Einheit uad friedvoller, brüderlicher Gemeinsam- 
keit der Völker — Hess sah Frankreich von deutschen Heeren über- 
schwemmt, die Felder zertreten, die Festungen in Flammen und Paris 

— den Nabel der Welt — wie Viktor Hugo, so konnte er es nur 
gesehen haben — von deutschen Armeen umzingelt. In tiefster Seele 
getroffen schrie es seinen Schmerz und seinen Zorn in die Welt. 

Seine Aufsätze über den Krieg sind am 27. Januar, am 3 , 8 , 
11., 12. und 16. März im Peuple beige erschienen, nachdem er schon 
im Juni in der Solidarit6 seiner Verzweiflung Worte verliehen. Frank- 
reich war in Not. Frankreich war ein Stück seiner Weltanschauung 

— die Seele seiner Weltanschauung. Und mit Frankreich war 
Hessens heiliges Leben vernichtet! 

Er hat seine Aufsätze unter dem Titel gesammelt: Une nation 
d^chu. Coalition de tous les peuples contre TAUemagne prussifiee. 

Das Buch ist in Brüssel (1871) erschienen. Seltsam Geschick! 
Der Mann, der einen flammenden Protest gegen die Eroberungpolitik 



— CL VII 

preussisclier Dynastenlieero erlässt, der den geistigen Adel der Mensch- 
heit aufruft, schmachvoller Unterjochung des Schöpfervolkes moderner 
ßürgerfreihcit Einhalt zu tun — Hess wird wie alle Deutschen aus Paris 
ausgewiesen! Er geht nach Brüssel, das ihm schmerzliche Erinnerungen 
aufweckt. 

Hess sah in dem Kriege nicht das Ringen um die Einheit 
Deutschlands und nicht die erste Bedingung einer starken nationalen 
Grösse; er sah ihn wie nur ein Freiheitkünder, ein Freiheitträumer, 
eine jesajanische Natur ihn sehen konnte. Es wäre ein Verbrechen 
an dieselii idealen Menschen, wollte man seine Gedanken nur als 
geistreiche Bemerkungen über den deutsch -französischen Krieg 
betrachten. Sie sind mit seinem Herzblut geschrieben. „Nicht 
Frankreich musste niedergeworfen werden, sondern die 
Freiheit sollte in ihrer Wiege, in Frankreich meuchlings 
erdrosselt werden.'^ Ce n'est pas, en effet, contre l'Empire, c'est 
eontre la France revolutionnaire que la Prusse et ses alli^s dechainent 
une derniere fois toutes les haines et toutes les jalousies, pour en 
finir avec le „foyer de la revolution". 

Es sei verlogener Vorwand, wenn die Preussen vorgäben, sich 
sichern zu müssen gegen die Ländersucht von Frankreich: „Heut wie 
1792, wie 1814 verfolgt Preussen nur ein Ziel: Frankreich zu 
bedrängen, zu erniedrigen, zu teilen und Paris zu verbrennen, das 
Zentrum der europäischen Zivilisation, um Herr in Europa zu werden, 
das zu einem abendländischen China geworden''. Diese schmerzliche 
Überzeugung begründet Hess dann im einzelnen in den zu der Brochüre 
zusammengefassten sechs Aufsätzen, deren Gedanken und Wortfügungen 
sich freilich mehrfach wiederholen — die Echolalie des Schmerzes. 

Die deutsche Demokratie begrüsst die Wiederaufrichtung des 
alten teutonischen Kaiserreiches mit lautem Beifall. Einige sind still 
geworden ; und nur wenige stehen zur alten Fahne, weil sie ahnen, 
dass der Sieg Preussens den sozialen Körper Deutschlands vollends 
brandig machen müsse. Niemals hat Deutschland in seiner Blindheit 
die Bedeutung Frankreichs erkannt. Frankreich war immer ein qual- 
voller Traum für deutsche Fürsten. Der Krieg musste kommen. Hess 
hat es seit vielen Jahren aus der Konstellation der sozialen Ver- 
hältnisse prophezeit. Gewisslich: Frankreich hat durch die Saturnalien 
des kaiserlichen Karnevals gelitten. Allein seine klaren Köpfe haben 
das grosse Menschheitziel nicht aus dem Auge verloren. Und sie 
werden Sieger bleiben! Niemals wird dieser Krieg aus dem Gedächtnis 
des Volkes schwinden: ein dauernder Ansporn zur Fieiheit wird er 



CLvni 

sein. In der furchtbarsten Not, da alles zertrümmert war, hat das 
französische Volk im Anblick egoistischer, rasender Feinde die Kraft 
gehabt, sich von einer verbrecherischen und korrumpierten Regierung 
loszureissen. Das gibt gute Hoffnung für die Zukunft. 

In dem zweiten Aufsatz gibt Hess eine Schilderung der französischen 
Bourgeoisie. AVie klingen die Worte so weich, da er jetzt von ihnen 
spricht! Über den Sozialisten hat der französische Patriot gesiegt. 
Auch die Bourgeois sind doch die alten Brüder des modernen Prole- 
tariats. Trotz aller Rückfälle, die sich aus den Verhältnissen ergaben, 
waren sie doch immer edle Menschenfreunde und gute Republikaner. 
Und die deutsche Bürgerschaft? Ist sie nicht geradezu eine höhere 
Potenz preussischer Eigenschaften?! Sie ist träge, kriecherisch und 
feige. Denn sie hat ihre Zustimmung zu diesem Morde des französischen 
Volkes gegeben, das der Herd der modernen Revolution und der 
modernen Nationalitäten ist. So handeln preussische Bürger, um 
ihre nationalen Interessen zu vertreten! 

Aber ist nicht schliesslich eine Bourgeoisie der andern wert? ! 
Nicht die Grosskapitalisten und die Hochfinanz habe er im Sinn. 
Sie haben ein Vaterland so wenig wie die enterbten Proletarier. Aber 
der französische Mittelstand und gar die kleinen Leute haben sich 
vorwärts entwickelt, wie die Wahlen und das Plebiszit von 1869 be- 
weisen. In Deutschland sind sie national-liberal geworden — und das 
sagt doch alles! „Nicht die Verkäuflichkeit einiger Individuen: die 
Laschheit gerade des aufgeklärtesten Teiles der deutschen Nation hat 
allmählich alle jene Infamieen heraufbeschworen, und sie muss schliesslich 
den Hass und den Abscheu aller Völker gegen eine so verächtliche und 
so gefährliche Nation zum Oberfliessen bringen. — Was mühselig an 
Kulturwerten errungen, geht durch Preussen jetzt zu Grunde. Gerade 
die Mischung der Rassen war die Voraussetzung gegenseitiger Wert- 
schätzung und ein starkes Moment in der Erkenntnis, dass im fried- 
lichen Ausleben nationaler Kräfte, im Gleichgewicht der mensch- 
lichen Rassen jeder Fortschritt auch auf sozialem Gebiete liege. 

„Was haben wir den Deutschen getan — fragte jüngst eine 
Französin — dass sie uns so sehr hassen. Wir wollen doch keinem 
Böses." Schmerzlich antwortete Hess: Armes Frankreich! Nicht für 
das Schlechte — für das Gute, das du der Menschheit ge- 
bracht — hassen dich die Deutschen. — Die unterdrückten 
Rassen werden in unserem Jahrhundert die grosse Rolle spielen. 
Preussen hat nie für die Menschheit, nie für die Freiheit gearbeitet. 
Im Gegenteil! Wo es galt, Völker zu unterdrücken, waren sie sofort 



•■ 



CLIX 

dabei. Aber gegenüber dem Pangermanismus wird der Panslavisraus 
sieh noch einmal als gutes Gegengift bewähren. Heut versuchen die 
Preussen noch den Polen ihre „Zivilisation'' aufzuzwingen. Aber die 
Stunde der Rache wird kommen auch für die slavischen Völker, die 
heut noch durch das zwischengelagerte Preussen an der Verbrüderung 
mit den gebildeten freiheitlichen Völkern des Westens gehindert werden; 
und sie werden helfen, über den Leichnam Preussens hinweg die er- 
habenen Gedanken der vereinigten Staaten von Europa zur Ausführung 
zu bringen." 

Das sind bittere Worte. Sie aus sinnlos erregter Schmerzstimmung 
zu erklären, wäre nur halb richtig, denn die groben Leidenschaften 
erregter Stunden glättete seine Menschenliebe und der Adel heiligen 
Warheitsuchens. Im deutsch-französischen Krieg kann er nicht das 
Ringen zweier Völker sehen um Menschheitgüter. Es ist ein dynastischer 
Unterjocherzug, durch den preussisches Junkertum noch einmal seine 
durch die wirtschaftlichen Verhältnisse längst zermorschte Stellung 
festen will — der letzte Versuch: durch Waffengewalt den Geist der 
neuen Tage, die Frankreich der Menschheit gebracht, zu erwürgen. 
Dass die Bürgerschaft diesem frevlen Treiben Vorschub leistet, ist ihre 
Schmach: denn sie schuldet Frankreich alles. Ist Hess' Schmerz: er 
hatte anderes erwartet. Die Schärfe seines Grimmes ist nur die Folge 
der hohen Wertung, die Hess allezeit deutscher Art hat ai;gedeihen 
lassen, im Gefüge der Völker hatte er gerade Deutschland, dem Lande 
der Gewissenfreiheit und der Geisteskämpfer, eine hohe Mission zuer- 
kannt. Es ist der eine Arm der Vorsehung, welcher das innerste 

Wesen, den Geist erfasst und fördert „Wir Deutschen — so schrieb 

Hess in seiner „Triarchie" — sind das universellste, das europäischste 
Volk Europas." . . . Von den deutschen Intellektuellen, der Geistes- 
aristokratie hatte er einst den Sieg des Humanismus erwartet. Nun 
trotteten sie im Joch der Feinde aller menschheitlichen Errungen- 
schaften einher, welche Frankreich durch seine Revolution gemacht hat. 

in seiner Wut gegen den Krieg von 1870 traf er sich mit Bebel 
und Liebknecht, wenn er auch aus einer andern Richtung kam. Als 
Gegner „aller Säbel- und Klassenherrschaft" hatten sie in einem 
motivierten Votum dis Kriegsanleihe nicht bewilligt. Sie standen noch 
allein, denn selbst des allgemeinen deutschen Arbeitervereins Vertreter 
im Norddeutschen Reichstag stimmten für die Anleihe. Als aber 
Napoleon zu Boden gestreckt war, und der Krieg nun nicht mehr dem 
Kaiser, sondern dem französischen Volke galt, fanden sich die deutschen 
Sozialisten in Einheit wieder. Der Krieg war jetzt Eroberungkrieg, 



CLX 

„ein Kampf der Monarchie gegen die Republik, der Kontrerevolution 
gegen die Revolution — ein Krieg, welcher der deutschen Demokratie 
eben so gut gilt, wie der französischen Republik". So schrieb damals 
das Organ der Eisenacher „Der Volkstaat" im Anschluss an den Auf- 
ruf der französischen „Genossen" ßeslay, Vaillant. 

Vor das Forum der Gerichte kam diese unpatriotische humanitäre 
Friedensanschauung in dem Leipziger Hochverratprozess wider Lieb- 
knecht, Bebel und Hepner (11.— 26. März 1872). Moralisch stand auch 
Hess vor den Schranken der Gerechtigkeit. Unter dem mit mehr Eifer 
als Verständnis herangezerrten ßelastungmaterial befand sich auch eine 
umfassende Studie von Hess über „Die soziale Revolution". Sie war 
bereits im Februar 1870 im „Volkstaat" erschienen, an dem Hess seit 
seinem Bruch mit den Lassalleanern unter Schweitzer als Pariser-ße- 
richter mitarbeitete. Der Aufsatz stellt sich als eine der reifsten 
Leistungen Hess' dar. Abgesehen von seiner höheren Bewertung der 
Mittelstände hat er ganz marxistische Betrachtungweise und Ergeb- 
nisse übernommen. Ehrlich und gründlich hat er in seiner Seele mit 
Marx Frieden geschlossen. Einseitiger Friede freilich! „Was Darwin 
für die Ökonomie der Natur, hat Marx für die soziale Ökonomie 
wissenschaftlich konstatiert. Es ist das grosse Verdienst dieser beiden 
Forscher, in Natur und Geschichte das Gesetz der fortschreitenden 
Entwickelung entdeckt und dasselbe auf den Kampf um die Existenz 
zurückgeführt zu haben". In strengster Konsequenz der Grundprinzipien 
des Marxismus löst Hess den Begriff der Revolution in Evolution auf 
und verwirft alle Theorieen und praktischen Versuche gewaltsamer 
Wirtschaftänderungen als spielerische Utopisterei, so lange der Stand 
der ökonomischen Entwickelung die soziale Revolution nicht als reife 
Frucht ergibt. Darum erscheinen ihm derlei Utopistereien nicht ganz 
ungefährlich, höchstens dass sie in reinster Ausprägung als Kunst und 
Wissenschaft der leidenden Menschheit Trost, Hoffnung und Er- 
mutigung gewähren „in ihrem Streben nach einer ihr noch fern 
liegenden menschenwürdigen Existenz" — Jüdischer Messianismus! 

In seiner Verteidigung gegen die Hochverratanklage konnte sich 
Bebel darum mit gutem Grunde auf die Darstellung von Hess berufen: 
Reformen werden möglich und notwendig durch die Entwickelung der 
Produktivkräfte; „sie können und müssen sich auf die freie Zu- 
stimmung der grossen Majorität der Nation stützen, in deren 
Interesse und mit deren Einwilligung sie gemacht werden."* 

Half alles nichts! ßebel wurde (wenn man will: natürlich!) ver- 
urteilt. . . . 



XII. 

Im Mai 1871 konnte Hess sein Asyl in Brüssel verlassen und wieder 
in sein geliebtes Paris zurückkehren. Er kam in aufgewühlte Zeiten 
hinein. Die „Kommune" im Bunde mit republikanisch-sozialistischen 
Elementen aus aller Herren Länder führte ihr Regiment des Schreckens 
in der niedergezwungenen Metropole des Geistes. Schon Anfang 
November 1870 hatten die Sozialisten, angefeuert durch Rochefort und 
Blanqui, dem chronischen Gefängnisinsassen, die rote Fahne entfaltet 
Das alte Pariser Stadtregiment von 1793 sollte wieder beginnen und 
des wilden Jahres 1848 Grundsätze sozialistisch durchgeführt werden. 
Aber der Feind, der seine Kreise immer enger zog, bis endlich der 
grossen Stadt ein Wall von Soldaten und Geschützen den Brustkasten 
eisern umklammerte, hatte der Nationalversammlung noch die Ober- 
hand gelassen. Als aber im März 1871 das Schicksal entschieden 
hatte, brach die unterirdische Revolution in die Höhe. Hunger, Ent- 
behrungen, seelische Zerknitterung und die Arbeitslosigkeit die vielen 
Monate hindurch, sie peitschten die Leidenschaften an. Bruderblut floss. 
Aber es war eine Sehnsucht, ein fieberhaft Lechzen aus aller Unter- 
drückung heraus nach sonniger Freiheit und paradisischem Glück, die 
der Umsturz aller verrotteten „Ordnung" entbinden musste. Als Hess 
nach Paris kam, waren die Hoffnungen des Proletariats erstickt in 
den Blutbädern, so die Rache der entfesselten Versailler Truppen unter 
den Aufständigen angerichtet hatte. Das Proletariat war niederge- 
worfen. Und in Hess' Seele, die so stark an die Freiheit der Masse 
glaubte, zog die tragische Resignation ein, dass er selbst den Sieg der 
Grundsätze von 1789 nicht mehr erleben würde. Er war den sechs- 
zigern nahe. 

So verkroch er sich denn wieder ganz in seine Studien, die ihm 
den Trost im Leide und kj)Stliche Zukunftträume gaben. Und nun, 
wo die Reife des Alters den Überschwang der Jugend glättete, nahm er 
nochmals das Werk auf, mit dem er sich in den fünfziger Jahren ge- 
tragen. Es sollte die Zusammenfassung seiner Lebensarbeit sein. 
Sein cßuvre im Sinne der Franzosen. 

Durch das ganze Schaffen von Hess lässt sich ein bestimmtes 
Leitmotiv verfolgen. Der Einheit des Geistes, der Welt, des Menschen- 
lebens — ein Monismus, der schliesslich immer nur jüdisch-spinozistischer 
Natur ist. Gott ist Alles. Gott ist in Allem. Alles ist Gott. 

XI 



CLXII 

So mosaikartig uns die einzelnen Gedankenreihen seiner Lehre 
erscheinen, sie sind zusammengeschlossen durch die Anschauung, dass 
im kosmischen, organischen und sozialen Leben nur ein Gesetz vor- 
waltet. Eine Versöhnung höchster Ordnung — nur ein^ Abbild der 
versöhnlichen, liebevollen einheitlichen Seele Hessens. Sein Leben 
hatte Zielstrebigkeit, die geradlinig und allzeit zielsicher vorwärts 
drang — und wie gerissen und verbogen war die Entwickelung der 
anderen Junghegelianer. 

Hess war es nicht vergönnt, sein Lebenswerk zu vollenden. Zwei 
Jahre erst nach seinem Tode konnte seine Frau aus der Hinterlassen- 
schaft den ersten Teil im Selbstverlage edieren; so lange hat es 
gedauert, bis sie die materiellen Schwierigkeiten überwand. Hess, 
den seine Korrespondententätigkeit eine gute Einnahme brachte, ist 
als armer Mann gestorben: „soviel Geld er auch in der Tasche hatte, 
behielt doch nie einen sou, jeden Tag wo er ausging, gab alle sein 
Geld an Arme aus'* schrieb vor zwei Jahren die Witwe. 

Das Werk ist erschienen unter dem Titel: Dynamische Stoff- 
lehre. (Kosmischer Teil. Allgemeine Bewegungserscheinungen und 
ewiger Kreislauf des kosmischen Lebens. Mit Porträt des Verfassers, 
nebst Himmelskarten, Abbildung unserer Planeten, Kometen und 
Nebelflocken, Paris 1877.) 

Der Hauptteil ist rein astronomischen Inhaltes, wobei Hess unter 
Benutzung aller damals vorliegenden Forschungen versucht, die Fülle 
der Erscheinungen unter ein einheitliches ßewegunggesetz zu bringen. 
Er konnte sich damals schon auf die astrophysikalischen Ergebnisse 
der Spektralanalyse stützen, zu deren wesentlichsten Sätzen er schon 
in seinen Arbeiten von 1855 bis 1859 spekulativ vorgedrungen waren. 
Über den wissenschaftlichen Halt und Gehalt werden sich kompetentere 
Beurteiler äussern müssen. Für uns kommt vorzugsweise die ausführ- 
liche Einleitung in Betracht, in der die Grundlinien des ganzen Werkes 
gezogen sind. Die Detailausführung der zwei noch ausstehenden Teile 
fehlt ganz. Sie ist auch in dem Nachlass nicht vorhanden. Und wie 
wertvoll wäre es doch gewesen, im sozialen Teil Hess' späteren Stand- 
punkt zur nationalen Frage kennen zu lernen. Dass er die Bedeutung 
der Nationalität im sozialen Organismus geleugnet haben sollte, ist so 
unwahrscheinlich, wie sich sein Interesse an den spezialjüdischen Problemen 
noch bis 1873 sicher nachweisen lässt. Der Nationalgedanke war zu 
fest in seiner Weltanschauung verankert, die ja nicht den Charakter 
eines Parteiprogramms hat, sondern die Welt des im Geiste und in 
der Realität nun einmal Vorhandenen umspannte. 



CLX 111 

Die Einleitung tasist wieder Ideen zusaiumen, die er zuvor in den 
Epilogen von „Rom und Jerusalem" und seiner Studie im „Gedanken" 
1802-63 festgelegt. Mit Hegel hat er soweit gebrochen, als reale 
Tatsachen ihm nur aus der „Erfahrung" d. h. durch Experiment und 
objektive Beobachtung gefunden werden können. Sie aus dem logischen 
Denken — wie es der absolute 'Idealismus, der Panlogismus Hegek 
will — abzuleiten, lehnt er ab. Allein wie entschieden er sich 
gegen die Metaphysik wendet, in die letzten Endes auch Spinozas 
mathematische Methode zurückfällt, so betont er, dass die moderne 
Philosophie erst die Grundlage für die Identität der Denk- und Natur- 
gesetze gelegt hat. Im Streit zwischen Materialisten, die des Stoffes, 
den Vitalisten, die der Keime, den Spiritualisten, die des Geistes Ewig- 
keit voraussetzen, erkennt er die alten abstrahierten Begriffe wieder. 
In der "Wirklichkeit existiert nicht der Stoff und nicht der Mensch. 
Das wissenschaftliche Ziel muss sein: die Existenzbedingungen zu suchen. 
Den Stoff hält er mit Moleschott für die Summe seiner Eigenschaften; 
und darum sei es falsch, ihn als Ursache zu setzen, wo er doch nur 
die Wirkung zum Teil unbekannter, zum Teil bekannter Bewegung- 
erscheinungen (der Schwere und der Wärme) ist. Den Dualismus der 
Materialisten, die die Kraft als unendlich, unbegrenzt und unbestimm- 
bar, aber doch wirksam und begrenzt nehmen, kann nur die Einsicht 
überwinden, dass das Wirkliche keine Grenze hat, sondern durch den 
Kreislauf des Werdens und Vergehens die Gewissheit der ewigen Wieder- 
holung bietet. 

Die drei „Lebenssphären" stehen zu einander in enger Bindung. 
Die organische ist die höhere Entwickelungstufe des kosmischen, wie 
die soziale die höhere des organischen Lebens ist. Sobald das kosmische 
Leben in den Samen seinen Höhepunkt erreicht, bildet sich das orga- 
nische, deren höchster Ausdruck die welthistorischen Menschenrassen 
sind, die weiterhin zur sozialen Sphäre führen. 

Die Lehre, die den Kreislauf des Lebens, somit jede Ent- 
wickelung leugnet, bekämpft er als gleich falsch wie die, so eine un- 
endliche Entwickelung annimmt. „Sie lähmen unsere Arbeit an der 
Ausbildung der sozialen Lebenssphäre". Dieser Satz in der abstrakten 
Beweisführung hat Leben. Hier blickt aus der Philosophiererei die 
persönliche Seele Hessens hervor. Hier wird uns so recht entschleiert, 
dass er nicht durch Denken zum Leben, zum Wirken kommt. Sondern 
dass alle Grübelei nur der Versuch ist, die autochthonen Antriebe 
wissenschaftlich zu begründen. Im Anfang ist ihm die soziale 
Liebe. — — 

XI* 



CLXIV 

Seine Anschauungen über die Entstehung der Weltkörper decken 
sich mit kantischen und die der organischen und organisierten 
Welt im Grossen mit Haeckelschen Gedanken. Auch er nimmt den Welt- 
raum krafterfüllt und „mit kosmischen Wärmequellen bevölkert'^ Er 
betrachtet den Äther als den vierten Aggregatzustand, dadurch erklärt, 
dass die durch die stets aktive, zusammenziehende Bewegung (Schwere) 
erzeugte reaktive, ausdehnende Bewegung (Wärme) noch keinen Wider- 
stand findet. Der Äther und die Elektrizität, die er gleichsetzt, sind also 
kein Stoff. Dadurch unterscheidet er sich von den modernen Monisten 
und „Elektrophilosophen". Der Stoff ist erst Konzentration des Äthers, 
entstanden durch das Übergewicht der zusammenziehenden Bewegung. 
So kommt Hess natürlich zu einer Ablehnung der Atomtheorie. Für 
ihn ist es wichtig, dass die einfachsten Bestandteile die stofflosen 
dynamischen Zentren der Bewegung sind. 

Vom Kleineren zum Grossen übergreifend behandelt Hess dann 
die verschiedenen Entwickelungstufen, die in allen Lebenssphären 
— enger oder weiter — aber gleichgerichtet sind. 1) Die Entstehung- 
geschichte, 2) Ausbildung (Höhepunkt, Rückbildung, Erstarrung, Ende), 
3) Die Reproduktion. Nachdem er diesen Prozess für die kosmische 
und organische Sphäre verfolgt, sucht er die Analogieen im sozialen 
Leben. „Die soziale Paläontologie geht erst mit der Geburt der 
modernen Gesellschaft in der französischen Revolution zu Ende. . . . 
Vor uns liegt die selbständige Entwickelung der sozialen Sphäre, 
deren Höhepunkt der Höhepunkt allen wirklichen Lebens und Lebens- 
bewusstseins ist. . . . Was in unserer sozialen Embryologie als Götter- 
wclt, als jenseitiges und zukünftiges Ideal des Schönen, Wahren 
und Sittlich-Guten vorschwebte, scheint uns heute nach kaum erfolgter 
Geburt eines sozialen Lebens als im Leben zu verwirklichend. 
Individuen und Völker, welche nach vollendeter Geburt der modernen 
Gesellschaft noch andere Ideale als die im sozialen Leben zu ver- 
wirklichenden verfolgen, werden bald inne werden, dass sie im wachen 
Zustande zu träumen fortfahren." 

Die Rasse steht zum Individuum wie das ausgebildete Leben 
zum Lebenskeim — höher und mächtiger. Und das soziale Leben 
wird das organische Leben des Individuums immer überragen, solange 
das reife Mannesalter des Individuums nicht mit dem der Gesellschaft 
zusammenfällt. Im Gegensatz zu den schwanken Trieben des Indi- 
viduums hat die höhere Sittlichkeit der selbständigen humanen Gesell- 
schaft — weil sie höhere soziale Instinkte hat — auch grosse 
Permanenz. 



CLX V 

Wir sehen hier wieder den Rini:;k;impf in Hess, die höchste 
individuelle Freiheit, mit dem Gemeinscluiftleben zusammenzubrino^en. 
Er scheint sie preiszugeben, indem er das Individuum als die tiefere 
Entwickelungstufe, soziologisch und ethisch, setzt. Damit hat er das 
Problem nicht gelöst. Er ist ihm ausgewichen. Aber er ist in grosser 
Gesellschaft! 

Am Schluss der Einleitung geht er dann auf das Rassenproblem 
ein, den AVert der Rassen an ihren grossen Männern — gewissermassen 
der Kondensation der Rasseninstinkte — schätzend. Er verfährt nach 
der dialektischen Methode Hegels: durch Thesis und Antithesis zur 
Synthese. Alle Entwicklung vollzieht sich durch Spaltung zur 
höheren Einheit. So ist die Spaltung in Arier und Semiten nur 
ein dialektischer Naturprozess. Darum ist es müssig, über die Wertig- 
keit dieser beiden Rassen, welche durch die Juden und Hellenen 
verkörpert wurden, zu streiten. Sie waren einst eine Einheit. Hess 
knebelt sie beide in Egypten zusammen. Die Spaltung brachte eine 
selbständige Entwickelung von gleicher Dauer. Nicht der Mono- 
theismus trennt sie. Auch die Juden haben die Elohim angebetet 
und sind erst ganz allmählich und spät zum Eingott und zum Messianis- 
mus gekommen. Hir Gegensatz ist vielmehr, dass die Arier (Hellenen) 
die Objektivität, die Lebensverschönerung, die Semiten (Juden) die 
Subjektivität, die Lebensversittlichung, die Lebensheiligung vertreten. 
Aber sie mussten zu Grunde gehen, weil die Judensubjektivität in 
Fanatismus und Egoismus, die Griechenobjektivität in Blasiertheit 
und Genusssucht ausmündeten. Und in dieses kunstvolle oder vielleicht 
nur erkünstelte Gewebe wirkt Hess nun seinen jüdischen Traum, jüdischen 
Messianismus hinein. Die Arier repräsentieren in der Menschenwelt 
das nach aussen sich ausbreitende, die Juden das sich verdichtende, 
beseelende Leben. Der Grieche konnte zu einem Abschluss kommen 
in der Objektivierung, weil der Gegenstand — der Mensch aus- 
gebildet war. Die Juden repräsentieren den sozialen Typ, der noch 
in der Entwickelung ist. Aus dem Stadium der Mythologie ist er 
heraus. Aber sein höchstes Ziel muss er noch erreichen: die Über- 
leitung zur sozialen Gesellschaft Auch die Juden müssen wie alle Völker 
durch eine Revolution wie die französische hindurchgehen; sonst fehle 
der sozialen Demokratie die feste Grundlage. 

Wie immer man sich zu einzelnen Gedankenzügen und zu dem 
Aufbau stellen mag, es ist in der Richtung moderner „Energeten" wie 
Ostwald ein tapferer Versuch: den Menschen in das Weltall, das Welt- 
all in den Menschen, den Geist in den Stoff, den Stoff in den Geist 
hineinzustellen — ein mutiges Ringen um die Alleinheit. 



CLXVI 

Schon die Einleitung zur dynamischen Stofflehre zei^t, dass Hess auch 
in den letzten Jahren seines Lebens die jüdischen Studien nicht unter- 
brochen hat. Ein besonderer Abschnitt über die mythologische Gott- 
auffassung stellt eine verkürzte Wiedergabe von Hessens letzter Arbeit 
in Grätz' Monatschrift dar, einer Exegesö von Psalm 82. Sie beweist, 
mit welcher Sorgfalt Hess auch im Alter noch, die jüdische Wissen- 
schaft gepflegt und straft diejenigen Nekrogolisten, insonderheit Carl 
Hirsch Lüge, die sein Interesse an der jüdischen Religionsnation 
als eine Schrulle hinstellen möchten, welche er sich bei Zeiten ab- 
gewöhnt habe. Er hat bis zu seinem Ende an dem Gedanken der 
jüdischen Rasse und Nation festgehalten, die als das auserwählte Volk 
sittlich-religiöser Weltanschauung einen sozialen Beruf in der Mensch- 
heit auszufüllen hat. In einer Ansicht hat er geschwankt. Von der 
Überzeugung, dass die Juden von allem Anfang Monotheisten gewesen 
sind, ist er abgekommen. Hatte er noch 1862 in Loews Ben Chananja 
Elohim nur als eine pluralische Form zur Bezeichnung der höchsten 
Abstraktion im Sinne von Allmächtiger genommen und als Mystagogen 
und Mythologen bezeichnet und als unfähig das Wesen unserer Ge- 
schichtsreligion zu begreifen, alle diejenigen, die einen ursprüng- 
liche Polytheismus bei den Juden annehmen — so ist er später durch 
seine Studien zur Entwickelung der Geschichte selbst zu solchem 
Mythologen geworden. Aber es charakterisiert seinen Nationalstolz, 
dass ihm selbst die prinzipielle Änderung seiner Grundauft'assung seine 
Bewertung der Elohim nicht wandelt. Ob ursprünglich die Juden nur 
an einen Gott oder an Götter glaubten — „was verschlägt dieses alles, 
wenn der Fond ihres Götter- und Gottesdienstes das Streben nach 
Recht, Gerechtigkeit und Humanität war, Dinge, um welche sich die 
Götter dor ausgebildeten arischen Mythologie, die Götter Griechenlands, 
blutwenig kümmerten!" — — 



So ' flössen ihm im Schaffen die Tage dahin. Er war ein alter, 
schwacher Mann geworden, der ein langes Arbeitsleben hinter sich 
hatte, ein Kriegericben, dem die Tage doppelt gerechnet werden. Aber 
er war nicht stumpf geworden, sondern nahm freudigen, wenn auch 
mehr beschaulichen Anteil an den Kämpfen, denen er seine besten Kräfte 
geopfert hatte. Es konnten nur die wachsenden Erfolge der deutschon 
Sozialdemokratie sein, die aus der Übersteigerung des Kapitalismus 
Kapital für reinlichere Daseinsformen schlug. Am jüdischen Leben 



CLXVII 

konnte sich Hess nicht heteiligen. Weil es keines gab. Denn selbst die 
Missionidee, der Hess ihre immanente Gedankenweihe zu einem National- 
stolz und einem starken Lebenziel hin freigemacht, sie war in dem 
Munde der Pfäftlein mosaischer Konfession noch immer zur Lüge er- 
starrt. Was taten die amtlich gesiegelten Vertreter des Judentums 
am Anfang der siebziger Jahre! Sie waren Leichen auf Urlaub. 

So blieb Hess nur die Sozialdemokratie. Und doch hatte er alles 
Zeug dazu, der Judenheit ein schönes Beispiel dafür zu geben, dass 
jüdisch-nationale Pflichtarbeit und sozialistische Lebensbegründung sich 
nicht ausschliessen. Sondern einander bedingen. Er hätte durch sein 
Lebensbeispiel bewiesen, wie jüdische Sozialisten ihre eigensten Ziele 
missdeuten, wenn sie die eingeborene Quelle ihrer sozialen Humanität, 
den durch die Seelenstruktur ihrer Rasse und ihrer Nationalität be- 
dingten Mosaismus — das Judentum — treulos verlassen. . . . 

. . . Als seine immer bedrohlicher werdende Krankheit ihn ans Kranken- 
bett band, konnte es darum nur seine höchste Beglückung sein, als 
ihm ein junger, flüchtiger Sozialdemokrat von der Kraft und dem 
organisatorischen Ausbau des deutschen Sozialismus sprach. 

Wie ein Philosoph, der selbst gelehrt, dass der Kreislauf ewig 
ist und dass dem Vergehen eine „Reproduktion" folgen müsse, heiter 
und mutig starb Hess am 6. April 1875, früh 5 Uhr. 

Hess war gewiss kein bahnbrechender Geist, kein Neuland er- 
schliessender Forscher. Aber er war eine Persönlichkeit, deren Grösse 
in ihrer Geschlossenheit liegt. Sein Leben war seine Lehre. Seine 
Lehre war sein Leben. In dieser Einheitlichkeit flössen alle Kräfte 
aus einer Quelle — der Liebe — zu einem Ziele: der sozialen 
Humanität. 

Hess' letzter Wunsch war es, im Erbbegräbnis seiner Eltern, im 
jüdischen Friedhof zu Deutz am Rhein begraben zu werden. Aus 
Köln war ein Neffe nach Paris gekommen, um den Sarg nach Deutsch- 
land zu begleiten. 

Am Nachmittag versammelten sich deutsche, französische und 
vorzugsweise polnische Sozialisten in der Wohnung des Verstorbenen, 
um ihm das letzte Geleit nach dem Nord-Bahnhof zu geben. Am 
Sarge sprach Herr Fauvety, der Redakteur einer philosophischen Zeit- 
schrift, dann Carl Hirsch, der das literarische und politische Schallten 
Hess' schilderte und einen Strauss roter Blumen auf den Sarg legte: 
„Rot ist die Liebe! Der Bruderliebe die menschliche Gesellschaft zuzu- 
führen, war sein Bestreben; möge nun auch mit diesem Symbol sein 
Sarg geschmückt sein." 



CLXVIII 

Als letzter Redner sprach Paul Kersten, von dem auch der Nach- 
ruf im Neuen Sozialdemokrat stammt. (28. April 1875.) 

„Ich halte es für meine Pflicht, der Trauer Ausdruck zu geben, 
die 100 000 deutsche Arbeiter mit uns empfinden werden, wenn die 
Nachricht vom Tode dieses Mannes Deutschland durcheilt. So sehr 
aber sein Tod uns schmerzt, er ist uns zugleich auch ein Sieg, weil 
dieser Denker starb, wie er lebte, treu der Sache des arbeitenden, 
leidenden Volkes, der Menschheit — sein letzter Gedanke drehte sich 
um die Sonne der Arbeit. Er ist eingeschlossen in die Herzen des 
deutschen Proletariats, in die Herzen, die so warm für ihre Verteidiger 
schlagen, und einst, wenn das Ziel seiner Wünsche erreicht, wird man 
auch den Helden der sozialen Revolution eineRuhmhalle weihen, in welcher 
ehrend und anerkennend ihrer gedacht wird. 

Obgleich in der Klasse der Unterdrücker geboren, zog es Hess 
vor, seine bedeutende Geisteskraft den Armen und Elenden zu widmen; 
zog es vor, denen die Rechte zu verschaffen, die er zu seinem Vorteil 
hätte ausbeuten können. 

Er wirkte für das Volk und wurde verfolgt. . . . Weil er der 
Schlange der Niedertracht, der Verdummung, der Unterdrückung den 
Kopf zu zertreten bemüht war, musste er ruhelos flüchten von Land 
zu Land, und er ist gestorben in fremder Erde. Wenn ich all des 
Unrechts, all der Gehässigkeit gedenke, die an ihm begangen worden, 
dann verwandeln sich die Trauergedanken in Gedanken der Rache. 

Und nun lebe wohl, Freund! Was du gewollt, wir werden es 
verwirklichen. Deine Schriften, Dein Handeln sichern dir ein ewiges 
Gedächtnis. Du Soim und Kommentator der Revolution, kein Schwert 
legen wir dir auf den Sarg; nein! nur die Blumen der Natur, aus 
welcher du geschöpft und uns getränkt, an welche du allein geglaubt 
und der wir jetzt zurückgeben, was von dir sterblich ist. Du hast 
dich unsterblich gemacht in tausenden von Herzen; auferstehen wirst 
du, so oft ein hilfesuchender Proletarier zu deiner Idee flüchtet, denen 
du durch Wort und Tat Leben verliehen hast". 

Bewegt dankte Frau Hess: „Ich bin stolz, dereinst dieses Mannes 
Frau gewesen zu sein. Nie habe ich durch ihn eine traurige Stunde 
gehabt, keine Königin, keine Fürstin kann diesen Stolz mit mir teilen " 

Hierauf bewegte sich der Zug dem Nordbahnhof zu; und nie werde 
ich — fügt der Korrespondent hinzu — den fast unbeschreiblich 
rührenden Eindruck vergessen, den die anwesenden alten, im Dienste 
der Revolution ergrauten Polen auf mich machten. 

„Hess musste sich sein Vaterland wie den Staub von den Schuh- 



CLXIX 

sohlen abstreifen. Die Gewalthaber vertrieben ihn aus der Heimat. 
Im fremden Lande musste er leben. Möge der tote Hess im Vater- 
lande wohnen, wohnen in den Herzen des Proletariats." 

Vielleicht, dass in Zukunft noch Hess eine Stätte liebevollen Ge- 
denkens wird in der Seele seines Judenvolkes. Nur wenige seiner 
Stammgenossen freilich hielten in der Unrast des Werktages für eine 
stille Andacht inne, als er starb. Grätz ruft dem geistvollen, gemütreichen 
Mitarbeiter liebe Worte ins Grab. Die andern haben seiner vergessen 
oder denken erbittert an ihn zurück. Philippson wirft ihm — in 
etwas übertragenem Sinne freilich als es am Grabhügel des Prager 
Rabbi Loew die fromme Übung will — ein paar Steine nach: „Ohne 
Veranlassung habe Hess alle, die nicht seiner Meinung waren, verketzert 
und geschmäht, was er eine Zeit lang fortsetzte, bis keiner mehr auf 
ihn achtete." — Der Zwerg nahm Rache — sondern Furcht und Zagen. 

Sonst blieb alles stumm umher. Und es hat Jahrzehnte gedauert, 
bis die Nachgeborenen wieder die rechte Wertung für Hess fanden. Seine 
jüdischen Ideen trug der Wind lange durch die Luft. Nun senken sie 
sich langsam nieder, wo sie in dem aufgerissenen Humus ihre Keim- 
kraft erweisen. Aus der Geschichte des Zionismus, der unverbogenes 
Judentum ist, kann sein Name nicht mehr herausgelöst werden. Er 
hat alter Sehnsucht, die in der Zerstörung des Tempels geboren ward, 
Kraft und Wucht wieder zum alten Ziele gewendet. Ohne Scheu. 
Nur wo die Wahrheit ist, gedeiht auch das Gute. 

Ob Hess aber auch im Sozialismus Furchen gezogen? Er hatte weder 
das vulkanische Temperament Lassalles, noch die geniale, zergliedernde 
und fügende Forschergrösse von Marx. Milde und Herzensgüte glätteten 
Hess' Leidenschaft. Mitleid und Liebe glänzten in seinen Augen. 
Vielleicht: dass sie den Blick für die nüchterne Betrachtung sozialen 
Gegenwartlebens umflorten. Sie sahen klarer und freudiger in die goldige 
Zukunft, welche der Menschheit sittliche und kulturelle Reifung bringt. 
Die Probleme, zu denen es Hess hindrängte und aus deren Lösung er 
Kulturgut, bereicherndes und beglückendes, zu gewinnen suchte, hat 
der marxistische Sozialismus, der Sozialismus der Getreuen, lange ver- 
ächtlich bei Seite geschoben. Aber die Zeichen mehren sich nun Tag 
um Tag eines gewissen Unbehagens und eines Unbefriedigtseins. Liegt 
denn hinter den ökonomischen Fragen nichts mehr, wonach die Menschen- 
seele sich sehnt? Nichts mehr, das die Geister zum Sinnen, Ringen 
und Schaffen lockt? Es „ist — schreibt Bernstein im Vorwort zu 
David Koigens gedankenreicher „Kulturanschauung im Sozialismus" — 
die unmittelbare Wirkung des Sieges der marxistischen Doktrin längere 



CLXX 

Zeit die gewesen, die Horizonte der literarischen Vertreter des Sozia- 
lismus über Gebühr zu verengen und zu vereinseitigen." Es ist nicht 
ganz unmöglich, dass für die Wertung Hessens noch einmal andere 
Massstäbe gefunden werden, als das kommunistische Manifest sie ver- 
wandte. In den Nationalitätenproblemen und Rassenfragen dürfte seine 
Anschauung auch noch einmal innerhalb des Sozialismus siegen, der 
hochmütig und dünkelhaft an ihnen vorbeigeschritten ist. Die Be- 
deutung der Nationen im Sinne einer kulturellen Arbeitteilung, die 
ethische Weihe, die Hess der Idee der Rassen als naturgegebenen 
Faktoren verliehen, werden sich durchsetzen als Gegengewicht für die 
bleichsüchtige Gleichmacherei der einen, für die faustfrohe Knebelung- 
lust der anderen. 

Sollten seine Gedanken aber im hellen Lichte der Zeiten verblassen, 
das Ganze seiner reinen, edlen, guten Persönlichkeit wird seinen Wert 
behalten, seinen Wert als Menschentyp, der aufrecht und zielgewiss, 
ewig sich selbst gleich in Denken und Kämpfen, im Schaffen und Sehnen, 
in Lust und im Leide durchs Leben zieht mit dem Berufe, der 
Menschheit die Profetie der jüdischen Rasse zu erhalten: in der 
Gewissheit dereinstigen Nahens sonniger Zukunft, freien Menschentums, 
ewigen irdischen Friedens und beglückender Liebe nicht an Gott 
und Welt zu verzweifeln im Dunkel schmerzlicher Tage. 



« ■' 



CLXXI 

Literaturnachweise. 



Verfasser hat es vermieden, die Darstellung mit Quellenangaben, 
Anmerkungen und sonstigen Attributen der Gelehrsamkeit zu wattieren. 
Soweit sie nötig waren, sind sie in den Text hineingearbeitet. 

Die stärksten Anregungen verdanke ich dem trefflichen Werke 
von David Koigen, zur Vorgeschichte des modernen philosophischen 
Sozialismus in Deutschland (Bern 1901), in dem Hess' Anschauungen — 
vorzugsweise unter philosophiegeschichtlichem Gesichtswinkel betrachtet — 
zum ersten Male liebevoll, sorgsam und grosszügig gewürdigt werden. 
Reiches Material gaben mir Franz Mehring's gediegene Ein- 
leitungen zu Bd. I u. II des Nachlasses von Marx-Engels (Stuttgart). 

Von anderen herangezogenen Werken seien noch genannt: 
Georg Adler: Die Geschichte der ersten sozialpolitischen Arbeiter- 
bewegung in Deutschland, Breslau 1885. 
Fr. M eh ring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (2. Aufl.), 

Stuttgart 1904, Bd. 1, 2, 3. 
H. Grätz: Geschichte der Juden Bd. XI, 2. Aufl. bes. von M. Brann, 

Leipzig 1902. 
Oskar Jäger: Welt-Geschichte Bd. 4, Bielefeld 1902, 6. Aufl. 
H. Oncken: Lassalle, Stuttgart 1905. 

Handwörterbuch der Staatswissenschaft, 1. Aufl. Artikel Anarchis- 
mus und Sozialdemokratie (G. Adler). 
Ferdinand Lasßalle: Briefe an Georg Herwegh, herausgegeben von 
Marcel Herwegh, Zürich 1896. 

Max Stirn er's kleinere Schriften und Entgegnungen auf die Kritik 
seines Werkes: Der Einzige und sein Eigentum (aus den Jahren 
1842 — 1847) herausgegeben von John Henry Mackay, Berlin 1898. 

John Henry Mackay: Max Stirner. Sein Leben und sein Werk, 
Berlin 1898. 

Emil Kaier: Wilhelm Weitling. Seine Agitation und Lehre im 
geschichtlichen Zusammenhang. Sozialdemokratische Bibliothek, 
Bd. I, Hottingen-Zürich 1885-87. 

Der Hoch verrats-Prozess wider Liebknecht, Bebel, Hepner, mit 
einer Einleitung von W. Liebknecht, Berlin 1894. 



.'^ ), 



f 



Mein Messiasglaube. 

Erwiderung an Immanuel Loew. 



Mein Messiasglaube wäre also historisch weniger gerechtfertigt 
als der phantastische des Mittelalters, den Sie den orthodoxen nennen 
und mit welchem Sie den meinigen aus dem Felde schlagen. Zwar 
geben Sie zu, dass das messianische Reich auch nach orthodoxen Grund- 
sätzen einen schwachen Anfang haben könne; wie ja auch in der Tat 
alle grossen Dinge, alle wichtigen Ereignisse, nicht nur auf dem Gebiete 
der Kultur, sondern auch auf dem der Natur mit einem solchen Anfange 
beginnen: ganze Organismenreihen, wie ganze soziale Reiche beginnen 
mit einem unscheinbaren Keime. Der äusseren Erscheinung, von deren 
Grossartigkeit die Welt in Erstaunen gesetzt wird, geht immer eine 
verborgene, stille, innere geistige Arbeit vorher. Insofern stünden meine 
Bestrebungen mit der orthodoxen Anschauung des geistigen Vorläufers, 
mit dem welthistorischen Gesetze vorläufiger Entwickelang und dem 
Naturgesetze anfänglicher, unscheinbarer Keime in Obereinstimmung. — 
Aber inbetreff der vollen Verwirklichung unserer messianischen 
Hoffnungen befände ich mich doch, wie Sie meinen, im Widerspruch 
mit der Orthodoxie und dem Weltgesetze, welche diese Verwirklichung 
von einer eminenten Persönlichkeit abiiängig machen. 

Ich könnte mich schon mit Ihrem Zugeständnis des Anfangs 
begnügen. Die eminenten Persönlichkeiten bleiben nie aus, wo der 
Keim des Patriotismus und das Streben nach Wiedergeburt einmal in 
einem Volke Wurzel gefasst haben. Die Nationen, welche sich erheben, 
produzieren diese Persönlichkeiten: dieselben waren niemals die Schöpfer, 
sondern die Produkte einer gewissen Bewegung — und die Geschichte 
bat bewiesen, dass es auch solche jüdische Persönlichkeiten geben 
kann. — Indessen, Sie stellen meinen Messiasglauben dem orthodoxen, 
und meine Bestrebungen den echt jüdischen prinzipiell gegenüber. 
Die letzteren charakterisieren Sie durch Bibelverse, welche alles der 
allmächtigen „Hand'* überlassen, die nicht „verkürzet" sei. Sie cha- 
rakterisieren damit zugleich den theologischen Standpunkt, auf den Sie 
sich selbst schliesslich stellen, um meinen historischen als angeblich 
philosophischen zu verwerfen. Sie halten das „Wort Gottes" gegen 
„Menschensatzungen" aufrecht .... Sie wollen mich wohl bekehren? 

1 



Wären Sie nicht als Talmudist und jüdischer Forscher bekannt, 
ich würde Sie für einen jener modernen jüdischen „Geistlichen" halten, 
die sich vortrefflich zu einem christlichen Theologen qualifizieren, und 
die man nur darüber beklagen kann, dass sie ihre Karriere verfehlten. 
Bei solchen Geistlichen, die nicht unpunktiert hebräisch lesen können 
und mit der Bibel einen Götzendienst und — eine Industrie treiben, 
fände ich Ihre Argumente ganz in der Ordnung. Sie aber wissen 
besser als ich, dass unsere Autoritäten, welche das Judentum geschaffen, 
konserviert und fortgebildet haben, mit den Werken ihres eigenen 
Geistes keinen Götzendienst treiben konnten. Sie können unmöglich 
die kritiklose Orthodoxie einer späteren Zeit, gegen welche ich mich 
allerdings im Gegensatze weiss und bekenne, mit dem biblisch-talmu- 
dischen Judentum verwechseln, mit dessen keineswegs phantastischem 
Messiasglauben ich mich in vollster Übereinstimmung befinde. — Sie 
wissen, dass die grössten jüdischen Autoritäten des Altertums und 
Mittelalters die nationale Wiedergeburt auf natürlichem Wege erwar- 
teten. — Cyrus wird schon von den Propheten des babylonischen Exils 
„der Messias" genannt, obgleich er nicht aus dem Hause David stammte, 
und Bar Kochba wurde von unserem grössten Mischnalehrer, von Rabbi 
Akiba, als Messias proklamiert, obgleich er nicht aus den Wolken her- 
abgefahren kam. — Sie wissen auch, wie und wann der phantastische 
Messiasglaube entstanden ist. Als unsere letzten Aufstände gegen die 
römische Herrschaft im Blute unserer heldenmütigen Väter erstickt 
waren, als bei fortgesetzter Empörung gegen die Unterdrücker dem 
Judentume gänzliche Vernichtung drohte, da erklärten unsere Autori- 
täten — zuerst, wenn ich nicht irre, ein Ben Chananja, R. Jehoschua, 
mit dem damals beliebten Anschluss an einen Bibelvers — dass die 
Erlösung durch keine menschliche Hilfe herbeigeführt werden dürfe, 
sondern dem Himmel allein überlassen bleiben müsse. Nur in den 
schlimmsten Zeiten unseres Exils suchte und fand man in einem phan- 
tastischen Messiasglauben, der damals seine volle Berechtigung hatte, 
Trost und Hoffnung inmitten einer trostlosen und verzweiflungsvoUen 
Gegenwart. Heute dagegen würde der alte Ben Chananja in meinen 
nationalen Bestrebungen schwerlich etwas Antijüdisches oder Hetero- 
doxes finden und es seinen modernen Namensvetter fühlen lassen, was 
der jüdische Messiasglaube, was jüdischer Patriotismus ist. 

Von diesem Patriotismus hatte ich gesagt, er sei ein naturwahres 
Gefühl, das weder demonstriert zu werden brauche, noch wegdemon- 
striert werden könne. Ihn zu charakterisieren, nicht zu demonstrieren 
versuchte ich durch Schilderung einiger Züge aus dem jüdischen Leben, 



3 

welche seine Physiognomie kennzeichnen sollten. Sie, Herr Redakteur, 
ziehen dagegen vor, ihn zu demonstrieren. Sie sind in Ihrem Rechte. 
Aber Sie sind auch unparteiisch genug, mir zu erlauben, Ihnen zu ant- 
worten. 

Mich bediinkt, dass dasjenige, was das gegenwärtige Leben noch 
bezeugt, durch keine gelehrten Zitate bewiesen zu werden brauche. 
Sic aber finden im gegenwärtigen jüdischen Leben keinen Funken 
jüdisclien Patriotismus mehr. Sie suchen die, wie Sie zugeben, einst 
glühende, jetzt, wie Sie behaupten, erloschene Liebe zum heiligen 
Lande der Väter unter einem Aschenhaufen von gelehrten Zitaten, die 
zu viel, und eben darum nichts beweisen. — Das war aber Ihre Ab- 
sicht. Es wäre daher albern, Ihnen aus Ihrer Methode einen Vorwurf 
machen zu wollen. Sie wollen ja den jüdischen Patriotismus nicht 
nur demonstrieren. Ihre Methode ist jene bekannte dialektische, welche 
nicht das Konkrete analysiert, um es synthetisch zu rekonstruieren, 
wobei ein grosser Gewinn für die Wissenschaft und das Leben heraus- 
kommt — sondern nur deshalb das Konkrete in seine Bestandteile zer- 
legt, um von demselben zu abstrahieren und an deren Stelle das „Wahre" 
zu setzen, welches wieder nichts ist als das subjektive Belieben des 
Dialektikers, der irgend eine beliebige Seite seines analysierten Ob- 
jektes als das allein Wahre festhält. — Man hat bei dieser Art Dia- 
lektik nur zu zeigen, wie ein einzelner durch die Analyse gewonnener 
Bestandteil nicht das Ganze, folglich nicht das Wahre, in unserem Falle 
also nicht der wahre Patriotismus sei. — Durch diese Operation eli- 
miniert man, was einem unbequem ist, um nur dasjenige als das 
„Wahre" übrig zu behalten, mit welchem man am leichtesten fertig 
zu werden hofft. 

Zuerst eliminieren Sie als unwahres Objekt des Patriotismus „die 
Berge und Täler, Fluren und Flüsse des Vaterlandes", natürlich auch 
die ,. Früchte'* desselben, die mir von meinem Grossvater gezeigt 
wurden, sodann die ganze patria naturae oder loci, die Sie so mühsam 
aus mehr als zwanzig Belegstellen als das Objekt des jüdischen Pa- 
triotismus zusammen gesucht haben, um nur die patria civitatis oder 
juris, die Institutionen des Vaterlandes, als würdigen Gegenstand 
der Liebe, als das Objekt des „wahren" Patriotismus übrig zu lassen. 
— Jetzt haben Sie leichtes Spiel mit dem jüdischen Patriotismus: 
„Welche Institutionen", fragen Sie, „hat aber der Herr Verf. bei 
meinem palestinensischen Patriotismus im Auge?" — Mich geniert nur, 
wie Sie meinen, der alte Opferkultus, dessen Restituierung doch in dem 
altjüdischen Kultus, in welchem ich kein Gebet verstümmelt wissen 

1* 



will, erfleht wird. Also ein doppelter Widerspruch! Ich glaube nicht 
an die Wiederherstellung des Opferkultus im zukünftigen jüdischen 
Staate, spreche mich doch für den altjüdischen Kultus in der Gegen- 
wart aus und muss den einzigen würdigen Gegenstand des Patriotis- 
mus, die Institutionen meines Vaterlandes, preisgeben. Denn es sind 
Ja nicht die Opfer allein, sondern auch die übrigen Institutionen", 
welche ich fallen lassen muss, da ich „kaum in der Lage sein dürfte, 
auch nur einem kleinen Bruchteil derselben einen Platz'"' zu reservieren. 
Sie vergessen bei diesem ganzen Räsonnement nur eine Kleinigkeit. 
Sie selbst, Herr Redakteur, haben schon vorher die Basis desselben, 
die Institutionen, als den einzigen würdigen Gegenstand des Patrio- 
tismus fallen gelassen und müssen daher auch schliesslich Ihre ganze 
Operationsbasis ändern. 

Bei den „Institutionen" sind Sie nämlich auf eine Schwierigkeit 
gestossen. — Völker und ganze gesellschaftliche Klassen können un- 
möglich, wenn sie auch über jede „gereizte Gefühlsstimraung" erhaben 
sind, Institutionen lieben, die sie als Parias behandeln. Dennoch 
findet sich auch bei ihnen, wie wir selbst täglich erfahren, Patriotis- 
mus. Man könnte hier wieder an die patria naturae, an gemeinsame 
Sprache, Geschichte und Abstammung denken. Sie beeilen sich daher 
zu erklären, dass auch hier nur die Liebe zu den Institutionen der 
ganze Inhalt des Patriotismus sei, aber — zu den Institutionen der 
Zukunft. — Nun erinnern Sie sich noch, dass auch ich die Institu- 
tionen der Zukunft „antizipiert" habe. Ja, diese bilden, wenn nicht 
den ganzen, doch den vorzüglichen Inhalt meines jüdischen Patriotis- 
mus. Mit dem, was infolge Ihrer dialektischen Methode als wahrer 
Patriotismus übrig geblieben, haben Sie kein so leichtes Spiel als Sie 
anfänglich glaubten. — Aber Sie wissen sich zu helfen. 

Einen „antizipierenden Patriotismus" hatten die Nichtadeligen in 
Ungarn vor 1843 und 1848, die deutschen Untertanen im Jahre 1813, 
wohl auch die Russen im Jahre 1812, sowie andererseits alle Völker, 
die gleich dem französischen Volke im Jahre 1789 erst nach einem 
modernen Vaterlande ringen und streben. — Ein Volk jedoch gibts, 
ein einziges, bei welchem auch vom Gegenstande des „antizipierenden 
Patriotismus", von den zukünftigen Institutionen, abstrahiert werden 
muss. Nichtadelige Ungarn, deutsche Untertanen und russische Leib- 
eigene können für eine Zukunftsidee schwärmen. Die Juden nicht. — 
Andere Völker, die sich jene Idee der Gerechtigkeit und Humanität, 
welche die Seele der jüdischen Geschichtsreligion ist, erst nach einem 
langen historischen Prozess teilweise aneignen konnten, sind befähigt, 



dieselbe ins Leben einzuführen. Die Juden nicht. — Bei allen west- 
europäischen Völkern ist die Lösung des grossen sozialen Problems, 
an welchem sie seit der ersten französischen Revolution arbeiten, ohne 
sie noch gefunden zu haben, selbstverständlich; sie haben wohl, meinen 
Sie, ihre „Konstitution" schon in der Tasche? — Bei den Juden da- 
gegen, die bereits im Altertume, soweit die damals noch unentwickelten 
Arbeits- und Verkehrsverhältnisse es zuliessen, ihr Volksleben „nach 
mosaischen, d.h. sozialistischen Grundsätzen" gestalteten, ist die Lösung 
jenes Problems unmöglich. 

Wie kommen Sie dazu, allen anderen Völkern den Glauben an 
eine neue humanitäre Schöpfung, den jüdischen Glauben an die messi- 
anische Weltepoche zu vindizieren und ihn dem jüdischen Volke selbst 
abzusprechen? 

Vielleicht werden wir uns gegenseitig besser verstehen und dulden, 
wenn wir uns die Verschiedenheit unserer Gesichtspunkte nicht ver- 
hehlen. — Ihnen ist der Geist des Judentums, sein schöpferischer 
Genius, sein Gott und Gesetzgeber ein jenseitiger. Hiermit will ich 
nicht sagen, dass Ihr philosophischer Standpunkt, den ich nicht kenne 
und den Sie ja selbst von Ihrem theologischen unterscheiden, ein super- 
naturalistischer — ich meine nur, dass für Sie wie für die ganze nicht- 
jüdische Menschheit das schöpferische Wesen des Judentums, welches 
meiner Ansicht nach vom jüdischen Patriotismus unzertrennlich ist, 
ein jenseitiges geworden sei, weil Sie heute kein jüdischer Patriot 
mehr, sondern ein ungarischer geworden sind. Das Judentum hat für 
Sie nur noch die historische Bedeutung einer durch dasselbe den welt- 
geschichtlichen Völkern gewordenen, von diesen passiv empfangenen 
„Offenbarung", also die Bedeutung eines Bekenntnisses, nicht die 
einer stets aktiven Selbstoffenbarung. — Für mich dagegen ist 
der Geist des Judentums der Geist der Juden; der jüdische Gott ist 
der Gott unserer Väter, unser unveräusserliches Erbteil, an dem wir 
nicht blos zehren, das wir zu weiteren Schöpfungen verwenden wollen. 
Sie wollen mich nicht zu jener modernen Religion, noch zum Patrio- 
tismus des ubi bene ibi patria bekehren. Sie haben in meiner Schrift 
finden können, dass und warum ich jene moderne Reformreligion für 
den Widerschein eines sozialen Auflösungsprozesses halte, dass und 
warum ich von der Wiedergeburt der Völker auch die Wiedergeburt 
einer lebendigen Religion erwarte, die jedes Volk zu einem Volke 
Gottes gemacht. — Auch die Ungarn mögen, ich wünsche es ihnen von 
, Herzen, ihre Wiedergeburt erringen, und ich halte es für eben so ver- 
dienstlich, aus den jüdischen, katholischen und protestantischen Ungarn 



ungarische Ungarn, als aus den ungarischen, polnischen, deutschen 
und anderen Juden jüdische Juden zu machen. Nur die Halbheit 
der modernen Fortschrittler ist mir zuwider, welche ohne alle Auto- 
rität reformieren und mit den Trümmern eines längst zerstörten Ge- 
bäudes den neuen Gesellschaftsbau aufrichten wollen. Bei den Juden 
wie bei allen nach Regeneration strebenden Völkern handelt es sich 
um kein Reformflickwerk, sondern um eine Neugestaltung des ganzen 
sozialen Lebens. 

Worin aber, fragen Sie, wird diese Neugestaltung bestehen? „Von 
welchen Prinzipien wird sie geleitet werden? Welche Verfassung wird 
ihr als Ideal vorschweben? darauf weiss der Heri Verf. natürlich nicht 
zu antworten'' 

Sollte es wirklich Ihrem Scharfsinn entgangen sein, dass mein 
ganzes Buch eine Beantwortung dieser Frage ist? — Aus welchem 
anderen Grunde habe ich mich an das jüdische Volk gewendet, als 
w^eil ich die Überzeugung gewonnen habe, die ich auch überall zu 
begründen suchte, dass gerade dieses Volk berufen ist, die zukünftigen 
Institutionen, den „Geschichtssabbath", den es zuerst verkündet hat, 
auch zuerst zu verwirklichen? 

Religion, Philosophie und Politik lassen mich kalt, wenn sie die 
Lage der arbeitenden Klassen nicht durch Institutionen verbessern 
helfen, welche jedem Kastengeiste, jeder Klassenherrschaft ein Ende 
machen. Das Judentum kennt aber keinen Kastengeist und keine 
Klassenherrschaft. Der Geist des Judentums ist ein sozialdemokratischer 
von Haus aus. Der Geist des Judentums, ich wiederliole es, ist der 
Geist der Juden. Die Wurzel seiner vergangenen, gegenwärtigen und 
zukünftigen Schöpfungen liegt nicht im Himmel, sondern im Geiste 
und Herzen unseres Volkes. So lange dieses Volk einen gemeinsamen 
Boden hatte, auf dem es seinen Geist frei entwickeln konnte, verwirk- 
lichte es ihn in Institutionen und einer Litteratur, welche für die Ge- 
samtmenschheit die Bürgschaft ihrer Vollendung enthält. Seit dem 
Untergange des jüdischen Staates konnte es nur das Geschaffene durch 
Observanzen heilig halten, w^elche einen rein konservativen Charakter 
haben. Es liegt kein Widerspruch darin, wenn ich den Geist der 
alten jüdischen Institutionen als Basis der zukünftigen betrachte, ihn 
darum durch Observanzen konserviert wissen will, welche sich nur an 
die alten Institutionen anschliessen können, und dennoch glaube, dass 
gerade dieser Geist, wenn er sich wieder auf dem Boden der Väter 
frei entwickeln kann, die Macht haben wird, neue Gesetze nach dem 
Bedürfnisse der Zeit und des Volkes zu schaffen. Die konservativen 



Observanzen des Judentums haben nur für uns Juden eine Bedeutung, 
nämlich die, unsere Nationalität für zukünftige Schöpfungen zu kon- 
servieren. Diese dagegen werden, wie die alten, als freie Geistespro- 
duktionen wieder einen direkten EinÜuss auf die gesamte Menschheit 
haben, und ich glaube, wir dürfen uns für die zukünftigen Schöpfungen 
unseres Volkes mindestens in gleichem Masse interessieren, wie jedes 
andere nach Wiedergeburt ringende Volk für die seinigen. 

Ihre theoretischen Einwürfe, die doch meine ganze Weltanschauung, 
mit welcher mein jüdischer Patriotismus steht und fällt, unberührt 
liessen, wären somit beseitigt; ich hätte nur noch den einzigen prakti- 
schen Einwand zu beleuchten, den Sie gegen die Möglichkeit einer 
nationalen AViedergeburt unseres Volkes erheben. Allein ich fürchte, 
Sie und Ihre Leser durch längere Erörterungen zu ermüden. Ich werde 
mich daher kurz fassen. 

Es handelt sich um die Sprache einer jüdischen Nation. Sie geben 
zu, dass die hebräische Sprache in unserer Zeit wieder kultiviert wird, 
wenn Sie auch das Aufblühen der neuhebräischen Litteratur von der 
Mendelssohnschen Schule her datieren. Dass im westlichen Europa, 
von dem ich überhaupt, wie Sie wissen, kein Kontingent für den neuen 
Staat erwarte, Neu-Orthodoxen sich der deutschen und französischen 
Sprache bedienen, ändert nichts an der Tatsache, dass man sich im 
östlichen Europa zur Verständigung mit den dort so zahlreich lebenden 
Juden hebräisch geschriebener Zeitungen und Zeitschriften bedient. 
Aber, wenden Sie ein, im Leben sprechen die jüdischen Volksmassen 
drei verschiedene Idiome, jüdisch-deutsch, spagnolisch und arabisch. 
„Und diese Elemente", rufen Sie aus, „sollten sich zu einer National- 
sprache vereinigen können? Der Herr Verf. wird hierauf schwerlich 
anders als mit einem entschiedenen „Nein" antworten; damit hat er 
aber das, was er die nationale Wiedergeburt Israels nennt, für ein 
eitles Phantasiegebilde erklärt!'' 

Und Sie, wenn man Sie fragte, ob in Ungarn, wo mehr als drei 
grundverschiedene Sprachelemente herrschen, diese Elemente sich zu 
einer Nationalsprache vereinigen können, würden Sie auch hierauf mit 
einem entschiedenen „Nein^ antworten und damit allen ungarischen 
Patriotismus für ein eitles Phantasiebild erklären? 

Beruhigen Sie sich; die Sprachverschiedenheit hat noch keine — 
ausser beim babylonischen Turmbau — Gesellschaft verhindert, sich zu 
organisieren, weder sonst noch jetzt, weder in den romanischen, noch 
in den arabischen und germanischen Ländern, weder in Frank- 
reich, noch in England, weder in Belgien, noch in der Schweiz; sie 



8 



wird auch in üng:arn und in Judäa kein Hindernis sein. — Jede neue 
Gesellschaft verschmilzt entweder die vorhandenen Sprachen, wie dies 
im Mittelalter der Fall war, zu einer neuen; oder sie kultiviert neben 
den verschiedenen Volkssprachen eine gemeinsame, offizielle, littera- 
rische Sprache, wie es gegenwärtig zu geschehen pflegt; oder endlich 
es bildet sich neben der Landessprache eine Weltsprache, wie sie uns 
bei dem täglich lebhafter werdenden Weltverkehr wahrscheinlich die 
Zukunft bringen wird. Wir haben jedenfalls keine babylonische Sprachen- 
verwirrung mehr zu befürchten. Der fortschreitende Prozess des Geistes 
ist, wie jener des sozialen Lebens, kein Scheidungsprozess mehr, son- 
dern ein Streben nach Einheit und Universalität, nicht nach einer ver- 
flachenden, sondern nach einer lebendigen, organischen, welche das 
Individuelle und Nationale als das eigentlich Schöpferische in sich 
birgt und heilig hält. 



Offener Brief an Abraham Geiger."*) 



nochwürdiger Herr! 

Wenn Anschauungen und Tendenzen, die eine Zeitlang en vogue 
waren, im Verlaufe der stets fortschreitenden Zeit schal geworden, dann 
geschieht es nicht selten, dass ihre Koryphäen, um sich wenigstens auf 
Auirenblicke wieder in ihrem ehemaligen Glänze zu spiegeln, markt- 
schreierisch ankündigen lassen, sie würden ^.nächstens", wie Gott über 
die sündige Welt, zu Gericht sitzen, um die verirrte wieder ins rechte 
Geleise zu bringen; und es finden sich denn auch immer noch einige 
alte Anhänger, quelque vieux de la veille aus ihrer alten Garde, die 
ihnen aufs Wort glauben und die frohe Botschaft weiter kolportieren. 
So schrieb ein Mitarbeiter Ihrer Zeitschrift, Rabbiner Wechsler aus 
Oldenburg, im Juli vorigen Jahres, kurz nachdem meine Schrift „Rom 
und Jerusalem" im Buchhandel erschienen war, an Rabbiner Hirsch 
in Luxemburg: „Geiger will nächstens dem tollen Spuk zuleibe 
gehen und ihn beleuchten." 

Meine Erwartungen waren nicht übermässig gross — wer die Ge- 
schichte der Literatur kennt, weiss, was er von solchen Verheissungen 
zu halten hat — und da die angekündigte Geisterbeschwörung nicht 
erfolgte, so hatte ich die drohende „Faust in der Tasche", die mir 
gezeigt worden, längst schon vergessen, als mir vor einigen Tagen das 
jüngste Heft Ihrer Zeitschrift mit der Bemerkung zugeschickt wurde, 
ich sei von ihnen rücklings angefallen worden. 

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, dachte ich und durchflog die 
mir bezeichnete Abhandlung „Alte Romantik, neue Reaktion". 

Ich hegte, wie gesagt, keine grossen Erwartungen. Aber das hatte 
ich dennoch nicht vermutet, dass Ihre ganze Polemik nur in einigen 
Schmähungen bestehen würde. Ich war überrascht, ich gestehe es. 

Am meisten überraschte mich Ihre Bemerkung, dass die Schrift, 
die Sie nicht zu bekämpfen, die Sie, gleich den Sylphiden, nur im 
Davonlaufen zu besudeln wagen, den altjüdischen Kultus mit einer Idee 



*) Ein Brief an Dr. Abraham Geiger, Rabbiner an der Synagogeogemeinde zu 
Breslau. (Köln 1863.) 



10 

befruchte, vor welcher sich die Vertreter desselben „fein vorsichtig" 
zurückziehen. 

Die Orthodoxie, auch die kritikfeindliche, hat alle die Punkte, 
welche zwischen ihr und mir Scheidepunkte f^ind, frei, offen und ehrlich 
bekämpft; im übrigen hat sie meine Bestrebunpjen ebenso freimütig an- 
erkannt. Sie, hochwürdij^er Herr, haben nicht einmal den Mut, die 
Punkte anzudeuten, die Ihnen in meiner Schrift anstössi^ erscheinen. 
Was Sie über Romantik und Reaktion sa^on, ist ja ledio^lich eine Um- 
schreibung dessen, was ich selbst über diese Richtungen gesagt habe. 
Nur sind Sie dabei so schlau — die List ist die Stärke der Schwachen 
— einerseits zu verschw^eigen, dass Sie die Anregung und Anleitumr 
zu Ihrer Abhandlung einem „bankerott gewordenen Schwindler" ver- 
danken, was ich Ihnen verzeihe — andererseits unter der synonymen 
Bezeichnung „Orthodoxie, Konservatismus, Reaktion" zwei wesentlich 
verschiedene Arten von Anhängern des altjüdischen Kultus, die histo- 
risch-kritischen und die kritikfeindlichen in eine Art zusammenzuschmelzen 
und mit allgemeinen Redensarten zu bekämpfen — eine unverzeihliche 
Gewissenlosigkeit, womit Sie nur Ignoranten hintergehen können. 

Wahrlich, wenn irgend ein „Schwindel bankerott geworden", so 
ist es der Reformschwindel, der nicht mehr den Mut hat, dem Gegner 
frei ins Gesicht zu schauen — und wenn irgend ein jüdischer Gelehrter 
sich „fein vorsichtig" vor jedem starken Luftzuo:e zurückzieht, so ist 
es wiederum der, nicht sowohl gelehrte .Geistliche", als vielmehr ge- 
lehrten und jreistlichen Mummenschanz treibende Reformdoktor, der 
nicht nur das Kleid, sondern auch die Haut eines Pfaffen hat. 

Die vorsichtige Methode, durch allgemeine Abhandlungen und 
zerstreute Bemerkungen einer Polemik auszuweichen, haben Sie übri- 
gens nicht selbst erfunden, sondern Ihrem würdigen Kollegen Philipp- 
son abgelauscht. Gleich diesem vorsichtigen Helden würden auch Sie, 
wenn ich Sie zur Rede stellen wollte, mich mit der „Erklärung" ab- 
finden, keine bestimmte Schrift, keine bestimmte Persönlichkeit im 
Auge gehabt, auch ja niemand genannt zu haben, als Sie von einem 
„ausserhalb Stehenden" sprachen, „der, an Sozialismus und allerhand 
anderem Schwindel bankerott geworden, in Nationalität machen will". 

Doch ich erlasse Ihnen diese Demütigung — nicht etwa blos des- 
halb, weil es mich anekelt, allen denen einzeln nacheinander entgegen- 
zutreten, welchen nur noch unartikulierte Invektionen und Insinuationen 
zugebote stehen, die einer dem anderen abschreibt, sondern aus rein 
humanen Rücksichten. Die romantische Grimasse, mit welcher Sie sich 
1848 vom Kampfschauplatze zurückzogen, als Sie merkten, dass die 



n 

idealoii OiUer, die mit , ornstostcr Geistesarbeit" crrunj;cn worden sind, 
reales Gemeingut werden sollten, — die Art und Weise, wie Sie in 
Ihrer neuen Abhandlung Ihren bekannten schmählichen Abfall vom 
„demokratischen Schwindel" motivieren, — zeigt mir die klaffende 
Wunde, die Ihrer Eitelkeit geschlagen worden, seitdem die Welt sich 
für andere Reformen als kirchliche zu interessieren anfängt und Ihr 
pontitikales Schaugepränge nicht mehr beachtet. Armer Mann! Der 
„tiefe Schmerz", der seit dies Zeit Ihre Brust durchwühlt, dauert mich 
wirklich, und glauben Sie es mir, dass ich mit einem aufrichtigen Ge- 
fühle des Mitleids ohne allen Groll von Ihnen Abschied nehme. 

Stets bereit, Ihnen zu dienen, habe ich die Ehre, hochwürdiger 
Herr, mich Ihnen zu empfehlen. 

Köln, im Januar 1863. 



^ 



über den Begriff der Nationalität. 



Hegel ist nicht über die „Germanische" Welt als Epoche machende 
hinaus gegangen, obgleich er keineswegs die Geschichte zu „antizipieren" 
brauchte, um die gleiche Berechtigung aller weltgeschichtlichen Rassen 
in der neuesten geschichtlichen Phase anzuerkennen. Hegel sah diese 
in der religiösen Reformation schon dem Prinzipe nach angebahnt; 
sie wurde es aber wirklich erst durch die politische Revolution, welche 
nicht von der Germanischen, sondern Romanischen Welt ausging, und 
ihre welthistorische Bedeutung gerade im Sturze der letzten germani- 
schen Rassenherrschaft, und in der dadurch erst zur Geltung gekommenen 
Gleichberechtigung aller geschichtlichen Nationalitäten hatte. Natürlich 
konnte bei solcher Auffassung die dialektische Entwickelung des 
objektiven Geistes nicht zum Abschluss kommen, nicht über denselben 
hinausgegangen werden zum absoluten Geiste, zur Idee der Gleich- 
berechtigung aller wiedergeborenen Nationalitäten. Erst die Französische 
Revolution hat die durch den Geist vermittelte moderne Nationalität 
ins Leben gerufen. Weder die Deutsche Reformation, welche von der 
politisch-sozialen, nach dem Scheitern des Bauernkriegs, ganz abstrahieren 
musste, noch auch die Englische Revolution konnte sich vom Christlich- 
Germanischen Mittelalter ganz befreien, in welchem das abstrakt All- 
gemeine als christliche Idee noch unvermittelt neben und ausser dem 
ebenso abstrakt Particularen der feudalen Welt bestand. Dass aber 
selbst die Deutsche Philosophie noch nach der Französischen Revolution, 
oder vielmehr während ihres Kampfes, mit dieser Schranke behaftet 
blieb, lag eben in der zeitlichen Parteistellung des Deutschen Volkes, 
welches zuerst ohne historische Berechtigung gegen die Romanische 
Revolution reagierte und von derselben besiegt wurde, später aber mit 
einem vorübergehenden Rechte die Übergriffe der Franzosen ab- 
wehrte und seinerseits wieder siegte. Dieser letztere Sieg hatte nicht 
nur in der Politik und Literatur, in der Religion und Kunst, sondern 
auch in der Philosophie eine Überhebung des Christlich-Germanischen 
Elenoentes zu Wege gebracht; eine oscillicrendc Bewegung zwischen 
Revolution und Reaktion, welche durch die scheinbare Anerkennung der 
Nationalitäten von Seiten eines despotischen Imperialismus noch keines- 



13 

wegs ihren Schwerpunkt gefunden hat, sondern nur durch ein freies 
Volk linden kann, welclics in der Freiheit und Gleichberechtigung aller 
Völker auch die seinige zu wahren suchen wird. — Hat so ein Teil 
der Hegeischen Philosophie ihre Schranke an der Zeit, in welcher sie 
entstand und über welche die Geschichte schon teilweise hinausgegangen 
ist, vollständig aber erst noch hinauszugehen hat: so ist andererseits 
die ganze Hegel'sche Philosophie, ihre dialektische Methode selbst mit 
der Schranke aller spekulativen Philosophie behaftet, ihren Gegensatz, 
die Erfahrungswissenschaften noch unvermittelt neben und ausser sich 
zu haben. Dadurch kann sie weder der Natur überhaupt (dem kos- 
mischen und organischen Leben), noch dem Naturelement des sozialen 
Lebens, den Nationalitäten, gerecht werden, welche mit ihrem Ver- 
nunftsinstinkte als Fortsetzung des organischen Lebensprozesses eine 
eben so grosse Rolle im Plane der weltgeschichtlichen Entwickelung 
der Menschheit spielen, wie der tierische Instinkt als Fortsetzung des- 
selben Lebensprozesses in der Entwickelung der tierischen Spezies. 



über den Gottesnamen. 



Was ist nicht schon alles über den unaussprechlichen Namen niH'' 
gefabelt worden! Wie richtig haben dagegen unsere jüdischen Autori- 
täten es schon im Altertum erkannt, dass ein Wort' ebenso gut, wie 
ein Bild, götzendienerisch missbraucht werden kann, wenn es zur 
Bezeichnung des höchsten Wesens dienen soll. In der Tat soll, wie 
wir sehen werden, nach der Bibel der Name niH'' keineswegs das 
Wesen Gottes selbst, sondern nur dessen Beziehung zu Israel und der 
Menschheit, mit andern Worten nur die Vorsehung Gottes ausdrücken. 

Die Bibel spricht sich darüber (Exod. III., 11-15.) so klar und 
deutlich, so einfach und bestimmt aus, dass nur Mystagogen und 
Mythologen, nur Aberglaube und Unglaube, welche nicht fähig sind, 
das Wesen unserer Geschichtsreligion zu begreifen, jene klaren Worte 
übersehen konnten. 

Wir lesen in Exod. III., 13: „Mose sprach zum Allmächtigen*), 
ich komme nun zu den Kindern Israels und werde ihnen sagen, der 
Gott Eurer Väter hat mich zu Euch gesendet, und werden sie mich 
fragen, was ist sein Name, was soll ich ihnen antworten?^ — 

Die Verlegenheit, in welcher sich Mose befand, seinem Volke 
einen reinen und erhabenen Gottesbegriflf* beizubringen, wird hier durch 
die sinnigen Worte Mosis ausgedrückt: sie, die Kinder Israels, werden 
gleich den sie umgebenden heidnisciien Völkern, einen persönlichen 
Gott, mit einem Eigennamen sich vorstellen, sobald ich ihnen vom 
Gotte ihrer Väter spreche, und wie soll ich dieser Gefahr begegnen, 
was soll ich ihnen antworten, wenn sie mich fragen, wie ist der Name 
unseres Gottes? 

14. „Da sprach der Allmächtige zu Mose: „Ich werde sein, der 
ich sein werde," und Er sprach, also sollst du den Kindern Israels 
sagen: „Ich werde sein," ^l^"i^^ hat mich zu Euch gesendet." 

1 ,.*) ^"^^' ^^®^ ^^"^"6 Elohim dürfte, beiläufig bemerkt, ganz einfach grammati- 
kalisch ans dem Geiste der hebräischen Sprache zu erklären sein, welche hier, 
wie in pi-in, zur Bezeichnung der höciisten Abstraktion von bis*, Macht, also 
zur Bezeichnung des Begriffes „Allmächtiger,« die Pluralform gebraucht. 



15 

Gott spriclit hier in der ersten Person zu Mose mit Bezugnahme 
auf die unmittelbar vorliergehenden Verse 11, 12, die wir sogleich 
zitieren werden. 

15. „Sodann sprach der Allmächtige zu Mose, also sollst du zu 
den Kindern Israels sprechen: „Er wird sein," mri% ^^r Gott Eurer 
Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat mich zu Euch 
gesendet; das ist mein Name für immer, das mein Andenken von 
Geschlecht zu Geschlecht." 

Wie konnte diese Erläuterung des Wortes niiT übersehen werden? 
— Von ^|^"|^^^ dem Futurum des Zeitworts Sein in der ersten Person, 
wird """% das Futurum desselben Zeitworts in der dritten Person 
abgeleitet; denn r\]r\ ist die ältere Form von n\"I, wie nifl von n^fl- 
— nin^ bedeutet: Er wird sein. — Und was wird der Allmächtige 
sein? - Auch hierüber erklärt die Bibel unmittelbar vorher unzweideutig: 

11, 12: „Und Mose sprach zum Allmächtigen: wer bin ich, dass 
ich zu Pharao gehen soll, und wie kann ich die Kinder Israels aus 
Egypten ziehen? — Da sprach Er: Denn Ich werde sein, nM{< ^^^ 
dir, und das sei dir das Zeichen" usw. 

Jetzt haben wir also die volle Bedeutung von nin^- Wie aus der 
egyptischen, so wird Er aus jeder zukünftigen sozialen (materiellen 
und geistigen, physischen und moralischen) Knechtschaft der Befrei er sein. 



Briefe über Israels Mission 
in der Geschichte der Menschheit. 



Erster Brief. 

Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Lehrer, der an der is- 
raelitischen Schule in Frankfurt am Main Religionsunterricht erteilte, 
von meiner damaligen Absicht, über die Mission Israels zu schreiben. 

^Mission", unterbrach er mich lächelnd, „ich gestehe keine solche 
der jüdischen Religion zu!" 

Eine noch entmutigendere Antwort, von einem noch hämischeren 
Lächeln begleitet als das des Frankfurter Lehrers, erteilte mir ein 
anderer deutscher Israelit, ein Doktor der Medizin, dem ich das grosse, 
sich bereits meiner ganzen Seele zu bemächtigen beginnende Interesse 
verständlich zu machen wünschte, das ich für eine heilige Sache empfand. 

„Ach so!" sagte er, „Sie wollen sich wohl noch einmal beschneiden 
lassen?" — 

Diese ehrlichen, sonst sehr intelligenten Leute, sehen in der Re- 
ligion unserer V^äter nur eine Betätigung des individuellen Gewissens; 
das Verständnis der Geschichte, oder der historische Sinn, wenn ich es 
so nennen darf, fehlt ihnen ganz. — In der Tat, man braucht einen 
besonderen Sinn zur richtigen Bewertung der Geschichte, wie man ihn 
für die Kunst, für die Wissenschaft, für das philosophische Denken 
braucht. 

Das in anderen Beziehungen so intelligente vergangene Jahrhundert 
hatte die Rolle der grossen historischen Rassen nicht zu würdigen 
verstanden, ein Wissenszweig, der in dem jetzigen Jahrhundert so stark 
gepflegt wird. Aber die Resultate dieser Studien, die noch zu jung 
sind, um schon ihr letztes Wort gesprochen zu haben, sind noch weit 
davon entfernt, allen gebildeton Menschen bekannt zu sein, sie sind 
noch nicht populär. Viele aufgeklärte Menschen, speziell unter unseren 
Glaubensgenossen, die bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts gewalt- 
sam aus dem Lauf der Geschichte ausgeschlossen gewesen sind, ahnen 
kaum etwas davon; sie gehören, was ihre geschichtsphilosophische An- 



17 

scliauung- betrifft, noch zum vorigen Jabrliundert; für sie ist die Geschichte, 
wie sie heute von den hervorragendsten Männern verstanden wird, nur 
ein abstrakter Begriff. Sie sehen in der Geschichte nur Individuen; 
sie sehen in ihr weder Rassen, noch historische Völker. Wie sollten 
sie also die Rolle dieser Rassen und Völker oder die Mission zu 
schätzen wissen? — Wenn diese Menschen auch nicht bestreiten können, 
dass Israel der älteste Sohn der einzigen Religion der Humanität ist, 
so schreiben sie doch diese Besonderheit Israels nicht dem hervorragend 
religiösen Charakter dieses Volkes zu, welches seit seiner Entstehung 
das Genie besessen, die Religion der Humanität zu erschaffen, 
sondern dem Zufall, der es fügte, dass es einmal unter ihnen einen 
gottbegeisterten Mann gegeben, Namens Moses, der die erhabene Lehre, 
die man seiner persönlichen Initiative zuschreibt, eben so gut jedes 
andere beliebige Volk hätte lehren können, wie er sie Israel gelehrt 
hat. — Einmal in diese Lehre eingeweiht, wären auch die Israeliten 
die Träger dieser Religion geblieben, die sich seither nicht mehr hätte 
entwickeln können, sondern im Gegenteil degeneriert wäre und heute 
zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückgeführt werden müsste. Nach 
dieser modernen Weisheit ist die ganze Mission Israels durch die 
Mission Mose erfüllt, wie sie abgeschlossen sein soll nach der gleich- 
artigen christlichen Weisheit durch die Mission Jesu Christi. 

Diese zu leichte Art, sich über die grosse historische Entwickelung 
der Menschheit Rechenschaft abzulegen, wird ebenso von der Wissen- 
schaft und Kritik verurteilt wie von einer gesunden Geschichtsphilo- 
sophie. 

Ich spreche nicht von dem rohen Glauben, der Gott auf das 
Niveau kindlicher Intelligenz herabdrückt, weil er sich nicht über die 
Sinneseindrücke erheben kann; ich spreche von der Religion gereifter, 
intelligenter Männer, deren religiöse Begriffe auf der Höhe der Wissen- 
schaft und Philosophie stehen. — In keiner historischen Epoche hat 
es in der Tat eine die Geister beherrschende Religion gegeben, die 
nicht auf der Höhe der erworbenen Wissenschaft stand, welche — ich 
gehe noch weiter — nicht im Prinzip deren Resultat und Synthese 
war, so unbestimmt auch die Form sein mochte, in welcher die hohe 
Weisheit der Zeit ihren populären Ausdruck fand. Eine Religion, 
welche nicht oder nicht mehr fähig ist, sich auf die Höhe der erwor- 
benen Wissenschaft zu erheben, ist eine tote Religion. Nicht so die 
Religion Israels, deren Entwickelung gerade in dieser geistigen Arbeit 
besteht: sich immer mit dem Fortschritt der Wissenschaft in Überein- 
stimmung zu bringen, eine Arbeit, welche bis heute immer den Kory- 



18 

phäen in Israel gelungen ist und welche dank dem göttlichen Charakter 
unserer Religion immer den von ihrem Geiste Erfüllten gelingen wird. 

Die israelitische Religion ist immer, seit unserem ersten Patriarchen, 
die philosophische Religion par excellence gewesen. Wenn es nichts- 
destoweniger einen sehr wichtigen Unterschied zwischen ihr und der 
eigentlichen Philosophie gibt, so besteht dieser Unterschied darin, dass 
unsere Religion noch etwas mehr ist. Worin besteht nun dieses Mehr? 

Die Philosophie hat nur den individuellen Geist des Menschen zur 
Grundlage, ein Fundament, das sie nicht würde aufgeben können, ohne 
aufzuhören, Philosophie zu sein. Unsere Religion hat dagegen zum 
Ausgangspunkt die Begeisterung einer Rasse, die seit ihrem Erscheinen 
auf dem Schauplatz der Geschichte die letzten Ziele der Menschheit 
vorausgesehen und geahnt hat, die messianischen Zeiten, in denen der 
Geist der Humanität nicht nur in diesem oder jenem Individuum oder 
auch nur teilweise, sondern in den sozialen Einrichtungen der ganzen 
Menschheit verwirklicht sein würde, so dass es jedermann gestattet 
sein würde, alle seine menschlichen Fähigkeiten zu entwickeln. 

Ausser der philosophischen ist unsere Religion auch noch die 
historische par excellence, und als solche unterschied sie sich von An- 
beginn von allen heidnischen Religionen, welche, obwohl sie in gewisser 
Hinsicht philosophisch und zu ihrer Zeit wissenschaftlich waren, den- 
noch nur Beziehungen zur Natur hatte unter Ausschluss der Geschichte 
und der Geschicke der Menschheit. 



Zweiter Brief. 

Unter den menschlichen Rassen, welche den Erdball bevölkern, 
gibt es gewisse Gruppen, denen unsere Zivilisation alle Fortschritte 
verdankt, die seit dem frühesten Altertum bis zu unserer Zeit gemacht 
worden sind, durch die meistens ungerechten, immer aber barbarischen 
Kriege hindurch, die diese beweglichen Rassen fast beständig mit ein- 
ander geführt haben. — Wenn trotz dieser immerwährenden Kämpfe 
die Rassen, von denen wir sprechen, schon die moderne Zivilisation 
mit ihren Wundern an intellektuellen und individuellen Schöpfungen 
hervorgebracht haben, so ist wohl, wie ich glaube, die Hoffnung ge- 
rechtfertigt, dass ihr brüderliclies Zusammenwirken eines Tages das 



19 

Ideal sozialer Gerechtigkeit verwirklichen wird, das auf jedem Blatte 
unserer heiligen Oeschiclite von unseren Vätern und Propheten ver- 
kündet wird. 

Wenn man die Geschichte und Naturwissenschaften zu Rate zieht, 
kommt man zu der Erkenntnis, dass diese die Initiative gebenden 
Völker im physiologischen Sinne des Wortes zwei Familien angehören, 
ebenso wie sie sich in zwei Sprachfamilien teilen, nach welchen man 
ßie indo- europäische und semitische genannt hat. Welches war 
und welches ist die Rolle jeder dieser historischen Rassen und jedes 
der Völker, aus denen sie sich zusammensetzen, bei dem Werke, die 
Menschheit zu ihren höchsten sozialen Zielen zu führen? 

So ist das der historischen Wissenschaft heute gestellte Problem, 
und ich würde glücklich sein, wenn ich durch eine unparteiische 
Bewertung der Mission unseres Volkes zu seiner Lösung beitragen könnte. 

Und so beachte man vor allen Dingen, dass, wenn man heute im 
allgemeinen an die Einheit des menschlichen Geschlechts glaubt, die 
ursprüngliche Rassenverschiedenheit dadurch nicht ausgeschlossen wird; 
nur mittelst einer langen historischen Arbeit, durch Kämpfe und Streite, 
die noch lange nicht beendet sind, gelangt die Menschheit dazu, sich 
als eine Gesellschaft zu konstituieren und anzuerkennen, die durch die- 
selben materiellen, intellektuellen und moralischen Bedürfnisse geeinigt 
ist. Und in der Tat ist nur dieser allgemeine Glaube an die Soli- 
darität des menschlichen Geschlechts die Quelle des Glaubens an seine 
Einheit, der übrigens physiologisch wohl anfechtbar ist und ange- 
fochten wird. — Die Einheit des menschlichen Geschlechts ist mehr 
ein modernes Dogma als ein Resultat der Wissenschaften. — Um 
dieses Dogma mit dem jetzigen Stand der Wissenschaften in Einklang 
zu bringen, muss man die ursprüngliche Verschiedenheit der Rassen 
als seine natürliche Grundlage, ihre Kämpfe als geschichtliche Bedingung 
und ihr brüderliches Zusammenwirken als Ziel oder Endzweck hin- 
stellen. — So verstanden setzt die Einheit des menschlichen Geschlechts 
also einen Endzweck in der Geschichte des sozialen Lebens, wie 
überhaupt in der Gesamtentwickelung der Menschheit voraus. 

Heute, wo die Menschheit sozusagen schon diesem brüderlichen 
Zusammenwirken aller ihrer Glieder, diesem ihr von Anbeginn der 
Vorsehung gesteckten Ziel nahe kommt, findet sich diese Hypothese 
von den Endzwecken schon in dem Bewusstsein aller zivilisierten 
Völker. Aber im Altertum, wo die allgemeine Geschichte der Mensch- 
heit noch keine so fühlbare und sichtbare war, wie sie es heute ist, 
gab es nur ein einziges Volk, dessen moralisches und religiöses 

2* 



20 

Bewiisstsein Beziehungen zu dieser Geschichte hatte und ihr einen 
Endzweck supponierte, ein einziges Volk, welches das Verständnis oder 
wenigstens die Vorahnung eines Planes der Vorsehung in der Welt- 
geschichte hatte, und welches diesen Gedanken in einer Literatur zum 
Ausdruck brachte, die heute von der zivilisierten Menschheit als 
göttliche Offenbarung verehrt wird. Dieses Volk kennt jedermann; es 
war eines der ersten auf dem Schauplatz der Geschichte, und es ist 
heute noch überall da zu treffen, wohin die Zivilisation ihren Fuss 
gesetzt hat. In ihm hatte sich das Genie der semitischen Rasse im 
Altertum zu seiner grössten moralischen und intellektuellen Macht 
entfaltet. Durch dieses Volk wurden alle die anderen Völker der 
grossen historischen Rassen, die die moderne Zivilisation geschaffen 
haben, eingeweiht in das Geheimnis des Endzweckes der Geschichte 
der Menschheit. Dieses Volk endlich ist es, welches sowohl durch 
seine Religion, als auch durch seine philosophischen und wissenschaft- 
lichen Arbeiten und besonders durch seine soziale Tätigkeit zwei 
Feinden der Menschen, die auch seine Feinde sind, einen Damm 
entgegensetzen muss : dem Materialismus, welcher zur Verneinung aller 
Moral führt, und dem Aberglauben, der den Ruin jeder Religion, jedes 
Glaubens an die Vorsehung in der geschichtlichen Entwickelung der 
Menschheit nach sich zieht. — Muss ich noch hinzufügen, dass dieses 
Volk, von dem ich spreche, das Volk Israel ist? 

Seltsam! Dieses im Vergleich zu den anderen geschichtlichen 
Völkern an Zahl so geringe Volk ist immer von der Macht der Ge- 
schehnisse fortgerissen worden, mit den mächtigsten Völkern der Ge- 
schichte in die Schranken zu treten, und, was noch seltsamer ist, es 
ist in diesen ungleichen Kämpfen niemals ganz unterlegen. 

An den Grenzen Asiens, Afrikas und Europas hat es sich als freie 
und unabhängige Nation aus der egyptischen Sklaverei befreit: der 
erste Kampf mit dem ältesten und in der Zivilisation vorgeschrittensten 
Volke, von dessen wechselnden Geschicken uns die Kapitel des Penta- 
teuchs erzählen. Als Nation konstituiert, hat es mit den Assyrern, 
den Babyloniern, den Persern, den Hellenen, den Römern zu kämpfen, 
ohne von seinen beständigen Kämpfen zu reden, die es mit den kleinen 
Völkern und mit den inneren Feinden seiner Religion zu bestehen 
hatte, die jedoch nicht die am wenigsten gefährlichen waren. — Aus 
seinem Vaterlande vertrieben, über die ganze Welt zerstreut, allen 
materiellen und moralischen Qualen unterworfen, deren Mannigfaltigkeit 
und Intensität alles übertrifft, was die fruchtbarste Phantasie erfinden 
könnte, hat es sich als Volk erhalten, mit seinen Traditionen und 



21 

seinem gcUtliehon Glauben, indem es gegen eine Welt von Barbaren 
und gegen die noch furchtbareren Verführungen einer unmoralischen 
und skeptischen Zivilisation ankämpfte. Soll man glauben, dass ein 
solches Volk mit einer solchen Geschichte keine Zukuuft, keine Mission 
mehr in der Weltgeschichte zu erfüllen hat? — 

Ja, \s'enn es möglich wäre, dass die Menscliheit ihr Endziel durch 
die allseitigen Fortschritte der Industrie, der Wissenschaften und Künste 
erreichen konnte ohne einen starken Glauben an die Vorsehung, die 
ihre hohen sozialen Geschicke leitet, diese Grundlage aller mensch- 
lichen Moral, die das Opfer des Egoismus verlangt — oder, wenn es 
ausserhalb dieses israelitischen Gewissens, das der Menschheit schon 
einmal eine allgemeine Religion gegeben, es noch Glaubensformen gäbe, 
die zugleich kraftvoll und aufgeklärt, geschützt vor Skeptizismus und 
Aberglauben wären, — in diesen beiden Fällen, gestehe ich, würde 
Israel seine Rolle ausgespielt haben, die immer eine moralische und 
religiöse Bedeutung gehabt hat und auch in Zukunft keine andere 
haben kann. 

Aber wenn es mir gelänge, zu zeigen, dass weder die erste, noch 
die zweite Hypothese durch die Erfahrung gerechtfertigt ist, und dass 
nur Israel allein immer aus den Quellen seines eigenen Genies und 
seiner nur ihm eigentümlichen Traditionen schöpfend imstande sein 
wird, altersschwache Religionen durch die Regeneration seiner eigenen 
Religion neu zu beleben; — wenn es mir endlich gelingen könnte, zu 
beweisen, dass eine solche religiöse Regeneration kaum denkbar ist 
ohne eine nationale Regeneration Israels — dann wird man zugeben 
müssen, dass unser Volk noch eine andere Rolle in der Geschichte zu 
spielen haben wird als diejenige, von der seit einem halben Jahrhun- 
dert einige Reformer, besonders unter unseren Glaubensgenossen in 
Deutschland, geträumt haben. 



Dritter Brief. 

Die Religion Israels ist nicht wie die der Christen und Mohame- 
daner auf eine schon bestehende Religion gepfropft, die von einer 
begeisterten Einzelperson reformiert worden ist. Sie ist wie die pri- 
mitiven Schöpfungen der indo-europäischen Rassen das spontane Werk 



22 

einer ganzen Rasse. Und ebenso wie das schöpferische Genie der 
indo-europäischen Rassen seinen klassischen Ausdruck in Griechenland 
gefunden hatte, hatte das der semitischen Rassen ihn in Juda gefunden. 
Daher ist auch der ungeheure Einfluss, den die Werke der Israeliten 
und der Griechen auf alle historischen Völker ausgeübt haben, ohne 
Gleichen in der Geisteswelt. Sie waren und werden für immer die 
granitenen und erzenen Grundlagen des ganzen sozialen Gebäudes und 
seiner Entwickelung bleiben. In den Werken dieser beiden auser- 
wählten Völker findet man alle die höheren Eigenschaften, durch 
welche sich die menschliche Seele von allen anderen lebenden Wesen 
unterscheidet. Nur sind diese Eigenschaften gewissermassen zu gleichen 
oder gleichwertigen Teilen unter diesen beiden klassischen Völkern 
verteilt, von denen das eine vom Prinzip des Schönen und Wahren, 
das andere von dem des Guten und Gerechten durchdrungen ist. Die 
Hellenen haben erhabene Werke geschaffen, die Israeliten heilige. 
Philosophie, Kunst und Wissenschaften, Werke, welche Beziehungen 
zur Natur im allgemeinen und zum Menschen insofern hatten, als er 
ein natürlicher, vollkommener Organismus ist, waren der Anteil der 
Hellenen, während die Werke hoher Moral und humaner Religion, 
welche Beziehungen zum Menschen als zu einem vervollkommnungs- 
fähigen sozialen Wesen haben, das Erbe der Israeliten waren. 

Will man noch tiefer in das Genie der Rassen eindringen, dann 
analysiere man die elementaren Gefühle, die sich in allen ihren grossen 
Werken wiederfinden: Ruhe, Betrachtung, Reproduktion alles dessen, 
was in der vollendeten Schöpfung existiert, bei den einen; Streben 
nach dem Unbekannten, Agitation für alles, was in der menschlichen 
Welt sein soll, deren Schöpfung noch nicht vollendet ist, mit dem 
Bestreben, sie ganz aus einem Guss zu schaffen, bei den andern. — 
Einerseits der weise Genuss der Gegenwart; andererseits die feste 
Hoffnung auf die Zukunft. 

Mit solchen primitiven Bestrebungen führte die eine dieser beiden 
historischen Rassen im Altertume zum Kultus der vollendeten, unendlich 
niannigfaltigen Schöpfung voller Harmonie und Reiz; die anderen zum 
Kultus des Schöpfers einer AVeit, die dank dem beständigen Eingreifen 
ihres Schöpfers erst vollkommen wird. Dieses Eingreifen des Schöpfers, 
das immer unerlässlich sein wird, so lange es eine unvollendete 
soziale Gesellschaft geben wird, hat einen Kultus hervorgebracht, der 
von den modernen Philosophen und ihren Anliängern unter unseren 
Glaubensgenossen wenig oder garnicht verstanden wird. — Mitten in 
einem Labyrinth von sich widersprechenden Ereignissen und Tendenzen, 



23 

welche die gediegensten Geister erschüttern, ist die israelitische Tradition 
der Ariadnefaden, der die Menscldieit durcli den moralischen und 
religiösen Skeptizismus hindurch bis zur messianischen Epoche führt, 
dieser Seele des historischen Kultus par exccllence. 

Wenn man gut von diesen Grundgedanken unseres Kultus durch- 
drungen ist, wird an ihm alles klar, bis zu den Vcrirrungen des 
Gefühls und der Phantasie, bis zu den Schwächen und Vorzügen Israels. 

Leider haben unsere Glaubensgenossen unseren Kultus wenig oder 
garnicht verstanden. Alles muss wieder in der modernen Bewertung, 
sowohl seitens der sich für Orthodoxen Ausgebenden, als auch seitens 
der angeblich Aufgeklärten umgestaltet werden. Darum würde ich 
fürchten eine Arbeit zu unternehmen, die in vielen Hinsichten soviel 
ehrliche Überzeugungen schonungslos verletzen muss, w^enn Sie, Herr 
Redakteur, in Ihrer seltenen und aufrichtigen Unparteilichkeit mir 
nicht zugebilligt hätten, mir ohne Parteinahme bis zum Schlüsse 
folgen zu wollen. 

Zunächst ist in Verfolgung des Gedankens, dessen hauptsächlichste 
Züge ich entworfen habe, der israelitische Kultus eng verknüpft und 
wird es auch immer bleiben mit der Rasse, die ihn hervorgebracht 
hat, mit dem Volke, das ihn entwickelt hat und das allein ihn wird 
fortsetzen können. Der Israelit ist nicht geschaffen, um zu bekehren 
und bekehrt zu werden. Der Kultus Israels ist, was man auch sagen 
möge, ein nationaler Kultus, wie es jeder primitive Kultus zuerst 
war. Das hat auch Mendelssohn schon gelehrt, ohne die wahre 
Ursache hiervon gesagt zu haben. Die übernatürliche Ursache, von 
der er für seine These ausgegangen ist, ist ein offenbarer Widerspruch 
seiner rationalistischen Philosophie Daher haben auch seine Schüler, 
die seine rationelle Philosophie angenommen haben, einen Kultus 
aufgegeben, der auf übernatürlichem Glauben basiert ist. Nach Mendels- 
sohn soll das mosaische Gesetz, das er zuerst in Anbetracht des gött- 
lichen Ursprungs, den er ihm zuweist, mit ziemlich wenig Respekt 
Zeremoni algesetz nennt, unveränderlich sein, weil der Ewige, in 
Person auf den Berg Sinai herabgestiegen, es Israel gegeben haben 
soll, und es wieder eines solchen Aktes bedürfe, um es aufzuheben. 
Das ist, sagt er, eine Tatsache, deren Zeugen die Zeitgenossen 
waren, eine historische Wahrheit, die man nach dem Philosophen 
von Berlin wohl unterscheiden muss von ewigen AVahrheiten oder 
Philosophien des Verstandes. 

Eine historisch bekannte Tatsache ist, dass dieses Zeremonialgesetz 
durchaus nicht ganz und gar sinaiischen Ursprungs ist, dass es sich 



24 

im Gegenteil im Laufe der Geschichte Israels sehr bedeutend entwik- 
kelt und verändert hat und dass der Talmud selbst das Zeugnis ver- 
wirft, das den Aufstieg Moses auf den Sinai und das Herabsteigen 
Gottes auf den Sinai buchstäblich annimmt, indem er sagt: 

Nie stieg die Gottheit hinunter und Moses in die Höhe! 

Soll man sich darüber wundern, dass die moderne Ungläubigkeit 
sich geweigert hat, der bizarren Zeugenschaft zu glauben, die Mendels- 
sohn anruft für unsere Verpflichtung zu dem Kultus unserer Väter? 

Diese Verpflichtung existiert demnach, aber in einer anderen Art 
und aus einem anderen Grunde als dem, den der Philosoph von Berlin 
unterstellt hat. 

Sie existiert, weil unser Kultus, so wie er sich historisch entwik- 
kelt hat, das Band ist, welches unser Volk in der Zerstreuung eint 
und welches für unsere Zukunft die Gewähr bietet, indem es unsere 
Gegenwart an die Vergangenheit knüpft. Es ist der Saft, welcher 
von der Wurzel zu den Zweigen und von den Zweigen zur Wurzel 
auf- und absteigt, um die reife Frucht am Lebensbaume der Mensch- 
heit hervorzubringen. Unser Kultus, das sind wir selbst, es ist unser 
Fleisch und Bein, der Ausdruck des heiligen Geistes, von dem wir 
durchdrungen sind. Es ist keine uns auferlegte Pflicht, sondern eine 
den Jahrhunderten der Geschichte gegenüber freiwillig übernommene 
Schuld, deren Zeugen und Bürgen wir bis zur Vollendung des Werkes 
sind. Aber unser Kultus, unser Gesetz ist nicht unwandelbar. Es 
war anders nach dem Auszug aus Egypten als nach der Rückkehr 
aus dem babylonischen Exil, anders in unserem heiligen Vaterlande 
als in der Diaspora, und es wird noch ganz anders sein, wenn das 
Vaterland seinen getreuen Kindern wieder zurückgegeben sein wird. 

Jedoch heisst das, (da das Gesetz oder der israelitische Kultus 
nicht unveränderlich ist,) dass es einer jeden Generation erlaubt ist, 
es willkürlich zu ändern. 



Vierter Brief. 

Ich habe die delikate Frage der Reform gestreift, die den Vorzug 
hat, selbst die gegen unseren Kultus Gleicligiltigsten mit Leidenschaft 



25 

zu erfüllen. Sic ist aus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzt, 
so dass es sich empfiehlt, sie vor dem Versuch einer Lösung des grossen 
Problems zu analysieren. 

Die ersten Motive, die für die Dringlichkeit der Reformen in unserem 
Kultus vorgebracht wurden, waren ziemlich unschuldig. Wirkliche Miss- 
brauche, teils älteren, teils neueren Datums, alle von der Art, dass 
sie die Ordnung in unseren Tempeln störten und das ästhetische Gefühl 
jedes wohlerzogenen Menschen verletzten, hatten sich während der 
Jahrhunderte der Zerstreuung und Verfolgung in unseren Kultus ein- 
geschlichen, inmitten einer wilden Barbarei, deren erste Opfer unsere 
Glaubensgenossen gewesen waren. Unerträglich sind diese Missbräuche 
geworden für eine Zeit, in der sich die Pforten der Zivilisation für 
unsere Brüder zu öffnen begonnen hatten, nachdem sie bisher, in ihren 
Ghetti eingeschlossen, nur ihre ungeheuerlichsten Ungerechtigkeiten 
kennen gelernt hatten. Die eifrigsten Israeliten würden keinen Grund 
gehabt haben, diese Reformen zu bekämpfen, wenn die zu ihrer Ein- 
führung vorgeschriebenen Motive aufrichtige gewiesen wären. Der 
Beweis dafür ist, dass es in allen Gemeinden und in allen Ländern, 
wo diese Reformen von Männern vorgeschlagen und ausgeführt wurden, 
deren Liebe zu unserem Kultus unbestreitbar war, keinerlei Spaltungen 
gegeben hat. Zum Beispiel Frankreich! Obgleich es hier wie überall 
Indifferente und Zeloten gibt, merkt man dem Kultus doch nichts davon 
an. Ihre Indifferenten haben zu viel gesunden Verstand gehabt, um 
widerrechtlich Einfluss auf eine Sache gewinnen zu wollen, die sie 
nichts mehr anging, und die Zeloten haben schweigen müssen vor der 
bona fides einflussreicher Männer, die unserem Kultus ergeben blieben. 
Trotzdem diese Reformen eingeführt sind, sind ihre Tempel tatsächlich 
alle Tage für die eifrigen Israeliten geöffnet, die sie morgens und 
abends besuchen, und die Menge drängt sich dorthin an Sabbathen 
und Festtagen. In Deutschland ist es ganz anders! Soviel grosse 
Gemeinden, soviel Parteiungen, ja sogar wahrhafte Spaltungen. Von 
Anbeginn hatte man Misstrauen gegen die Reformatoren, welche unter 
dem Vorwand, Missbräuche abzustellen, die ehrwürdigsten Bräuche 
angriffen. Ich spreche noch garnicht von den biblischen und talmudischen 
Gesetzen, sondern nur von den Minhagim, z. B. von dem Brauch, dass 
wir nicht unbedeckten Hauptes in unseren Tempeln sind, ein Brauch, 
der zwar nicht immer und überall existierte, aber seit langer Zeit ein 
geheiligter ist. 

Es gehörte garnicht so viel dazu, alle unserer Religion ergebenen 
Israeliten von dem reformierten Gottesdienst fernzuhalten. Man ver- 



26 

ändere nur einige Gebete, führe einige Minliagim der sogenannten 
portugiesischen Israeliten in den Tempeln der sogenannten deutschen oder 
polnischen Israeliten ein, und man wird die Mehrheit daraus verjagen. 
Die meisten unserer Glaubensgenossen hängen selbst an weniger all- 
gemein geheiligten Bräuchen, welche wahrhaft dem jüdischen Kultus 
ergebene Männer sich hüten werden abzuschaffen Ist es denn ein 
Grund, diese Bräuche zu reformieren, weil deren mehrere nicht mit den 
Bräuchen anderer Kulten übereinstimmen? Für die deutschen Refor- 
matoren war es jedoch nicht nur ein Grund, sondern der Hauptgrund. 

Bei dieser Gelegenheit kann ich es mir nicht versagen, von einer 
Diskussion zu erzählen, die ich kürzlich in dem grossen Tempel der 
Rue Notre Dame de Nazareth hatte. Ein Deutscher, Nichtisraelit, 
befand sich neben mir und schien wenig erbaut von allem, was er sah. 
Er fragte mich, ob das der reformierte Kultus der französischen Israeliten 
wäre. „Nein mein Herr", sagte ich ihm, „es gibt in Frankreich keinen 
,reformierten' Kultus, wenn Sie dieses AVort im Sinne der deutschen 
Reform verstehen. Es ist der alte Kult unserer Väter; nur hat man 
ihn etwas verschönert und dafür Sorge getragen, mehr Ordnung ein- 
zuführen". Der Fremde sah mich ganz verdutzt an. Ich verstand ihn 
und sagte: ,,Wenn Sie zum ersten Mal eine Synagoge besuchen, werden 
Sie erstaunt sein, wie wenige Umstände man dort macht. Man tritt 
ein und bleibt bedeckten Hauptes, wie die Freimaurer. Man plaudert 
dort mehr, als man betet. Man plaudert viel mit Gott und auch ein 
wenig mit den Nachbarn. Damit sich das Verhältnis der Plauderei 
nicht umkehrt, sehen Sie da Aufseher in der Uniform von Kassendienern, 
die zu häufiges Geplauder mit den Nachbarn verhindern. Glauben Sie 
jedoch nicht, dass die zahlreichen Besuclier dieser Synagoge nicht sehr 
fromme Leute seien, unendlich viel frömmer als die seltenen Besucher 
der deutschen Reformtempel! Es würde zu weit führen, Ihnen die 
Ursachen aufzuzählen, die im Laufe der Jahrhunderte der Diaspora 
diese Art des Kultus herausgebildet haben, der für Euch Christen, die 
Ihr an ernstere und feiorlicliere Gebräuche und an den Ghanz einer 
immer herrsclionden Kirche gewöhnt seid, so voller Widersprüche und 
Rätsel ist. Indessen ich will ihnen, wenn Sie mir zuhören wollen, eine 
kurze Erklärung geben. 

In der Diaspora haben wir immer wenige oder gar keine persön- 
lichen Wünsche an unseren erhabenen Richter zu stellen gehabt. Ganz 
Israel ist verurteilt, im Elend zu sein, so lange es sich im Exil be- 
findet, und wir bitten in unseren Gebeten mehr um das Heil Israels 
als um das Heil unserer Seele. Es ist also sozusagen eine öffentliche 



27 

Aiic;elegcnlieit, die nicht so viel Sammlunjij erfordert wie die Angele- 
genheiten des privaten Gewissens. 

Übrigens sind wir die „Stammgäste" unseres Gottes. Es ist eben 
unser Gott, der Gott unserer Väter. Er ist uns nicht aus dem Aus- 
lande zugeführt und aufgedrängt worden. Ja, wir sind die alten Ver- 
trauten des lieben Gottes. Er ist in unserem Glanz und in unserem 
Elend mit uns gewesen. AVir nähern uns ihm ungeniert, obwohl immer 
ehrfurchtsvoll. Mit ihm sind wir in unseren Synagogen zu Hause. 
Das soll keine Entschuldigung von Missbräuchen sein, sondern eine 
Erklärung der Gebräuche, die in unseren Tempeln herrschen." 

Mein Partner schien nicht sehr überzeugt von der Vortrefflichkeit 
der Gründe, die ich für die ein wenig sonderbaren Gebräuche unseres 
Kultus geltend machte. AVährend ich mich bemühte, ihm die Lösung 
des Rätsels zu q;eben, schüttelte er mehrmals den Kopf und antwortete, 
als ich' zu Ende war: „Insofern Sie nicht scherzen, gibt es in Ihrem 
Kultus nichts, was die religiösen Bedürfnisse der modernen Menschheit 
befriedigen könnte, für welche die Religion nur eine Angelegenheit des 
individuellen Gewissens ist. Wenn die Ihre überdies noch eine natio- 
nale Angelegenheit ist, würden die deutschen Israeliten, welche sich 
bemühen, durch die Theorie und die Praxis ihrer Reformen das Gegen- 
teil zu zeigen und zu beweisen, weder gegen Sie, noch gegen uns 
aufrichtig sein, und Ihre Feinde würden also Recht haben, wenn sie 
Ihrer Religion vorwerfen, nicht mehr zeitgemäss zu sein . . " 

„Mein Herr", sagte ich, „ich pflege über Dinge, die mir eben so 
teuer wie ehrwürdig sind, nicht zu scherzen. Wenn ich mich, anstatt 
mich mit Ihnen in eine theologische Diskussion einzulassen, einer für 
jedermann verständlichen Sprache bediene, so ist meine Erklärung, 
wenn auch salbungsvoll, doch darum nicht weniger ernst. Sie ver- 
wechseln in der religiösen Frage zwei Dinge: den Kultus, der in 
den modernen, wie in den alten Religionen immer eine öff*entliche 
Angelegenheit gewesen ist, und das Gewissen, das bei uns ebenso 
wenig, wie bei Ihnen nie eine solche war, noch sein wird. Diese 
Verwechslung hat im ganzen Mittelalter geherrscht, sie ist nicht 
mehr zeitgemäss. Es ist ein grosser Fortschritt unseres Jahr- 
hunderts, jede Einmischung, sei sie politisch oder kirchlich, in die 
Angelegenheit des privaten Gewissens abgeschaff't zu haben, das nur 
auf der persönlichen Freiheit beruht und nur vor Gott verantwortlich 
ist Der Kultus dagegen ist das öff"entliche Band, das die Geister 
und Herzen iu ihren gemeinsamen und öfi*entlichen Bestrebungen einigt. 
Die Religion, soweit sie ausschliesslich private und rein individuelle 



28 

Gewissenssache ist, wie Sie sie auffassen, kann den Kultus entbehren 
und entbehrt ihn tatsächlich. Der Kultus ist eine öffentliche Angelegen- 
heit und untersteht als solche der Aufsicht der gesetzlichen Autorität. 
Aber wofern er keine der Moral und den Gesetzen widersprechenden 
Tendenzen und Handlungen in sich schliesst, kümmern sich die 
modernen Regierungen nicht darum: und Sie sollen sich wohl hüten, 
in unserem Kultus Dinge zu finden, die der Moral und den Gesetzen 
widersprechen. Wenn die israelitischen Reformatoren in Deutschland 
den Charakter unseres Kultus verändert haben, so geschah es nicht, 
um ihn mit der Moral und den modernen Gesetzen in Einklang zu 
bringen, sondern in der ebenso eitlen, wie dem Geist des Judentums 
w^idersprechenden Hoffnung, christliche Zuschauer in ihre Tempel zu 
locken und unter den deutschen Protestanten Propaganda zu machen, 
die, wenn sie auch zum Rationalismus hinneigen, deshalb nicht von 
weniger feindlichen Gefühlen gegen unsere Brüder beseelt sind. Man 
hat sich der religiösen Reformen bedient, um die politische Emanzi- 
pation zu fördern, und man hat sich mehr bemüht, die Gebräuche 
eines anderen Kultus nachzuahmen, als Missbräuche abzuschaffen, die 
sich bei uns eingeschlichen haben und welche die eifrigsten Israeliten 
am ehesten aufzugeben bereit sind. 

So denke ich über die Reform unserer Gebräuche. Was die Ge- 
setze anbetrifft, w'elche die Doktoren der Reform vergebens zu modi- 
fizieren versucht haben, so wollen wir versuchen, uns zuerst über deren 
Prinzipien zu verständigen. 



Fünfter Brief. 

Das Judentum hat sich niemals angemasst, eine Gewissenspolizei 
zu sein. Sein Dogma ist weit genug, um die Gedankenfreiheit nicht 
fürchten zu müssen. Wenn es zugesteht, dass der menschliche Verstand 
irren kann, erkennt es über dem Irrtum keinen anderen Richter als 
den höchsten Richter. Im jüdischen Gesetz handelt es sich nicht um 
das, was man denkt, sondern um das, was man tut; keine unver- 
ständlichen, dem Verstände aufgezwungenen Mysterien, sondern offen- 
sichtliche Dinge. 

Zwar verdammt es die falschen Propheten, die Verkünder von 



29 

Lehren, die seinen Vorschriften entgegenstehen. Aber damit verdammt 
es nur, was auch die moilernen Gesetzgeber der in der Zivilisation am 
weitesten vorgeschrittenen Länder ohne Zögern verdammen, gewiss 
nicht als Gewissensangelegenheit, aber als aufrichtige Handlung. 

Andererseits muss man anerkennen, dass das Gesetz Israels nicht 
unveränderlich ist, dass es sich den Bedürfnissen der Zeit gemäss ver- 
ändern kann und muss und auch tatsächlich verändert hat. 

Warum besitzen wir denn nicht mehr, wie in der Vergangenheit, ja 
wie noch in der allerjüngsten Vergangenheit, Männer, die von der 
Allgemeinheit genügend anerkannt sind, um mit Autorität entscheiden 
zu können, was in unseren Gesetzen aufrecht erhalten werden muss 
und was verändert werden könnte? 

Zwar haben sich besonders im Anfang der Reformbewegung viele 
junge Rabbinatskandidaten, die keine genügende Kenntnis des jüdischen 
Gesetzes besassen, aus dieser ihrer Unkenntnis ein Recht hergeleitet, 
sich den reformsüchtigen israelitischen Gemeinden als aufgeklärte Kan- 
didaten vorzustellen. Aber es ist nicht minder wahr, dass die gelehrten 
Talmudisten nicht dabei gefehlt haben und dass sie heute weniger als 
je in der Reformpartei fehlen. In letzter Zeit scheint man sogar das 
Werk einer radikalen Reform, die keine Anhänger mehr hat, aufge- 
geben zu haben, und man begnügt sich, wie bei den ersten Anfängen 
mit unbedeutenden Änderungen, die dennoch nicht mehr Erfolg haben 
als die kühnen Versuche der sogenannten radikalen Reform. Woher 
kommt also, wiederhole ich, dieser vollkommene Mangel an Autorität, 
diese absolute Ohnmacht, an unseren traditionellen Gesetzen irgend 
etwas zu verändern, dieses Misstrauen, welches selbst auf den gelehr- 
testen und gemässigsten Reformen lastet? 

Die Antwort ist leicht, wenn man der Frage nur ein wenig un- 
parteiisch gegenübersteht. 

Die Reform ist von einem anderen Geiste als von dem des Juden- 
tums durchdrungen. Sie, die sich liberal, sogar radikal nennt, hat 
sich bei weitem nicht zu der Höhe der liberalen Prinzipien des Juden- 
tums erhoben, die ich soeben dargelegt habe. Sie bleibt in den Ideen 
der protestantischen Christen, der sogenannten Rationalisten, stecken, 
deren Kultusgebräuche ohne historische Bedeutung und ohne Zukunft 
sie ehemals nachgeahmt hatte und von denen sie noch das Dogma 
eines transzendentalen Deismus übernimmt, der jedes Eingreifen des 
Schöpfers in der Geschichte der Menschheit ausschliesst, der nur den 
individuellen Bedürfnissen dient und gleichgiltig ist gegen jede Betä- 
tigung der Gesamtheit, sei es der Nation, sei es der Menschheit. In- 



30 

dem die Reform dem Schöpfer einen Platz ausserhalb der Welt anweist, 
ihn von seiner Schöpfung trennt, wie das Individuum von seiner Nation, 
die Nation von ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, hat sie keine 
Fühlung mehr mit unserer eminent historisehen Religion. Sie würde 
sie auch nie gehabt haben, selbst wenn sie nicht nach dem Vorbilde 
des christlichen Protestantismus willkürliche Schranken zwischen Bibel 
und Tradition aufgerichtet hätte, eine Trennung, deren man sich nur 
als Kriegsmaschine bedient hat; denn, wie heute jedermann weiss, 
glaubten unsere Reformer ebensowenig an die Intervention Gottes in 
den biblischen wie in den neueren Zeiten. Der moderne Individualis- 
mus hat keine anderen religiösen Bedürfnisse, als die: dem Individuum 
unbeschränktes Wohlergehen zu sichern. Wenn er die Ewigkeit des 
Individuums und ein allmächtiges Wesen als das Pfand für die Un- 
sterblichkeit der Seele braucht, so ist das nur die edle Seite der 
Medaille, deren Rückseite der Materialismus ist. 

Unsere Reformer hätten, indem sie die Gedankenfreiheit zum 
Prinzip erhoben, wenigstens mehr Achtung vor Glaubensbekenntnissen 
haben müssen, die nationaler, historischer und schliesslich humaner 
waren. Aber nein! Sie lassen dem philosophischen Denken nicht 
soviel Spielraum wie das Judentum, welches jedem die Freiheit lassen 
kann, sich das göttliche Eingreifen in die Angelegenheiten der 
Menschheit nach seiner Art zu erklären. 

Man versteht, dass die christliche Gesellschaft sich eine Waffe 
der Kritik schmieden musste, um mit den feudalistischen und hier- 
archischen Traditionen zu brechen, die den Fortschritt hemmten. 
Aber muss deshalb das Judentum, das nie Feudalismus und Hierarchie 
gekannt hat, dessen Traditionen den gerechtesten, Gleichheit ver- 
kündenden und wenn ich so sagen darf, nationalen, modernsten Geist 
atmen, aus reiner Nachahmungssucht, an der allgemeinen Krankheit 
einer vorübcrgohenden Epoche teilnehmen, die es wohl verstanden hat, 
mit den Traditionen des Mittelalters zu brechen, aber noch nicht das 
Band hat wiederfinden können, das die Zukunft mit der Vergangenheit 
und die Mens(;hheit mit ihrem Schöpfer verbindet? 

Die Existenz des Judentums ist unzertrennlich von der Existenz 
unseres Volkes. Diese Voraussetzung ist so wahr, dass sie schon einer 
Tautologie gleicht. Indessen muss man nachdrücklich darauf hinweisen, 
wenn man uns unaufhörlich sagt, dass wir unser Volkstum verwischen 
und dennoch weiter Israeliten bleiben sollen. Warum sind unsere 
Reformer in einen Widerspruch verfallen, den man als absurd bezeichnen 
kann? Weil sie keine Ahnung von unserer uns durch die Vorsehung 



31 

bestimmten Mission haben. Sie wollen das Unmögliche, die Wirkung 
ohne die Ursache, das Endziel ohne den Weg, der dahin führt. Man 
nehme der messianischon Religion das Messias-Volk, und diese Religion, 
die ("lOtt selbst in uns gepüanzt hat, existiert nicht mehr; es bleibt 
nur ein Schatten zurück, vor dem sehr schnell Skeptizismus und 
Materialismus verschwindet. Man nehme im Gegenteil unserem Volk 
seinen alten, nationalen Kultus, und es hat keine Daseinsberechtigung 
mehr: es geht zu Grunde in dem ungeheuren Ozean der Völker, 
zwischen die es geworfen worden ist, wie es teilweise schon seit 
dem frühesten Altertum bis heute in dem Masse zu Grunde gegangen 
ist, als es die Religion unserer Väter verlassen und den Kultus der 
umwohnenden Völker nachgeahmt hat. Es wäre schon völlig unter- 
gegangen, wenn es in seiner Mitte nicht immer wieder einen Kern 
von Menschen gehabt hätte, die von unserer göttlichen Mission begeistert 
waren, und eifrige Patrioten, die sich um diesen Kern gruppierten. 
Der Kern eifriger Israeliten existiert noch; aber die von göttlicher 
Begeisterung Erfüllten sind heute selten. Wie kann man erwarten, 
dass wir Fortschritte machen auf dem Wege unserer göttlichen Mission, 
wenn die in intellektueller Hinsicht höher Stehenden den Kern der 
Israeliten, die an diese Mission glauben, zurückstossen, und man sich 
daher infolge einer uns zu natürlichen Reaktion gegen alles sträubt, 
was Wissenschaft und Kritik lehrt? 

Trotzdem steht nichts in der Wissenschaft und der Kritik in 
Widerspruch mit unserm alten nationalen Kultus. Weder die historischen, 
politischen und moralischen, noch die Naturwissenschaften stehen im 
Gegensatz zu unserer Religion. Unter allen bestehenden Religionen 
ist es vielmehr gerade die unsere, welche durch die Fortschritte der 
Wissenschaften und der modernen Gesellschaft gefestigt wird. Religionen 
haben die Denkfreiheit zu fürchten und sind gezwungen, die Kritik 
fernzuhalten; die unsere hat sie niemals gefürchtet, niemals gehemmt. 
Andere Völker haben neue moralische und religiöse Grundlagen für 
ihre zukünftigen Institutionen zu suchen, in unserem nationalen und 
humanen Kultus sind alle diese Grundlagen schon gefunden. Wessen 
alsobedürfen wir, um weder von den Feinden der Wissenschaft, noch von 
den Gegnern unseres Kultus behindert, unseren göttlichen Weg auch 
duroh die heutige Obergangsepoche fortzusetzen? Nichts als die 
Kenntnis unserer Geschichte und das Bewusstsein unserer Mission! 

Wenn wir von unserer göttlichen Mission durchdrungen sind, 
werden wir diese Idee der nationalen Wiedergeburt schätzen, die ich 
für die Trümmer unseres unglücklichen Volkes in Polen und im Orient 



32 

angerufen habe, und die ich als den Ausgangspunkt von weit ernsteren 
und andersartigen Reformen betrachte, als es die unserer Reformer 
jenseits des Rheins sind. 

Wenn wir schliesslich die Geschichte Israels befragen, werden 
wir sehen, dass es nicht das erste Mal ist, dass unser Volk eine 
kritische Zeit durchlebt, die gleichzeitig die Existenz seiner Religion 
nnd Nation bedroht; aber wir werden auch sehen, dass diesen kritischen 
Zeiten immer schöpferische und regeneratorische Epochen folgten. 



Sechster Brief. 

Wenn es ein zeitgenössisches Zeugnis gibt, welches die Wahrheit 
der Idee der zugleich moralischen und nationalen Wiedergeburt des 
Judentums beweist, so ist es die Leidenschaftlichkeit, mit der die Gegner 
unseres alten nationalen Kultus die Idee der Wiedergeburt bekämpfen, 
und die einmütige Zustimmung, die alle unserem Kultus treuen Israeliten 
ihr entgegenbringen; es ist die Antipathie, die sie bei unseren Feinden 
in Deutschland und die Sympathie, die sie bei unseren Freunden in 
Frankreich gefunden hat. 

Ich kann dem Wunsche nicht widerstehen, Ihre Leser mit der 
Originalität der beredten Stelle eines Ihrer christlichen Landsleute 
bekannt zu machen, die ich in meinem deutschen Werke „Rom und 
Jerusalem" übersetzt habe. Es ist eine begeisterte Ansprache, die 
im Jahre 1860 bei E. Dentu veröffentlicht wurde in einer Broschüre 
mit dem Titel: „Die neue Orientfrage" und dem Untertitel: Die Wieder- 
herstellung der jüdischen Nationalität" 

Ja edles Frankreich, wenn man deine Kinder kennt, voll Hoch- 
herzigkeit und Mitgefühl für alle Leidenden, wundert man sich nicht 
mehr, dass du ein zweites Mutterland für alle bedrückten Völker 
geworden bist. 

Und nun muss ich erzählen, wie die Deutschen im allgemeinen und 
die zur Reformpartei gehörenden deutschen Israeliten im besonderen 
diese Idee der nationalen Regeneration unseres alten Volkes aufgenommen 
haben. 



33 

Siebenter Brief. 

In Deutsehland hat man mir Absichten untergeschoben, die ich 
niemals gehabt und die ich sogar mit Entschiedenheit zurückgewiesen 
habe. Ich habe es in meinem ersten Werk über die nationale Wieder- 
geburt Israels wiederholt gesagt: meiner Meinung nach würde es 
kindisch sein zu glauben, dass die abendländischen Israeliten, welche 
sich in den Ländern, in denen sie seit Jahrhunderten wohnen, wohl 
fühlen, geneigt sein sollten, nach Palästina auszuwandern, selbst wenn 
Israel dort schon wieder eingesetzt wäre; um so weiter bin ich davon 
entfernt, von unseren abendländischen Brüdern eine andere Mitarbeit 
an diesem Werke der Neubesiedlung zu verlangen, als die mit den 
Mitteln, über welche sie in ihren Geisteskräften, ihrem Reichtum und 
ihrer sozialen Stellung verfügen. Heisst das von der Solidarität der 
Israeliten zu viel verlangen? Ja, ich weiss wohl, dass es für gewisse 
abendländische Israeliten etwas lästiges ist, ihrer Abstammung nach, 
wenn auch nicht ihrer moralischen und religiösen Überzeugung nach, 
zu diesen Söhnen Israels zu gehören, die immer untereinander solidarisch 
gewesen sind und es ewig bleiben werden. 

Erinnern Sie sich noch des grausamen Ausspruches eines unserer 
reichen Glaubensgenossen, dem ein unglücklicher Mitbruder vorge- 
stellt wurde? 

„Warum wenden Sie sich lieber an mich, als an meinen christlichen 
Nachbarn?" 

Früher haben getaufte Juden Verbrechen erfunden und ihre vor- 
maligen Glaubensgenossen derselben bezichtigt, damit man ihnen die 
Solidarität ihrer Abstammung verzeihen sollte, deren sie in den Augen 
der Christen immer schuldig blieben, obwohl sie ihren alten Glauben 
abgeschworen hatten. Heute sucht man Verzeihung für diese Solidarität 
durch nicht weniger zu verdammende, aber auch nicht weniger schmerz- 
liche Bosheiten. 

So lange es noch irgendwo Israeliten im materiellen oder moralischen 
Elend geben wird, leiden alle Mitglieder des Volkes darunter und bleiben 
gewissermassen dafür verantwortlich, alle, einschliesslich der Abtrünnigen 
und Verräter! Vor Gott und vor den Menschen sind alle diejenigen 
Israeliten, die ihrer Abstammung nach zu den Kindern Israels gehören, 
— die „von dem Samen Gottes" sind. Vergebens ist es , unsere 
Religion und Nation zu verleugnen. Wir sind nichtsdestoweniger ihre 
Glieder, und wenn der grösste Teil unseres alten Volkes im Elend ist, 
solange unsere nationale Wiedergeburt noch nicht vollzogen ist, werden 
alle übrigen den moralischen Rückschlag verspüren. 3 



34 

Ich habe die praktischen Mittel genau bezeichnet, durch die man 
es mit Hilfe der Zeit und Vorsehung erreichen könnte, denjenigen 
unserer unglücklichen Brüder im Osten das Vaterland wiederzugeben, 
die es unaufhörlich anrufen, nicht in wenig verstandenen und wenig 
empfundenen lauten Gebeten, sondern aus der Tiefe ihres Herzens. 

Frankreich, das uns schon in unsere politischen und sozialen 
Rechte wieder eingesetzt hat, dessen politische Interessen so bewunderns- 
würdig mit den Interessen der Menschheit harmonieren und das nichts 
sehnlicher will, als diese öden Gegenden wieder zu bevölkern, in denen 
es heute schon einen neuen Verkehrsweg zwischen Europa und Ost- 
indien vorbereitet; Frankreich, wiederhole ich, wird mit Befriedigung 
sich dort die Kolonisten eines befreundeten Volkes niederlassen sehen, 
das so voller Sympathien für seine liberalen und humanen Gedanken ist. 

Anstatt diesen durchaus aktuellen Vorschlag zu prüfen, haben die 
Israeliten von jenseits des Rheins sich beeilt zu erklären, dass sie viel 
zu gute deutsche Patrioten seien, um nach Palästina auszuwandern und 
die Pläne Frankreichs zu begünstigen. 

Wie kann man nur annehmen, ich sollte etwa ein Buch geschrieben 
haben, um diese Patrioten zur Auswanderung zu veranlassen?! Man 
muss ein Deutscher sein, um einem Israeliten törichte und strafbare 
Absichten unterzuschieben; und man muss gleichzeitig Israelit von der 
Reformpartei sein, um sich mit Beteuerungen seiner Vaterlandsliebe 
dagegen zu wehren. Warum sollte die Annahme, dass ich die deutschen 
Israeliten zur Auswanderung bewegen wollte, nicht in einem Lande 
auftauchen, das für alle Teile der Erde mehr Auswanderer liefert, als 
alle anderen Ländern des europäischen Festlandes zusammen? 

Zwar sind es nicht allein die deutschen Israeliten, die sich unauf- 
hörlich ihres deutschen Patriotismus rühmen; sie ahmen darin nur die 
geräuschvolle Demonstration der Deutschen aller Konfessionen nach. 

Ihr Franzosen singt nicht immer patriotische Weisen. Die Italiener 
und alle anderen Völker, deren Patriotismus durchaus nicht bezweifelt 
werden kann, singen sie auch nicht so oft und zur Unzeit wie die 
Deutschen, von denen man sagen könnte, dass ihr Patriotismus nur 
darin besteht, zu lärmen. Aber die Zeiten Josuas sind doch vorüber; 
man erstürmt nicht mehr die Festungen der Vaterlandsfeinde mit Po- 
saunengetöse. 

Ich könnte noch sehr vieles über jene Patrioten sagen, die dem 
Grundsatz: „Ubi bene, ibi patria" aus guten Gründen eine so grosse 
Bedeutung beilegen. Der Wille macht den Patrioten nicht. Aber lassen 
wir das! Ich habe Sie von viel ernsteren Dingen zu unterhalten. 



35 

Ich will Einwendungen gegen meine These prüfen, die ich nicht 
im voraus widerlegt habe, die aber, wenn sie auch logischer erscheinen, 
sich darum niclit weniger als Scheinwahrheiten erweisen. 

Ein sehr gelehrter Jude aus Frankfurt am Main, den ich hoch 
schätze und der auch nicht direkt zur Reformpartei gehört, der aber, 
zwischen die Wahl der Regeneration unseres Volkes und der Auflösung 
des uns umschlingenden Bandes gestellt, die Auflösung vorzuziehen 
scheint, machte mir einst folgenden anscheinend sehr schwerwiegenden 
Einwand, den ich wörtlich zitiere, um ihn in voller Kraft wirken zu 
lassen: 

„Sie gestehen selbst", sagte er zu mir, „dass die aufgeklärten 
Juden, die Sie mit Philippson „Kulturjuden" nennen, kein Kontingent 
zu Ihrem wiedererstandenen Juda stellen werden. Sie geben auch zu, 
dass die Gegner von Wissenschaft und Kritik unfähig sind, eine neue 
Gemeinschaft zu bilden, also auch ungeeignet für Ihre nationale Re- 
generationsarbeit. Woher wollen Sie denn aber das Kontingent für 
Ihre wiederzuerstehende jüdische Nation nehmen? — Sie sagen, die 
Volksmassen, im Orient und in Polen namentlich, ersehnen das alte 
Vaterland. — Nun wohl! Aber so lange diese Massen nicht an der 
Zivilisation des Abendlandes teilnehmen, werden sie, Ihrem eigenen 
Ausspruche nach, unfähig sein, eine neue Gesellschaft zu schafl'en, und 
andererseits sagen Sie auch, oder Sie müssen es wenigstens sagen, 
wenn Sie konsequent sein wollen, dass sie, sobald sie an der Zivili- 
sation teilzunehmen beginnen, ebenso wie wir „Kulturjuden", nicht mehr 
nach Palästina werden auswandern wollen, um dort einen neuen Staat 
zu gründen" 

Diesem Freunde, der mich mit meinen eigenen Wafi'en schlagen 
wollte, habe ich geantwortet, dass die moderne Zivilisation erst einen 
wirksamen Einfluss auf die Volksmassen unserer Brüder haben wird, 
nachdem sie eine politische Gesellschaft gebildet haben werden und 
dass dieser Entschluss, anstatt wie heute unheilvoll für unseren 
nationalen Kultus zu sein, nur ausgezeichnete Wirkungen zeitigen wird, 
sowohl in moralischer und religiöser Hinsicht, als auch in allen anderen 
Beziehungen — Wirkungen, zu denen die Israeliten und die Völker aller 
Länder sich nur werden beglückwünschen können. 

Der Einwand, den man erhoben hat, nämlich dass diejenigen, 
die heute die unwissende und wenig zivilisierte Volksmasse bilden, 
unfähig sein würden, eine moderne Gesellschaft zu bilden, würde 
einigermassen begründet sein, wenn diese ganze Volksmasse, von den 
Koryphäen des Abscurantismus geführt, sofort und nach Palästina 

3* 



36 

gebracht werden sollten, um dort den Tempel wieder zu errichten, 
bevor sie den Boden kultiviert und unter dem Schutze der liberalen 
und allmächtigen Völker des östlichen Europas durch Arbeiten aller 
Art materiellen und moralischen Wohlstand erzeugt haben würden. 
Aber da es sich heute nur um Kolonisation handelt und handeln kann, 
muss man gerade das Gegenteil aller jener Voraussetzungen als Vor- 
bedingung des Regenerationswerkes betrachten. In der Tat hat sich 
ein bekannter Gegner der Kritik und jedes Fortschrittes bei den 
Israeliten gegen den Gedanken der israelitischen Kolonisation in 
Palästina ausgesprochen — einen Gedanken, der, wie Sie wissen, schon 
zur Gründung einer israelitischen Gesellschaft geführt hat — weil er 
den heilsamen Einfluss der Arbeit und der europäischen Zivilisation 
auf die israelitischen Kolonisten fürchtet. Diese Furcht der Dunkel- 
männer scheint mir gerechtfertigt. Die Abneigung der aufgeklärten 
Israeliten gegen alles, was unser Volk regenerieren kann, würde 
weniger verständlich sein, wenn man nicht wüsste, wie schwer es dem 
individualistischen Geist, der ihre Erziehung geleitet hat, ist, die 
Wirkungen einer Gesamtleistung zu schätzen, die doch nur allein aus 
allem Elend befreien kann. 

Leider ist es nur zu wahr, dass es bis jetzt nur eifrige ungebildete 
Israeliten und in religiöser Beziehung mehr oder weniger Indifferente 
gibt. Aber eben um aus dieser Sackgasse, in die sich das moderne 
Judentum verrannt hat, herauszukommen, habe ich Mittel vorgeschlagen, 
die uns niemals aus einer religiösen Reform kommen können, welche 
die Fundamente des Judentums untergräbt, ohne sich zur Höhe seiner 
göttlichen Berufung zu erheben. Die Zeiten der religiösen Reform 
sind vorüber, und unser Kultus würde weniger als jeder andere durch 
Reformen regeneriert werden können, die einen dem Judentum fremden 
Sektengeist voraussetzen. Wenn das Christentum zu einer Zeit, als es 
noch im Fanatismus des Mittelalters befangen war, Sekten gebildet 
hat, so folgt daraus nicht, dass heute, wo diese Sekten sich selbst in 
der Kirche als ohnmächtig erweisen, (die sie so heftig erschüttert 
hatten, ohne dass sie sie mit der modernen Gesellschaft hatten aussöhnen 
können, — dass heute im Judentum ähnliche Sekten irgendwelchen Einfluss 
gewinnen und ihm die Zukunft sichern könnten. 

Was uns heute nottut, das ist eine soziale Regeneration, die sich 
auf den Hoffnungen Israels aufbaut. Die Erfüllung dieser Hoffnungen 
wird der Welt das Gottvertrauen wiedergeben. Man hat viel von 
der Notwendigkeit einer neuen Religion gesprochen, ein Beweis, dass 
man im allgemeinen die Notwendigkeit einer solchen empfindet. Aber 



37 

man hat sicli seltsam über die Bedingungen einer solchen Schöpfung 
getäuscht, die sich nicht improvisieren und ohne Wurzeln in der 
Vergangenheit schaffen lässt. Israel besitzt das Geheimnis der Zukunfts- 
religion, in welclier die modernen Nationen den Glauben wiederfinden 
werden, den sie ebensowenig entbehren können wie die antiken Völker, 
die aus Mangel an moralischem und religiösem Glauben zu Grunde 
gegangen sind. 



Achter Brief. 

Genau genommen ist es keine neue Religion, die unser Volk eben 
'durch die Tatsache seiner nationalen Regeneration zum zweiten Male 
diesen historischen Völkern geben wird, die dank der Vermittelung 
seines religiösen Genies schon das Christentum haben. Es ist vielmehr 
eine Verjüngung dieser bestehenden Religion, aber eine wahre Ver- 
jüngung, die einer Neuschaffung gleichwertig ist. Das neue Christen- 
tum, dessen die neue Welt bedarf und dessen Prinzipien erst in diesem 
Jaljrhundert erkannt worden sind, der neue Messianismus, der nur die 
nationale Wiedergeburt des Hebräervolkes erwartet, um die religiöse 
Grundlage der ganzen modernen Gesellschaft zu werden, gleicht in 
keiner Weise jenen mehr oder weniger radikalen, aber doch nur rein 
dogmatischen Reformen, die von den christlichen und jüdischen Refor- 
matoren, von Luther und Mendelssohn bis zu den modernen Rationalisten 
und Philosophen versucht worden sind. 

Was ist denn in Wirklichkeit dieses neue Christentum, zu dessen 
Apostel sich nach St. Simon, auch einem der Unserigen (?), Salvador 
gemacht hat, ohne dessen Prinzipien ebenso klar erkannt zu haben, 
wie das Haupt der sozialistischen Schule? 

Es ist das alte Christentum, das neue Wurzeln in den Boden 
schlägt, aus dem es erwachsen ist, um sich neue Elemente zu eigen 
zu machen, im Einklang mit seinen neuen Lebensbedingungen. Das 
Christentum, das nichts anderes ist als der den religiösen Bedürfnissen 
seiner Entstehungszeit angepasste Messianismus des hebräischen Volkes, 
muss heute wieder zu seinen Quellen zurückgehen, um neue Kraft 
daraus zu schöpfen, wenn es den moralischen und religiösen Bedürfnissen 
der Zukunft genügen will. Ohne diese wahre Verjüngungsarbeit kann 



38 

das Christentum nicht reformiert werden. Keine Schöpfung, religiöser 
oder anderer Art, kann sich, ohne in Verfall zu geraten, von ihren 
Grundprinzipien und ursprünglichen Tendenzen entfernen, wofern sie 
sich nicht neue Elemente und neue Grundprinzipien zu eigen macht. 
Man reformiere das Christentum, soviel man will, man reinige es von 
allem Aberglauben, verwandele es in Protestantismus, in Rationalis- 
mus, in Philosophie, schreibe Kritiken oder Apologien des Lebens Jesu, 
führe dessen göttliche Gestalt auf sein menschliches Wesen zurück und, 
wenn man den Mut seiner Meinung hat, verwandele man es mit 
Feuer b ach, aus Theologie in Anthropologie, aus Religion in Moral: 
Man wird dann das Wesen des Christentums blosgelegt, man wird 
es profaniert, aber trotz aller Anstrengungen daraus keine Religion 
gemacht haben, die den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft ent- 
sprechen könnte. Das alte Christentum ist in seinen Prinzipien und 
seinem Ursprung das Gegenteil einer sozialen Religion, wie die mo- 
dernen Völker sie brauchen. Für die Bedürfnisse einer Zeit geschaffen, 
in welcher die sozialen Bande sich gelöst hatten, hat das Christentum, 
indem es sich als Vermittler zwischen das All umfassende Wesen, wie 
es ihm von der Religion unserer Väter überkommen war, und zwischen 
das zu seiner Zeit isolierte und elende, jedes sozialen Bandes bare 
Individuum stellte, den Menschen loslösen können von einer zusammen- 
brechenden Gesellschaft, ihm zum Tröste für seine irdischen Verluste 
himmlische Güter für das Heil seiner individuellen Seele, für seine Un- 
abhängigkeit von sozialer Macht bieten können; aber es hat nie ver- 
mocht und wird es nie vermögen, den Menschen wieder in den Schoss seiner 
Familie, seines Vaterlandes und der menschlichen Gesellschaft zurück- 
zuführen, ohne wieder im Judentum Wurzel zu schlagen, in dem Boden, 
aus dem es erstanden. Diese ursprünglichen und vom alten Christen- 
tum unzertrennlichen Eigentümlichkeiten machen es viel mehr als die 
besserungsfähigen Fehler unverbesserlicher Menschen ungeeignet, eine 
Religion der modernen Menschheit zu sein, solange es nicht eine Ver- 
jüngung erfährt, die einer Neuschaffung gleichwertig ist. 

Aber damit das Christentum sich auf dem Boden, aus dem es 
erstanden ist, verjüngen könne, muss erst das Judentum seinerseits 
verjüngt werden. Durch wen und durch welche Mittel? Durch das 
Christentum und seine dogmatischen oder philosophischen Reformatoren? 
Oder etwa durch unsere Reformatoren, die sie nachahmen? Das würde 
nach allem, was ich gesagt habe, heissen, sich in einem circulus vitiosus 
bewegen. Dahin haben bis jetzt und dahin müssen notwendigerweise 
alle Anstrengungen doktrinärer, dogmatischer oder philosophischer Re- 



39 

formatoren führen, einschliesslich der grössten Gelehrten und hervor- 
ragendsten Schriftsteller, der Strauss, Salvador, Renan. Ohne Zweifel 
hat das Judentum, um zur Regeneration fähig zu sein, vor allem an 
der modernen Zivilisation teilnehmen müssen, die nicht sein Werk, 
aber auch durchaus nicht das ausschliessliche Werk des Christentums 
ist; um sie zu schaifen, hat es nicht weniger bedurft als die Arbeits- 
leistungen aller historischen Völker vom frühesten Altertum bis zur 
französischen Revolution, die ihre politischen und sozialen Grundsätze 
geschaft'en hat. Wenn das Judentum sich gegen dieses Werk des 
historischen Fortschrittes ablehnend verhalten hätte, wenn es sich, wie 
man ihm sehr zu Unrecht vorgeworfen, immer von der Menschheit 
isoliert hätte, wenn es nicht gerade im Gegenteil sich weitgehend an 
den Arbeiten der Zivilisation beteiligt hätte, so oft es ihm gestattet 
wurde — unglücklicherweise war das in den letzten sechs Jahrhunderten 
vor der französischen Revolution sehr selten der Fall — dann, und nur unter 
dieserVoraussetzung würde ihm das geistige Leben und jedeVorbedingung 
zu sozialer Regeneration abgehen; es würde tot sein ohne jede Hoff- 
nung auf Wiederauferstehung. Unsere Teilnahme an der Zivilisation 
beweist die Befähigung unseres Volkes zu einer sozialen Regeneration. 
Diesen Beweis unserer Lebensfähigkeit liefern wir in einer wohlbe- 
kannten und schwer zu bekämpfenden Weise. Wir liefern ihn denen, 
welche die Wahrheit unserer Teilnahme an dem Fortschritt der Ge- 
sellschaft leugnen, dadurch, dass wir mit ihr gehen. Aber fürunsere soziale 
Regeneration genügt es nicht, wenn wir an der Bewegung der modernen 
Gesellschaft als Individuen teilnehmen. Als Individuum unterwerfen 
wir uns und lassen höchstens ihren Einfluss auf uns einwirken; als 
Nation werden wir ihr einen mächtigen Impuls geben. Als Individuen 
ziehen wir Nutzen aus der Mission der anderen grossen historischen 
Rassen; als Nation erfüllen wir die unserige. Als Individuen haben 
wir zweifellos Rechte zu beanspruchen und Pflichten zu erfüllen; aber 
unsere heiligsten Rechte und Pflichten sind die, welche wir als Nation 
zu fordern und zu erfüllen haben. 

Die Menschheit kann den Glauben an eine Vorsehung, die unsere 
Geschichte lenkt, nicht entbehren, was auch immer unsere grossen 
Geister"^) sagen mögen, und das neuerstandene Judentum wird ihr noch 



*) Die deutschen Philosophen, welche seit Feuerbach sich von dem idealisti- 
schen Individualismus entfernt haben, um in den materialistischen Individualismus 
zu verfallen, und nach ihnen einige französische Philosophen, die den populären 
Strom des Sozialismus verlassen zu müssen geglaubt haben, um in den Wassern 
eines rein individualistischen Liberalismus zu schwimmen, haben das Werk des 



40 

einmal ihren verlorenen Glauben wiedergeben. Denn das Judentum 
besitzt das ihr von der Vorsehung verliehene Geheimnis jener humanen 
Ära, jener messianischen Zeit, die mit der französischen Revolution 
angebrochen ist, deren Keime aber auf das hebräische Volk zurück- 
zuführen sind. 

Wie aber können die modernen Völker in dieses Geheimnis ein- 
geweiht werden, so lange das einweihende Volk nicht als Nation am 
Geschichtswerke mitarbeitet? 

Ich weiss, dass gegenwärtig die wahrhaft patriotischen Israeliten 



18. Jahrhunderts wieder aufgenommen, welches seine Daseinsberechtigung von der 
grossen französischen Revolution hatte, als es sich darum handelte, die alte Ge- 
sellschaft in ihren moralischen und religiösen Grundlagen zu unterminieren, die 
aber ein Anachronismus ist zu einer Zeit, welche die Mission hat, die aus dieser 
Eevolution hervorgegangene neue Gesellschaft zu organisieren. Wenn wenigstens 
diese französischen Materialisten, die sich auf Voltaire und den gallischen Geist 
berufen, dessen freimütige und geistvolle Allüren hätten, das moquante und frivole 
Genie, welches ganz dazu angetan ist, die moralischen und religiösen Grundlagen 
von Institutionen einer vergangenen Epoche zu untergraben! Aber sie haben den 
schwerfälligen und pedantischen Geist der deutschen Philosophen, ihrer wahren 
heutigen Meister. Sie bilden sich ein, eine Religion zerstören zu können durch 
die Darlegung, dass die religiöse Idee nur die zu einer „göttlichen erhobene Moral** 
ist. Sie bekämpfen nicht die christliche Moral, sie bekämpfen nur deren göttliche 
oder ideale Seite, um nur die materielle Seite des christlichen Individualismus 
gelten zu lassen. Während Voltaire und nach ihm alle Iranzosischen Revolutio- 
näre gerade diese menschliche Grundlage, die Moral des Christentums angegriffen 
haben, erkennen unsere fränkisch-deutschen Philosophen keine reinere, erhabenere 
Moral an als die, welche tatsächlich der christlichen Religion als Grundlae:e dient. 
Was sie zu zerstören sich einbilden, würde im <iegenteil in seiner Wesenheit 
erhalten und nur in eine andere Form, die des Materialismus, gekleidet werden, 
statt der des Spiritualismus, die der christlichen Moral ihren ganzen Wert gegeben 
hat, wenn nicht schon die auf der sozialen Wissenschaft und dem Gefühl der So- 
lidarität begründete moderne Moral in dem Geiste der zeitgenössischen Völker die 
Moral der spiritualistischen, v/ie die des materialistischen Individualismus verdrängt 
liätte. Man kann auf diese atheistischen Philosophen das Wort Lessings anwenden: 
„Was in ihren Lohren neu ist, ist nicht wahr; und was daran wahr ist, ist nicht 
neu." In der Tat hat die Experimentalwissenschaft dem Übernatürlichen den 
Boden entzogen. Die spekulative Philosoj)hie kann in dieser Heziehung zu der 
viel wirksameren Arbeit der Kifahrungswissenschaften nichts hinzufügen. Aber 
weder die Wissenschaft noch die Spekulation werden das religiöse Bedürfnis der 
Menschheit zerstören, welche sich immer, auch wenn sie alles Übernatürliche aus- 
schliesst, eben auf die Wissenschaften der Natur und (ieschichte gestützt, eine 
höchste Intelligenz suchen und finden wird, ohne welche die Anstrengungen der 
Natur erfolglos, die Bestrebungen der Menschheit ohne Zweck wären. 

Da ich diese Frage in einer Rede behandelt habe, die Sie in der „Monde 
magonique" finden, kann ich mich hier auf diese Arbeit beziehen, um diese Note 
nicht übermässig zu verlängern 



41 

weder zalilreicli, noch gebildet genug sind, um die Schwierigkeiten zu 
überwinden, die sich unserer nationalen Wiedergeburt noch entgegen- 
stellen : dass das heilige Land von einer zu unwissenden und zu 
barbarischen Bevölkerung bewohnt ist, um Einrichtungen zu fördern, 
die sie weder schätzen noch entwickeln kann, und daps schliesslich 
die europäischen Mächte heute andere Angelegenheiten als die des 
Judentums zu regeln haben. Indessen gibt es schon zwei israelitische 
Gesellschaften, die beweisen, dass es nicht nur einzelne alleinstehende 
Individuen sind, von denen man sagen kann, dass sie von patriotischem 
Geist erfüllt und von dem Gefühl der Solidarität Israels durchdrungen 
sind. Diese beiden Gesellschaften, die Alliance israelite universelle, 
mit dem Sitze in Paris, und die Israelitische Gesellschaft zur Koloni- 
sation des heiligen Landes in Frankfurt an der Oder brauchen sich 
nur in ihren edlen Bemühungen zusammenzutun, nur mit Hilfe der 
Zeit und Gottes alle Schwierigkeiten zu besiegen. Ich habe unsere 
nationale Frage übrigens immer als die allerletzte aufgefasst; so habe ich 
sie auch hingestellt und ausdrücklich bezeichnet (die letzte Nationalitäts- 
frage). Aber das ist kein Grund für uns, uns damit nicht dringend 
zu beschäftigen, da unsere Existenz als historisches Volk und als 
Religion von der Lösung dieser Frage abhängen wird. In unserem 
Jahrhundert schreiten die Ereignisse schnell, und es stände uns übel 
an, als wenig vorbereitet dazustehen, wenn wir eines Tages berufen 
werden, unseren Platz unter den modernen Nationalitäten einzunehmen. 



Neunter Brief. 

AVenn wir die Geschichte Israels auf seine Mission hin betrachten, 
erkennen wir zuerst die intimen Beziehungen, die zwischen der Rasse 
und der Geschichte eines Volkes bestehen. So wie das organische 
Leben, nämlich die Sphäre, die das vegetabile und tierische Leben 
umfasst, nicht von dem der Himmelskörper oder dem kosmischen 
Leben getrennt werden kann, dessen physikalische und chemische 
Kräfte immer die Basis der physiologischen und psychologischen Kräfte 
der organischen Wesen bilden, so knüpft auch die Geschichte der 
Menschheit oder die Sphäre, welche alles soziale Leben umfasst, 
wieder an die Naturgeschichte der Organismen an. Die anthropologischen 



42 

Gesetze werden immer die Grundlagen der moralischen und religiösen 
Gesetze bilden, die Gegenstand der historischen Forschung sind. 

Die menschlichen Rassen sind nicht gleichmässig für das soziale 
Leben befähigt. Die Ethnographie hat uns tatsächlich solche kennen 
gelehrt, die gar keine Geschichte haben, weil sie sich nicht einmal 
j^u dem niedrigsten Grade sozialen Lebens haben erheben können, der 
das Leben der Barbaren von dem der Wilden unterscheidet. Diese 
Rassen können als ein Übergang von dem rein tierisch-organischen 
Leben zu dem sozialen Leben der historischen Rassen betrachtet 
werden. Und wer möchte bestreiten, dass es unter diesen historischen 
Rassen selbst auch verschiedene .Abstufungen des Gesellschaftstriebes 
gibt, natürliche Fähigkeiten, die nicht nur differenziert, sondern ungleich 
qualifiziert sind in Bezug auf ihre Eignung für das soziale Leben. 
Aber hier ist vor allem ein zu allgemein verbreiteter Irrtum zu 
berichtigen. Nichts ist falscher als die unmoralischen Konsequenzen, 
die man aus der Verschiedenheit der menschlichen Rassen ziehen zu 
können geglaubt hat. Die Anhänger der Sklaverei in Amerika haben 
sich dieses Argument zu Nutze gemacht, um ihr angebliches Recht 
auf die direkte Ausbeutung der Arbeit der afrikanischen Rasse zu 
beweisen. Die Tatsache allein, dass man sich dieser Rasse bedienen 
kann, um nützliche und für das soziale Leben nötige Arbeiten aus- 
zuführen, beweist, dass die Negerrasse für das soziale Leben fähig 
ist, und dass es ein Verbrechen ist, sie von allen bürgerlichen, 
politischen und sozialen Rechten auszuschliessen. Wenn unser gött- 
licher Gesetzgeber uns Mitgefühl mit unseren Nebenmenschen ins Herz 
pflanzen wollte (mögen sie nun fremd oder in Dienstbarkeit im Lande 
unserer Väter gewesen sein), so hat er uns immer wiederholt: „Ge- 
denket, dass Ihr Sklaven wäret in Egypten'' 

Nicht nur die Geschichte der Zivilisation unseres Volkes allein, 
sondern die aller historischen Völker, das ganze soziale Leben hat mit 
der Sklaverei, mit der Knechtschaft begonnen, mit der Abhängigkeit 
der einen und der Herrschaft der andern. Aus der Abhängigkeit in 
der Ungleichheit ist die Abhängigkeit in der Gleichheit entstanden. 
Ohne sie keine Arbeitsteilung, und mithin keine Solidarität unter den 
Produzenten. Die Dienstbarkeit ist der Anfang alles socialen Lebens. 
Die Sklaverei ist gewissermassen die Lehrzeit in allen sozialen Arbeiten, 
im Ackerbau und besonders in der Industrie. Nur die Wilden bleiben 
immer unabhängig; sie haben nur das Bedürfnis nach Nahrung, 
Vergnügen und tierischen Leidenschaften, die sie in voller Unab- 
hängigkeit befriedigen, indem sie einander verschlingen, wenn die 



43 

Beute von Tieren und die Produkte des unangebauten Bodens dazu 
nicht genügten. 

Ich weiss, dass es auch historische Rassen gegeben hat, die nur 
Jäger, wenn auch nicht Kannibalen waren noch zu einer Zeit, wo 
unsere Väter schon unter dem Gesetz Gottes lebten. Aber ihr soziales 
oder historisches Leben hat immer mit der Hörigkeit begonnen: Ge- 
denket, Amerikaner sächsischer Rasse, gedenket, dass Ihr in Europa 
Sklaven gewesen seid! 

Die Fähigkeit zu sozialem Leben oder der Gesellschaftstrieb ist 
mehr eine Eigenschaft der Seele als der Intelligenz. Man kann an 
Wissen überlegen sein und in der Nächstenliebe zurückstehen, und der 
Grad der Herzensliebe, deren eine Rasse fähig ist, bestimmt den 
Grad der Zivilisation, den sie erreichen kann. Die Negerrasse, 
die in Amerika in der Sklaverei lebt, ist vielleicht mehr für das so- 
ziale Leben geschaffen als die Rasse, die sie beherrscht. Im allgemeinen 
sind die Ureinwohner heisser Länder geselliger als die kalter Gegenden. 
Das Blut ist unter einer heissen Sonne edler als in einem eisigen 
Klima; und wo die Natur fruchtbarer ist, ist der Mensch weniger 
raubgierig. Selbst in Europa sind die südlichen Völker geselliger als 
die nördlichen; und wenn die einen die Entwickelung der Industrie 
gefördert haben , haben die anderen sich durch all das ausgezeichnet, 
was den Geist veredelt und das Solidaritätsgefühl der Menschen be- 
festigt. Ohne die Berührung mit den edlen Völkern, deren soziales Leben 
schon im Altertum einen so hohen Grad von Zivilisation erreicht hatte, 
wären die Völker des Nordens niemals zu anderer Zivilisation gelangt. 
Und wer sieht nicht ein, dass es selbst in den neueren Zeiten die 
Assimilation der Rassen des Nordens an die des Südens von Europa, 
das gewissermassen innige Bündnis des kühlen Verstandes mit den 
edlen, warmen Gefühlen des Herzens ist, welches am meisten zu den 
Fortschritten der Kultur beigetragen hat und noch beiträgt? In wel- 
chem Lande sind die Grundlagen eines höher stehenden privaten 
Lebens als das des Altertums und des Mittelalters gelegt worden, 
wenn nicht in Frankreich durch seine glorreiche Revolution? In der 
Tat haben die Regionen Europas, wo sich die innigste Verschmelzung 
der Rassen des Nordens mit denen des Südens vollzogen hat, auf 
ihrem Boden die moderne Nation par excellence entstehen sehen, 
deren soziales Leben, ohne Gleichen in der ganzen zivilisierten Welt 
schon im Keim das Ideal der Menschheit enthält. 

Aber das Volk, welches zuerst dieses Ideal erfasst hat, existiert 
noch, wenn auch nicht als Gesellschaft, so wenigstens als Rasse, und 



44 

wenn es wahr ist, dass das soziale Leben seine tiefsten Wurzeln in 
den natürlichen Eigenschaften hat, die der Schöpfer uns ins Herz ge- 
pflanzt hat, wer wollte dann leugnen, dass dieses alte Volk, diese 
Rasse Abrahams, die das menschliche Geschlecht seine göttliche Mission 
gelehrt hat, auch dazu beitragen muss, dieses hervorragend soziale 
Ideal zu verwirklichen? Unsere Weisen haben schon gesagt: 

„AVer ein religiöses Gebot zu erfüllen begonnen hat, muss es 
auch vollenden-' Aber das erste Gebot Gottes, das er uns als Schöpfer 
der Rassen ins Herz gepflanzt hat, die Quelle und das Grundprinzip 
aller anderen unserem Volke gegebenen Gebote, ist, dass wir das 
Gesetz auch selbst ausüben, welches wir die anderen historischen Völker 
zu lehren die Mission haben. Die grösste Strafe, die uns auferlegt 
wurde, weil wir von dem uns durch die Vorsehung vorgezeichneten 
Wege abgewichen sind, und die unser Volk immer am tiefsten gebeugt 
hat, ist, dass wir seit dem Verluste unseres Landes, Gott nicht mehr 
als Nation durch Institutionen dienen können, die in der Diaspora 
nicht aufrecht erhalten und entwickelt w^erden können. Sie setzen 
eine im Lande unserer Väter bestehende Gemeinschaft voraus. Ja, 
das Land fehlt uns, um unsere Religion auszuüben! 

„Das Land fehlt uns, um unsere Religion auszuüben" — werden 
unsere aufgeklärten Brüder wiederholen und in lautes Gelächter über 
eine so veraltete religiöse Auflassung ausbrechen. Sie, die sie im 
Grunde mehr Christen als Juden sind, kümmern sich eben nicht um 
eine so irdische Religion. Menschen, die nur ihr persönliches Heil 
erst hienieden und dann im Jenseits, erst in der Zeit und dann in 
der Ewigkeit suchen, diese Menschen kennen die religiösen Bedürfnisse 
der unserer Mission ergebenen Israeliten nicht. Das edle Blut unserer 
Väter ist aus ihren matten Herzen entflohen, und nur sein geisterhafter 
Schatten ist darin zurückgeblieben. Aber die, welche noch einige 
Tropfen davon in ihren Adern fliessen fühlen, begnügen sich nicht mit 
dem Himmel; ihnen fehlt das Land, um das historische Ideal unseres 
Volkes zu verwirklichen, welches kein anderes Ideal ist als die 
Herrschaft Gottes auf Erden, die messianische Zeit, die von allen 
unseren Propheten verkündet worden ist. Diese trauern über das, 
worüber andere spotten; sie weinen bitter, wo die andern laut lachen. 

Trocknet Eure Tränen, Ihr Weinenden; denn die Zeit der Rückkehr 
ist nahe! 

Und Ihr, die Ihr lacht über den Glauben, den Ihr veraltet nennt, 
wisset, dass die edlen Gefühle des Herzens und die grossen Ideale 
der historischen Rassen niemals veralten — und dass sie noch in der 



45 

Blütezeit sein werden, wenn die Sonne einer brüderlichen Gesellschaft 
schon längst die Scluitren zerstreut haben wird, die Euch den fernen 
Horizont der Menschheit verschleiern! 



Zehntor Brief. 

Die ältesten Spuren unserer Rasse gehen auf prähistorische Zeiten 
zurück. Die Traditionen, die uns darüber in unseren heiligen Büchern 
aufbewahrt sind, zeichnen sich trotzdem durch eine Einfachheit aus, 
die einen seltsamen Kontrast zu den sprichwörtlich gewordenen Über- 
treibungen der orientalischen Phantasie und zu den nicht weniger 
phantastischen Mythen aller anderen Völker bildet. 

Gelehrte Schriftsteller, die wenig Sympathieen für unsere Rasse 
haben, haben uns mit ihren übel gesinnten Kritiken bis auf unsere 
ältesten Traditionen hinein beschenkt. Sie haben indessen nicht 
umhin können, deren einfachen Charakter anzuerkennen, indem sie 
eben das als geistige Trockenheit hinstellen, was weit eher das 
charakteristische Merkmal des Geistes der Wahrheit ist, der bei der 
Verfassung unserer heiligen Geschichte gewaltet hat. 

Die Kapitel der Genesis, die sich auf die antediluvianische Epoche 
beziehen, enthalten schon einen traditionellen Grundstock, Legenden von 
höchstem Alter. Die, welche von den Taten und Gebärden der ersten 
Menschen handeln, sind mehr allegorisch oder symbolisch als mythisch. 
— Was die eigentliche Genesis betrifft, so kennen Sie ja meine An- 
schauung über dieses an die Spitze des alten Testaments gestellte Kapitel. 

In diesem Kapitel, das mit der Feier des letzten Tages der Woche 
durch den Schöpfer schliesst, ist als höchstes Universalgesetz der 
Gedanke zum Ausdruck gebracht, der uns immer beseelt hat, dieser 
Gedanke, dass jede Schöpfung mit einem Zustand vollkommener 
Harmonie endigt. 

Unsere Väter haben immer geahnt, dass die Schöpfung der 
sozialen Welt, ebenso wie die der kosmischen und organischen, mit 
einer harmonischen Epoche endigen wird, die den Sabbath der sozialen 
Woche darstellt. Die Geschichte birgt ihn in ihrem Schosse, und er 



46 

wird anbrechen, wenn die Entwickelung der Menschheit vollendet sein 
wird — das offenbart uns das erste Kapitel der Genesis. — Nachdem 
die Arbeitswoche der natürlichen Erschaffung vollendet ist, beginnt 
die der sozialen Schöpfung. Aber auch diese Arbeit der Geschichte 
muss ihr Ende und ihr Ziel haben. Das Volk, das den letzten Tag 
der Woche feiert, muss in der Erwartung des Sabbaths der historischen 
Woche den Festtag der natürlichen Welt mit dem der sozialen Welt 
vereinigen, lejaum schekulau schabos. 

Denen gegenüber, die in unserer Genesis die Lösung einer natur- 
wissenschaftlichen Frage suchen, der aufeinfolgenden Erschaffung der 
Wesen, und den anderen gegenüber, die ein irriges Prinzip daraus 
abgeleitet haben, das der Schöpfung vorangehende Nichts, muss man 
nachdrücklich auf die tiefe Bedeutung und das wahre Prinzip hin- 
weisen, das in vollstem Einklang mit den letzten Resultaten der 
Natur- und der sozialen Wissenschaften steht. Ich werde darauf 
zurückkommen, wenn ich den Standpunkt unserer Genesis gegen die 
Irrtümer des wissenschaftlichen Materialismus zu verteidigen haben 
werde, den ich schon an anderer Stelle bekämpft habe. Schon jetzt 
aber muss ich sagen, dass unsere heiligen Bücher in der Gegenüber- 
stellung des schöpferischen Geistes und des Materialismus der anderen 
Rassen augenscheinlich nur das materialistische Prinzip bekämpfen 
wollten, und nicht das der Ewigkeit des schöpferischen Prinzips, 
— ebenso wie die Einheit Gottes, welche diese Bücher so nach- 
drücklich proklamieren, der Vielheit der Götter, aber niemals dem Be- 
griff eines dem Weltall immanenten Gottes gegenübersteht, einem Begriff, 
den diese Bücher niemals bekämpft haben. — Was den traditionellen 
Teil der besprochenen Kapitel betrifft, so versteht es sich von selbst, 
dass er nur auf Ereignisse Bezug hat, deren Zeugen unsere Vorväter 
gewesen sein konnten, und dass er sich weder auf den Erdball, noch 
auf das ganze Menschengeschlecht bezieht. 

Die Kapitel von der Sündflut, die zwar mit Legenden anderer 
benachbarter Völker untermischt und mit moralischen und religiösen 
Absichten in Bezug auf unseren humanen Kultus verfasst sind, führen 
uns zu der Katastrophe zurück, welche die heutige Gestalt Palästinas 
geschaffen hat. Man kann die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, 
die Bildung des roten Meeres als den letzten Nachhall der Katastrophe 
betrachten, in welcher Rassen, Ureinwohner des palästinischen Bodens 
ihren Tod gefunden haben. 

Nach der Verjüngung des Bodens und inmitten der ersten Ein- 
wanderungen neuer Rassen sehen wir unsere Väter erscheinen und 



47 

von dem verjüngten Boden Besitz nehmen, der seit jener Zeit unser 
Vaterland geworden ist. 

Kein Volk hat so alte und so heilige Rechte auf das Vaterland, 
das es zurücktbrdert, als die Nachkommen Abrahams, eines der ersten 
Besitzer seines erneuerten und wenig bevölkerten Bodens. Er hat es 
erworben, wo schon andere davon Besitz ergriffen hatten und hat 
es rechtmässig ausgebeutet, ohne die Rechte anderer zu verletzen. 

Zwar hatten unsere Patriarchen als Führer von Nomadenstämmen 
nur ausnahmsweise die Fähigkeit sich zu Nutze gemacht, sich zu 
Besitzern eines jungfräulichen Bodens zu machen, dessen Beweidungs- 
recht ihren Herden nicht bestritten war. Das erste dauernde Eigentums- 
recht, das unser ältester Patriarch auf vaterländischem Boden erworben 
hatte, war das, dort seine verstorbene Frau zu begraben. Die 
berühmte Grabhöhle bei Hebron hat er für 400 Silber-Schekel von einem 
Manne, Namens Ephron, gekauft. Das Beerdigungsrecht ist auch das 
einzige, das uns als letztes verblieben ist, und unser Volk hat, wie 
Sie wissen, davon reichlich Gebrauch gemacht. Noch heute sehen wir 
häutig Glieder unseres in der ganzen Welt zerstreuten Volkes auswandern, 
um sich in heiliger Erde begraben zu lassen. 

Ich betone das aussergewöhnlich heilige und alte Recht, womit 
das Hebräervolk sein Vaterland zurückfordern kann, weil man uns 
gesagt hat, dass wir auf dem Boden Palästinas keine anderen Ansprüche 
geltend zu machen haben, als die der anderen Völker auf ihre Vater- 
länder: das Recht der Eroberung. Tatsächlich datiert unsere Nationalität 
und unsere Niederlassung in Palästina nicht seit den Zeiten Mosis und 
Josuas, sondern seit den Tagen Abrahams. 

Die genealogische Tabelle, die in ihrer lakonischen Kürze Spuren 
eines solchen Alters aufweist, lässt uns der Einteilung der nachsünd- 
Üutlichen Rassen, der Gründung der ersten Städte auf einem eben 
entstandenen Boden beiwohnen. Nach der Zeit der Einwanderung der 
Völker, die vorher in der Umgebung des babylonischen Turmes an- 
sässig gewesen waren, sehen wir unter anderen Stammeshäuptern, 
deren Namen nur in unseren heiligen Büchern erwähnt sind, die grosse 
Gestalt unseres ersten Patriarchen Abraham erscheinen. Auch er ist 
mit seinen Vorfahren aus den Tälern des Euphrat „von jenseits des 
Flusses" gekommen, um in Palästina einzuwandern, um sich dort mit 
seinen Frauen und seinen Herden niederzulassen, um dort das Ober- 
haupt eines grossen Volkes zu werden. Die historische Mission dieses 
Volkes war ihm offenbart; sie ist in der Biographie Abrahams stark 
betont, denn fast jedes Wort und jede seiner Handlungen bezieht sich 



48 

darauf. — Die Geschichte der Patriarchen trägt dasselbe traditionelle 
Gepräge wie die von Moses und Josua. — Warum also die eine 
annehmen und die andere verwerfen? 

Allerdings hat kein anderes Volk aus einer so prähistorischen 
Zeit so einfache und doch an Ereignissen historischen Charakters so 
reiche Traditionen bewahrt, wie die Nachkommen der Patriarchen. 
Die historischen Zeiten beginnen in der Tat für jedes Volk erst mit 
der Zeit seiner staatlichen Konstituierung. Unser Vaterland war noch 
ein junges, von Nomaden bewohntes Land, zu einer Zeit als Egypten 
schon Ackerbau und Industrie mit den Einrichtungen eines zivilisierten 
Staates hatte. Die Nachbarschaft dieses Staates, zu welchem unsere 
Patriarchen immer in Beziehungen standen, konnte auf unsere Ahnen 
nicht ohne Einfluss bleiben, selbst bevor sie sich dort niedergelassen 
haben, um dann in Sklaverei zu geraten. — Unser Volk hat das 
durchmachen müssen, um eine zivilisierte Gemeinschaft werden zu 
können. Unsere Patriarchen hatten das mit einer starken Vorahnung 
ihrer historischen Mission erfasst. Egypten hat sie immer angezogen, 
und lange vor Jakob sehen wir schon unseren ersten Patriarchen dort 
einwandern. Der unangebaute Boden Palästinas bot schon in fruchtbaren 
Jahren nicht genügend Nahrung für die reichen Herden Abrahams und 
Lots, um wieviel weniger in den Teuerungsjahren, wo unsere Patriarchen 
immer gezwungen waren, das Land zu verlassen, das ihren Nach- 
kommen verheissen war. Wenn Isaak, wie wir es in der Biographie 
dieses Patriarchen lesen, nach einem göttlichen Befehl Egypten immer 
meiden musste, so hat Jakob dagegen wiederum seine Zuflucht zu diesem 
Land nehmen müssen, das dazu ausersehen war, das Grab der indivi- 
duellen Freiheit eines Nomadenvolkes und die Wiege der sozialen 
Freiheit zu werden nach dem göttlichen Gesetz der Gleichheit, das 
immer fortschreitet, aber niemals aufgehoben wird. 

liier stehen wir der ersten Epoche unseres Gesetzes gegenüber, 
wie es nach dem Siege der Freiheit erstand. Erlauben Sie mir, dass 
ich mich erst sammle, ehe wir zu dieser mit dem Endo des egyptischen 
Exil anbrechenden ersten Manifestation des schöpferischen Genies 
unserer Kasse kommen. — Wir werden später am Schlüsse eines 
zweiten Exils zu einer zweiten schöpferischen Epoche kommen. — 
Und wer möchte bestreiten, dass wir, nachdem wir den Kelch der 
dritten Verbannung geleert haben, am Vorabend einer dritten schöpfe- 
rischen Epoche stehen werden? — Aber sind wir schon so weit? Hat 
Israel das Ende seiner jahrhundcrtlangen Leiden erreicht? Ist die 
Emanzipation, deren sich ein kleiner Teil unseres Volkes in den vor- 



49 



geschrittensten Abendländern erfreut, der letzte Ausdruck seiner 
sozialen, moralischen und intellektuellen Freiheit, dieser nationalen 
Freiheit, die immer die Conditio sine qua non war, um unser 
religion-schöpferisches Genie zur Blüte zu bringen? 

Ich glaube nicht. Unsere Arbeit kann nur eine vorbereitende sein. 
Inmitten der theoretischen und kritischen Arbeiten, die auszuführen 
wir berechtigt und verpflichtet sind, haben wir nicht die Autorität, 
die Traditionen unseres Kultus vor dem Tage zu ändern, an welchem 
die ersten israelitischen Pioniere von unserem alten Vaterlande Besitz 
ergreifen und mit seiner Kultivierung beginnen werden in der laut 
bekannt gegebenen Absicht, dort die Basis für eine politische und 
soziale Niederlassung zu schaffen. Diejenigen, die ihr Interesse und 
ihre Mitarbeit diesem heiligen Werke weihen, das nicht nur allen 
unseren abendländischen Brüdern, sondern auch den Volksmassen 
unserer orientalischen Glaubensgenossen zu gute kommen wird, werden 
das unbestreitbare und wohl auch unbestrittene Recht haben, weil es 
ja zu ihrer Mission gehört, ein grosses Sanhedrin einzuberufen, um das 
Gesetz gemäss den Bedürfnissen der neuen Gesellschaft zu modifizieren. 



Zur Geschichte des Christentums .*) 



Kritische Arbeiten von grosser Tiefe, welche die erhabensten 
Bestrebungen des menschlichen Geistes betreffen, werden jetzt in dem 
als frivol berüchtigten Frankreich ausgeführt. Nachdem es die 
bürgerliche Gesellschaft durch den Mut seiner Kinder von dem schweren 
Erbe Jahrhunderte alter Ungerechtigkeiten befreit hat, streben heute 
die Enkel Voltaire's und der Revolutionshelden dahin, ihr provi- 
dentielles Werk durch eine Umgestaltung der alten religiösen Grund- 
lagen zu sanktionieren. Nachdem die alten Dogmen unter den Trümmern 
der grossen Revolution, die das alte Europa in seinen sozialen und 
politischen Grundlagen regeneriert hat, begraben worden sind, sehen 
wir in demselben revolutionären Frankreich Arbeiten entstehen, die eine 
religiöse Regeneration vorbereiten. Zwar sind ähnliche Arbeiten schon 
im Anfang unseres Jahrhunderts von den französischen Sozialisten und 
deutschen Philosophen versucht worden; aber es ist leicht vorauszusehen, 
dass die heutigen zu weit grösseren und nachhaltigeren Wirkungen 
gelangen müssen, sei es infolge einer klareren und gleichzeitig tieferen 
Analyse, die sie dem Publikum bieten, sei es dank dem allgemeinen 
Fortschritt der Intelligenz dieses Publikums selbst. Denn in der Tat 
sind es nicht mehr wie früher nur einige Klassen und einige bevorzugte 
Geister, die Nutzen von den Untersuchungen haben, welche selbst noch 
in Dunkel gehüllt sind, aus dem man sie zu lösen sich bemüht. 
Heute strahlt die Sonne hell und leuchtend vor den Augen der 
ganzen Welt. 

Zur Erkenntnis des Gesetzes des Seins, das sich in der Natur 
und in der Geschichte der Menschheit offenbart, gibt es mehrere Wege, 
die zum selben Ziel führen. 

Der erste ist, auf die Stimme des Gewissens zu hören, welche die 
Stimme Gottes ist, die sich der Seele des Menschen, die er nach 
seinem Bilde geschaffen, direkt offenbart. Das ist der Weg, den unsere 



♦) Elementar- u. Kritische Geschichte .Jesu, von A.. Peyrat. — Jesus Christus 
und Beine Lehre, Geschichte der Entstehung der Kirche und ihrer Eutwickelung 
während des ersten Jahrhunderts, von J. Salvador. Paris 18G4. 



51 

Väter, unsere Patriarchen, unsere Gesetzgeber, unsere Propheten und 
Gcsetzlohrer verfolgten. Sie haben die Stimme dieser göttlichen 
Offenbarung gehört, und dass sie sie richtig gehört haben, beweist 
die Geschichte durch den Einfluss, den sie auf die Geschichte aller 
zivilisierten Völker ausgeübt haben und den unser Volk immer aus- 
üben wird. 

Der zweite Weg ist, die Geschichte ebenso wie die Natur zu 
studieren, ein Werk der Wissenschaft und Kritik, das gegen das Ende 
der antiken Zivilisation begonnen, während der schwierigen Errichtung 
einer neuen sozialen Welt unterbrochen und von allen denen fortgesetzt 
worden ist, die dieser neuen Welt angehören. 

In der Erkenntnis, dass diese verschiedenen Wege zu demselben 
höchsten Ziele führen, können wir uns an dem Werke der Wissenschaft 
und Kritik beteiligen, ohne den Weg unserer Väter zu verlassen. 
Aber ihr heiliger Weg, von dem wir nicht abweichen, drückt unseren 
wissenschaftlichen Studien ein besonderes Gepräge auf. Man wird 
verstehen, was wir damit sagen wollen, wenn man zwei über denselben 
Gegenstand soeben veröffentlichte bemerkenswerte Werke miteinander 
vergleicht, das eine von einem gelehrten Israeliten, Joseph Salvador, 
das andere von A. Peyrat, die beide der französischen Gesellschaft 
angehören, die sich aus den W^indeln ihrer Kindheit befreien will. 

Hören wir die Schlussfolgerungen von A. Peyrat: 

„Da kein zeitgenössischer Autor Jesus auch nur zehn Zeilen ge- 
widmet hat, können uns nur die Evangelien allein Aufschluss über 
seine Geschichte geben. Anstatt einer wahren Geschichte haben wir 
eine Sammlung von übernatürlichen Ereignissen, Allegorien, Mythen, 
historischen und halbgeschichtlichen Traditionen gefunden, die ohne 
Ordnung, ohne Methode, ohne chronologische Genauigkeit berichtet sind. 
Wir haben gesehen, dass sich mit den wahren Tatsachen Legenden 
vermischen, die von der Phantasie der ersten Christen geschaffen oder 
durch das Bedürfnis suggeriert worden sind, die historische Persön- 
lichkeit einem messianischen, mythologischen und religiösen Ideal anzu- 
passen." 

Der Autor erklärt schliesslich, dass dieses Werk der reinen Kritik 
einem andern Werke als Einleitung dienen soll, Studien der Geschichte 
und Philohiophie, in denen die folgenden Fragen berührt werden sollen: 
„Wie hat diese Religion, das Produkt eines Ideals, als dessen Kritik 
dieses Buch dienen soll, wie hat sie in ihren wunderbaren Entwick- 
lungen so viele zahllose Generationen umschlingen, ihre Gefühle, ihre 
Interessen und ihr ganzes Leben beherrschen können? Wir haben die Be- 

4* 



52 

gründer und die grossen Männer des Christentums mit den jüdischen 
Traditionen, der orientalischen Gnosis, dem alexandrinischen Pia- 
tonismus, dem neu-platonischen Asketismus das Gebäude des neuen 
Religionssystems errichtet? Dieses System hat alles, was es Bestes an 
Moral, Philosophie und Theologie der alten Völker gab, in sich auf- 
genommen; wie ist diese Assimilationsarbeit zu stände gekommen? 
Wer hat sie begonnen, fortgesetzt, zum Erfolg geführt? Wie ist das 
Christentum nach so vielen Triumphen und Eroberungen dann auf 
seinem aufsteigenden Wege stehen geblieben?'' 

Bevor der Autor auf dem Gebiet der Philosophie und Religions- 
geschichte zu Worte kommt, wollen wir versuchen, seine in gewissem 
Grade persönliche Kritik des Sohnes von Maria, der von den Christen 
als Sohn Gottes verehrt wird, zu kritisieren. 

Peyrat ist einer dieser klassischen Kritiker, deren Typus uns die 
letzten Jahrhunderte des Mittelalters, besonders aber das vergangene 
Jahrhundert geliefert haben, und deren unser Jahrhundert noch sehr 
bedarf. Wer wollte das bestreiten angesichts der grossen Schwäche, 
von welcher selbst die reifsten Geister nicht frei sind, Kompromisse 
einzugehen mit den Irrtümern der Kindheit der Menschheit? Es ist 
zweifellos leichter mit Jahrhunderte alten Illusionen Poesie zu schaffen, 
als mutig für den Antritt der Herrschaft der Wahrheit zu kämpfen. 
Und dennoch ist diese in ihrer unendlichen Grösse nicht weniger 
poetisch als die illusorischen Horizonte voll nebelhafter Dämmerung. 
— Peyrat ist unerbittlich gegen alle historischen Illusionen, selbst 
wenn sie unter einer poetischen Form einige philosophische Wahr- 
heiten verbergen könnten. An der Wahrheit liegt ihm vor allem, an 
der nackten, bisweilen trockenen, aber immer gesunden Wahrheit. Er 
besitzt alle die hervorragenden Eigenschaften, mittels welcher man 
die Wissenschaft bis zu ihren äussersten Grenzen vorwärts bewegt; 
er ist ein unparteiischer Beobachter, ein freier und mutiger Geist, der 
gerade auf das Ziel losgeht, das er sich gesteckt hat, die Tatsachen 
durch eine gewissenhafte Analyse richtig zu stellen, und der nicht 
über das hinausgeht, was das Objekt seiner Kritik ihm bietet. Alles 
ist wahr in seinem Buche, und wenn es noch Wahrheiten gibt, die 
darin nicht ausgedrückt sind und dennoch in näherer oder fernerer 
Beziehung zu dem von ihm behandelten Gegenstande stehen, so hat 
er nicht nur denen das Feld freigelassen, die an diese Wahrheiten 
herantreten wollen, sondern er hat durch ^seino auf ungewöhnlicher 
Gelehrsamkeit begründete Kritik schon das Eingangstor zu denselben 
von den Trümmern befreit, die sie noch dem grossen Publikum ver- 



53 

schlössen. Indem er Klarheit über die Wiesle des Christentums ver- 
breitet, indem er unser Gesetz bekannt macht, das dessen Be- 
ziehunoren zum Heidentum verurteilen musste; indem er die Vorurteile 
bekämpft, die sich auf Rassenantipathieen stützen, wenn ihnen der 
Fanatismus keine Basis mehr bietet; indem er die Widersprüche und 
Unmöglichkeiten, die in den sog^enannten historischen Dokumenten 
enthalten sind, aufweist, hat der Autor grosses Unrecht wieder gut- 
gemacht und alles aufgedeckt, was es Irriges in den tJberzeu2:ungen 
gibt, die regeneriert werden müssen, um sich die modernen Völker 
zu versöhnen. 



n. 

Aber wie zu dieser Regeneration kommen? Das ist nicht Sache 
des Autors. Diese Aufgabe muss anderen überlassen bleiben, die das 
Genie, das Ideal zu schaffen oder es sich einzubilden, haben. Deren 
gibt es in unserem Jahrhundert so viele; und die Völker scheinen 
heute ebenso begierig nach einem neuen religiösen Ideal, wie es die 
alten Völker gegen das Ende der antiken Zivilisation waren. Leicht 
können sich alle diejenigen im voraus Popularität erwerben, die genug 
Talent haben, um sich Gehör zu verschaffen, genug Phantasie und 
Eigenliebe, um an ihre Berufung zu glauben, genug Anmassung und 
Kühnheit, um sich als religiöse Reformatoren aufzuspielen. . . . Das 
bezieht sich jedoch weder im Bösen noch im Guten auf den israelitischen 
Verfasser des Buches, dessen Titel am Kopfe dieser Zeilen angegeben 
ist. Obwohl Herr Salvador sich nicht damit begnügt, an den bestehenden 
Kulten Kritik zu üben, und trotz seines Strebens nach einem neuen, 
nahe mit der modernen Gesellschaft übereinstimmenden Ideal, weiss 
er die Klippen zu vermeiden, an denen andere Reformatoren Schiffbruch 
litten. Er geht keine Kompromisse ein mit veralteten Vorurteilen, 
um sich Gehör zu verschaffen, und er hat nicht die Anmassung, aus 
einem Guss eine regenerierte Religion zu schaffen. Als Mann der 
Wissenschaft und gleichzeitig Sohn der jüdischen Rasse, hat er eine zu 
hohe Meinung von historischen Arbeiten und von den Geschicken 
der Menschheit, um die religiösen Schöpfungen von einem Individuum 
abhängig zu machen. Durch die Entfesselung aller lebendigen Kräfte, 
der^ Geschichte und der Natur, wird sich die höchste Konzeption der 



54 

Menschheit entwickeln, ebenso in der Zukunft wie in der Vergangenheit 
nach Gesetzen, von denen wir diesesmal mehr Kenntnis haben werden 
als im Altertum. Der Autor hat sich bemüht, die Ursachen zu 
ergründen, welche das Christentum erzeugt haben. Bei Übung einer 
strengen und unparteiischen Kritik, um zu der Kenntnis einer historischen 
Epoche zu gelangen, die einander entgegengesetzte Kulten gegenüber- 
gestellt hat: den Geschichtskultus des hebräischen Volkes und den 
Naturkultus der anderen zivilisierten Völker, verliert Herr Salvador 
niemals den Ariadnefaden der grossen Katastrophen aus dem Auge, 
welche die Zerstörung der alten Zivilisation und die Verschmelzung 
der Völker des Altertums herbeigeführt haben. Er wird später eine 
nützliche Lehre daraus ziehen in Bezug auf die Katastrophen der 
Gegenwart, die denen der Vergangenheit ähnlich, aber überlegen sind 
infolge der seit fast zwei Jahrtausenden gemachten Fortschritte. 
Herr Salvador gehört nicht nur seiner Abstammung, sondern auch 
seinem historischen Glauben nach zu unserem Volke, welches das von ihm 
geschaffene Ideal nicht aufgibt, sondern es in seinem nationalen Kultus 
bewahren wird, bis sich die Zeiten erfüllt haben". 

Wir haben die Schlussfolgerungen gesehen, die Herr Peyrat aus 
seiner Kritik Jesu gezogen hat. Diejenige, die Herr Salvador aus 
demselben Gegenstande zieht, finden wir in dem Vorwort der neuen 
Ausgabe seines Buches, vom Monat April 1864 datiert. 

Der Verfasser bemüht sich hier zu beweisen, dass es ebensowenig 
genügt, an Jesu Kritik zu üben, als einen Roman von seinem Leben 
zu schreiben, um über die Entstehung, das Wachstum und den Verfall 
des Christentums Licht zu verbreiten. Vielmehr um diese uns heute 
noch hinreissende Bewegung verständlich zu machen, muss man höher 
hinauf steigen, ausgedehntere Horizonte umfassen, erklären, wie die 
achtzehn Jahrhunderte des Glaubens aus den achtzehn Jahrhunderten des 
Gesetzes hervorgegangen sind, warum das alte Jerusalem materiell vom 
alten Rom besiegt wurde, ebenso wie die Stadt des Universalismus durch 
ihre Berührung mit der ewigen Stadt selbst in eine ewige Stadt ver- 
wandelt wurde — durch welche Verkettung von historischen Er- 
eignissen endlich diese Qualität der religiösen Zentren seit dem Verfall 
des Katholizismus eine wahrhaft unbestinunbare Vielheit geworden ist, 
welche die deutliche Neigung zeigt, sich wieder dem einzigen Mittel- 
punkt zuzuwenden, aus dem sie alle hervorgegangen sind; mit anderen 
Worten, warum es heute eine historische Notwendigkeit wird, ^dass 
die Inspirationen Juda's und ilir ursprünglicher Keim noch einmal 
wirksam werden." 



55 

Das liat der Autor zu beweisen sicli bemüht und er kommt 
schliesslich zu folgendem Schlüsse: 

„So wie Gott-Jesus, und nicht der Mensch sich seine Autorität 
an Stelle der eingesetzten Götter gesetzt und im Schosse Roms seine 
höchste Manifestation gefunden, so muss ein neuer Messianismus er- 
blühen und sich entwickeln; so muss sich ein Jerusalem neuer Ordnung, 
zwischen Orient und Occident gelegen , an die Stelle der Stadt 
der Cäsaren und Päpste setzen. Nun, ich verhehle es mir nicht, 
seit ' einer langen Reihe von Jahren habe ich keinen anderen Ge- 
danken genährt als die Zukunft dieses Werkes. — So lange meine 
Kräfte es mir erlaubt haben, habe ich dessen Fahne aufgepflanzt. 
Es wird nicht lange dauern, so wird sie in jüngeren Händen als 
die meinen kräftiger flattern " 

Wir sind glücklich, uns in vollkommener Übereinstimmung der 
Gefühle mit diesen Schlusssätzen des Autors zil wissen. 



Studien zur heiligen und profanen Gesehiehte*) 



Das Gebäude der modernen Gesellschaft, das sich heule auf den 
Grundsätzen von 1789 zu erheben beginnt, basiert auf einem Fundament, 
dessen ersten Stein, dessen Grundstein Israel und dessen letzten, 
dessen Schlussstein Frankreich bildet. 

Die Geschichte der Begründung dieser Gesellschaft, die nichts 
anderes ist als die Geschichte der ganzen Menschheit, obwohl sie bis 
jetzt nur einen Bruchteil von ihr umfasst, habe ich „Die heilige Geschichte 
der Menschheit" genannt; es ist der Titel eines kleinen deutschenWerkes, 
das ich in meiner Jugend im Jahre 1837 veröffentlicht habe und das 
nur das Verdienst hat, eine Geistesrichtung aufzuzeigen, über die ich 
mir erst sehr viel später Rechenschaft geben konnte. 

Nach den Studien und Erfahrungen, die ich seitdem habe machen 
können, muss ich sie noch so nennen, da ich überzeugt bin, dass sie 
einst das heilige Objekt des Kultus aller Völker sein wird. 

Die heilige Geschichte ist eine Eigentümlichkeit des hebräischen 
Volkes. Weltliche Geschichtschreiber gab es unter den Israeliten des 
Altertums fast gar nicht. Als Entgelt haben sie uns unsere heiligen 
Schriften gegeben, die für unser Volk und für die Menschheit eine 
reiche Quelle der Geschichte, sowie des moralischen und religiösen 
Lebens bihlen. Erst in der letzten Stunde unserer letzten Kämpfe 
mit den Römern linden sich unter uns einige weltliche Historiker, 
von denen Flavius Josephus der bekannteste und gelehrteste ist. Er 
ist aber auch am meisten verdächtig, mit den Römern in Beziehungen 
gestanden zu haben, welche die Feinde aller alten Nationen im all- 
gemeinen und insbesondere der unseren waren. 

Seit der Diaspora bis zur neueren Zeit haben uns sowohl welt- 
liche, als auch biblische Geschichtsschreiber in gleichem Masse gefehlt. 

Da plötzlich tauchen beide Gattungen auf. Augenscheinlich ein 
Zeichen der Zeit. 



*) H. Graetz, Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Gegen 
wart. Band 1-6. 



57 

Ich werde noch von dem Historiker sprechen, der das französische 
Judentum schildert, von Salvador. Vor allem möge man erkennen, 
wie richtig seine Voraussicht war, als er, von seiner heiligen Fahne 
sprechend, sagte: „Sie wird bald kräftiger flattern unter jüngeren 
Händen als die meinen." Graetz ist gewissermassen der Fortsetzer 
von Salvador. 

Das Charakteristische für unsere beiden modernen Historiker ist, 
dass sie gleichzeitig weltliche und biblische Geschichlschreiber sind. 
Ihre Tendenzen und ihre Vorurteile sind dieselben wie die unserer 
alten biblischen Historiker, sie haben denselben Patriotismus, dieselbe 
Gerechtigkeitsliebe, die in unserem Gesetze verkörpert ist, dieselbe Em- 
pfindung für das glorreiche Schicksal, das dem Volke des Gesetzes 
und durch dieses allen Völkern der Erde vorbehalten ist, und 
schliesslich denselben Glauben an den Gott der Geschichte. Aber 
diese Tendenzen und diese Vorurteile hindern sie nicht, einen un- 
parteiischen, treuen und genauen Bericht zu geben von der Gesetz- 
gebung, der Literatur, den Lehren, der Tradition, dem Heroismus und 
dem Martyrium Israels — das ist alles, was man von klassischen 
Historikern verlangen kann. 

Nicht ein Winkel in dem Herzen unseres Volkes während seiner 
Entwicklung im Altertum und im Mittelalter bleibt den sorgfältigen 
Untersuchungen von Graetz verborgen. Er vereinigt zwei Eigen- 
schaften, die für einen verdienstvollen Historiker unentbehrlich sind: 
eine unendliche Liebe zum Gegenstand seiner Studien und einen 
forschenden Geist von seltener Feinheit. 

Gewöhnlich verlangt man von dem Historiker eine kalte Un- 
parteilichkeit. Aber wenn man die unsterblichen Werke der griechi- 
schen und römischen Geschichtschreiber studiert, ebenso wie die 
unserer biblischen Historiker, deren Eigenschaften sich bei unserem 
jüdischen Autor vereinigt finden, erkennt man leicht, dass das Auge 
der Liebe, wie das des Hasses, viel scharfsichtiger ist als die Gleich- 
giltigkeitj die sich Unparteilichkeit nennt. Man vergleiche die Werke 
von Jost mit denen von Graetz über dasselbe Thema. Welch ein 
Unterschied! Dort sieht man trockene Nebel kalter Reflexion über 
allen Situationen lagern und die Leidenschaften des historischen 
Dramas verschleiern, in dem unser Volk eine aktive oder passive 
Rolle gespielt hat. Hier fühlt man den Pulsschlag des Herzens der 
Zeitalter, aus denen das Lebenjunseres Volkes durch die Jahrhunderte 
hindurch besteht. 

Graetz hat nicht künstlich getrennt, was untrennbar mit einander 



58 

verbunden ist, die sozialen Ereignisse und die Entwickelung der 
Gedanken in der Geschichte des jüdischen Volkes. Aber selbst bei 
diesen Ereignissen weiss er diejenigen hervorzuheben, die im guten 
oder bösen Sinne den grössten Einfluss auf die Entwickelung des 
Volksgeistes gehabt haben. Mit einer Instinktsicherheit einer über 
das Schicksal ihrer Kinder wachenden Mutter erkennt er die historischen 
Partieen, die den Keim eines Fortschrittes oder andererseits eines Ver- 
falles enthalten, Partieen, die er mit Meisterhand auf dem Vorderp:runde 
entwirft; während andere Partieen, die einen untergeordneten Einfluss 
auf unsere historische Entwickelung hatten, sich in den Perspektiven 
des vor unseren Augen entrollten grossen Gemäldes verlieren. 

Zwei Epochen sind inmitten dieser grossen historischen Periode 
zu unterscheiden, welche uns der Autor, von den Zeiten der Hasmonäer 
beginnend, durchschreiten lässt. Die erste ist gewissermassen die 
Einführung in das Judentum des Mittelalters und die Wiege des 
Christentums, die zweite bereitet langsam das moderne Judentum 
vor, bis zu welchem der Autor jedoch noch nicht gekommen ist, 
weil der letzte bisher veröffentlichte Band über das 15. Jahrhundert 
noch nicht hinaus geht. 

Indem der Verfasser uns das Eindringen des Hellenismus in 
Judäa vorführt, die Berührung der beiden vorgeschrittensten Zivili- 
sationen des Altertums, die daraus folgenden Zusammenstösse, die 
gegenseitigen Kämpfe, die Reaktionen des Judaismus gegen den 
griechischen Geist, von dem die Juden durchdrungen waren, in der 
Verteidigung des mosaischen Gesetzes und der Religion der Propheten, 
lässt er uns der Entstehung dieser politischen Parteien beiwohnen, 
aus denen nach der Zerstörung aller alten Nationalitäten durch die 
Römer und ihre Ei ben einerseits das dogmatische Christentum, anderer- 
seits das talmudische Judentum hervorgegangen sind. 

Aber mitten in der tiefen Finsternis dos Mittelalters setzen sich 
die Araber, nachdem sie in den Orient und Occident eingedrungen 
sind, in Spanien fest und pflegen dort Kunst und Wissenschaft. Die 
Juden arbeiten an der arabischen Zivilisation lebhaft mit, und dort 
entwickelt das Judentum die ersten Keime einer Regeneration, die 
durch Verfolgungen und fanatische Reaktionen noch lange unterdrückt, 
aber nicht vernichtet werden wird. 

Man kann die Geschichte der Juden von den Ilasmonäern bis 
zur Gegenwart in zwei Teile teilen, entsprechend den beiden Epochen, 
die ihre Ausgangspunkte bilden; die Ausstrahlungen an Wärme und 
Licht dieser beiden Brennpunkte erfüllen die ganze Geschichte des 



59 

Judentums wahrend zweier Jahrtausende. So wie die erste Epoche 
die Keime des christlichen und jüdischen Mittelalters geschaffen und 
entwickelt hatte, birgt die zweite schon die Keime der neueren Zeiten. 
Zwei Juden, welche mit verschiedener Berechtigung den grössten 
Eintluss auf die Entwickelung des modernen Geistes im allgemeinen 
und des Judentums im besonderen ausgeübt haben, Spinoza und Mendels- 
sohn, sind die natürlichen und intellektuellen Söhne dieser Epoche*), 
welcher unser Historiker einen grossen Teil seines Werkes widmet. 
Man muss darin lesen über diese Kämpfe zwischen den Anhängern 
und Gegnern der Wissenschaft im Schosse des Judentums, die mehrere 
Jahrhunderte währten; man muss alle diese intellektuellen und sozialen 
Katastrophen unserer Geschichte kennen, seit der Herrschaft der Mauren 
in Spanien bis zur Verbannung der Juden und Muselmänner von der 
iberischen Halbinsel, um die Vergangenheit unseres Volkes zu verstehen 
und seine Zukunft vorzuempfinden. 

Noch ein Wort über die Art der Veröffentlichung der Bände, aus 
denen das Graetzsche Werk besteht. Er hat nicht mit dem Anfang 
begonnen. Die frühesten Epochen unserer Geschichte erfordern Unter- 
suchungen an denselben Orten, die der Schauplatz unserer Geschichte 
frühester Zeiten waren. Um sie richtig bewerten zu können, muss 
man, nach der Meinung unseres Historikers, Studien und Reisen im 
Orient machen, die er noch nicht hat machen können, die er aber 
später zu machen beabsichtigt, wenn die Verhältnisse es ihm gestatten 
werden. Nach der Meinung des Autors werden diese späteren Studien 
den Inhalt der beiden Bände bilden, welche die Geschichte des 
Hebräervolkes umfassen soll von den ältesten Zeiten bis zu den 
Tagen der Hasmonäerhelden, mit denen er den dritten Band, den 
ersten der bis jetzt erschienenen, begonnen hat. Er geht bis zur 
Zerstörung Jerusalems und enthält die Geschichte von 230 Jahren, 
160 V. Chr. bis 70 n. Chr. — Der folgende Band geht bis zur 
Vollendung der Redaktion der Talmuds gegen das Jahr 500, ent- 
sprechend dem Zeitpunkte des Verlustes der letzten Spur von Unab- 
hängigkeit, welche unsere Väter bis dahin in Persien genossen hatten. 
Die Hauptzentren der Geschichte unseres Volkes, die sich bisher im 



♦) Es ist bekannt, welchen Einfluss die Lektüre des Maimonides auf Mendels- 
sohn ausgeübt hatte. Was Spinoza betriflft, so war er wohl sui generis und nicht 
mehr Schüler jüdischer Philosophen als Descartes'. Aber selbst seine Polemik 
gegen Maimonides, Ibn-Esra und Chaskai-Crescas beweist xur Genüge den Anreiz, 
den diese jüdischen Schriltsteller auf Spinozas Geist ausgeübt haben. 

(Siehe Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 8, S. 98 u. 99.) 



60 

Orient befanden, werden nun nach Europa verlegt, nach Spanien, 
Frankreich, Deutschland und Polen. 

Nach den soeben besprochenen zwei Bänden hat der Autor noch 
weitere vier veröffentlicht, deren letzter soeben erschienen ist. Eine 
chronologische Tabelle des in den sechs Bänden behandelten Materials 
ist ihm angefügt. Dieses Material bildet also die Geschichte der 
Juden von den Makkabäerzeiten bis gegen das Ende des XV. Jahr- 
hunderts, der Zeit der spanischen Judenvertreibungen. Drei Jahr- 
hunderte später wird das Ende des 18. Jahrhunderts das Ende der 
jahrhundertelangen Leiden unseres Märtyrervolkes bezeichnen, den 
Beginn seiner Regeneration. 

Während wir die Worte des Autors auf dem brennenden Terrain 
der modernen Gesellschaft erwarten, voller Vertrauen, dass wir ihn 
auch da, wie im Altertum und Mittelalter auf der Höhe seiner Aufgabe 
finden werden, wollen wir bei dem ersten Bande (dem dritten) ver- 
weilen, der uns den Schlüssel zum geheimnisvollen Ursprung des 
Christentums geben wird. Eine zweite Ausgabe desselben ist im 
Jahre 1863 veröffentlicht worden, in welcher der Autor diese inter- 
essante Partie der Geschichte der Juden viel mehr wie in der ersten 
Ausgabe entwickelt hat. 



IL 

Man erhebe das Christentum zu der Höhe moderner Ideen, reinige 
es von der Beimischung, die ihm bei seinem Eintritt in die Welt, um 
sie umzuwandeln, von seiner Umgebung hinzugesetzt wurde, und was 
davon übrig bleibt, kann das Judentum nicht nur acceptieren, sondern 
als sein eigenes Werk in Anspruch nehmen. 

Was ist denn in der Tat das Christentum, so wie die moderne 
Gesellschaft es versteht? 

Es ist der Messianismus des hebräischen Volkes, der Kultus der 
Geschichte, der Glaube an eine Vorsehung, welche sich in den Geschicken 
der Menschheit offenbart: leitend, schaffend und entwickelnd, Menschen 
und Völker zum Heile der Menschheit niederwerfend und wiedererhebend 
im Beisein der ältesten Zeugen der Geschichte. 

Das wahre Christentum, den Messianismus des hebräischen Volkes 
hat niemand besser zu bewerten und passender auszudrücken ver- 



61 

standen als unser jüdischer Historiker. Indem Graetz den Ursprung 
des Christentums vom israelitischen Gesichtspunkte schildert, hat er 
bewiesen, dass ein der Religion seiner Väter ergebener Jude wohl 
die Wahrheit in der christlichen Religion anerkennen kann, obwohl 
sie wahrend einer langen Reihe von Jahrhunderten für unser Volk 
nur eine iramerfliessende Quelle von Verfolgungen und Demütigungen 
war, die unser Geschichtsschreiber mit soviel Verve zu schildern 
versteht. 

So schildert er das erste Erscheinen eines Ereignisses, das 
gewissermassen den Mittelpunkt der ganzen Geschichte bildet: 

„Während Judäa noch zitterte, den Landpfleger Pontius Pilatus 
irgend einen Streich der Gewalttätigkeit ausführen zu sehen, der eine 
neue Aufregung und neue Leiden zur Folge haben könnte, rang sich 
eine Erscheinung ins Leben, so klein in ihren Anfängen, dass sie 
nach ihrer Geburt kaum beachtet wurde, nahm aber durch die eigen- 
tümliche Art des Auftretens und von Umständen begünstigt, allmälig 
einen so gewaltigen Anlauf, dass sie der Weltgeschichte neue Bahnen 
vorzeichnete. Es war nämlich die Zeit gekommen, in welcher die 
Grundwahrheiten des Judentums, bisher gebunden und nur von Tiefer- 
denkenden in ihrem wahren Werte erkannt, sich der Fessel ent- 
schlagen und frei hinaustreten sollten, die Völker der Erde zu durch- 
dringen. Die neue Erscheinung, welche unter Pilatus' Landpflegerschaft 
auftauchte, war es nun, welche eine grössere, innigere Teilnahme der 
Heidenwelt an der Lehre des Judentums anbahnen sollte. Aber diese 
Erscheinung trat durch Aufnahme fremder Elemente, durch Selbst- 
entfremdung und Entfernung von ihrem Ursprung bald in einen 
schroffen Gegensatz zu ihm. Die judäische Religion, welche diese 
Geburt in die Welt gesetzt, konnte keine Mutterfreuden an ihr haben, 
weil die Tochter sich bald unfreundlich von ihrer Erzeugerin abwandte 
und Richtungen einschlug, wohin zu folgen dieser unmöglich war. 
Wollte das Judentum nicht seinen eigentümlichen Charakter ab- 
streifen und seinen uralten Überzeugungen untreu werden, so musste 
es einen schroffen Gegensatz zu dem von ihm selbst Erzeugten ein- 
halten. 

Das Christentum verdankt seinen Ursprung einem überwältigenden, 
dunklen Gefühle, das die höheren Schichten der judäischen Nation 
beherrschte und mit jedem Tage mächtiger wurde, je unbehaglicher 
und unerträglicher der politische Zustand mit seinen Folgen dem 
damaligen Geschlechte wurde. Die gehäuften, täglich sich erneuernden 
Leiden, welche die Schonungslosigkeit der Römerherrschaft, die 



62 

Schamlosigkeit der herodianischen Fürsten, die Feigheit und Kriecherei 
der judäischen Aristokratie, die Selbstentwürdigung der hohenpriester- 
lichen Familien, die Zwietracht der Parteien erzeugten, hatten die 
Sehnsucht nach dem in den prophetischen Verkündigungen verheissenen 
Erlöser, nach dem Messias, in einem so hohen Grade gesteigert, 
dass es jedem höher Begabten leicht gelingen konnte, messianisch- 
gläubige Anhänger zu finden, insofern er nur, sei es durch äussere 
Erscheinung, sei es durch sittlich-religiöse Haltung für sich einzu- 
nehmen vermochte. 

Die messianische Spannung beherrschte also die Gemüter in den 
mittleren Schichten der Nation mit Ausnahme der Aristokraten und 
der Römlinge, welche mit der Gegenwart zufrieden waren und von 
einem Wechsel der Dinge eher Unheil zu fürchten, als Heil zu er- 
warten hatten. Daher traten denn auch innerhalb des kurzen Zeit- 
raums von dreissig Jahren eine Reihe schwärmerischer Männer auf, 
welche ohne betrügerische Absicht, nur dem inneren Drange folgend, 
das Joch der Leiden vom Nacken der Nation abzuschütteln, sich als 
Propheten oder als Messiasse ausgaben und Gläubige fanden, die ihren 
Fahnen bis in den Tod treu blieben. So leicht es aber auch war, 
messianisch-gläubige Anhänger zu finden, so schwer war es, sich bei 
der ganzen Nation als Auserwählter geltend zu machen und zu be- 
haupten. Die messianische Zeit werde auch, so dachten die Gebildeten, 
die judäische Nation innerlich dazu vorbereitet finden in altpatriarcha- 
lischer Lebensheiligkeit und in gehobener Gesinnung, die keinen 
Rückfall mehr in die alte Sündhaftigkeit zuliesse, und der göttlichen 
Gunst teilhaftig. Dann würden die Gnadenquellen ehemaliger Glück- 
seligkeit aus ewigem Born wieder fliessen, die verödeten Städte wieder 
erstehen, die Wüste in fruchtbares Land verwandelt werden und das 
Gebet der Lebenden würde die Kraft haben, die Hingeschiedenen 
wieder zu erwecken. 

Am meisten idealisch malten sich wohl die Essäer den Messias 
und die messianische Gnadenzeit aus, sie, deren ganzes asketisches 
Leben nur daiiin zielte, das Himmelreich (Malcliut Schamajim) und 
die kommende Zeit (Olam ha-Ba) zu fördern. Ein Messias, der 
die Zuneigung der Essäer gewinnen wollte, müsste ein sündenfreies 
Leben führen, der Welt und ihrer Nichtigkeit entsagen, Proben ab- 
legen, dass er des heiligen Geistes (Kuacli ha-Kodesch) voll sei, 
Gewalt über Dämonen besitzen und einen Zustand der Gütergemeinschaft 
herbeiführen, in welchem der Mammon nichts gelte, dagegen Armut 
und Ilablosigkeit die Zierde der Menschen seien'*. 



63 

Der Autor erklärt, wie von den zahlreichen politischen und 
religiösen Parteien, die sich damals in Juda bildeten, nur zwei, die 
Pharisäer und die Essäer fähig waren, sich zu entwickeln und neue, 
einander entgegengesetzte Formen des Judentums zu schaffen, das 
heisst: das Christentum und das Judentum des Mittelalters. 



III. 

Die Verfasser grosser moralischer, intellektueller und künstlerischer 
Werke sind immer mit einem Geheimnis umgeben gewesen, worüber 
man sich noch nicht genügend Rechenschaft gegeben hat. Dieser 
Erscheinung begegnen wir nicht nur in der Bibel und den ältesten, 
selbst noch von Finsternis umgebenen Zeiten. Sie wiederholt sich 
überall bis an die Schwelle unseres Zeitalters, welches doch so neu- 
gierig und so nach persönlichem Ruhme gierig ist. 

Shakespeare und Spinoza haben sich nicht mehr Sorge um die 
authentische Ausgabe ihrer Werke gemacht, als Moses, Homer, Sokrates 
und Jesus. Man hat sich damit erst mehr oder weniger lange Zeit 
nach ihrem Tode beschäftigt. Je mächtiger das schöpferische Genie 
in einem Menschen ist, desto weniger besitzt er von dieser Eitelkeit, 
die es liebt, sich in ihren Werken zu spiegeln und sich ihrer als 
Piedestal zu bedienen. Die Überlegung, das heisst der Gedanke, der 
sich im Gedächtnis spiegelt und dort das Bewusstsein unserer Identität 
und unseres individuellen Willens schafft, diese eitle Überlegung, die 
jede unserer Handlungen vormerkt und uns gewisseriiiassen ein Er- 
tindungs-Patent für jedes unserer Werke liefert, schwindet vor den 
spontanen und unfreiwilligen Lebensäusserungen, vor den unmittelbaren 
Erzeugnissen der Seele, vor der einzigen Quelle aller Schöpfung. 
Die Überlegung kommt oft im Gefolge einer langen und arbeitsreichen 
Entwickelung, weit entfernt von dieser Quelle des Lebens, die allein 
die Kraft des Genies ausmacht. Wie das Kind, hat das Genie mehr 
Lebenskraft, weil es Gott näher ist; und aus demselben Grunde ist es 
unpersönlicher und spontaner, weniger eitel und unschuldiger, weniger 
arbeitsam und tätiger, weniger überlegt und sorgloser. Alles was 
Vollkommenes in der Natur und im Menschengeiste ersteht, ist das 



64 

Werk des Schöpfers selbst, ist eine Offenbarung. Wir haben nicht 
mehr Herrschaft über die Ideen, die unmittelbar aus der ewigen und 
einzigen Quelle alles Lebens hervorgehen, als über die physiologischen 
Funktionen unseres Körpers. Die Leistung des Genies entsteht ohne 
Anstrengung, wie das einer guten Gesundheit sich erfreuenden Organs; 
und sein Verfasser ist darauf nicht stolzer, als es das Ohr und das 
Auge auf ihre regelmässigen Funktionen sind. Darum gibt es nichts 
Bescheideneres als den genialen Menschen. Das erhabenste Wort ent- 
schlüpft ihm, die Welt bemächtigt sich desselben, es wird das Eigen- 
tum einer zunächst beschränkten, dann sich aber immer vergrössernden 
Gemeinde; und wenn es die Welt bezwungen haben wird, wird man 
nicht ohne Grund sagen, dass es nicht das Werk eines Menschen, 
sondern Gottes selbst ist. 

Die von Gott Inspirierten fühlen nur zu gut, dass der Schöpfer 
zu gleicher Zeit im Menschen und über dem Menschen, in der Welt 
und über der Welt ist, um sich persönlich den Ruhm zuschreiben zu 
können, der dem Schöpfer allein gebührt. Aber diejenigen, die sie 
von fern hören und sie interpretieren, verstehen gewöhnlich nicht die 
Art der Offenbarung, die sich durch die Intervention Gottes in der 
Welt beständig vollzieht. Sie sind entweder Naturalisten, eine andere 
Bezeichnung für Materialisten, die das Dasein Gottes einfach leugnen, 
oder Theisten, die seine Gegenwart in der Welt leugnen oder Supra- 
naturalisten, die seine Intervention nur vermittelst Wunder im Wider- 
spruch mit den Naturgesetzen gelten lassen wollen. Die Israeliten, 
die selbst das Werkzeug sind, durch welches sich die Vorsehung 
den historischen Völkern offenbart, haben aus dieser besonderen Art 
der Intervention Gottes niemals ein Dogma gemacht. Wenn es Ge- 
heimnisse gibt und immer geben wird, die für den Menschen undurch- 
dringlich sind, so sind sie es nicht, welche das Wesen unserer 
Religion ausmachen. Was im Gesetze Gottes Undurchdringliches bleibt, 
darf auf unsere moralischen und religiösen Überzeugungen keinen 
Emfluss h^ben, wie es uns in jenem Worte befohlenist (Moses V, 51 728): 

„Gott allein besitzt das Geheimnis der Dinge; uns und unseren 
Kindern gehören die zu offenbarenden Dinge." 

Wir haben in der Tat nur Gesetze, die von einem Geiste offen- 
barer Gerechtigkeit durchdrungen sind; wir haben keine unverständ- 
lichen Dogmen. — Das Gesetz ist uns nicht von einer unserer Freiheit 
entgegengesetzten Autorität auferlegt worden; es beruht auf einer 
unsererseits freiwillig übernommenen Verpflichtung, es ist ein frei 
geschlossenes Bündnis. 



65 

„Wir werden tun, und wir werden hören" haben unsere Väter 
Moses geantwortet, als er ihnen das Buch des Bundes vorgelesen 
hatte. „Wir werden alles tun und einstudieren alles, was du uns im 
Namen des Ewigen sagst." 

Das aus der Einheit und der höchsten Souveränität hervor- 
gegangene Gesetz ist auf der Einheit und dem Willen des Volkes 
begründet; es schloss jeden Mystizismus, jeden Kastengeist, jeden 
Widerspruch in den Ideen und in den Dingen, jeden Dualismus des 
Prinzips aus. — Der Tag, an dem die zivilisierten Völker sich rück- 
haltlos den Prinzipien unserer Religion ergeben werden, wird jeden 
Mis?klang zwischen den Nationen und Autoritäten, zwischen der 
zeitlichen und geistigen Ordnung schwinden sehen. An jenem Tage 
wird sich das Wort unserer Propheten erfüllen: 

„An jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig". 

Gewiss, das Christentum hat auf seine Weise dazu beigetragen, 
dieses Wort zu erfüllen, aber das Christentum war nur der Anfang 
vom Ende. — Um zu einer Regeneration der zur Hälfte korrum- 
pierten, zur Hälfte barbarischen und wilden Völker, die durch die 
Gewalt herrschen oder beherrscht werden, zu gelangen, müsste es 
zunächst die geistige Macht, die es auszuüben habe, um die religiösen 
und moralischen Überzeugungen der Menschen zu erneuern, von der 
zeitlichen Macht trennen, die es noch nicht besass, und dann sich 
dieser selben Macht versichern, um sich ihrer zur Erfüllung ihres 
geistigen Werkes zu bedienen. Man weiss, wie die Kirche sich ihrer 
bedient hat, um die Völker unter ihrer Vormundschaft zu halten, 
selbst da noch, als diese schon von dem Geist der Gerechtigkeit und 
Liebe, von der biblischen Moral und Religion erfüllt waren. Nachdem 
die Völker durch die Kirche in den Messianismus des hebräischen 
Volkes eingeweiht worden waren, haben sie gegen ihre untreuen Vor- 
münder protestiert, die ihre Herrschaft über die Seelen zu einer 
dauernden machen wollten, indem sie Unwissenheit, Elend, Verderbtheit 
und Barbarei dauernd bestehen lassen wollten. Noch währt der Protest, 
und er wird erst dann aufhören, wenn die Nationen es erreicht haben 
werden, sich frei auf der Basis des von allem abergläubischen Beiwerk 
gereinigten Christentums zu konstituieren, einer Basis, die keine andere 
ist als der israelitische Messianismus. 

So betrachtet der Historiker Graetz, Professor am Rabbiner- 
Seminar in Breslau, das Werk Jesus. Weit entfernt, seine göttliche 
Mission und die erhabenen Wahrheiten zu leugnen, die die Evangelien 
uns von ihm hinterlassen haben, sucht sein forschendes Auge zu ent- 



66 

(lecken, was in diesen posthumen Werken mit Recht Jesus und seinen 
ersten Schülern zugeschrieben werden l^ann und was ihnen aus Partei- 
interessen fälschlich zugeschrieben worden ist; was die Juden von 
dem Werke Jesus zulassen konnten und was sie bekämpfen mussten, 
was schliesslich unter den Talmudstellen, die auf den Tod Jesu Bezug 
haben, einen Stempel der Wahrheit zu tragen scheint, der es gestattet, 
sich ihrer als historische Dokumente zu bedienen. — Beginnen wir 
mit diesen letzten Untersuchungen. 

Der jerusalemitische Talmud (Sanhedrin VII, 16 p. 25) handelt 
von einer Art des Zeugnisses in den Kriminalprozessen, die er als 
traditionelles Gesetz zulässt, indem er sich auf einen Präzedenzfall im 
Prozess Jesu stützt, wo man von dieser speziellen Art des Zeugnisses 
Gebrauch gemacht haben soll. Ein Verräter unter den Schülern 
Jesu sollte der Obrigkeit Gelegenheit verschafft haben, zwei 
Zeugen in einem Versteck unterzubringen, von welchem aus sie das 
Geheimnis der Lehren des Meisters, der sich mit seinen Schülern unter- 
hielt, erlauschen konnten. — Der babylonische Talmud, (Sanhedrin, 
p. 67 a) lässt dieselbe Art des Zeugnisses zu, indem er sich auf die- 
selbe Tradition stützt. — Wenn man nun weiss, mit welcher ängstlich- 
gewissenhaften Treue der halachische Talmud, d. h die Partie der 
traditionellen Gesetze, redigiert wurde, kann man nicht zugeben, dass 
diese Tradition des berühmten Prozesses leicht genommen sein sollte, 
welche die Evangelien mit soviel unwahrscheinlichen und unmöglichen 
Ereignissen umkränzt haben. Herr Peyrat hat alles gezeigt, was in 
der Geschichte der Evangelien mit Bezug auf den Verräter unter den 
Aposteln unzulässig ist. Die Version des Talmud trägt dagegen schon 
den Stempel der Wahrheit an sich. Zwar stürzt ein Wort in der eben 
von uns zitierten Stelle die ganze Geschichte von dem Tode Jesu, wie 
ihn die Evangelien erzählen, völlig um. Es folgt aus dem Worte: 
„Sie steinigten ihn", das sich wie zufällig am Ende der zitierten Stelle 
befindet, dass, bevor Jesus nach römischem Brauche an das Kreuz 
genagelt wurde, er schon der vom jüdischen Gesetz gegen den Gottes- 
lästerer vorgeschriebenen Todesstrafe unterworfen worden wäre. Diese 
Todesstrafe, die Steinigung, muss zur Zeit Jesu noch I3rauch gewesen 
sein. Die Evangelien erzählen davon, und Jesus selbst hatte sich, um 
eine Sünderin zu rehabilitieren, eines Ausdrucks bedient, der sich nur 
aus dem Brauch einer den Juden ganz besonders eigenen Todesstrafe 
erklären lässt. Nach jüdischem Gesetz führte man die Steinigung 
aus, indem man den Schuldigen mittelst eines grossen Steines zer- 
schmettern liess, der ihm von demjenigen zugeworfen wurde, der am 



67 

meisten von seiner Schuld überzeugt war, also von den hauptsäch- 
lichsten Belastungszeugen, und dieser Stein musste ihn töten. Erst 
nach diesem Hauptakt der Hinrichtung durfte das Volk seine Steine 
auf den Delinquenten werfen. Daher dieser Ausdruck bei den alten 
Juden, der noch heute dank der Evangelien populär ist: „Wer wollte 
es wagen, den ersten Stein auf ihn zu werfen?" 

(Die angekündigte Fortsetzung dieses Aufsatzes ist nicht erschienen. ZI.) 



I 



Noch ein Wort über meine Missionsauffassung. 



Mein lieber Direktor! 

In einem Artikel, der übrigens ausgezeichnete Wahrheiten enthalt, 
die ich voll und ganz unterschreibe, sagt Herr Doktor Hirsch aus 
Luxemburg einige Worte gegen mich, auf welche Sie mir wohl ge- 
statten werden, kurz zu antworten. 

Der Herr Rabbiner von Luxemburg sagt: 1. Herr Hess täuscht 
sich gewaltig, wenn er den deutschen Rabbinern vorwirft, dass sie 
mit ihrem Wunsche, den öffentlichen Kultus zu reformieren, nur im 
Auge haben, die Kirche nachzuahmen. Dieser Vorwurf sündigt gegen 
den gesunden Menschenverstand. Die Kirche nachahmen, um dadurch 
ich weiss nicht was für eine politische Emanzipation zu erreichen, das 
könnten wir wohlfeiler haben . . . ." 

Der erste Teil dieser Periode supponiert mir einen Gedanken, 
der mir nie in den Sinn gekommen ist; der letzte ist unklar. 

Ich habe nie gesagt, dass die deutschen Rabbiner „die Kirche 
nachahmen.'^ 

Ich habe es in meinem deutschen Werke, auf das Herr Doktor 
Hirsch anspielt, sehr klar ausgesprochen und in meinen französischen 
Publikationen nur mit einigen Worten darauf hingewiesen, dass die 
Rabbiner, deren Streben dahin geht, aus unserem alten Kultus alles 
das auszuscheiden, was ihm seinen historischen Charakter verleiht, 
sich einer unnützen Kraftvergeudung schuldig machen, indem sie die 
christlichen Rationalisten nachahmen. Diese haben, indem sie mit Recht 
alles Abergläubische des Christentums bekämpfen, nur diejenigen 
Wahrheiten darin fortbestehen lassen, welche nie vom Judentum 
bestritten worden sind. — Das rein negative Werk der christlichen 
Rationalisten nachahmen, ist, glaube ich, etwas ganz anderes als das, 
was Herr Hirsch nennt: die Kirche nachahmen. Einen derartigen 
Vorwurf gegen die deutschen Reformer zu erheben, wäre allerdings 
widersinnig, darin stimme ich vollkommen mit Herrn Hirsch überein. 
Aber ausserdem finde ich, wie ich bereits gesagt, noch das unklar, 
was Herr Hirsch zur Bekräftigung dieser seiner Meinung hinzufügt. 
Wie? Wenn die deutschen Rabbiner die Gebräuche e-nos anderen 



69 

Kultus naeliahmen wollten, um dadurch die Emanzipation zu erlangen, 
könnten sie diese „wohlfeiler haben!" Vielleicht, indem sie ihre Religion 
und die ihrer Gemeinden „feilbieten"? — Es ist unmöglich, dass Herr 
Hirsch unter „wohlfeiler" eine solche Gemeinheit verstehen sollte, 
welche gleichzeitig immerhin auch eine Absurdität ist: Denn schliesslich 
würde ein Rabbiner mit seiner Bekehrung eine ehrenvolle Stellung 
für „ich weiss nicht was für eine politische Emanzipation" aufgeben. 
— Und wie soll man dennoch den letzten Satz des Herrn Hirsch ver- 
stehen? — Möge er die Güte haben, darüber Aufschluss zu geben. 
Was die Nationalitätenfrage anbetrifft, so verspricht Herr Hirsch, 
darauf zurückzukommen, und ich, ich verspreche es ihm auch, darauf 
zurückzukommen. 



Die drei grossen mittelländisehen Völker 
und das Christentum. 



Unter diesem Titel hat Herr Gustav von Eichthal vor kurzem 
das erste Kapitel einer Arbeit über „das politische Christentum" ver- 
öffentlicht. Der Autor scheint, ohne dass er die Schlussfolgerungen 
bekannt gibt, welche er aus den in diesem Kapitel niedergelegten 
Prämissen ziehen wird, durch diese Veröffentlichung von Prinzipien, 
welche eine ganze Philosophie der Religionsgeschichte bilden, zur 
Prüfung der Haltbarkeit eines auf einem solchen Fundamente zu 
errichtenden Gebäudes aufzufordern. — Wir wollen also diese Seiten 
analysieren und prüfen, welche von ganz besonderem Interesse für 
diejenigen sind, die an eine Mission des jüdischen Volkes nicht 
nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart und Zukunft 
glauben. 

Dem Autor, einem stark philosophisch veranlagten Geist, ist es 
eher um den Kern als um die Form der Religionen zu tun. Er begnügt 
sich nicht damit, alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen 
Religionen in zwei oder drei Kategorien einzuzwängen: Polytheismus 
und Monotheismus, oder Heidentum und Christentum. Was gibt es 
in der Tat Gemeinsames zwischen dem griechischen Polytheismus, 
dessen Götter nur idealisierte Menschen sind, so wie sie dem Geiste 
der Hellenen vorschwebten, und dem asiatischen Polytheismus, dessen 
widerwärtige Gottheiten Ebenbilder eben so widerwärtiger Gesell- 
schaften waren? — Hatten die Künstler, die Philosoplien und die 
Gesetzgeber Griechenlands und Roms, die sozialen Prinzipien der 
beiden klassischen Völivcr nicht weit mehr Ähnlichkeit mit denjenigen 
des dritten klassischen Volkes des Altertums, des Hebräervolkes als 
mit denjenigen alh^r anderen polytheistischen Völker? 

Kann man, wenn man sich an die historischen Tatsachen hält, 
mit gutem Recht und ernstlich bestreiten, dass die Griechen und 
Römer eben, so viel wie die Israeliten dazu beigetragen haben, all 
das Widernatürliche der alten asiatischen Gesellschaft zu bekämpfen 
und den Grund zur neuen Gesellscliaft zu legen? 



71 

Wenn jedoch eine grosse Verwandtscliaft in dem Geiste der drei 
soeben genannten Völker, welche der Autor als die „drei grossen 
mittelländischen Völker" bezeichnet, vorhanden ist, eine Verwandt- 
schaft, welche sie durch eine tiefe Kluft von allen übrigen, zur Hälfte 
barbarischen, zur Hälfte durch die Kastenherrschaft herabgewürdigten 
Völkern des Altertums trennt, so ist es nicht weniger wahr, dass ein 
jedes dieser drei Völker sich durch seinen ihm eigentümlichen, seiner 
Rasse innewohnenden Geist ausgezeichnet hat, welcher eine der erhabenen 
Eigenschaften der Menschheit bildet, die keine allgemeine und end- 
giltige Gesellschaft bilden kann, wenn eine einzige dieser erhabenen 
Eigenschaften ihr abginge. 

Welches sind diese Ähnlichkeiten, diese Unterschiede, diese her- 
vorragend menschlichen Eigenschaften der drei Völker? Diese Fragen 
hat der Autor sich gestellt, und er gelangt zu folgenden Resultaten 
seiner wissenschaftlichen Forschungen und seines philosophischen 
Nachdenkens. 

Ebenso wie der Mensch, so hat auch die menschliche Gesell- 
schaft ihre verschiedenen Altersstufen. Heute hat sie kaum das Alter 
ihrer Reife, ihrer Mannbarkeit erreicht; aber es war eben nicht immer 
so. Abgesehen von den prähistorischen Epochen, in denen die erste 
Kindheit der Menschheit ausserhalb jeder sozialen Organisation verfloss; 
denn wo eine Gesellschaft existiert, da gibt es auch Geschichte, 
Traditionen, Monumente, Spuren einer Zivilisation; abgesehen also von 
diesen langen Epochen, in denen es nach dem Zeugnis der geologischen 
Wissenschaften sehr viele Menschen auf unserem Erdball gab, aber 
Menschen, die unserer Wissbegierde nur einige Spuren ihres materiellen 
und wilden Lebens hinterlassen haben, gehörte die ganze alte asiatische 
Welt vom äussersten Orient bis nach Ägypten mit allen diesen 
gigantischen Kaiserreichen und mikroskopischen Königreichen, mit ihren 
grossen Despoten und kleinen Tyrannen noch zur zweiten Kindheit 
der Menschheit. Das Charakteristische für die drei mittelländischen 
Völker, die Israeliten, die Hellenen und die Römer, besteht darin, 
dass mit dem Momente ihres Erscheinens auf dem Schauplatz der 
Geschichte das beginnt, was der Autor die Krisis des Jünglings- 
alters der Menschheit nennt, eine Epoche, in welcher mit der 
Fähigkeit zu lieben sich alle sympathischen Kräfte wie durch Zauber- 
kraft entwickeln. Daher verschwinden auch die Kasten und der 
Despotismus bei den drei mittelländischen Völkern. Plötzlich mit 
einem Schlage erscheinen die Liebe für das Gerechte, das Gute, das 
Wahre und das Schöne, das moralische und religiöse, das sozusagen 



72 

moderne Gefühl. Die Religion, bis dahin das Geheimnis der Priester, 
wird Gemeingut; unter mannigfaltigen Formen erscheint ein vertrauter 
und wohlwollender Verkehr in den Beziehungen der Gottheit mit den 
Menschen. Der Autor vergleicht die Literatur der alten asiatischen 
Welt mit jener der drei mittelländischen Völker. Wie sollte man, ruft 
er aus, nachdem er die ältesten Stücke der israelitischen, griechischen 
und lateinischen Literatur ausgeführt, wie sollte man nicht durch alle 
diese so mannigfaltigen Formen hindurch denselben Gedanken, oder, 
besser gesagt, dieselbe Melodie erkennen, die Melodie der Menschheit, 
welche beim Austritt aus ihrer Kindheit zum Bewusstsein ihrer Würde 
und ihrer Freiheit, zum Gefühle des Rechtes, zur Liebe der Gerechtig- 
keit gelangt ist? 

Diesen Jünglingen ist durch eine plötzliche Intuition alles wunder- 
bar klar und sicher. Sie fühlen sich in Übereinstimmung mit der 
Weltordnung, mit dem göttlichen Gedanken selbst, welcher in der 
Menschheit ebenso wie in der Welt die Freiheit, die Gerechtigkeit für 
alle will, folglich also die Ordnung und Unterordnung unter die Gesetze, 
nicht aber die Willkür und die despotische Macht, welche die Grund- 
lage der alten asiatischen Gesellschaften bildeten. 

Indem dann der Autor auf den einem jeden der drei mittelländischen 
Völker eigentümlichen, ihm als Unterscheidungsmerkmal dienenden 
Geist zu sprechen kommt, drückt er sich folgendermassen aus: 

Griechenland liebt über alles die Freiheit, im weitesten Sinne 
verstanden, die Freiheit, welche alle Kräfte des Individuums entwickelt 
und befruchtet. 

Daher dieses eifrige Studium der inneren W^elt, welches die 
Gesetze der Logik und der Metaphysik erforscht und enthüllt, daher 
der Kultus der Wissenschaft, die Liebe zur Schönheit und diese 
gelehrte Erziehung der Gefühle durch die Kunst, des Verstandes durch 
die Sprache, des Körpers durch die Gymnastik; daher endlich vereint 
mit dem Geiste der Unabhängigkeit diese individuelle Vollkommenheit, 
welche in keiner anderen Rasse ihresgleichen gehabt hat, und welche 
Griechenland eine unvergleichlich grössere Anzahl von berühmten 
Männern gegeben hat, als sich deren jede andere Nation rühmen kann. 
Aber daher auch dieser eifersüchtige, neidische, unruhige Geist, diese 
Unduldsamkeit gegen jede Überlegenlieit, gegen jede Unterordnung, 
wclciie aus Griechenland eine Sammelstätte von Völkern und Indi- 
viduen gemacht haben, die, ein jedes für sich mächtig, wohl sehr 
wachsam und sehr geschickt waren, untereinander das Gleichgewicht 
aufrecht zu erhalten, denen aber die Fälligkeit abging, sich stark und 



73 

(lauernd zu einer g;omeinsanien Handlung zu organisieren, so dass 
nach dem Ausspruche des Aristoteles den Griechen, um über alle 
Völker zu gebieten, nur eines gefehlt hat: selbst ein Volk zu sein. 

Rom ist das entgegengesetzte Extrem. Was für Griechenland 
die Liebe zur Freiheit ist, das ist für Rom der Kultus des Gesetzes: 
was dem einen das Individuum eingibt, befiehlt dem anderen die 
Sorge für den Staat Ebenso wie Griechenland erstrebt auch Rom 
als höchstes Ziel die Gerechtigkeit, aber eine politische Gerechtigkeit, 
welche durch die Fixierung des Rechtes verwirklicht wird. Griechen- 
land ist eine Pflanzschule berühmter Individuen, es ist kein Volk. 
Rom dagegen ist nur ein Volk oder besser gesagt, eine öffentliche 
Sache, res publica, ein Reich, das stärkste, das man sich denken 
kann, aus dem jedoch der Mensch gewissermassen verschwunden ist. 
Rom hat grosse Bürger, grosse Generale, grosse Politiker, grosse Rechts- 
gelehrte, Griechenland gegenüber aber keinen grossen Mann. 

Griechenland will die Freiheit, Rom die Herrschaft; sie wollen 
beide auch die Gerechtigkeit, aber nur als Endzweck, gewissermassen 
als Krönung ihres Werkes. Für Israel ist die Gerechtigkeit ebenso 
der Ausgangspunkt wie der Endzweck. „Judäa", sagt Yacherot „ist 
das Herz der Menschheit, wie Griechenland ihr Gedanke ist" 

In ihrem weitesten Sinne aufgefasst ist die Gerechtigkeit das 
Prinzip alles Bestehenden, die Quelle jeder Harmonie, jeder Ordnung, 
kurz die Bedingung eines jeden Lebens, sei es auf natürlicher oder 
sozialer Grundlage. Die so aufgcfasste Gerechtigkeit kann nicht in 
der menschlichen Gesellschaft verwirklicht werden, so lange diese 
nicht das ganze Menschengeschlecht umfasst. Wenn jedoch, sagt der 
Autor, es unter allen Menschenfamilien eine gibt, welche mehr als 
irgend eine andere in der Vergangenheit den Namen der Gerechten 
hat verdienen können, wenn es unter den mannigfaltigen sozialen 
Institutionen eine gibt, welche mehr als irgend eine andere dieselbe 
Bezeichnung beanspruchen kann, so ist es sicherlich die hebräische 
F/imilie, so ist es die Institution jenes Gesetzgebers, welcher besser 
als jeder andere in seiner Voraussicht die wichtigsten Elemente der 
menschlichen Natur zu umfassen, in Tätigkeit zu setzen und im Gleich- 
gewicht zu erhalten verstanden hat. Er hat weder den Geist dem 
Körper geopfert, noch den Körper dem Geiste; weder die Freiheit 
dem Gesetze, noch das Gesetz der Freiheit; weder das Individuum 
der Gesellschaft, noch die Gesellschaft dem Individuum. So weit die 
Dringlichkeit des Momentes es ihm gestattet hat, hat er in gleicher 
Weise alle Fähigkeiten des Menschen dem dienstbar gemacht, was 



74 

das höchste Ziel seiner Bestimmung ist, der Ausübung der Gerechtigkeit. 
Der Gott Israels konnte nicht hinter seinem Gerechtigkeitsideal zurück- 
stehen. Die Griechen und Römer gelangten erst auf dem Höhepunkt 
ihrer Zivilisation nach einer langen philosophischen Arbeit dahin, im 
Zusammenhang mit der Einigkeit der materiellen Welt die Gerechtig- 
keit und die Vorsehung eines einigen Gottes zu begreifen. Aber das, 
was für die Griechen und Römer, welche ursprünglich andere Ideale 
hatten als die Gerechtigkeit, erst (3ie Schlussfolgerung und die Krönung 
des Werkes ist, das ist für Israel der Ausgangspunkt: „Die Griechen", 
sagt der berühmte deutsche Kritiker D. Strauss in seinem „Neuen 
Leben Jesu" (S. 237) „erhoben sich allmählich zu dem Punkte, von 
dem die Hebräer ausgegangen waren". 

Die ganze „Thora" geht von dem Grundsatze des gerechten 
Gottes, von der Vorsehung eines einzigen Wesens, eines höchsten 
Wesens aus, welches die Konzentration aller Formen des universellen, 
individuellen und sozialen Lebens ist. Eben infolge seines eigensten 
Wesens hat der Ewige Mitgefühl für alle lebenden Wesen. Er will, 
dass sie leben, beschützt sie in ihrem Recht und in ihrer Freiheit. 
Derjenige, der das Recht und die Freiheit irgend eines anderen 
vergewaltigt, vergewaltigt Gott selbst, welcher den Unterdrücker be- 
straft und den Unterdrückten befreit: „Ich bin der Ewige", sagt er, 
^und ich werde euch aus der Hand der Ägypter erretten und von 
ihrer Dienstbarkeit befreien". Und er ist nur deshalb ein Befreier, 
weil er gerecht ist im universalen Sinne des Wortes: 

„Ich bin der Ewige, welcher die Güte, das Recht und die 
Gerechtigkeit ausübt". 

W^enn er unter allen Völkern speziell Israel auserwählt hat, um 
ihm zu eigen zu sein, so ist es, damit Israel vor allen Gerechtigkeit 
übe und allen übrigen Nationen das Beispiel hiervon gebe. Seine 
Erhebung ist zu folgendem Zwecke, an seine Grösse knüpft sich 
folgende Bedingung: 

„Wenn ihr meiner Stimme gehorchet und meinen Bund haltet", 
sagt der Ewige, „werdet ihr mir als Eigentum unter allen Völkern 
angehören, mir, dem die ganze Welt gehört". 

Trotz der Allmacht des Gottes Israels keine Willkürherrschaft, 
keine Unterwüriigkeit. Das Band zwischen Gott und dem Volke ist 
ein freiwillig eingegangener Vertrag. 

„Niemals", sagt der Autor, „hat sich die mensclilicho Freiheit 
auf eine so stolze Hölie gestellt". Die Gleichheit aller in der politischen, 
bürgerlichen und religiösen Ordnung, die Achtung vor der Person, 



I 



75 

die gerechte und billige Verteilung der Früchte der Arbeit, die 
Sicherheit des Eigentums, die Erleichterung des Schicksals der Schuldner, 
die gute Justizverwaltung, alle diese Wohltaten, welche die Griechen 
und Römer erst als Folge langer Anstrengungen und blutiger Kämpfe 
erlangt haben, und auch das noch in unvollständiger Weise, erlangt 
Israel als eine unmittelbare Folge seines Glaubens an das einig-einzige 
AVesen, an das in der höchsten Potenz gerechte Wesen. 

Man sehe daher auch, wie es von der Liebe zum Ewigen durch- 
drungen wird, der es befreit und heiligt. Hier führt Eichthal in 
jedem Briefe das „Höre" an mit den Versen, welche ihm in unserem 
Täglichen Gebete folgen. „Diese heiligen Worte", ruft er aus, ,,sind 
bis auf den heutigen Tag gleichsam das Glaubensbekenntnis des israe- 
litischen Volkes geblieben. Jeden Tag wiederholt der fromme Israelit 
sie, schärft sie seinen Söhnen ein, befestigt sie an seinen Händen, an 
seiner Stirn, an den Pfosten seiner Türen; diese Worte entschlüpfen 
noch seinen sterbenden Lippen, wenn er Abschied nimmt vom Leben" 

Der Autor führt noch Stellen aus der Thora an, in welchem dem 
Volke Nächstenliebe, Gerechtigkeit gegen den Feind, Mildtätigkeit so- 
gar auch gegen die Tiere ans Herz gelegt wird, und er ruft aus: 
„Liebe! das ist also das letzte Wort der Lehre (der Thora). Zwischen 
dem Menschen und dem Wesen aller Wesen, zwischen dem Menschen 
und dem Menschen, Liebe!" 

Aber welches sind die neuen Prinzipien der Moral und Religion, 
die das Christentum, nach der Meinung unseres Autors, der 
Religion Mosis hinzugefügt hat? Und wenn das Christentum eine grosse 
Mission in der Geschichte hatte, worin weicht dann diese seine Mission 
von dem Messianismus des hebräischen Volkes ab? 

Der Autor gesteht zu, was übrigens nicht im geringsten zweifel- 
haft sein kann für den Kenner des Judaismus im allgemeinen und der 
Epoche unserer Religion insbesondere, welche das Christentum hat ent- 
stehen sehen, dass es in allem, was die ureigensten Prinzipien der Re- 
ligion, die Prinzipien der Gerechtigkeit und Mildtätigkeit anbetrifft, 
in der christlichen Lehre nichts gibt, das nicht schon früher in der 
jüdischen Lehre war. Aber er denkt, dass die Religion Israels, um 
diejenige des Menschengeschlechtes zu werden, sich den griechisch-rö- 
mischen Geist assimilieren musste, das heisst, sie musste die mensch- 
liche Persönlichkeit durch ein metaphysisches Dogma sanktionieren, 
das ihr der Geist der Hellenen brachte, und musste auch von dem römischen 
Geiste der Disziplin und Verwaltung durchdrungen werden. Die 
durch die Religion des einigen Gottes bestätigte Einheit des Menschen- 



76 

jj:eschleclites würde sich im Leben der Völker ausserhalb dieser beiden 
Elemente eben so wenig haben verwirklichen lassen, wie diese sich 
hätten ausserhalb des jüdischen Elementes versöhnen können. 

Zwar war nach der Meinung unseres Autors diese Assimilation, 
welche das Christentum zu vollführen hatte, nicht das Werk einer 
Stunde und eines Tages; aber der angebliche Gründer des Christentums 
und seine Schüler sollen den Grund dazu gelegt haben. Zum Beweise 
dafür stützt sich der Autor auf einige evangelische Texte, welche so- 
wohl vom historischen Gesichtspunkt, als auch hinsichtlich der philo- 
sophischen Bedeutung, die er ihnen beimisst, durchaus nicht einwands- 
frei sind. Aber schliesslich gesteht er, dass dieses Assimilationswerk 
die lange und beschwerliche Arbeit der ganzen christlichen Geschichte 
war. Es entspann sich zunächst ein Kampf zwischen den drei Ele- 
menten, ein Kampf, der sowohl das Werk des hebräischen Geistes als 
auch das des griechisch-römischen zu gefährden schien. Dann nach 
dem Eindringen der Barbaren tauchten neue Gefahren auf als Folge 
der Zugeständnisse, welche den abergläubischen Eroberern im Interesse 
der humanitären Religion gemacht werden mussten, so dass alles zu 
verfallen und zu entarten schien. Aber aus diesem scheinbaren Tode 
sollte schliesslich die moderne Gesellschaft hervorgehen, welche auf 
der Übereinstimmung der von den drei grossen mittelländischen Völkern 
geschaffenen Prinzipien basiert. Diese lange Assimilationsarbeit ist 
das Christentum, dessen Mission ganz oder ungefähr vollendet ist. 
Wenn in der Tat in der christlichen Ära Kampf und gegenseitiger 
Hader der humanitären Elemente herrschte, welche sich in ihm zu- 
sammenfanden, so ist der Endzweck dieser Kämpfe der Friede oder 
die gegenseitige Anerkennung der individuellen Freiheit, der sozialen 
Organisation und der menschlichen Verbrüderung, welche auf der 
göttlichen Einheit und Gerechtigkeit beruht. 

Die französische Revolution, welche nach der Ansicht unseres 
Autors die Ära des reifen Alters der Menschheit eröffnet hat, nach 
den Wechselfällen ihrer Jugend und ihres Jünglingsalters, war die 
Wiederauferstehung der Prinzipien der drei grossen mittelländischen 
Völker, ihre Versöhnung, ihre harmonische Verschmelzung. Da das 
christliche Zeitalter nur eine Cbergangsepoche zwischen der antiken 
Zivilisation und der modernen Gesellschaft gewesen ist, muss diese 
Gesellschaft ihre moralische und religiöse Grundlage an der Quelle 
suchen, aus der die Prinzipien der Humanität entsprungen sind. 
Da sich die positive Basis der modernen Zivilisation in den Prinzipien 
der drei grossen mittelländischen Völker iindet, und da der Geist 



77 

eines Volkes unzertrennlich ist von seiner Rasse, so schliesst der 
Autor daraus auf die Notwendigkeit der Wiederauferstehung der Völker 
oder der Rassen, in deren Schoss diese Prinzipien entstanden sind. 
Aber wo heute diese drei antiken Völker wiederfinden, deren Geist 
für die soziale Regeneration unentbehrlich ist? Wenn es auch keinem 
Zweifel unterliegt, dass das hebräische Volk noch existiert, wenigstens 
als Rasse, kann man aber auch mit derselben Gewissheit die Existenz 
der alten Griechen und Römer behaupten? Genügt es, die Namen 
ihrer alten Städte, die Namen Athens, Roms und Jerusalems anzurufen, 
um diese Völker des Altertums wiederzufinden? 

Hier wird uns der Autor gestatten, einige Zweifel auszusprechen 
und unsere Vorbehalte zu machen. 

Wir sehen wohl noch eine jüdische und eine lateinische Rasse, 
aber wir sehen keine hellenische Rasse mehr. Die jetzigen Griechen 
sind trotz der Sprache, welche sie sprechen, und trotz des Landes, 
welches sie bewohnen, eben so wenig die Repräsentanten der alten 
Hellenen, wie die gegenwärtigen Bewohner Roms und Jerusalems die 
Repräsentanten der alten Römer und der alten Israeliten sind. 

Nach unserer Ansicht kommt für das Wiederfinden des Geistes 
der drei antiken Rassen weit mehr das geistige Wesen der modernen 
Völker in Betracht als die Sprache, welche sie heute sprechen, und 
die Länder, Welche sie heute bewohnen. Das Problem, welches sich 
der Autor in dem von uns analysierten Werke gestellt hat, kompliziert 
er durch ein anderes Problem, das einer Weltsprache; man muss das 
erstere Problem von dem zweiten trennen, um zu einer Lösung zu ge- 
langen. Wir sagen mit H. Littre, „dass noch kein klares Anzeichen 
für das vorhanden ist, was aus dem Problem einer Weltsprache her- 
vorgehen soll**, und wir machen uns daran, den Geist der drei antiken 
Völker in der Geschichte und den klar zu Tage tretenden Bestrebungen 
der modernen Völker zu suchen. 

Unter den drei grossen Prinzipien der Humanität der alten mittel- 
ländischen Völker, welche die französische Revolution zu einem höheren 
und harmonischen Leben hat wiedererstehen lassen, ist unbestreitbar 
das Prinzip der Gleicidieit das in der französischen Gesellschaft am 
meisten entwickelte. Alles, was nach der Ansicht unseres Autors den 
römischen Geist ausmacht, der Geist der Disziplin, der Verwaltung, 
der Zentralisation, der Autorität, der Organisation und schliesslich der 
Geist des sozialen Lebens findet sich nirgends so ausgebildet, so vor- 
herrschend wie inmitten des französischen Volkes, welches die grosse 
moderne Revolution j?emacht hat und dessen Zentrum gewiss nicht in 
Rom, wohl aber in Paris ist. 



78 

Andererseits finden wir alles das, was, immer nach der Ansicht 
unseres Autors selbst, den Geist der alten Griechen ausmacht, die 
Liebe zur Freiheit, in ihrem weitesten Sinne aufgefasst, und noch weit 
entwickelter als im Altertum, heute bei der germanischen Rasse wieder, 
welche, wie die jüdische Rasse, über den ganzen Erdball verbreitet ist. 

Was den religiösen Geist der von uns genannten antiken Rasse 
anbetrifft, so findet er sich heute ebenso wie im Altertum in jenen 
wenigen, den besten Männern unserer Rasse, welche dem Kultus unserer 
Vorfahren treu geblieben sind, indem sie sich gleichzeitig an den Ar- 
beiten und den Bestrebungen der modernen Gesellschaft beteiligen. 

Indem wir uns von unserem jüdischen Gefühl haben leiten lassen, 
haben auch wir Studien über die Vergangenheit und die Zukunft un- 
serer Rasse gemacht, deren in einem deutschen Werke veröffentlichte 
Resultate sich in seltsamer Übereinstimmung mit denen des Autors 
der „Drei grossen Mittelländischen Völker" befinden. Wir, wir glauben 
auch an die Wioderauferstehung des Geistes unserer Rasse, dem nur 
ein Aktionszentrum mangelt, um das sich eine auserlesene Schar von 
der religiösen Mission Israels ergebenen Männern gruppieren könnte, 
um aus diesem Zentrum von neuem die ewigen Grundsätze hervor- 
sprudeln zu lassen, welche die Menschheit mit dem Weltall und das 
Weltall mit seinem Schöpfer verbinden. Jene Männer werden sich 
einst in der alten Stadt Israels wiederfinden. Die Zahl tut nichts zur 
Sache. Der Judaismus ist nie von einem zahlreichen Volke repräsen- 
tiert worden; das goldene Kalb hat immer die grössere Anzahl ange- 
zogen, und nur eine kleine Schar von Leviten wird auf ihrem alten 
Herde das heilige Feuer unserer Religion bewahren. 



Ist die mosaische Lehre materiahstiseh 
oder spiritualistisch ? 



Wenn ich mir erlaube, mich an der Debatte zu beteiligen, die 
sich in diesem Blatte über den Charakter des Judentums entrollt hat, 
zwischen denen, die ihm zu materialistische Tendenzen vorwerfen und 
zwischen denen, die sich gegen solche verwahren und ihm entgegen- 
gesetzte Tendenzen zuschreiben, so geschieht es nicht, um mich auf 
die Seite der einen oder der anderen Partei dieser Kämpen zu stellen. 
Für mich sind die fundamentalen Prinzipien des Judentums, so wie 
sie sich bei Moses und den Propheten klar vor der Dazwischenkunft 
des Parsismus ausgedrückt finden, gleich weit entfernt von jeder 
dieser beiden exklusiven Tendenzen, die man als materialistische und 
spiritualistische bezeichnet. Die Einheit des Lebens, diese Grundlage 
der jüdischen Religion, steht über allen diesen Subtilitäten, welche den 
fremden Philosophieen und Theosophieen soviel zu schaffen gemacht 
haben. Ich füge hinzu, dass gerade diese Einheit die unvergängliche 
Kraft unserer Religion ausmacht, durch die sie die Mutter aller 
anderen, vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen ist, und dass 
wir uns ihrer rühmen müssten, anstatt uns ihretwegen zu entschuldigen. 
Ja, es ist unser Ruhm, dass das religiöse Genie unserer geistigen 
Elite das Geheimnis der ewigen und universellen Religion gefunden 
hat. Diese tiefe, primitive und spontane Überzeugung von der Einheit 
des Lebens haben sie festgelegt und deren moralische, politische und 
soziale Konsequenzen in ihrer heiligen Literatur und ihrer heiligen 
Geschichte gezogen. Zu einer Zeit, wo die andern grossen historischen 
Rassen, durch andere Arbeiten des menschlichen Geistes absorbiert, 
(deren Grösse wir nicht verkennen,) den religiösen Sinn verloren und 
sich zu mystischen Spekulationen und obscönen Kulten verirrt hatten! 
Auch heute ist es gewiss nicht unsere ausschliesslich spiritualistische 
Tendenz, die unsere Daseinsberechtigung ausmacht, denn sie ist 
weit überholt von allen Sekten des orthodoxen Christentums, des 
katholischen, wie des protestantischen. 

Aber, sagt man uns, ihr masst Euch einen besonderen Platz an, 



80 



eine besondere Mission unter so vielen anderen Aufgaben, die den 
grossen historischen Rassen zuerteilt sind; also seid ihr eine hoch- 
mütige, exklusive Rasse. „Der Hochmut der jüdischen Rasse ist für 
niemand ein Geheimnis; sie glaubte sich mit einer Priesterwürde 
bekleidet, mit einem heiligen Zeichen versehen." Und Herr Delaunay, 
der den Glauben an unsere religiöse Mission, die niemand aus- 
schliesst, die im Gegenteil die Existenz anderer Missionen bei anderen 
historischen Rassen voraussetzt, Herr Delaunay, der also diesen 
Glauben, den wir nicht leugnen, verwechselt mit dem im Alter- 
tum natürlichen Hass und der Verachtung gegen die Fremden, die 
heute keinen vernünftigen Sinn mehr haben — er behauptet: man 
kann nicht leugnen, dass die Juden diese Verachtung ehemals absichtlich 
in voller Strenge gehegt haben, und dass sie diese heute noch nicht 
abgelegt haben, soweit es der allgemeine Fortschritt zulässt ... Es 
fehlt auch heute nicht an guten Leuten, die in abgeschwächter Form 
von der exzeptionnellen Stellung der jüdischen Rasse sprechen.*^ 

Die Anklage, so unbestimmt sie ist, ist darum nicht minder schwer. 
Ich hätte gewünscht, dass unser gelehrter Widersacher sie genauer 
präzisiert hätte, um uns zur Verteidigung Gelegenheit zu geben. 



Ernest Renan. 



Das Leben Jesu. — Die Apostel. 

Die Menschheit zeigt in ihrer historischen Entwickelung zwei 
Geistesrichtungen, die einander ergänzen, ohne sich zu vermischen. 
Alle hervorragenden Individuen, wie alle Nationalitäten und Rassen, 
die eine Rolle in der Geschichte spielen, nehmen in einem gewissen 
Grade an diesen beiden verschiedenen, wenn nicht gar entgegengesetzten 
Richtungen teil. 

Wenn man das Ideal des künstlerisch Schönen finden will, so 
muss man es im alten Griechenland suchen. Besonders die plastische 
Kunst hat dort ihren Höhepunkt erreicht. Die Wissenschaft, nament- 
lich die Philosophie, ist dort ebenso intensiv gepflegt worden. Aber 
inbezug auf die Wissenschaften waren die alten Völker im Vergleich 
zu modernen Völkern nur Kinder ohne Erfahrung. Heute ist der 
Unterschied in den intellektuellen Fähigkeiten und Charakteren der 
Völker nicht mehr so scharf wie im Altertum. Indessen selbst unter 
den modernen Völkern unterscheiden sich die einen von den anderen 
durch einige spezielle Bestrebungen, und man kann sagen, dass heut 
vorzugsweise die Deutschen, wenn nicht die Wissenschaften überhaupt, 
die ja überall zahlreiche und treue Anhänger haben, so doch wenigstens 
die Philosophie pflegen, die ja die Zusammenfassung und das Band 
aller Wissenschaften ist. 

Neben den Künsten und Wissenschaften gibt es noch eine andere 
Strömung, einen anderen historischen, mehr praktischen als theoretischen 
Zug, der auch im Altertum und in der Jetztzeit seine dazu aus- 
erwählten Völker, seine Lieblingsanhänger hat. So wie Griechenland 
einzig war für die erhabenste Pflege der Künste und Wissenschaften, 
war es Juda für die der moralischen und religiösen Poesie. Das Volk 
Gottes war in Wahrheit ein auserwähltes Volk, dessen heilige 
Literatur, die Bibel, niemals übertrofi"en worden ist, noch jemals über- 
troff'en werden wird. Das Gefühl, das diese Literatur hervorgebracht 
hat, ist das der sozialen Gerechtigkeit. Daher war auch das mosaische 
Gesetz das gerechteste, humanste, demokratischste aller antiken Gesetze. 

6 



82 

Zwar hat das Volk Gottes das Ideal der Gerechtigkeit nicht ver- 
wirklicht, welches es durch den Mund seiner Propheten der Welt 
offenbart hat. Aber wenn die soziale Gerechtigkeit nicht verwirklicht 
worden ist, so ist ihr doch im alten Judäa der Weg gebahnt 
worden, wie im Vaterland des Aristoteles der Wissenschaft. Für 
beide bedarf es der Erfüllung der Zeit, des langsamen, aber stetigen 
Fortschrittes der Geschichte. Noch heute hat die soziale Gerechtigkeit 
ebensowenig wie die Wissenschaft ihr letztes Wort gesprochen. 
Wenn wir indessen eine moderne Nation gefunden haben, die in 
Bezug auf die Pflege der Wissenschaft vorzugsweise den Weg Griechen- 
lands wandelt, so finden wir auch eine, die sich mit Vorliebe der 
Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit widmet. Nachdem sich 
Frankreich von seinem alten Regime befreit hat, findet es in seinem 
Genie die Mittel, das Ideal zu verwirklichen, dessen erste Bestrebungen 
auf das Altertum zurückführen. Ebenso wie Deutschland, nachdem es 
sich als moderne Nation konstituiert haben wird, den Weg zu seinen 
grossen wissenschaftlichen Arbeiten zurückfinden und seine Aufgabe 
lösen wird, die Krönung des Gebäudes, dessen Fundamente auf das 
jüdische Altertum zurückführen. 

Diese verschiedenen, sehr ausgesprochenen Neigungen, einerseits 
für das Schöne und Wahre, andererseits für das Gerechte und Heilige, 
die im Altertum einander gegenüberstanden und sich fast ausschlössen, 
bekämpfen sich heute nicht mehr, weil heute jedermann in ihnen nur 
verschiedene Wege sieht, die zum selben Ziele führen. 

Renan betrachtet wohl die Geschichte unter diesem doppelten 
Gesichtspunkte; aber da er selbst sehr stark nach der einen Seite, 
der Griechenlands und Deutschlands neigt, wird er ungerecht gegen 
die entgegengesetzte Seite, die er nur unvollkommen werten kann. 
Die Rolle, die das alte Juda gespielt hat, ist nicht nach seinem 
Geschmack, und durch starkes Übertreiben der Unparteilichkeit der 
Wissenschaft wird er voll feindseliger Parteilichkeit gegen die Völker 
und die Menschen, die für den Triumph der sozialen Gerechtigkeit 
gekämpft haben und noch kämpfen. Wenn für denjenigen, der die 
jüdische Geschichte schätzen kann, das Christentum nur eine natürliche 
und notwendige Konsequenz des Geistes des Judentums ist, ist es für 
Renan nur ein Beiwerk dieser Geschichte, deren Kämpfe er zu den 
armseligen Verhältnissen eines unwissenden Volkes verkleinert, das 
von grösstem Aberglauben erfülU ist. Kritiklos einer Literatur folgend, 
die wenigstens hundert Jahre nach dem Tode Jesu im liass gegen 
das Judentum entstanden war, lässt er das Christentum nach seiner 



83 

vollkomnienen Trennung von dem Milieu, aus dem es hervorgegangen 
war, bis auf Jesus unl seine Zeit zurückgehen. 

Kenan, dem jede Polemik widerstrebt, führt eine ausserordentliche 
gegen die Wunder, und zwar auf neun Seiten seiner Einleitung zu 
den „Aposteln". Wenn er übrigens bei dieser „fundamentalen Frage" 
nicht beharrt, so geschieht es „weil die unabhängige Wissenschaft sie 
als ganz gelöst betrachtet. Aber es gibt andere Fragen, die noch 
lange nicht gelöst sind, zum Beispiel die des ganz essäischen Ursprungs 
des Christentums und die des Alters und der Authentizität der ver- 
schiedenen Schriften des neuen Testaments". Hier scheint also die 
Diskussion selbst in den Augen Renans nicht ganz unnütz oder der 
Würde des Gelehrten widersprechend. Diese Fragen werden nächstens 
in einem Werke behandelt werden, von dem ich in diesem Blatte 
einige Auszüge zu bringen beabsichtige. 

Zitieren wir indessen eine beredte Seite der „Apostel", wo Renan, 
ohne den Widerspruch mit seinen früheren Wertungen zu fürchten, 
dem Geiste des Judentums volle Gerechtigkeit erweist, dem das 
Christentum sowohl seinen Ursprung, sowie seinen Triumph über die 
heidnische Welt verdankt. AVir werden nur da unsere Vorbehalte 
machen, wo Renan das soziale Gesetz dem politischen Gesetz entgegen- 
zusetzen scheint, die Brüderlichkeit der Gerechtigkeit und besonders 
der Freiheit — eine sehr bekannte, aber dem modernen Begriff sozialer 
Gerechtigkeit widersprechende Lehre, wie sie es schon nach der 
Auffassung der Gerechtigkeit des alten jüdischen Gesetzes war. 

„Es ist die grösste Ungerechtigkeit", sagt Renan, „das Christen- 
tum dem Judentum als Vorwurf gegenüber zu stellen, weil alles, was 
im primitiven Christentum ist, mit einem W^orte aus dem Judentum 
gekommen ist... Das jüdische Gesetz ist sozial und nicht politisch; 
die Propheten, die Autoren der Apokalypse, sind Förderer sozialer 
und nicht politischer Revolutionen. . . Das „Gesetz", die Thora macht 
glücklich! Das ist der Grundgedanke aller jüdischen Denker, wie 
Philon und Josephus; die Gesetze der anderen Völker wachen darüber, 
dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nähme. Was geht es sie an, 
dass die Menschen auch gut und glücklich werden! Das jüdische 
Gesetz dringt bis in die letzten Einzelheiten der moralischen Erziehung 
ein. Das Christentum ist nur die Entwickelung desselben Gedankens. 
Das Christentum kann sich als eine grosse Vereinigung Armer bezeichnen, 
eine heroische Anstrengung gegen den Egoismus, die auf dem Gedanken 
begründet ist, dass jedermann nur ein Recht auf das Notwendigste 
hat, dass der Überfluss allen denen gehört, die nichts haben. Man 

6* 



84 

erkennt leicht, dass zwischen einem solchen Geiste und dem roma- 
nischen Geiste ein tötlicher Kampf entstehen muss und dass das 
Christentum seinerseits nur unter der Bedingung zur Weltherrschaft 
gelangen wird, dass es seine ersten Tendenzen und sein ursprüngliches 
Programm gründlich ändert.** 

Wenn es wahr ist, wie Renan es mit so gutem Grunde behauptet, 
dass es die soziale Seite des Christentunas ist, die die heidnische 
Welt umgestaltet hat, so kann man ohne jede Übertreibung sagen, 
dass es die essäische Sekte, eine ganz ausschliesslich jüdische Sekte 
war, welcher die moderne Welt ihren religiösen und moralischen Geist 
verdankt, der der alten heidnischen Welt vollständig fremd war. Alle 
sozialen Institutionen der primitiven Kirche waren tatsächlich das 
Erbe der essäischen Sekte. 

(Der Schluss dieses Aufsatzes ist nicht erschienen. ZI.) 



Zur Kolonisation des Heiligen Landes. 



Die humanitären Neigungen unseres Jahrhunderts unterscheiden 
sich von denen des vorigen durch den positiven und praktischen Cha- 
rakter, den sie angenommen haben. Nachdem die allgemeinen Prin- 
zipien festgelegt worden sind, beginnt man, sie in die Tat umzusetzen. 
Man begnügt sich nicht mehr damit, die Idee der Einigkeit und Ver- 
brüderung zu predigen, sondern man will sie verwirklichen. Die israe- 
litische Religion, welche sich immer mit dem realen Wohlergehen des 
Menschen beschäftigte und die über die Erhebung der Seele nicht den 
Körper vernachlässigt hat, konnte nicht hinter dieser sozialen Bewegung 
zurückbleiben, welche die Verwirklichung der Verheissungen unserer 
grossen Propheten und der Inspirationen unserer grossen Gesetzgeber 
ist. Seit Moses bis zu den Mitgliedern der grossen Synagoge und den 
letzten Gesetzeskundigen hin ist die Mildtätigkeit bei uns immer als 
eine der ersten religiösen Pflichten betrachtet worden. Aber die wahre 
Mildtätigkeit ist die, welche anstatt dauernd Almosen zu geben, darauf 
hinzielt, sie überflüssig zu machen. Die Ausübung dieser tatkräftigen 
Mildtätigkeit erhebt unsere Religion zu der Höhe des Jahrhunderts, 
eben indem sie ihre alten Gebräuche achtete und alle ihre traditionellen 
Satzungen bewahrte, soweit sie nicht unvereinbar sind mit dem gegen- 
wärtigen Stand der Zivilisation. Anstatt Zwietracht in unsere Ge- 
meinden zu säen, sind unsere Institutionen der Brüderlichkeit gesunde 
Reformen, die alle Juden vereinen; sie sind gleichzeitig der Ruhm 
unserer Religion. Während die rein negative Reform vergebens 
versucht hat, aus unseren Gebeten alles zu entfernen und aus 
dem Geiste Israels alles zu verlöschen, was auf die sich an Jerusalem 
und das heilige Land knüpfenden Erinnerungen und Hoffnungen Bezug 
hat, bemächtigt sich die positive Reform dieser grossen Erinnerungen, 
um daraus ein hervorragend modernes Werk erstehen zu lassen. Dem 
französischen Judentum werden künftige Generationen für die Ausfüh- 
rung dieses Werkes dankbar sein, wenn die AUiance isra61ite univer- 
selle, die das Patronat übernommen hat, dessen Verwirklichung trotz 
aller sich entgegenstellenden Hindernisse wird fortführen können. 

Der Gedanke, unseren armen und frommen Glaubensgenossen zu 
Hilfe zu kommen, die ihre Blicke nach dem Lande unserer Väter 



86 

•s, 

richten, sich aber grossenteils ohne Vermögen dorthin begeben und 
ohne selbst daran zu denken, es sich durch Arbeit zu erwerben, dieser 
Gedanke hat seit einiger Zeit sehr viele Juden angeregt, Gesellschaften 
mit dem Ziel zu gründen, die Arbeit, insbesondere die landwirtschaft- 
liche Arbeit unter unseren Brüdern in Palästina zu begünstigen. Aber 
bis jetzt sind diese Gesellschaften ohne gemeinsame Verbindung, 
ohne Einheit und infolgedessen ohne Macht geblieben. Mehrere eifrige 
Männer haben schon das Wort ergriffen, um die hervorragendsten 
Juden aufzufordern, sich an die Spitze des Unternehmens zu stellen. 
Aber in diesem Falle genügt das Wort nicht, wenn es nicht durch 
Institutionen gestützt wird. Jüngst ist ein Versuch gemacht worden, 
die einzelnen Arbeiten zu zentralisieren. Herr Rabbiner Natonek aus 
Hohweissenburg in Ungarn ist nach Paris gekommen, nachdem er 
die grössten jüdischen Gemeinden Deutschlands besucht hat, um vor 
dem Zentralkomite der Alliance für die Kolonisationsidee zu werben. 
Ich gebe hier einen Auszug der schriftlichen Darlegung, die der Alliance 
von den Freunden Natoneks zugestellt wurde: 

„In unserem Jahrhundert haben religiös begeisterte Männer 
durch ihren Eifer und ihre Ergebenheit Anstrengungen gemacht, ihren 
zahlreichen, meistens armen Glaubensgenossen in unserem alten Hei- 
matlande zu Hilfe zu kommen, indem sie unaufhörlich zu Gaben und 
Spenden dafür aufforderten. Aber, es muss gesagt werden, je reicher 
die Gaben fliessen dank der mildherzigen Empfindungen unserer wohl- 
habenden Brüder in Europa und Amerika, um so grösser und böser 
werden die Unzuträglichkeiten, die in diesem Wohltätigkeitssystem zu 
Tage treten. Selbst diejenigen, die, wie der ehrenwerte Herr Lehren 
aus Amsterdam bis jetzt die Hauptvermittler der Freigebigkeit Israels 
waren, sind die ersten, die anerkennen und laut erklären, dass es un- 
möglich ist, dieses System weiterzuführen. Diese Un7.uträglichkeiten 
sind leicht zu erklären Man gewölmt sich daran, von der Mildherzig- 
keit zu leben, man arbeitet nicht. Da die Bevölkerung unaufhörlich 
zunimmt, sieht man einen beklagenswerten Wettbewerb, ein wahres 
Sturmlaufen von Seiten aller dieser Menschen, die nur immer nehmen 
wollen. Es würde zu peinlich sein, in die Einzelheiten dieser bedau- 
ernswerten und für alle Juden bedauerlichen Sachlage einzugehen. Ein 
grosser Schritt auf einem besseren Wege ist getan. Ist es nötig, hier 
daran zu erinnern, was von der Alliance selbst durch die Gründung 
von Schulen im Orient geleistet ist, oder was in Jerusalem getan 
worden ist von der edlen Familie, deren Frankreich sich rühmt, mit 
Hilfe des hervorragenden und eifrigen Mannes, den sie sich zur Aus- 



87 

übunsj ihrer Wohltaten erwählt hat? Ist es nötig, diesen anderen 
Wohltäter in Israel, diesen ehrwürdigen Patriarchen aus England, zu 
bezeichnen, der dem grossen Gedanken, der uns beschäftigt, sein ganzes 
Leben geweiht hat? 

Diese von oben gegebenen Beispiele konnten nicht verloren sein. 
Allerseits begreift man heute, dass man nur durch die Arbeit den 
Unzuträglichkeiten abhelfen kann, von denen wir soeben sprachen. 
Ohne die alte Generation armer Juden im Stich zu lassen, möchte 
man den neuen Geschlechtern, die in Palästina geboren werden oder 
sich dort niederlassen, eine glücklichere und ehrenhaftere Zukunft be- 
reiten. Daher der Gedanke, im Lande Schulen und landwirtschaftliche 
Kolonien zu gründen. 

Grosse religiöse Autoritäten, ehrwürdige Rabbiner und ehrenwerte 
Kaufleute in Deutschland, Polen, Ungarn, kurz in allen grossen Zentren 
jüdischer Bevölkerung haben sich zu gunsten dieser edlen und frucht- 
baren Idee geäussert. 

Indessen würden alle diese einzelnen Anstrengungen ohne Erfolg 
bleiben müssen, wenn es nicht gelänge, sie zu vereinigen, zu konzen- 
trieren. Das haben alle, die der palästinensischen Sache ergeben sind, 
voll erkannt. Sie haben ihre Blicke auf die Alliance israclite univer- 
selle gerichtet. Auf diese Institution, die in so kurzer Zeit eine Säule 
Israels geworden ist, haben sie zählen wollen. 

Schon hat sich der Rabbiner Kalischer aus Thorn an die Alliance 
gewendet und sie gebeten, die Leitung einer Kolonisationsgesellschaft 
zu übernehmen, die er gegründet hat und deren Mittel er der Alliance 
zur Verfügung stellen wollte. Eine andere ähnliche Gesellschaft, deren 
Fonds bei Herrn Mende, Bankier in Frankfurt a. Oder, deponiert sind, 
will ebenfalls in die Alliance aufgehen. Schliesslich will der hier an- 
wesende Rabbiner Natonek, ein Freund des Herrn Rabbiner Kalischer, 
der Alliance die Wünsche unserer Glaubensgenossen unterbreiten aus 
den verschiedenen Städten, die er auf seiner Reise vom Innern Ungarns 
bis nach Paris berührt hat". 

Nach dem Vorlesen des Berichtes ergriff Herr Rabbiner Natonek 
das Wort und bot in einer begeisterten deutschen Ansprache der 
Alliance seine Dienste an zur Gründung von Unterkomitös, die beauf- 
tragt werden sollten, Fonds für das Kolonisationswerk zu sammeln, 
um sie der Alliance zur Verfüp;ung zu stellen. Nachdem das Zentral- 
komite die edlen Worte des Rabbiners angehört und ihnen Beifall gezollt 
hatte, beschloss es, seine Wünsche in Erwägung zu ziehen und in 
einer nächsten Sitzung die geeigneten Mittel zur Ausführung des Planes 



88 

vorzuschlagen. In einer zweiten Sitzung verfasste das Komite einen 
Brief an die Adresse des Herrn Natonek, der von dem Präsidenten 
gutgeheissen und unterzeichnet wurde. Ich lasse dessen kurze Inhalts- 
angabe folgen: 

Die Alliance drückt dem Kolonisationsplan ihre volle Sympathie 
aus. Sie wird dessen Entwickelung und Verwirklichung mit grossem 
Interesse verfolgen. Sie wird gern alle Beträge in Empfang nehmen, 
die ihr zur Unterstützung dieses Werkes übergeben werden, und wird 
sich mit den Personen in Verbindung setzen, die ihr dafür bezeichnet 
werden, damit die Zinsen der Beträge nützlich verwendet werden; 
dass man aber warten will, bis man das Kapital selbst zur Ausführung des 
Planes verwenden kann. Aber es besteht ein Hindernis: das Verbot, 
Immobilien zu besitzen, das in der Türkei jeden triift, der kein Musel- 
mann ist. Es muss ein Mittel gefunden werden, dieses Verbot für die 
in Palästina ansässigen Juden aufzuheben. Die Alliance wird eifrig an 
allen Schritten teilnehmen, die man zu diesem notwendigen Resultat 
wird tun wollen. 

Übrigens wird dieses Hindernis nicht unüberwindlich sein, nach 
der Meinung Cremieux', der die Güte gehabt, seine Vermittelung bei 
der Regierung der türkischen Pforte zur Beseitigung aller Schwierig- 
keiten zur Verfügung zu stellen. 

Auch Albert Cohn hat sich beeilt, seine Dienste zur Gründung 
und Leitung von Schulen in Palästina anzubieten, ein unerlässliches 
Werk, um die zukünftigen Generationen zu landwirtschaftlichen und 
industriellen Arbeiten zu erziehen. 

Der Herr Oberrabbiner von Frankreich hat seine Billigung des 
Unternehmens in einem Dokument zum Ausdruck gebracht, das nicht 
verfehlen wird, in allen jüdischen Herzen ein freudiges Echo zu finden. 
Ich lasse die Kopie mit Auslassung des hebräischen Textes folgen, der 
den französischen begleitet: 

„Ich schliesse mich mit Freude der Alliance isra61ite und Herrn 
Albert Cohn an, und ich hege die besten Wünsche für den Erfolg des 
Unternehmens des Herrn Rabbiner Natonek und die Verwirklichung 
seiner Hoffnungen, die auch die unserigeu sind. ... Es ist eine der 
unabweislichsten Pflichten, an Jerusalem zu denken, nicht nur an seine 
Vergangenheit und Gegenwart, sondern hauptsächlich an seine Zukunft. 
. . . Und an seine Zukunft denken, heisst, wie es Herr Rabbiner 
Natonek will, dort Schulen gründen, dort den Ackerbau fördern, dort 
tätige Generationen bereit zu machen für das Schicksal, das dieser 
heiligen Stadt vorbehalten ist. ... Ich werde nach Massgabe meiner 



89 



Mittel an dem Plan des Herrn Rabbiner Natonek arbeiten, werde mich 
mit Vergnügen an allem beteiligen, was dessen Erfolg sichern kann." 
Mit diesen wertvollen Dokumenten der ersten jüdischen Autoritäten 
Frankreichs ausgestattet, hat sich der eifrige Agitator auf den Weg 
gemacht, um seine Mission zu erfüllen. Aber mitten in seiner Reise 
von einer Krankheit befallen, hat er für den Augenblick seinen Plan 
aufgeben und zu seiner Familie zurückkehren müssen, wo er durch 
seinen schlechten Gesundheitszustand und die strenge Jahreszeit zu- 
rückgehalten wird. Indessen hofft er seinen Plan zu Beginn des Som- 
mers wieder aufnehmen zu können und gelegentlich der Ausstellung 
nach Paris zurückzukommen zum Kongress der Kolonisationsfreunde, 
die mit Hilfe der Alliance isra^ülite den Grund zu einer Zentralgesell- 
schaft werden legen können. 



Zwei Briefe. 



I. 

Werter Herr Redakteur! 

Soeben las ich Ihre israelitische Chronik über die letzten 14 Tage. 
Sie sind immer so nachsichtig gewesen gegen mich, der ich Ihre reli- 
giösen und sozialen Ansichten nicht teile, dass es mir schlecht an- 
stehen würde, wollte ich mich etwas ernstlich über Ihre Kritik beklagen, 
die Sie an einige Notizen meiner Einleitung der deutschen Über- 
setzung des Buches von Huet angefügt haben. Man sollte Ihnen 
nicht gerade in dem Augenblicke, in dem Sie auf Ihre Gefahr den 
Rahmen Ihrer Revue erweitern wollen, um noch die Diskussion bedeu- 
tender Fragen zu vergrössern und zu erhöhen, zu exklusive oder zu 
enge Tendenzen zum Vorwurfe machen. Daher sind Sie im Recht, 
wenn Sie, von Ihrem Gesichtspunkt aus, meine Ideen über die Zukunft 
des Judentums bekämpfen. Die revolutionären Theorien, die ich mit 
dem Verfasser der „Revolution religieuse" teile, können Ihnen im 
Widerspruch erscheinen zu meiner Art, praktische und unmittelbare 
Reformen zu betrachten, für die das Judentum empfänglich ist. Sie 
sind in dieser Beziehung vielleicht der Ansicht des Herrn Philippson, 
und nichts ist infolgedessen natürlicher, als Ihr warmes und hochher- 
ziges Plaidoyer für einen Glaubensgenossen, welcher sich nicht immer 
voll so brüderlicher Empfindungen gegen die Vertreter des französi- 
schen Judentums erwiesen hat. 

Aber augenscheinlich gehen Sie, werter Herr, zu weit, und Sie 
verschieben die Frage von der Höhe, auf der sie bleiben sollte, auf 
das persönliche Gebiet, wenn Sie eine Bemerkung als „heftige Angriffe 
gegen einen der entschlossensten Kämpen unserer Emanzipation" qua- 
lifizieren, die ich über eine sogenannte gemässigte Partei von Reformern 
ohne Grundsätze, ohne Wissen und ohne Kritik machte. Ich habe 
gesagt und halte es aufrecht, dass Herr Philippson der geschickte Re- 
präsentant dieser Partei ist. Gewiss, ich würde Herrn Philippson in 
der „Revolution röligieuse" eben so wenig erwähnt haben wie in meinen 
früheren das Judentum betreffenden Schriften, wenn der französische 



91 

Autor sich nicht auf ein Buch dieses Schriftstellers j^^estützt hätte, um 
die Unzulänfrlichkeit der Koryphäen des Judentums in kritischer und 
exegetischer Weise darzutun. Ich habe daran erinnern müssen, dass 
es in Deutschland ganz andere Repräsentanten der jüdischen Wissen- 
schaft gibt als den Redakteur der ^Zeitung des Judentums"; und da 
ich das nicht nur kurz in einigen Notizen tun konnte, war ich genötigt, 
klar und deutlich diese Tatsache festzustellen, was zwar brutal, aber 
nicht geschmacklos ist. Man kann literarisches Talent haben, kann 
beständig an der Brosche sein und ehrenvoll eine Tribüne, die man 
sich geschaffen hat, einnehmen, ohne dazu die Autorität eines Gelehrten 
oder eines Reformators zu haben. In Wahrheit hat Philippson, dessen 
Verdienste Sie masslos übertreiben, es verstanden, sich immer strikt 
auf dem intellektuellen und moralischen Niveau eines Publikums zu 
halten, dessen Impulsen er beständig gefolgt ist, ohne ihm je welche 
zu geben, ohne ihm den Weg nach vorwärts zu lenken, aber auch ohne 
sich vom Publikum überholen zu lassen. So hat er allen Nutzen aus 
seiner Stellung zu ziehen gewusst, die sich mit einer gewissen Klugheit 
vereinbaren lässt, ohne Gefahr, sie zu kompromittieren und ohne sich 
unüberlegt zu opfern. 

Der immerhin ein wenig rätselhafte Vergleich, den Sie, das Leben 
,. ausserhalb der Gemeinschaft"* betreffend, zwischen Philippson, Heinrich 
Heine und mir machen, beweist, dass Sie in dieser Beziehung sehr 
schlecht unterrichtet sind. 

Ist es zur Hebung des religiösen und moralischen Charakters Ihres 
Helden nötig, den seiner Gegner herabzusetzen? 

Diese Personenfrage zu berühren haben Sie mich gezwungen. 
Was das Programm betrifft, das Sie von mir verlangen, so bitte ich 
Sie zu glauben, dass ich keinen Grund habe, heute weniger als je, 
meine religiöse und soziale Fahne zu verstecken. Ich habe es einge- 
hend entwickelt (wie Sie übrigens wissen) sowohl in meinem Buche „Rom 
und Jerusalem", wie auch in einer Reihe von Briefen, die ich in Ihrer 
Revue veröffentlicht habe. Ich will Ihnen immer wieder sagen, was 
ich von der gegenwärtigen Lage und der Zukunft des Judentums, 
unter dem praktischen Gesichtspunkt betrachtet, denke. Aber da dieser 
Gesichtspunkt das ganze soziale Leben umfasst, muss ich warten, bis 
Ihre Revue in ein politisches und soziales Organ verwandelt sein wird, 
um nach Belieben Studien zu veröffentlichen, welche die willkürliche 
Teilung zwischem religiösem und sozialem Leben nicht vertragen. 



92 

II. 
Die Fähigkeiten Israels. 

Mein lieber Herr Redakteur! 

In den Archives vom 15. November finde ich Betrachtungen einer 
katholischen Zeitung über unsere Rasse, die Sie seltsam nennen. Sie 
sind zu höflich, denn unter der Maske einer für uns schmeichelhaften 
Wisseuschaftlichkeit bergen jene Betrachtungen gefährliche Irrtümer, 
die man entschleiern muss, um so mehr, da sie sich an unsere Eigen- 
liebe v^enden. 

Die moderne Gesellschaft will keine Privilegien mehr, noch pri- 
vilegierte Klassen oder Rassen, und ich halte diejenigen, die uns solche 
gewähren möchten, für unsere grössten Feinde. 

Zunächst ist der Artikel, den Sie aus dem Journal de Montbeliard 
zitieren, voll falscher Tatsachen inbezug auf die Geschichte der Juden. 
Aber an diesem Artikel ist am schärfsten zu verurteilen die anti- 
soziale Theorie, die er aus seinen Voraussetzungen ableiten möchte. 

Wenn es historisch wahr ist, zu sagen, dass die zivilisierten Völker 
durch eine Schule des Unglücks und niedriger Arbeiten hindurchgehen 
mussten, um in eine bessere soziale Lage zu gelangen, und wenn die 
Sklaverei, wie man es wohl schon vor unserem klerikalen Journalisten 
gesagt hat, gewissermassen die erste Lehrzeit der sozialen Arbeit war, 
haben dann die Juden sie nicht durchgemacht? Sie sind in der Tat 
erst, nachdem sie Sklaven in Egypten gewesen sind, ein Volk von 
Ackerbauern geworden. 

Unser Autor befindet sich also in offensichtlichem Widerspruch 
mit der jüdischen Geschichte, wenn er unserer Rasse die Fähigkeit 
zum Ackerbau bestreitet und wenn er leugnet, dass unser Volk die 
strenge Schule der antiken Sklaverei durchgemacht hat. 

Das ist nicht alles. Nach tausend Jahren landwirtschaftlicher und 
industrieller Arbeit, denen mehrere Jahrhunderte niedriger Arbeiten 
vorangegangen sind, bricht das jahrhundertlange Leiden der jüdischen 
Nation an, ihre Zerstreuung in alle Länder der Welt. Wahrlich eine 
strenge Schule, wenn es jemals eine gab. 

Was können wir also daraus ersehen? 

In den Jahrhunderten, die der Herrschaft einer barbarischen und 
blutigen Hierarchie vorangegangen sind, haben die Juden sich allen 
Arbeiten gewidmet, sowohl landwirtschaftlichen wie industriellen, über- 
all da, wo ihnen diese Arbeiten nicht streng untersagt waren. Und doch 
haben sie gleichzeitig die Übung ihrer geistigen Fähigkeiten nicht 



93 

vernachlässigt und haben sowohl die Bedürfnisse des Verstandes wie 
des Herzens vollauf befriedigt. 

Schon die grosse jüdische Gemeinde in Alexandrien wies eine 
Fülle von Handwerkern auf und widmete sich zu gleicher Zeit der 
Literatur, der Philosophie und den höchsten sozialen Funktionen. 

Später, während der ganzen ersten Hälfte der christlichen Ära, 
trieben die Juden sowohl an den Ufern des Euphrat, wie in Spanien, 
Frankreich und Deutschland neben Studien der Philosophie, Moral und 
Religion, die sie nie unterbrochen haben, alle sozialen, landwirtschaft- 
lichen, industriellen, wissenschaftlichen, künstlerischen und kommerzi- 
ellen ßeschäftigungen. 

Man muss die Tatsachen der Geschichte zu einem leicht zu erra- 
tenden Zweck ignorieren oder entstellen, um, wie der Autor des Artikels 
in dem klerikalen Journal, zu behaupten, dass „zu keiner Zeit" die 
Juden eine reguläre Arbeit zu leisten vermochten. Selbst, nachdem 
die Israeliten verfolgt, von einem Lande zum anderen verjagt, von 
fanatischen Völkern gemordet, Jahrhunderte lang von jeder ehrenwerten 
Beschäftigung verbannt und gezwungen worden waren, ihr Brot mit nicht 
erlaubten Industriezweigen zu verdienen, damit sie zum Nutzen ihrer 
Bedrücker geplündert und gedemütigt, zur Not auch ermordet werden 
konnten, haben sie in jedem Augenblick der Ruhe, der Gerechtigkeit 
und Toleranz alle Beschäftigungen ausgeübt und üben sie noch heute 
aus. Das bezeugen auch heute noch die Juden in Polen und allen 
Ländern, wo sie in mehr oder weniger grosser Zahl leben. Dort sind 
selbst die schwierigsten Arbeiten der jüdischen Volksmasse nicht lästig. 
Und wie könnte es anders sein? Die Kaufleute, besonders die reichen, 
ob Juden oder nicht, sind überall nur ein kleiner Bruchteil der ganzen 
Bevölkerung; damit einige Kaufleute, einige Kapitalisten, die auf die 
p Massenarbeit (travail accumule)" spekulieren, existieren, ist eine grosse 
Masse Arbeiter nötig, die diese Arbeitssumme produzieren, das heisst 
die grossen Kapitalien, für einen Lohn, der kaum zur Erhaltung ihrer 
Familien genügt. 

Ich streife hier eine ungeheure Frage, die ich mich hüten werde, 
hier so nebenbei zu behandeln und die ich studieren will, wie sie es 
verdient. Aber für jetzt will ich nur sagen, dass man gewöhnlich 
nur eine Tatsache in Betracht zieht, wenn man den Juden ihre Vor- 
liebe für den Handel, die Finanzen und die freien Berufe vorwirft, 
die doch nur eine Folge Jahrhunderte langen gewaltsamen Ausschlusses 
von jeder anderen Beschäftigung ist. Man zieht aber weder die 
gegenwärtige soziale und ökonomische Lage, noch das Zahlenverhältnis 



94 

der jüdischen zur Gesamtbevölkeiung in Betracht. Man vergisst, dass 
die Emanzipation der abendländischen Juden, die in diesen Gegenden 
nur spärlich vertreten sind, in eine Zeit fällt, welche die Spekulation 
zum Nachteil der Arbeit übermässig entwickelt hat. Was gibt es wohl 
Natürlicheres, als zu sehen, wie ein ganz kleiner Bruchteil der Ge- 
sellschaft, der tausend Jahre lang zu Beschäftigungen verurteilt war, die 
heute allerdings einträglich und ehrenvoll sind, Berufe festhält, die nichts 
Erniedrigendes, nichts Unerlaubtes mehr an sich haben und für welche 
es dank der ebenso ungeschickten wie barbarischen Gesetze des 
Mittelalters so gut vorbereitet ist. Und da sollten sie mit dem Erlernen 
von Arbeiten beginnen, die heute den dreifachen Nachteil haben, ein- 
mal, wie unser klerikaler Autor es nennt, zur letzten Stufe sozialer 
Funktionen gerechnet zu werden, dann diejenigen, die sie ausüben, zu 
verdummen, weil sie „die geringste geistige Arbeit" erfordern; und 
die schliesslich, am schlechtesten von allen sozialen Funktionen entlohnt 
zu werden?! 

Unterliegt denn aber keiner Umwandlung jene Ordnung der Funk- 
tionen in der sozialen Hierarchie, die unser klerikaler Autor so sehr 
bewundert, und die er eine unveränderliche der Natur der Dinge voll- 
kommen angepasste kirchliche Ordnung nennt? Muss es denn zum 
grössten Ruhme dieser „ bewunderungswürdigen "^ Hierarchie, der letzten 
Konsequenz einer nichts weniger „bewunderungswürdigen" anderen 
Hierarchie, immer bevorzugte Klassen einerseits und enterbte Klassen 
andererseits gei)en ? Ist denn die menschliche Natur wirklich so be- 
schaffen, wie unser Autor es ihr mit so grosser Sicherheit insinuiert, 
dass die Übung ihrer physischen, moralischen und intellektuellen Kräfte 
einander notwendigerweise ausschliessen?! 

Das Judentum hat in keinem Zeitpunkt seiner Geschichte einen 
so verderblichen und antisozialen Irrtum verkündigt; und wenn heute 
edle Juden die landwirtschaftlichen und industriellen Arbeiten ihrer 
Glaubensgenossen begünstigen, folgen sie den gesunden jüdischen Tra- 
ditionen und glauben an eine bessere Zukunft, die die Verheissungen 
unserer Propheten erfüllen wird, an jene messianische Epoche, in 
welcher die grossen Prinzipien der französischen Revolution nicht nur 
Losungswort, sondern von einer humaneren Gesetzgebung, wie die, 
an welche uns die Traditionen des Mittelalters gewöhnt haben, in die 
Tat umgesetzt sein werden. 



Einleitung in die „Religiöse Revolution 
im XIX. Jahrhundert'' von Francois Huet. 



Das vorliegende Werk ist der Abschluss der achtzehnhundert- 
jährigen Bilanz des liquidierenden Christentums. Die französische 
Revolution schickt sich an, seine Erbschaft anzutreten. 

Man scheint im Auslande noch wenig von dem grossen Umschwünge 
zu wissen, der heute in Frankreich vor sich geht und die Schluss- 
phase seiner Revolution ankündigt. Nachdem die revolutionäre Be- 
wegung von 1848 in einen unglücklichen Bürgerkrieg ausgelaufen war, 
der die Unterdrückung der Republik zur Folge hatte, glaubte man, 
es sei überhaupt mit der französischen Revolution zu Ende; und wie 
oft auch Frankreich schon in unserem Jahrhundert den Beweis geliefert 
hat, dass keine Reaktion imstande ist, seine Revolution zu töten, und 
wie mächtig sich auch seit einigen Jahren in diesem Lande der 
Freiheitsueist wieder regt, so ist doch das mit der inneren Arbeit des 
französischen Volkes wenig vertraute Ausland noch heute in seinem 
Unglauben an dessen Wiedererhebung befangen. Es erscheint daher 
zweckmässig, bei der Einführung eines Werkes, welches von dieser 
inneren Arbeit ein eklatantes Zeugnis ablegt, seinen Zusamnienhang 
mit der französischen Revolutionsgeschichte zu beleuchten. 

Wie die Franzosen nicht durch die religiöse Reform hindurch- 
gegangen sind, um zu ihrer politisch-sozialen zu gelangen, so haben 
sie auch nicht die kritische und spekulative Philosophie als Übergang 
zur modernen Weltanschauung gehabt. Gleich dem Verfasser der 
vorliegenden Schrift, scheinen sie vielmehr wie mit einem Sprunge 
die Kluft überschritten zu haben, welche die alte Metaphysik von 
der modernen Arbeit und Forschung trennt. In Wirklichkeit liegt 
aber hier kein Sprung vor. Die alte Metaphysik war ein stets 
misslungener Versuch, das Übernatürliche vernunftgemäss zu erklären. 
Der Dualismus von Geist und Stoff, von Gott und Welt war ihre 
Voraussetzung. Einheit aber, wie unser Autor richtig bemerkt, ist 
das unverletzliche Gesetz alles Lebens, und daher auch das erste 
Bedürfnis unseres Geistes. Die Metaphysik quälte sich deshalb ab, 



96 

den Widerspruch, der ihre eigene Voraussetzung bildete, aufzuheben: 
ein Versuch, der notwendig scheitern musste. Die moderne Wissen- 
scliaft, die keinen Dualismus voraussetzt, hat keine metaphysischen 
Versöhnungsversuche mehr zu machen nötig. Die spekulative Philo- 
sophie hat den Verfall der alten Metaphysik feierlich konstatiert. 
Was sie durch einen theoretischen Akt vollzog, das vollziehen die 
Franzosen durch ihre revolutionäre Aktion. 

Unter Autor, Franzose vom Scheitel bis zur Zehe, betrachtet die 
religiöse Revolution als die letzte Phase der sozialen, die im 
Jahre 1789 begonnen, die das Christentum vorbereitet hatte, und die 
schon von den jüdischen Propheten als messianische Epoche verkündet 
wurde. Diese Auffassung, die einer näheren Erläuterung bedarf, liegt 
seiner ganzen Schrift zu Grunde. Er steht nicht auf dem Boden der 
^reinen Idee", sondern des realen Lebens. Wenn er sich auch die 
Resultate der idealistischen deutschen Kritiker angeeignet hat, so 
bleibt er doch nicht bei diesen stehen. Neue Gesichtspunkte eröffnen 
sich ihm. Die reale Geschichte des Christentums, von ihrem ersten 
jüdischen Ursprünge an bis zu ihrer Vollendung durch die moderne 
soziale Revolution, tritt bei ihm mit einer Klarheit und Schärfe vor 
unsere Augen, wie wir sie vergeblich bisher auch bei den radikalsten 
Kritikern gesucht haben. Wir machen besonders auf die Kapitel 
aufmerksam, welche von den Judenchristen und Paulus, sowie von 
dem Charakter des Johannes-Evangeliums und dessen Einflüsse auf die 
Entwickelung des Christentums handeln. Frühere Kritiker haben 
schon die historische Unechtheit des vierten Evangeliums konstatiert; 
Huet hat zuerst bewiesen, dass es eine Gegengeschichte ist, d. h., 
dass es absichtlich eine andere Geschichte der wirklichen entgegen- 
setzt. — Was aber überall seine Kritik von der bisherigen unterscheidet, 
ist ihr durchgreifender weltlicher, revolutionärer Charakter. Ähnliches 
finden wir schon bei Renan, der sich jedoch seine revolutionären 
Tendenzen nicht einzugestehen wagte. Renan bildete sich vielmehr 
ein, gleich seinen deutschen Musterbildern auf dem Boden der reinen 
Idee zu stehen, und er verwahrte sich sogar in seinen „Aposteln" 
ausdrücklich gegen die Absicht, eine revolutionäre Agitation hervor- 
bringen zu wollen, die er doch wirklich hervorgebracht hat. — Unser 
Autor ist nicht nur revolutionär, er will es auch sein; das Rätsel 
der Sphinx Renan findet in der „Religiösen Revolution" seine Lösung. 
— Übrigens geht aus einem Briefe, den Renan an den Verfasser der 
„Religiösen Revolution" geschrieben hat, deutlich hervor, dass auch er 
heute von seinen idealistischen Illusionen geheilt ist. 



07 

Für die deutsche Philosophie war die Geschichte die Entwickelung 
der logischen Idee. Die Franzosen nennen die Geschichte: logique en 
action. Eine kaum merkliche Nuance unterscheidet die beiden Ausdrucks- 
weisen von einander, und doch kennzeichnet sie die ganze Physiognomie 
des deutschen und französischen Geistes: der Deutsche zieht aus der 
geschichtlichen Aktion die logische Idee; der Franzose setzt die 
logische Idee in geschichtliche Aktion um. 

Nichts ist heute leichter, als aus der französischen Revolutions- 
geschichte die logische Idee zu ziehen, da sie offenkundige und augen- 
fällige logique en action ist. Je weiter sie sich entwickelt, desto 
mehr fallen Idee und Tat zusammen, weil die Erkenntnis, die bis 
jetzt das Privilegium einzelner Philosophen, einer Art von Geistes- 
aristokratie war, welche nicht selten eine eben so grosse Scheu vor 
der Revolution wie die Geburts- und Geldaristokratie an den Tag 
legt, Gemeingut des Volkes wird. — Wirklich unabhängig von ein- 
ander waren freilich Idee und Aktion nie; aber ihre Einheit, ihr 
Zusammenhang vollzog sich gleichsam hinter dem Rücken der Menschen. 
— Erst in der modernen Welt ist es augenfällig geworden, dass sie 
stets Hand in Hand gehen. 

Heinrich Heine hat eine geistreiche Parallele zwischen der theo- 
retischen Entwickelung der Religion und Philosophie in Deutschland 
und der praktischen des politisch -sozialen Lebens in Frankreich 
gezogen. Er nennt den protestantischen Gott einen konstitutionellen 
Monarchen, der in der Bibel seine Verfassung, seine Charte habe. 
Schon Spinoza sprach den Gedanken aus, dass die Ordnung und 
Verbindung der Ideen dieselbe wie die der realen Dinge sei. Man kann 
diesen Gedanken in der ganzen historischen Entwickelung des sozialen 
Lebens konstatiert finden. Was unsere eigene kritische Übergangs- 
epoche betrifft, so ist nicht nur, wie Heine meinte, der protestantische, 
sondern auch der rationalistische und spekulative Gott ein konstitutio- 
neller Monarch, mit dem Unterschiede jedoch, dass hier die Verfassung 
nicht mehr oktroyiert, sondern frei aus dem menschlichen Geiste 
heraus geschaffen wird, weshalb hier jeder Mensch seinen eigenen 
Gott und seine eigene religiöse Verfassung hat. Unser Autor zitiert 
in dieser Beziehung einige charakteristische Aussprüche Voltaire's, 
dessen Theismus höchst verdächtig ist und während der Revolution 
bei seinen Jüngern in Atheismus umschlug: „Gott", sagte Voltaire, 
„hat nicht den Menschen, sondern der Mensch hat Gott geschaffen; 
Gott müsste für das Volk erfunden werden, wenn er ihm nicht von 
den alten Traditionen überkommen wäre". 



98 

In der ^religiösen Revolution" hört die konstitutionelle Fiktion 
auf. Hier wird kein höchstes Wesen mehr erfunden, überhaupt nicht 
mehr als ein blos gedachtes, sondern als das von jeher wirksame 
soziale und natürliche Wesen des Menschen aufi,^efasst Dieses 
überall gegenwärtige Wesen ist das gemeinsame Band, welches das 
Einzelne mit dem Ganzen, das Individuum mit der Gesellschaft, die 
Gegenwart mit der Vergangenheit und Zukunft verbindet. Die histo- 
rische Entwicklung der sozialen Organisation ist der Schlüssel zu 
jener der religiösen Formen und Reformen. Hätte der Mensch 
keine Geschichte, wäre er mit allen seinen Qualitäten, wie eine Tier- 
spezies, gleich fertig zur Welt gekommen, so würde auch bei ihm 
Wirklichkeit und Idee, Leben und Lebensbewusstsein sofort zusammen- 
fallen und als Instinkt stets untrennbar mit einander verwachsen 
bleiben. Aber während der historischen Entwickelung des sozialen 
Lebens spiegelt sich dasselbe im Bewusstsein der Geschichtsvölker 
als ein doppeltes ab: ein Mal als ihr gegenwärtiges, reales Dasein; 
das andere Mal als ihr zukünftiges, ideales Wesen, zu dem sie sich 
hingezogen fühlen, und von dem sie daher ein Vorgefühl haben. — 
Erst im reifen Mannesalter des sozialen Lebens können reales und 
ideales Dasein, wie in der Wirklichkeit, so auch im Bewusstsein der 
Geschichtsvölker zusammen fallen. 

Ist demnach das Wesen der Geschichtsreligion nichts Anderes 
als das Vorgefühl, welches die Geschichtsvölker von ihrem noch in 
der Zukunft liegenden höheren sozialen Leben haben, und zu welchem 
sie sich instinktartig hingezogen fühlen, so sind die verschiedenen 
Formen dieser Religion nichts Anderes als die idealisierten sozialen 
Formen des Volkslebens selbst in den verschiedenen organischen 
Epochen seiner Geschichte. Da die kritischen Epochen nur den 
Übergang von einer organischen in die andere bilden, so bleiben nur 
drei Hauptformen der Geschichtsreligion übrig: 

1) Die mosaische Theokratie, in welcher zwar der Wider- 
spruch zwischen dem, was der soziale Mensch ist, und dem, was er 
werden soll, am schroffsten existiert, in welcher aber dieser Wider- 
spruch noch nicht verinnerlicht, vergeistigt ist. Nicht im Bewusstsein 
des jüdischen Volkes, sondern in seinem nationalen Leben fallen 
die beiden Seiten des realen und idealen Daseins auseinander. Heilige 
Sänger, Propheten, Gesetzgeber und Priester sind die Vertreter und 
Verkünder des Ideals, der zukünftigen, messianischen Epoche, während 
das Volk en masse noch tief unter ihnen steht und kein Verständnis 
für dieses Ideal hat. Alle jene Glaubensformen, welche den Dualis- 



99 

miis der Gegenwart und der Zukunft als Diesseits und Jenseits, als 
Körper und Seele, als Weltliches und Göttliches, als Materielles und 
Spirituelles ins Bewusstsein des Individuums fallen lassen, sind dem 
klassischen Judentume fremd, sind modernen Ursprungs, existierten 
nicht in der altjüdischen Religion. Hier ist nicht das Individuum, 
sondern die Nation unsterblich; der Gott der Propheten ist der 
Geschichtsizott des zukünftigen Diesseits. Jahwe ist, wie schon die 
Etymologie des Wortes zeigt, das reale Wesen, welches in der 
messianischen Epoche sein wird, natürlich mit den phantastischen 
Formen behaftet, unter welchen sich die alten unwissenden Völker 
Welt und Weltordnung vorstellten. — Die Revolution, welche die 
Zukunft antizipiert, will auch den Gegensatz von Priestern und Laien, 
von Propheten und Volk schon gegenwärtig aufheben und spricht 
durch den Mund ihres Parteichefs Korah: „Ist nicht die ganze 
Gemeinde ein Volk von Heiligen, Jahwe nicht in ihnen allen? Weshalb 
wollt Ihr (Propheten und Priester) Euch über die Gemeinde Jahwes 
erheben?" — Aber diese „Heiligen der ersten Tage" gehen unter; 
das Volk steht, wie gesagt, faktisch noch tief unter den Propheten 
und Priestern, und die Form der prophetischen Geschichtsreligion 
bleibt nach wie vor die idealisierte soziale Form des gegenwärtigen 
Volkslebens selbst. 

Diese erste Form der Geschichtsreligion, die prophetische, ist 
so sehr aus dem innersten Wesen des sozialen Menschen hervor- 
gegangen, dass ihre heiligen Schriften noch heute von den Geschichts- 
völkern als göttliche Prophezeihungen verehrt werden können, wie 
sehr auch die Form des Gottes der Propheten mit unserem sozialen 
Leben und mit der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung in 
Widerspruch steht. Sie enthalten in der Tat die ersten Versprechungen, 
die der soziale Genius des Menschen sich selbst gemacht hat. Da 
aber im Altertum die Geschichtsreligion die Spezialität eines Volkes 
war, welches nur die eine der beiden grossen historischen Menschen- 
rassen, die semitische, vertrat, so blieb sie einseitig und verhielt sich 
feindselig zu jenem Naturkultus, der in seiner höchsten Blüte, bei 
den Griechen, eine ebenso wesentliche Seite der historischen Ent- 
wickelung des Menschen vertrat wie der Geschichtskultus bei den 
alten Juden. Ohne die Entwickelung der schönen, freien Indivi- 
dualität durch Kunst und Wissenschaft würde jene des sozialen 
Lebens stets nur ein frommer Wunsch geblieben sein. Durch diese 
Einseitigkeit wird es auch erklärlich, dass die jüdische Geschichts- 
religion selbst dann noch keine allgemeine Religion der Geschichts- 

7* 



100 

Völker werden konnte, als sie ihre alte, klassische, prophetische 
Form abgestreift hatte, weil der Dualismus des gegenwärtigen, schlechten 
und zukünftigen, besseren sozialen Lebens bereits ins Bewusstsein des 
ganzen jüdischen Volkes übergegangen war. Bei den Juden trat in 
der Tat der messianische Glaube schon nach dem babylonischen Exil 
ins Volksbewusstsein, daher auch von jetzt an das Prophetentum auf- 
hörte, und der Priester selbst seinen Vorrang dem Gesetzeslehrer 
abtreten musste. Ja, das Urchristentum war nichts Anderes als 
eine revolutionäre Antizipation der messianischen Epoche, für die 
jetzt das Volk reifer war als zur Zeit Korahs, die aber in ihrer 
speziell jüdischen Form der alten Welt nichts anhaben konnte. Erst 
nachdem mit den übrigen antiken Nationalitäten auch die jüdische 
in der römischen Weltherrschaft ihr materielles Grab gefunden, wird 
die jüdische Geschichtsreligion Weltreligion. 

2) Der Widerspruch zwischen dem zukünftigen Ideale und der 
gegenwärtigen Misere fällt nun ins Bewusstsein der Geschichtsvölker. 
Diese Verinnerlichung des Dualismus ist die christliche Religions- 
form. — Wir sprechen hier nicht vom Stifter des Christentums, 
sondern von dieser Religion, wie sie sich im Laufe der Geschichte 
bei den Völkern, die sie angenommen haben, entwickelt hat. Der 
Stifter des Christentums und seine unmittelbaren Jünger waren einfache 
revolutionäre Juden. Aber schon zur Zeit des Erscheinens der synop- 
tischen Evangelien hatte die christliche Religion von ihrem sozialen, 
realistischen, jüdischen Charakter vieles verloren. Paulus und das 
vierte Evangelium haben sie vollends, wie unser Autor nachweist, in 
jenen Mystizismus umgewandelt, der eben nichts anderes als die 
Verinnerlichung des allgemeinen humanen Dualismus ausdrückt, und 
der seitdem, trotz vieler Alterierungcn, das Wesen des Christentums 
und im Grunde genommen die Religion aller modernen Völker und 
Menschen bis zum heutigen Tage geblieben ist, wo eine neue grosse 
religiöse Revolution beginnt. 

Das Wesen des Christentums wurde zunächst dadurch alteriert, 
dass neue barbarische Völker in die Geschichte eintraten, die sich 
zu den Kirchenvätern ähnlich verhielten wie in der altjüdischen 
Theokratie das Volk zu seinen Propheten und Priestern. Dia katho- 
lische Theokratie, welche daraus hervorging, behielt daher stets etwas 
vom altjüdischen Realismus bei und gründete mit Recht ihre Kirche auf 
den antipaulinischen, judenchristlichen Apostel Petrus. Auch blieben 
die mehr realistischen südlichen Völker im Ganzen bis heute in dieser 
Kirche, während die abstrakteren und idealistischeren nördlichen 
Rassen längst von ihr abfielen. 



I 



101 

Als Theokratie musste der Katholizismus auch noch eine Art 
von Opferkultus haben; denn, wie unser Autor in seiner konzisen 
Redeweise sich ausdrückt, keine Theokratie ohne Priester, kein Priester 
ohne Opfer. Nur hat die Theokratie, infolge der Verinnerlichung des 
Dualismus, ihren Charakter ändern müssen; die katholische Theokratie 
herrscht nur noch mittelst der Gewissen, sie hat nur durch ihren Ein- 
tluss auf die Seelen der Gläubigen auch auf deren Weltangelegenheiten 
Einfluss. Ihr Opferkultus ist ebenfalls ein blos symbolischer, mystischer. 
Trotz alle dem hat die katholische Theokratie mit ihrem Messopfer 
und ihrer Welt- oder Gewissensherrschaft nie ohne Opposition, nie 
ohne Protest von Seite der christlichen Völker existiert. Mit der 
Reformation ist die Opposition, ist der Protestantismus zur Herrschaft 
gelangt. Seitdem bildet die Verinnerlichung des Dualismus \on realem 
und idealem Leben die Religionsform aller, nicht etwa nur der 
christlichen Spiritualisten, sondern auch der ihrer eigenen Meinung 
nach antichristlichen. 

3) Mit dem sozialen Antagonismus hört auch der religiöse Dualis- 
mus auf. Die solidarische Einheit, welche die Menschen und Völker 
verbrüdert, liegt nicht mehr im zukünftigen, jenseitigen Leben, sondern 
ist stets gegenwärtig und wirklich. Spiritualismus und Materialismus, 
Idealismus und Realismus fallen zusammen. Die Religion geht im 
sozialen Leben auf. 

Spinoza ist der Verkünder dieser dritten Religionsform; aber 
erst die letzte Phase der Revolutionsgeschichte, welche sich heute in 
Frankreich vorbereitet, ist ihr praktischer Anfang. Bevor die soziale 
Revolution ihr letztes Wort gesprochen hat, können die dualistischen 
Religionsforraen nicht aufhören. Was ist das letzte Wort jener 
Revolution, die schon im Jahre 1789 die drei grossen Prinzipien der 
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als die Grundprinzipien 
des modernen sozialen Lebens mit Lapidarschrift auf ihre Monumente 
geschrieben hatte? 

Es bedarf heute keines grossen Scharfblickes mehr dazu, um 
einzusehen, dass die erste französiche Revolution nur das erste 
Prinzip ihres Programmes, das Freiheitsprinzip, wenn nicht definitiv 
zur Geltung gebracht, so doch vor Allem in Angriff genommen, und, 
so weit sie eben konnte, zur Ausführung gebracht hat. Damit soll 
keineswegs gesagt sein, dass dies mit Bewusstsein und Willen geschehen 
sei. Im Gegenteil wollten die Franzosen schon während ihrer ersten 
Revolution das ganze revolutionäre Programm verwirklichen. Man 
hat fälschlich die Revolution von 1789 eine bloss „politische", dagegen 



102 

die von 1848 eine „soziale'* genannt. Die erste Revolution war schon 
so sehr eine soziale, dass sie^ wie gesagt, alle Prinzipien der sozialen 
Reorganisation auf ihr Banner schrieb. Wenn sie trotzdem mit der 
Freiheit begann, so war dies eine logische und historische Notwendig- 
keit. Die Freiheit ist sowohl negativ wie positiv die erste Bedingung 
der Gleichheit und Brüderlichkeit. Negativ ist sie die Beseitigung 
aller Formen und Hinwegräumung aller Trümmer abgestorbener Insti- 
tutionen, die das neue soziale Leben in seinem Aufschwünge hemmen; 
die hemmenden Schranken mussten erst im Feuer der jugendlichen 
Freiheitsidee aufgelöst werden, bevor diese körperliche Gestalt an- 
nehmen konnte. — Positiv ist die Freiheit, das perennierende Prinzip 
aller Entwicklung des organischen Lebens, welches, von keiner fremden 
Schranke mehr gehemmt, die ihm entsprechenden Formen aus dem 
eigenen Wesen heraus schafft, sich seine Schranken selbst setzt. — 
Konnte so schon aus logischen Gründen die Revolution nur mit der 
Freiheit beginnen, so war sie aus anderen, ihr selbst noch gänzlich 
unbewussten, historischen Gründen verhindert, ihr Programm, wie sie 
es wünschte, mit einem Schlage zu verwirklichen. Es fehlten hiezu 
eben noch die materiellen Vorbedingungen. Das Auge des Menschen 
sieht das ferne Ziel, lange bevor sein Fuss den Boden betritt, auf 
dem sich die Materialien zu seinem Ausbau vorfinden. Es war schon 
eine optische Täuschung, zu glauben, mit der vollen Realisierung 
der Freiheit sofort Ernst machen zu können. Die Freiheit konnte 
zunächst nur für diejenigen eine Wahrheit werden, die entweder schon 
im Besitze einer gewissen sozialen Unabhängigkeit, oder durch ihre 
bereits erlangten materiellen und geistigen Mittel befähigt waren, sich 
eine unabhängige soziale Position zu verschaffen. Für diese war die 
Revolution nicht nur eine politische, sondern eine soziale; ja, für sie 
war das ganze revolutionäre Programm realisierbar. Weder der freien 
Ausübung, noch der Gleichberechtigung und Vereinigung ihrer Kräfte 
stand mehr etwas im Wege. Für alle anderen dagegen blieben 
sämtliche Prinzipien des revolutionären Programms ein toter Buch- 
stabe Dieser Übelstand wurde aber erst allgemein gefühlt, nachdem 
jene Bevorzugten sich zu einer herrschenden Klasse abgeschlossen 
hatten. Dies geschah infolge der Julirevolution von 1830, mit welcher 
die erste Revolutionsphase zum Abschlüsse kam. Jetzt erst fing das 
französische Volk in seiner Gesamtheit zu fühlen an, dass die Früchte 
der Revolution das Privilegium einer Klasse, der grossen Kapitalisten- 
klasse, geworden. Eine Gährung entstand innerhalb der enterbten 
Volksklassen. Aber es bedurfte noch einer achtzehnjährigen Erfahrung 



103 

unter der Herrschaft der Kapitalistenklasse dazu, um allen vom pays 
logal ausgescblossenen Bürgern die Augen zu öffnen. 

Die Februarrevolution von 1848 war nicht wie die von 1830 
der Abschluss der ersten, sondern der Anfang der zweiten Revolutions- 
phase, die man, im Gegensatze zu jener der Freiheit, die der 
Gleichheit nennen kann. — Im Namen der Wahlreform begonnen, 
endigte sie* mit der Erstürmung der Republik. 

Die zweite Republik wollte wieder das ganze Revolutionsprogramm, 
und zwar n)it mehr Bewusstsein, als die erste, zur Ausführung bringen. 
Sie wurde mit der klar ausgesprochenen Absicht proklamiert, alle 
Klassen an den Früchten der Revolution zu beteiligen, allen die 
politische und soziale Gleichberechtigung zu verschaffen. Sie legte 
den Grund zu jenen Arbeiterassoziationen, die seitdem, trotz aller 
Reaktion und Kontrerevolution, nicht mehr getötet werden konnten 
und die „Reise um die AVeit" machten. Ebenso verhielt es sich mit 
einer anderen Errungenschaft der Februarrevolution: mit der Wahl- 
reform auf der Basis der vollen Gleichberechtigung, mit dem all- 
gemeinen Stimmrecht. Auch dieses hat alle Stürme überdauert 
und ist berufen, gleich allen definitiven Errungenschaften der franzö- 
sischen Revolution, die Prophezeihung Mirabeaus in Erfüllung gehen 
zu lassen. — Wenn aber auch demnach die Februarrevolution keines- 
wegs so fruchtlos war, wie oberflächliche Geister meinen, so sah 
doch auch hier das Auge des Menschen wieder weiter als ihre Hand 
reichte. Das allgemeine Stimmrecht hat sich zunächst der Freiheit 
verderblich gezeigt. Es brachte von vorn herein eine konservative 
Kammermajorität und sehr bald eine Militärdiktatur — wir meinen 
nicht die Cavaignac'sche, die nur das Werkzeug jener Kammer- 
majorität war, sondern die direkt wieder aus dem allgemeinen Stimm- 
recht hervorgegangene Napoleonische — an die Spitze der zweiten 
Republik, die, gleich der ersten, von ihrem eigenen Sohne erwürgt 
wurde. 

Man hat sich zu sehr beeilt, aus den beiden Kaiserreichsepisoden 
der französischen Revolutionsgeschichte den Schluss zu ziehen, das 
französische Volk sei für die Freiheit minder reif als andere Völker, 
bei welchen zwar das Gleichheitsprinzip weniger in Sitten und Institu- 
tionen, weniger in Fleisch und Blut übergegangen, welche aber ihre 
einmal errungene Freiheit besser zu erhalten und zu verwerten wissen, 
als die Franzosen. — Die Antithese von Freiheit nnd Gleichheit; hat, 
wie jede Antithese, überhaupt nur eine Bedeutung in der Dialektik, 
wo die beiden Seiten des Gegensatzes stets unzertrennlich mit ein- 



104 

ander verbunden bleiben Dasselbe gilt von der Freiheit und Gleich- 
heit; die eine ist nicht ohne die andere. Aber die Dialektik der 
logique en action ist der Bürgerkrieg. Der erste Napoleon ist aus 
dem europäischen, der zweite aus dem französischen Bürgerkriege 
entstanden. Das zweite Kaiserreich ist, wie das erste, ein integrierender, 
aber vorübergehender Bestandteil der Revolutionsgeschichte selbst. 
Das französische Volk, welches seine Revolution im Sturmschritt 
vollenden wollte, brachte während seiner ersten Republik das ganze 
reaktionäre Ausland, während seiner zweiten das ganze konservative 
Inland gegen sich auf die Beine. Der erste Napoleon musste die 
Kluft zwischen dem revolutionären Frankreich und dem monarchischen 
Europa ausfüllen; der zweite, der nur dem Glänze seines Namens 
seine Wahl verdankte, sollte sich in den Riss stellen, der die ver- 
schiedenen französischen Volksklassen noch spaltete und die Ursache 
des während der zweiten Revolution ausgebrochenon inneren Bürger- 
krieges war. Durch das Interregnum der beiden Kaiserreiche sollten 
Gegensätze, die den Untergang Frankreichs und seiner Revolution hätten 
herbeiführen können — das eine Mal der Gegensatz zwischen Frank- 
reich und Europa, das andere Mal der zwischen der städtischen und 
ländlichen Bevölkerung in Frankreich selbst — Zeit gewinnen, sich 
auszugleichen. Die beiden Napoleone machten sich allerdings die 
Illusion, der Schlussstein zu sein, nicht jener Kluft, die sie auszufüllen 
hatten, sondern der Revolution selbst. In ihrer dynastischen Ver- 
blendung wussten sie nicht, durften sie nicht wissen, dass in dem 
Masse, wie sie jene Kluft schlössen, sie selbst ihr Grab in derselben 
finden mussten. — In der Tat hatte der Krieg, der den ersten Napoleon 
auf den Thron erhob, ihn auch wieder gestürzt, nachdem Europa und 
Frankreich, müde des Blutvergiessens, versöhnt und erschöpft ein- 
ander in die Arme sanken. Auch der zweite Napoleon geht heute, 
wo die verschiedenen französischen Volksklassen sich wieder ausgesöhnt 
haben und gemeinsam die konfiszierte Freiheit reklamieren, seinem 
Waterloo entgegen: ihm steht ein Belle-Alliance im Innern bevor. 

Was wird nach dem Sturze des zweiten Kaiserreichs von jenen 
Verunglimpfungen übrig bleiben, die man gegen die Franzosen, teils 
aus einer schlechten Würdigung ihrer Revolution und ihres Volks- 
charakters, teils aus einer leidenschaftlichen Verblendung, die wir hier 
nicht näher zu analysieren haben, in Umlauf gesetzt hat? 

Man hat diesem Volke die „Überstürzung" seiner Revolution und 
die in deren Gefolge entstandenen Bürgerkriege und Reaktionen zum 
Vorwurfe gemacht. Es ist leicht, Überstürzungen zu vermeiden, wenn 



105 

man nur im Sclineckengange vorwärts schreitet. „Der Mensch'*, sagt 
Goethe, „irrt, so lange er strebt'*. Minder revolutionäre Völker irren 
weniger als das französische Volk, aber nur deshalb, weil sie in ihrem 
politisch-sozialen Leben minder strebsam als dieses feurige und eminent 
soziale Volk sind. Ohne die Erstürmung der zweiten Republik 
wäre auch kein zweites Empire aufgekommen; aber dann stünde auch 
Frankreich, und mit ihm ganz Europa, heute noch in der ersten 
Religionsphase. 

Schon hat der zweite Napoleon die Erfahrung machen müssen, 
welchen Rechnungsfehler er begangen, als er sich mit dem Gedanken 
des „Cäsarismus'* und mit der ihm lächelnden Theorie schmeichelte, 
dass die „romanischen" Rassen mehr für „Gleichheit" als für „Freiheit" 
geschaffen seien. Diese Erfahrung, gestern in Mexiko, heute in Italien 
gemacht, wird er morgen zum letzten Male in Frankreich selbst 
machen müssen. Das in seiner ursprünglichen Kraft wieder erwachte 
Freiheitsgefühl der Franzosen reagiert in diesem Augenblicke mit 
Macht gegen jene Hunderassentheorie, welche mit so grosser Vorliebe 
von allen Feinden der französischen Revolution ausgebeutet werden. 
Das Charakteristische des jetzigen Moments der französischen 
Revolutionsgeschichte ist gerade dieses dem ., Cäsarismus der roman- 
ischen Rassen" ins Gesicht geschleuderte Dementi. Es ist um so 
schärfer und könnte um so blutiger werden, 'als gleichzeitig mit dem 
Wiederaufleben der französischen Freiheit, gleichzeitig mit dem Unter- 
gange des romanischen Cäsarismus, der germanische zu beginnen 
scheint. Hoffentlich aber wird das deutsche Volk noch rechtzeitig 
einsehen, dass es am Narrenseile des Rassenhochrauts in die Irre 
geführt und in einen kontrerevolutionären Franzosenhass hineingetrieben 
wird, der die Zukunft der europäischen Demokratie mit grossen 
Gefahren bedroht und der jedenfalls nur zu seinem eigenen Unglücke 
führen könnte. 

Die französische Revolution ist heute noch so lebendig, wie am 
Tage ihrer Geburt. Die moderne Demokratie hat im französischen 
Volke tiefere Wurzeln geschlagen als in irgend einem Volke der Welt. 
Dieses Volk wird auch zur dritten und letzten Revolutionsphase wieder 
das erste Signal geben müssen, da kein anderes so gründlich, wie es 
selbst, auf dieselbe vorbereitet ist. Nicht nur die Gleichheit und das 
Gefühl der brüderlichen Solidarität aller Menschen und Völker, auch 
die Menschenwürde, diese Quelle aller Freiheit, ist hier in weit 
höherem Grade entwickelt, als in irgend einem anderen Lande, selbst 
Nordamerika und England nicht ausgenommen. Die französische 



106 

Gesellschaft ist nur an ihrer Oberfläche korrumpiert; ihre Basis ist 
trotz Kapitalistenherrschart und Kaiserreich kerngesund geblieben. 
Heute, wo diese Gesellschaft wieder im Begriffe steht, ihre politische 
Haut abzuwerfen, kommt ihr gesunder Kern wieder in allen Mani- 
festationen des öffentlichen Lebens zum Vorschein. — Völker, deren 
revolutionäre Energie im Vergleiche zur französischen nur eine mikros- 
kopische ist, haben kein Recht darauf, sich über die „Langmut^' des 
französischen Volkes zu beklagen, — als ob dieses Volk nur dazu 
da wäre, anderen Völkern die Revolution vorzumachen! — Frankreich 
fühlt schmerzlicher und weiss besser, was ihm fehlt, als jene Länder, 
die verächtlich auf dasselbe herabzusehen affektieren; aber es hat in 
seiner sturmbewegten Geschichte schon zu viele Erfahrungen gemacht, 
um noch ein Mal seine Revolution zu überstürzen. Es bereitet sich 
heute gründlich auf seine letzte Revolutionsphase vor, und wie nahe 
oder fern der Ausbruch derselben liegen mag, diejenigen, die seiner 
inneren Arbeit fern stehen, werden einst von demselben ebenso über- 
rascht sein, wie sie es jedes Mal bei der Nachricht jener grossen 
französischen Katastrophen waren, für welche ihnen jedes Verständnis 
abging. 

Einen Beitrag zu dieser inneren Arbeit liefert das vorliegende 
Werk, dem man es auf den ersten Blick ansieht, dass es nicht blos 
für Fachgelehrte, für Philosophen und Theologen, sondern vor allen 
Dingen für das Volk geschrieben ist. Sein Styl, anspruchslos, klar 
und konzis, ist französisch, wie seine Methode. Hier findet man keinen 
Schwulst und keine gelehrte Weltausstellung, keine pedantische Ober- 
ladung und keine haarspalterische Dialektik. Mit den Resultaten 
seiner Gedankenarbeit wirft der Verfasser dem Publikum nicht auch 
zugleich seine Gedankenwerkstätte an den Kopf. 

Mehr noch als Styl und Methode ist der Inhalt dieser Schrift 
populär. Ihre Auffassung des religiösen Problems, als des zunächst 
vorliegenden revolutionären, ist von höchst praktischem Interesse und 
macht es nebenbei begreiflich, weshalb sich das französische Volk heute 
für Fragen interessiert, die ihm bis vor Kurzem fern zu liegen schienen. 
Was heute in Frankreich das Volksinterosse an der religiösen Frage 
erregt, ist ihr durch den Kampf zwischen Italien und Rom, an welchem 
die französische Regierung einen so traurigen Anteil genommen liat, 
politisch gewordener Charakter, ist vor Allem ihr sozialer Inhalt, 
den unser Autor, Sozialist von Haus aus, so scharf und in so richtiger 
Weise hervorhebt. Diese revolutionäre Kritik kündigt das Ende aller 
dualistischen und spiritualistischen Religionsformen an; denn was man 



107 

auch sonst philosopbisclierseits 2:e?:en diese Formen vorbringen mng;, 
sie haben in der noch bestehenen Misere des Volkes eine BerechtiKunf!:, 
die nicht weg philosophiert, die nur durch die Revolution aufgehoben 
werden kann. Erst in der Sozialdemokratie wird auch die „Goistes- 
freiheit" eine Wahrheit. — Und das eben ists, was die „Religiöse 
Revolution" unseres Autors von der bisherigen, angeblich radikalen 
Kritik, was überhaupt den französischen Radikalismus vom deutschen 
unterscheidet. Die Geistesfreiheit ist das Privilegium einzelner Philo- 
sophen, so lange nicht eine soziale Gesetzgebung das Volk von 
Unwissenheit und Elend befreit, so lange nicht durch eine zugleich 
wissenschaftliche und professionelle Erziehung, an welche alle ohne 
Ausnahme teilzunehmen haben, das Volk in den Stand gesetzt ist, sich 
von materieller und geistiger Armut zu befreien. Erst wenn es das 
ist, kann es auch mit der freien Prüfung der historisch überkommenen 
Religionen Ernst machen und, wie ein berühmter deutscher Kritiker 
gesagt hat, die Theologie in Anthropologie auflösen. 

Ein besonderes Interesse entlehnt diese Schrift den persönlichen 
Antezedentien ihres Verfassers. Er gehörte bis vor Kurzem noch 
dem sogenannten Neokatholizismus an, der, gleich seinem Vorgänger, 
dem alten Gallikanismus, eine Versöhnung zwischen der christlichen 
und modernen Gesellschaft auf der Basis der Metaphysik träumte- 
Huet ist zu seinem heutigen, auch in religiöser Hinsicht radikalen 
Standpunkte nicht durch ein blos philosophisches Hinausgehen über 
den Dualismus, sondern durch die Logik der Revolution gelangt, 
welche den sozialen Antagonismus und mit ihm auch den religiösen 
Dualismus aufhebt.*) Seine eigene Entwickelung ist das treue Spiegel- 
bild jener des französischen Volkes, aus dessen Mitte er hervorgegangen, 
an dessen Bewegung er seit 1848 stets tätigen Anteil genommen hat.**) 



*) Huet ist nicht der einzige hervorragende Neokatholik, der unter dem zweiten 
Kaiserreiche zum definitiven Bruche mit der christlichen Religion getrieben wurde. 
Noch vor ganz Kurzem, um vieler ähnlichen Ereignisse nicht zu gedenken, gab 
der bisherige Abbd Munier eine öiFentliche Erklärung ab, aus welcher wir nur 
einen einzigen Passus hier mitteilen wollen. Nachdem er alle Freidenker, gleichviel 
welcher Nuance, zur Vereinigung ihrer Kräfte aufgefordert hat, ruft er aus: 
„Gehören wir nicht Alle unserer gemeinsamen Mutter von 1789 an, die man er- 
würgen möchte? Glauben wir nicht Alle an die souveräne Macht der Vernunft 
und Gerechtigkeit und an ihren gewissen Sieg, nicht etwa in einer anderen Welt, 
sondern auf Erden, in unserer Gesellschaft, und das ganz bald?" 

**) Huet ist Mitglied der am 10. August 1848 gegrUudeten, noch heute be- 
stehenden und prosperierenden Association des ouvriers ma^ons et tailleurs en 
pierres. Vgl. Une fete du travail cn 3 867. Discours prononcö par Fran^ois Huet. 



108 

Seine Weltanschauung ist die geistige Errungenschaft nicht eines 
einzelnen Individuums, sondern der französischen Geschichte. 



Aus den Anmerkungen. 



Versetzt man sich in die Zeiten des entstehenden Christentums, 
so bietet der Glaube an die Auferstehung Christi nicht die geringste 
Schwierigkeit dar, und man müsste es im Gegenteil unerklärlich finden, 
wenn man ihm nicht in der damaligen Zeit begegnete. Bei den 
Juden dieser Epoche war der Glaube an die Auferstehung der Toten 
mit dem Messianismus untrennbar verbunden. Selbstverständlich musste 
der Messias, nachdem er ein Mal gegen alles Erwarten zum Tode 
verurteilt und hingerichtet war, bevor die allgemeine Auferstehung der 
Toten und das jüngste Gericht erfolgte, selbst als Richter auferstanden 
sein und zur Rechten des Vaters sitzen. Der Glaube an die Auf- 
erstehung Jesu war bei dessen Anhängern eine psychologische Not- 
wendigkeit, eine conditio sine qua non. 



* 



Dass unser Matthäus-Evangelium ursprünglich in hebräischer Sprache 
geschrieben gewesen wäre, ist ein Irrtum, der heute durch die Kritik 
definitiv beseitigt ist. Dagegen finden sich im Talmud Zitate in 
aramäischer Sprache aus den primitiven Evangelien. 



* * 



Der römische Ilerrschergeist wurde allerdings auch durcli die 
germanischen Rassen bekämpft, aber nicht um die christliche Idee 
der Gleichheit aller Menschen, sondern um eine andere Rassenherrschaft, 



Paris. — Früher schrieb er: Histoire de la vie et des ouvrages de Bordas-Demoulin, 
Paris 1861. — Das Hauptwerk aus seiner früheren P^poche, welches kurz nach dem 
Staatsstreiche in Brüssel gedruckt worden, ist betitelt: Le rögne social du Christi- 
anisme. — Der Katholizismus hatte stets noch ein soziales Element in sich, 
während der Protestantismus den rein christlichen Charakter des verinnerlichten 
Dualismus mit seinem individuellen Seelenheil hervorkehrt. 



109 

die germanische, an die Stelle der lateinischen zu setzen. Erst die 
französische Revolution verwirklichte die christliche Gleichheitsidee. 
Leider entstand während der Kaiserreichsepisode wieder eine doppelte 
Reaktion der alten Rassenherrschaftsgelüste: der „römische Imperator", 
dessen Erbe wieder momentan auf den französischen Thron gelangt 
ist, rief durch seinen „lateinischen" den „germanischen" Imperialismus 
wieder wach. Nur der definitive Sieg der Revolution kann allen 
diesen traurigen Reaktionen des alten barbarischen Herrschergeistes 
ein Ende machen. 

* 

Huet scheint den physiologischen Gründen wenig Rechnung zu 
tragen. Alle jene unbestimmt angedeuteten Ursachen und äusserlichen 
Umstände, die selbst nur Produkte der europäischen Menschheit waren, 
reichen nicht aus, das Wiederaufleben derselben aus dem Grabe der 
mittelalterlichen Hierarchie zu erklären. Die vom griechischen, röm- 
ischen und jüdischen Altertume überkommenen Kulturkeime fanden 
eben in den europäischen Rassen, welche entweder direkt von den 
antiken herstammen oder mit ihnen verwandt sind, den rechten Boden 
zu ihrer Entwickelung. — Mongolen würden auch in Europa Jahr- 
tausende den Dalai-Lama anbeten, wenn sie nicht durch andere 
entwickelungsfähigere Rassen aus ihrer Geistesohnmacht geweckt würden. 

♦ 

Eine „gemässigte" Reformpartei ohne Prinzipien und ohne kritisches 
Wissen existiert in der gelehrten jüdischen Welt nicht, obgleich sie 
sich sehr häufig bei ungelehrten, halb orthodoxen, halb der Bequem- 
lichkeit huldigenden Juden allerdings vorfindet. Herr Philippson ist 
der gewandte Vertreter dieses prinziplosen unwissenden Judentums. 
Die Breslauer Schule, die ebenso kritisch wie die radikale und 
gelehrte Reformpartei in theoretischer Beziehung ist, verhält sich 
praktisch durchaus konservativ. Unsere Gegenwart hat in der Tat 
zu rein religiösen Reformen weder Beruf noch Berechtigung. 

* * 

* 

Grätz, obgleich, oder vielleicht gerade, weil er sich nicht als 
Religionsreforraator aufwirft, ist unter den ein jüdisches Amt be- 
kleidenden Gelehrten der Erste gewesen, der dem Christentum und 



110 

seinem Stifter mensehliche Gerechtigkeit im vollsten Masse widerfahren 
liess. Möglich, dass er in seiner Kritik des christlichen Kanons zu 
weit geht; aber gewiss ist, dass er inbetreff des Alten Testaments 
nicht jene Scheu gezeigt hat, die unser Autor ihm mit Unrecht, wie 
uns bedünkt, zum Vorwurf macht. Wir müssen uns umsomehr über 
diesen Vorwurf wundern, als die Schrift, gegen welche er gerichtet 
ist, nicht nur negativ kritisch verfährt (besonders in der Introduktion, 
auf die wir unseren Autor verweisen), sondern überhaupt so gehalten 
ist, wie unser Autor die Entstehungsgeschichte der Religionen be- 
handelt wissen will, nämlich in rein menschlicher, historischer 
Weise. Höchstens lässt Grätz das Menschliche bei den Vätern des 
Judentums zu sehr in den Vordergrund treten, den mystischen Schatten- 
seiten zu wenig Rechnung tragend, eine Schwäche, von welcher auch 
unser Autor in Ansehung der Väter seiner Religion nicht ganz frei- 
zusprechen, die aber um so verzeihlicher ist, als sie nur aus den 
edlen Herzenseigenschaften der Pietät und Überschätzung der humanen 
Qualitäten Anderer, denen man grossmütig seine eigenen unterlegt, zu 
entspringen scheint. 

* * 

Es fragt sich nur, ob das Judentum nicht als abgesondertes 
Element, noch weniger als besonderes Glaubensbekenntnis, wohl aber 
als Nationalität nicht noch seinen Beitrag zur sozialen Entwickelung 
zu liefern hat. 

* 

Die heutigen rationalistischen Theologen und Religionsphilosophen, 
die nur sehr uneigentlich Religionsreformatoren genannt werden können, 
da die wirklich neue, die soziale Religion, nur aus der dritten und 
letzten Phase der französischen Revolution hervorgehen kann, haben 
allerdings für diese Religion der Zukunft eine zwiefache Bedeutung. 
Ein Mal, indem sie wie schon im achtzehnten Jahrhundert als Vor- 
läufer der Revolution dieselbe dadurch in ihren respektiven Konfessionen 
vorbereiten, dass sie den alten Dogmatismus untergraben. In dieser 
Beziehung können sie aber von der Philosophie nur lernen, ihr nichts 
lehren, solange sie noch auf theistischem Standpunkte stehen. — Dann 
aber können sie auch das grosse Werk der Revolution positiv fördern, 
indem sie, wie unser Autor anzudeuten scheint, in ihrer Pietät für 
die historische Religion, deren moderne Kinder sie sind, das geschichts- 
religiöse Wesen derselben hervorheben (das Wesen der jüdischen und 



111 

christlichen Religion ist eben, wie wir in unserer Einleitung zu dieser 
Schrift und in unsereren früheren Schriften, namentlich in unserer 
ersten Jugendschrift „Heilige Geschichte der Menschheit" und in 
unserem ,,Rom und Jerusalem" gezeigt haben, Geschichtsreligion 
zu sein) und es so aus den Ruinen seiner Formen zu retten. Das 
geschieht aber nur durch die Herstellung einer historischen Wissen- 
schaft auf der Basis einer modernen Welt- und Geschichtsanschauung, 
die meist unseren rationalistischen Theologen und Religionsreformatoren 
fremd ist, keineswegs durch eitle religiöse Reformen, zu welchen 
die Gegenwart keinen Beruf hat, da wirkliche religiöse Reformen 
nur der letzten Phase der sozialen Revolution nachfolgen, nicht ihr 
vorhergehen können. Die religiöse Reorganisation ist heute mit 
der sozialen identisch. Unser Autor scheint, im Widerspruche mit 
seiner eigenen Auffassung, der religiösen Revolution, den theologischen 
Rationalisten und sogenannten Religionsreformatoren eine viel zu grosse 
Bedeutung beizulegen und ihnen allzugrossmütig seine eigene hohe 
Geschichtsanschauung unterzuschieben. 

* * 

Auch die heutigen protestantischen und jüdischen Reformatoren 
sind ein Anachronismus, schon deshalb, weil ihnen der Gegensatz 
fehlt. Da ihnen keine konstituierte religiöse Autorität mehr gegen- 
übersteht, und sie selbst keine solche mehr erlangen können, so haben 
sie nicht mehr mutig zu kämpfen, sondern nur, als Religions- 
reformatoren, unschuldige und gefahrlose Monologe zu halten. 



Die Einheit des Judentums 
innerhalb der heutigen reügiösen Anarchie. 



Unsere Zeit hat weder Neigung, noch Müsse zu theologischen Kon- 
troversen und metaphysischen Spekulationen. Im Schaffen einer neuen 
Weltordnung begriffen, die sich auf der Grundlage positiver Wissen- 
schaft und Arbeit aufbaut, überlässt sie die Befriedigung neuer reli- 
giöser oder idealer Bedürfnisse, die sich im Ganzen oder Grossen noch 
nicht gebieterisch geltend machen, einer mehr oder weniger fernen Zu- 
kunft, die aus den neuen festgewordenen Zuständen auch ein neues 
gemeinschaftliches Lebensbewusstsein hervorbringen muss. Bis dahin 
hat jeder für seinen religiösen Hausbedarf selbst zu sorgen. Hat er 
das Bedürfnis eines gemeinsamen Kultus, einer religiösen Gemeinschaft, 
so muss er eben mit dem Überkommenen fürlieb nehmen. Wie er 
sich denselben bei der herrschenden Anarchie in dogmatischen Dingen 
praktisch zurechtlegt, das ist wiederum seine individuelle Angelegen- 
heit. Allgemeine Vorschriften lassen sich in dieser Beziehung nicht 
geben. Heute, wo die bereits erworbenen Resultate der Wissenschaft 
die alte Welt- und Lebensanschauung untergraben haben, während die 
neue erst im Werden begriffen ist, müssen religiöse Reformationsbestre- 
bungen notwendig scheitern. Ein Luther würde heute auch kein Gehör 
finden. 

Was speziell das Judentum betrifft, so reichen seine religiösen 
Traditionen hinauf bis zur Schöpfung. Darin unterscheidet es sich 
übrigens nicht von den Traditionen der Arier. Aber die Schöpfung 
dieser letzteren Völker war nur eine Naturschöpfung, und ihr Schöpfer 
blieb stets in der Natur versunken, während das schöpferische Wesen 
des Judentums Natur und Menschheit umfasst, in die humansoziale 
Sphäre eingreift. Erst das Judentum hat auch der Geschichte der 
Menschheit das göttliche Einheitsbewusstsein als Basis gegeben und 
ihr prophetisch das höchste Ziel ihrer Bahn vorgezeichnet. Erst die 
Juden haben auch den übrigen Kulturvölkern dieses Einheitsbewusstsein 
vermacht. 

So lange jenes höchste Ziel den Geschichtsvölkern, die ihre human- 
religiösen Anschauungen dem Judentum verdanken, so wie den Juden 



113 

selbst noch in mystischer Form einer idealen Persönlichkeit vorschwebte, 
unter deren Herrschaft die ganze Menschheit vereinigt werden sollte, 
blieb die messianische Geschichtsreligion ein blosser Autoritätsglaube, 
welchem gegenüber die Menschheit sich nur passiv verhalten konnte. 
In dem Masse, wie die moderne Wissenschaft und Arbeit das allge- 
meine Lebensbewusstsein umgestalten, schwindet der Autoritätsglaube, 
verwandelt sich die Form des persönlichen Messias in jene einer 
messianischen Epoche, in welcher die Kulturvölker sich selbst beherr- 
schen und vereinigen; was passiv erwartet und geglaubt wurde, wird 
aktiv und selbstbewusst erstrebt. Aber erst wenn dieses Streben eine 
gewisse Befriedigung erreicht hat, kann von einer wirklichen messia- 
nischen Epoche die Rede sein, in welcher bekanntlich der altjüdische 
Glaube selbst kraft seines echt prophetischen Geistes die Gesetze und 
Riten nicht mehr für verbindlich erachtet. 

Aus dem Gesagten erhellt, auch ohne dass wir uns hier schon auf 
andere, der Wissenschaft entnommene Gründe einzulassen brauchen, 
und ohne uns vom Boden der altjüdischen Tradition zu entfernen, dass 
die politisch-humanitäre Reform der religiösen vorhergehen muss, und 
dass der wahre Grund der heute herrschenden religiösen Anarchie in 
dem Übergangsprozesse aus der alten in die moderne Gesellschaft zu 
suchen ist. 

Die gesetzliche Religions- und Gewissensfreiheit ist nur die Sank- 
tion der vorhandenen religiösen und philosophischen Anarchie. In 
dieser Beziehung kann das Judentum und will es keine Ausnahme- 
stellung in Anspruch nehmen. Aber die Einheit des Judentums kann 
aufrecht erhalten werden, ohne der Religions- und Gewissensfreiheit 
entgegen zu treten, infolge des wesentlichen Charakters, durch welchen 
es sich von allen anderen modernen Religionen unterscheidet. 

Zu diesem Zwecke wollen wir den religiös-philosophischen Kern, 
den ganzen historischen Prozess der Völker, welche die heutige zivili- 
sierte Welt bilden, etwas näher ins Auge fassen. 

Zwei grosse Weltepochen bezeichnen bis heute den Entwickelungs- 
piozess der historischen Menschheit, die Epoche des naiven, anthro- 
pomorphistischen, und jene des reflektierten, metaphysischen Glaubens. 
Bis zur Blütezeit der antiken Welt war der erstere vorherrschend ; die 
vielen Naturgötter der Völker arischer Rasse wurden in menschlicher 
Weise vorgestellt. „Auch die Thora offenbart sich in menschlicher 
Weise". 

Erst als die alten Völker und Menschen über ihr eigenes Wesen 
zu reflektieren anfingen, geistiger wurden, haben auch die bis dahin 



114 

mit blossen menschlichen Leidenschaften vorgestellten höheren Wesen 
einen geistigen Charakter angenommen; aber immer blieben sie formell 
dem Geisteszustände der Menschen angepasst: auch die Vernunftwesen 
entsprachen und entsprechen stets dem Geisteszustände ihrer Verehrer. 
Je nach diesem ihrem eigenen psychologischen Zustande waren auch 
ihre Ideale, sei es phantastisch, mystisch, abstrakt, konkret, spekulativ 
oder rationell. Erst die moderne Wissenschaft hat das alles Endliche 
beherrschende Wesen unpersönlich als Gesetz aufgefasst. Das moderne 
Ideal, sowohl der Natur, wie Geschichte, sowohl des kosmischen und 
organischen, wie sozialen Lebens ist das Gesetz, welches alles Phäno- 
menale, die ganze Erscheinungswelt beherrscht, und welches durch die 
Beobachtung und Analyse der Phänomene selbst erkannt wird. So 
verwandelt sich durch die Wissenschaft das subjektive Ideal in ein 
objektives, hört aber eben damit auf, das menschliche Gemüt zu be- 
friedigen, sofern dieses der Ausdruck des Individuums ist. Es befrie- 
digt nur den Geist, das universelle Wesen des Menschen, welches sich 
in seinem unpersönlichen, universellen Ideale abspiegelt; in dem allge- 
meinen Gesetze aller und jeder Phänomene erkennt der Mensch sein 
eigenes geistiges Wesen; in der objektiven Unendlichkeit seines Ideals 
findet er seine eigene Unendlichkeit wieder. 

Ist das aber das letzte Wort der modernen philosophischen Welt- 
anschauung, so ist es nur das erste des modernen praktischen Lebens 
und Handels. Das Gesetzliche, das Ideale, welches die moderne Phi- 
losophie aus der modernen Wissenschaft gezogen hat, ist in der Ge- 
sellschaft, im praktischen Leben und Tun der Menschheit bis jetzt nicht 
verwirklicht, fängt erst jetzt an, mit der Anwendung der Resultate der 
Wissenschaft auf die sozialen Zustände verwirklicht zu werden. Erst 
wenn es darin wirkliche Gestalt angenommen, kann es auch wieder das 
menschliche Gemüt, das wirkliche Individuum befriedigen. Wie sich 
aber in dieser dritten, verwirklichten messianischen Epoche der Kultus 
des Ideals gestalten wird, das müssen und dürfen wir getrost der Zu- 
kunft überlassen. 

Das Charakteristische des Judentums ist, wie wir oben gesehen 
haben, dass es prophetisch der geschichtlichen Menschheit das höchste 
Ziel ihrer Bahn vorgezeichnet hat. In unserer weiteren Ausführung hat 
sich herausgestellt, dass dieses Ziel die Verwirklichung des universellen 
Gesetzes im menschlichen, geheiligten Leben ist und dass die religiöse 
Befriedigung des menschlichen Gemütes erst aus der Verwirklichung 
des Gesetzes hervorgehen kann. Das Judentum aber ist die einzige 
antike und moderne Religion, welche von vorn herein den individuellen 



115 

Glauben vom sozicalen Gesetz nicht trennt. Wenn auch seine Weltan- 
schauung in formaler Beziehung noch mit den Mängeln des unwissen- 
schaftlichen Welt- und Gottesbewusstseins behaftet war, so war und 
blieb es doch stets durch die unzertrennliche Einheit am Gesetz und 
Glauben ein eigentümliches religiöses Gemeinwesen. Sein Glaube setzt 
das Gesetz voraus; seine Religion hat zur Basis eine organisierte Ge- 
sellschaft und einen wirklichen gemeinsamen Boden, das heilige Land. 
Der jüdische Glaube, der ohne Rest im jüdischen Gesetz aufgeht, hat 
ohne dieses Letztere, isoliert, für sich allein, keine selbständige 
Existenz. Glaube und Gesetz haben sich innerhalb des Judentums nie 
von einander geschieden. Allerdings ist mit dem Verfalle und der 
schliesslichen Auflösung des jüdischen Staates eine solche Scheidung 
vor sich gegangen. Aber diese Scheidung war eben auch die Aus- 
scheidung der reinen Glaubenssekte aus dem Judentume; es selbst 
wurde durch diesen Zersetzungsprozess im Ganzen nicht alteriert. Wenn 
auch nach der Vertreibung aus dem Lande der Väter, in einem fast 
zweitausendjährigen Exil, ein Teil des jüdischen Gesetzes keine An- 
wendung mehr finden konnte, so blieb doch ein anderer übrig, der 
auch in der Zerstreuung in allen Ländern ausgeübt werden konnte 
und ausgeübt wurde. Aber selbst der hier nicht ausführbare Teil des 
Gesetzes, weit entfernt, vernachlässigt zu werden, bildet in Verbindung 
mit dem ausführbaren den Gegenstand religiöser Studien. Der theo- 
retische Kern des Judentums blieb so, gleich dem praktischen Kultus, 
nach wie vor keine blosse Glaubenslehre, sondern Geseizeslehre. 
Seine ganze religiöse Andacht konzentriert sich auf das Gesetzesstudium. 
Der wesentlichste Teil der jüdischen Andacht bestand zu allen Zeiten 
in diesem Studium sowie in der Lektüre nationaler Geschichten und 
Traditionen, welche in Bibel, Talmud und Midraschim aufbewahrt sind. 
Nur, wie gesagt, eine Sekte, die eben damit vom Judentum abfiel, 
stellte den Glauben höher als das Gesetz. Als sich diese neue Glau- 
benssekte bildete, hatte sie keineswegs ein vom jüdischen Glauben 
unterschiedenes Glaubensbekenntnis. Die charakteristische Differenz 
zwischen Judentum und Christentum ist auch bis heute noch keine 
Glaubensdifferenz, sondern besteht darin, dass die Christen (die Recht- 
gläubigen), die ja noch heute den ganzen Bibelglauben mit den Juden 
teilen, das jüdische Gesetz als etwas Unwesentliches verwerfen. Diese 
Verschiedenheit in der Auffassung des Gesetzes unterscheidet selbst da 
noch die beiden Religionen, wo auch jede Spur von reiner Glaubens- 
differenz verschwunden ist. Man muss in der Tat von allem Faktischen 
und Historischen abstrahieren, jeden Sinn für das Reale und dessen 

8* 



116 

Beobachtung verloren haben, um z. B. anzunehmen, dass ein rationa- 
listischer Christ, ein reiner Christ, der aber das jüdische Gesetz ver- 
wirft, deshalb aufhöre, Christ zu sein und Jude werde, oder dass ein 
moderner gesetzesverachtender Jude, der mit jenem rationalistischen 
Christen vollkommen übereinstimmt, nichtsdestoweniger noch Jude sei, 
eine Illusion, die, wenn er sie sich selbst noch machen könnte, jeden- 
falls sehr bald bei seinen Nachkommen verschwinden würde, wie die 
Erfahrung bereits zur Genüge gezeigt hat. 

Wie oft muss ich seitens Derer, die im Judentume nur einen 
Glauben, wie jeden anderen, aber den „vernünftigsten" erblicken, 
Zweifel und Verwunderung über mein Festhalten am „alten" Judentum 
aussprechen hören. Was mit dem Vernunftglauben der Rationalisten, 
die sich jetzt „Spiritualisten" nennen, nicht übereinstimmt, ist in ihren 
Augen entweder Aberglaube oder Unglaube, wo nicht gar Heuchelei 
und Lüge. Sie, die nie einen selbständigen, aus eigenem Forschen 
entstandenen Gedanken gehabt haben, die vielmehr das passive Pro- 
dukt ihrer Umgebung sind, bilden sich ein, keinen Autoritätsglauben 
zu haben. Sie, die alle Welt zu ihren zufälligen subjektiven Anschau- 
ungen bekehren wollen und bekehren zu können wähnen, weil sie von 
dem objektiven historischen Gedankenprozesse keine Ahnung haben, 
eifern gegen die Bekehrungssucht anderer Glaubenssekten. 

Es ist notorisch, dass keine Religion weniger Proselyten gemacht 
und zu machen gesucht hat als das Judentum. Nur in jener Epoche 
seiner Geschichte, in welcher der Scheidungs- und Ausscheidungspro- 
zess der reinen Glaubenssekte aus dem Judentume vor sich gegangen, 
finden wir in ihm Spuren von Proselytenmacherei. Sonst waren es 
höchstens Sklaven und Domestiken, die beschnitten wurden, um an 
gewissen nationalen Festlichkeiten, wie an der Osterfeier, teilnehmen 
zu können. Wäre das Judentum eine Religion im modernen Sinne des 
Wortes, so wäre diese Abwesenheit aller Bekehrungssucht ein psycho- 
logisches Rätsel, im Widerspruch mit allen gleichartigen Phänomenen. 
Begreiflich wird dieser in der ganzen eigentlichen Religionsgeschichte 
einzig dastehende Umstand nur dadurch, dass das Judentum eben keine 
blosse Glaubenssekte ist. Solche Sekten gehören, wie bereits gesagt, 
nicht der ersten Weltepoche an, in welcher das Judentum entstanden 
ist. Alle jene asiatischen und europäischen Religionen, die so eifrige 
Propaganda machten, dass sie in kurzer Frist viele Millionen Anhänger 
hatten, sind nicht naturwüchsigen, sondern reformistischen Ursprungs; 
und nichts spricht so sehr für die Originalität des Judentums, dafür, 
dass z. B. Mose nicht etwa ein blosser Reformator der egyptischon 



117 

oder naturwüchsig:en arischen Religionsform, sondern der Fortsetzer 
älterer jüdischer Traditionen war, die sich in das graue Zeitalter der 
Patriarchen verlieren, als gerade der Umstand, dass der fälschlicher- 
weise zuweilen als Religionsstifter angesehene Gesetzgeber ebensowenig 
als das durch ihn aus der egyptischen Sklaverei befreite Volk irgend 
ein Gelüste von ßekehrungseifer an den Tag legt. 

Ein anderes nicht minder rätselhaftes und beispiellos in der Re- 
ligionsgeschichte dastehendes Phänomen ist gleichfalls nur dadurch er- 
klärlich, dass das Judentum kein blosser Glaube ist; ich meine die 
Tatsache, dass sich in seiner Mitte keine verschiedenen Sekten halten 
und ausbreiten konnten. An Versuchen zur Sektenbildung hat es im 
Judentume nie gefehlt und fehlt es bis heute nicht; aber alle älteren 
und neueren Versuche dieser Art, von den Essäern und Judenchristen 
an bis herab zu den Kabbalisten, Sabbathianern, modernen Reforma- 
toren und Universalreligionsstiftern haben bei aller grossen Verschie- 
denheit in Ansehung ihrer Tendenzen und Schicksale doch das Eine 
mit einander gemein, dass sie zum Abfalle vom Judentume führten. 
Innerhalb einer Glaubenssekte können sich begreiflich neue Sekten 
bilden; wo der Glaube das Wesen einer Religion ist, kann sich jede 
Glaubensnuance als das wahre Wesen dieser Religion geltend machen. 
So kämpfen und wetteifern mit einander im Christentum römische, 
griechische, protestantische und rationalistische Sekten, um dem „wahren ** 
Christentum den Sieg zu verschaffen. Das Judentum dagegen, weil 
es selbst keine Glaubenssekte ist, kann auch keine verschiedenen 
solcher Sekten in sich aufkommen lassen. 

Es gibt kein anderes, und kann kein anderes Judentum geben, 
als das uns, von unseren Vätern überlieferte nationale ; es ist physisch, 
moralisch und intellektuell mit uns verwachsen. Mit der Kette der 
ihm vorangegangenen Generationen, mit seiner jüdischen Abstammung 
muss der Jude, wenn er kein Bastard ist, nolens volens auch die 
Traditionen seines Stammes als seine eigenen mentalen Bildner mit in 
den Kauf nehmen, ganz abgesehen von allem subjektiven Glauben. 
Gerade die moderne Wissenschaft, die jedes abstrakte, gleichviel ob 
rationalistische oder supernaturalistische, subjektive Glaubensband auf- 
löst, weiss die natürlichen Bande besser zu würdigen, als alle so- 
genannten Spiritualisten. Wer aufrichtig und stark genug ist, bis zu 
den heutigen Grenzen des Wissens und Denkens vorzudringen, kann 
sich der Überzeugung nicht verschliessen, dass sein ganzes Wesen in 
seiner Rasse und in der Geschichte derselben wurzelt. 

Die Frage der Einheit des Judentums innerhalb der heutigen 



118 

religiösen Anarchie lässt sieh daher weiter dahin foroiulieren: welche 
historische Rolle der jüdischen Nation noch in der Zukunft anheim 
fallen kann. Diese Rolle kann keine religiöse im Sinne der zweiten 
TVeltepoche sein, die eben jetzt zu Ende geht; eine solche Rolle 
würde nicht nur, wie wir gesehen haben, seinem eigenen Wesen, 
sondern auch dem allgemeinen Strome der Weltgeschichte zuwider 
laufen, der auf jede reine oder subjektive Glaubensform nur noch 
auflösend wirken kann. Das jüdische Volk kann nur noch, wie alle 
Geschichtsvölker, denen es den Weg dazu gebahnt hat, seinen Beitrag 
liefern zur sozialen Verwirklichung des Weltgesetzes, welches uns die 
Wissenschaft nicht mehr in subjektiver Glaubensform, sondern objektiv 
erkennen lässt. Diese Aufgabe fällt mit seiner ursprünglichen zu- 
sammen, der es stets treu geblieben ist. Um sie zu erfüllen, hat es 
sich durch alle Stürme der Geschichte in seiner Integrität erhalten, 
hat es aller Sektenbildung, allen rein religiösen Reformen, selbst in 
der zweiten Weltepoche getrotzt, wo solche Reformen zeitgemäss 
waren, HDiDI HDD HPIi^ 7^ wird es auch den schwindsüchtigen 
Religionsreformen trotzen, die sich heute, am Anfange der dritten 
Weltepoche, in Folge eines komischen Qui pro quo als „zeitgemäss*' 
breit machen. 

Die Religions- oder Gewissensfreiheit, die in allen Glaubenssekten 
eine so scharf zersetzende Wirkung ausübt, hat in der Tat, wie sich 
heute zeigt, auf das Judentum keinen so zerstörenden Einfluss, als es 
anfänglich und auch heute noch in halbfreien Ländern den Anschein 
hatte oder hat. Der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Reform, der 
sich in den Ländern partieller Gewissens- und Religionsfreiheit bis 
zur Feindseligkeit gesteigert hat, zeigt diesen schroffen Charakter 
keineswegs in denjenigen Ländern, wo schon seit langer Zeit die 
liberalen Prinzipien zur vollen Geltung gekommen sind. Die indivi- 
duellen Meinungsverschiedenheiten in subjektiven Glaubensangelegen- 
heiten sind zwar hier wo möglich noch grösser als in den erstgenannten; 
aber man ist auf beiden Seiten duldsamer hinsichtlich der Glaubens- 
verschiedenheit und fester, wo es sich um gemeinsame Angelegenheiten 
des Judentums handelt. Die objektive Einheit des nationalen und 
traditionellen Judentums beherrscht hier die subjektive Glaubens- 
verschiedenheit. Und wohlgemerkt, ich spreche nicht blos vom 
öffentlichen Kultus, der in halbliberalen Ländern so viele Streitig- 
keiten hervorruft, sondern auch vom ganzen jüdischen Leben, dem 
häuslichen, wie dem öffentlichen. In Frankreich, wie in Amerika, 
England, Holland und Belgien, wird den Orthodoxen nirgends von den 



119 

Andersdenkenden ein Gewissenszwang aufgelegt. Tauchen auch hier, 
wie überall, Reformgelüste auf, so bleiben diese doch in gewissen, 
individuellen Schranken, ohne Einfluss auf die massgebenden Kreise, 
die das jüdische Leben zu würdigen und zu schonen wissen. Darum 
war es auch nur hier in Frankreich möglich, eine allgemeine israe- 
litische Allianz zu gründen, die keineswegs blos die politische, sondern 
auch die soziale Emanzipation und nationale Wiedergeburt des jüdischen 
Volkes im Auge hat. Dieser Allianz schliessen sich alle Glaubens- 
nuanzen, orthodoxe wie freidenkende Juden, auf dem ganzen Erden- 
runde an. Hier haben wir den tatsächlichen Beweis, dass die Glaubens- 
anarchie nicht im Stande ist, das natürliche und historische Band zu 
lösen, welches alle Juden umschlingt, dass nicht die moderne Wissen- 
schaft und das moderne Leben, sondern die ihm zuwiderlaufenden 
falschen Bestrebungen eine Gefahr für das Judentum sind; aber weder 
die einen, noch die andern können die Einheit desselben mehr als 
nur vorübergehend, ernstlich bedrohen. 



Das Gottvertrauen 
der Anawim in den Stürmen unserer Zeit. 



Es ist eine stehende Redensart geworden, dass unsere Zeit eine 
religiöse Neugestaltung vorbereite. Und dennoch, wenn wir die ver- 
schiedenen Bewegungen näher ins Auge fassen, die in der Neuzeit 
und schon seit mehreren Jahrhunderten auf religiösem oder philo- 
sophischem Gebiete vor sich gehen, was erblicken wir? — Die Refor- 
mation hat einen langen und mächtigen Anlauf genommen, um das 
Christentum umzugestalten, die ganze zivilisierte Welt in Bewegung 
gesetzt und im Namen der Bibel die verknöcherten und verfaulten 
kirchlichen Institutionen des Mittelalters in der einen Hälfte der Welt 
gesprengt, in der andern untergraben. Hat sie eine religiöse Neu- 
gestaltung in der modernen Gesellschaft hervorgerufen? — Sie hat 
eine neue Verknöcherung, eine neue Fäulnis erzeugt, welche, nachdem 
sie verschiedene Stadien durchlaufe n, einerseis in einen heuchlerischen, 
mit den Resten des mittelalterlichen Feudalismus verbundenen Pietis- 
mus, andererseits in einen ledernen Rationalismus gemündet haben. 
Das evidenteste und allgemeinste Resultat des Reformsturmes ist der 
moderne Unglauben. Von einer religiösen Wiedergeburt keine Spur. 

Dann nahmen die politischen und sozialen Bewegungen der Neuzeit, 
im 17. Jahrhundert in England, im 18. in Frankreich, in unserem 
Jahrhundert überall, mehr oder weniger religiöse Masken an. — Mit 
Parlamentsmitglieder und Soldaten gewordenen Bibelversen haben die 
Puritaner das moderne England und die nordamerikanischen Staaten 
gegründet. Was ist aber in religiöser Beziehung von ihrem Werke 
übrig geblieben? Was ist in derselben Beziehung von den Illuminaten, 
Freimaurern, Anhängern des Vernunftkultus und reinen Theismus uns 
überkommen? — Wiederum nichts als verknöcherte Sekten, eine 
banale Philosophie und die radikalste Negation aller Religion, aber 
keine Regeneration derselben. Die spekulative Philosophie, die moderne 
Bibelkritik, die nachhinkende neujüdische Reform, der deutsche und 
sonstige liberale Katholizismus, die Religion der Lichtfreunde, der 
freie Protestantismus, das Unitariertum, die Liberalen der universellen 



121 

Religion, und wie alle die Bestrebungen auf religiösem Gebiete in der 
neuesten Zeit noch heissen mögen, was haben sie hervorgebracht, was 
können sie hervorbringen? Forcierten Enthusiasmus ä froid, oder 
Skeptizismus, keine neue Religion, auch keine Erneuerung der alten; 
sie glauben einen Anstoss zu geben und werden gestossen; sie glauben 
zu schaffen und sind nur Werkzeuge der Zerstörung; sie bilden sich 
ein, zu „sitzen am sausenden Webstuhl der Zeit" und zu „wirken *der 
Gottheit lebendiges Kleid", und sind nur die Schneidergesellen, welche 
die Näte der abgelegten Kleider auftrennen, — eine ganz nützliche 
Arbeit übrigens, da es keine neuen Verbindungen ohne Auflösung der 
alten gibt. — Aber der wirkliche Werkmeister der modernen Welt, 
der zugleich als Zerstörer und Schöpfer hinter allen diesen Bestrebungen 
verborgen ist, der sich aber jedem, der seine Zeit versteht, in seiner 
ganzen Grösse und Herrlichkeit zeigt, dieser wirkliche und allgegen- 
wärtige Werkmeister ist kein anderer, als der Geist der positiven, 
modernen Wissenschaft. — Die Erforschung der Natur und Geschichte 
bis in ihre kleinsten Details, deren Resultate, im Gegensatze zu 
anderen luftigen Theorieen, stets unmittelbar ihre Anwendung finden 
und ihren Einfluss auf die Neugestaltung alles Lebens in der mensch- 
lichen Gesellschaft ausüben, diese zugleich theoretische und praktische 
Arbeit, die in dem Masse ihre Licht- und Wärmestrahlen degagiert, 
als sie ihre Kräfte verbindet und konzentriert, sie, und nur sie kann 
und wird auch, obgleich nicht absichtlich oder willkürlich, sondern 
weil es in ihrer Natur liegt, eine Neugestaltung der Religion hervor- 
bringen, von welcher sich unsere Propheten und Theologen nichts 
träumen lassen. 

Auf das Judentum angewendet, kann es sich demnach heute eben 
so wenig, wie in den anderen Religionen, um eine Neugestaltung 
handeln, auf dem Gebiete, welches bisher als das religiöse oder 
gläubige galt; denn die alles zerstörende und erneuernde moderne 
Wissenschaft hat ja auch dieses, und vor allem andern dieses Gebiet 
eben so gründlich umgeackert, wie jedes andere der modernen Gesell- 
schaft. Die Juden, welche ihre Zeit verstehen, so stark auch ihre 
Sympathien für ihre Stammes- und Leidensgenossen sein mögen, ja, 
je inniger und lebendiger sie sich mit ihrer Geschichte, mit den 
Traditionen ihrer Väter und den Leiden ihrer Brüder verwachsen 
fühlen, dürfen sich daher nur, um der allgemeinen Weltregeneration 
durch die Wissenschaft in jedem Momente teilhaftig zu werden und 
sich ihrer würdig zu zeigen, um, mit anderen Worten, nicht hinter 
den Besten ihrer Zeit zurück zu bleiben, ohne alle vorgefasste Meinung 



122 

dem verjüngenden Strome überlassen, der die modernen Kulturvölker 
aus der alten in eine neue, noch unbekannte Welt führt. Wenn sie 
ihr Vertrauen zum Gotte, der die Herzen lenkt, ihren prophetischen 
Geschichtsglauben treu bev^ahrt haben, so werden sie in den stürmischen 
Wogen der modernen Weltbewegung nicht das Chaos, nicht den 
Abgrund erblicken, aus dem man sich durch das Anklammern irgend 
eines Stückes alter Gesellschaft retten muss, werden sie sich auch 
keine selbstgemachten neuen Götzen fabrizieren und ihren Brüdern 
zurufen 7}<Sk^'' "]^"^S^{ nb^-> sondern werden sie getrost mit den 
fortgeschrittensten Völkern und Parteien unserer Zeit gehen, in dem 
festen Glauben — den einzigen, der heute noch berechtigt und selbst 
von den Ungläubigsten anerkannt ist — dass die wissenschaftliche 
AVahrheit und ihre Verwirklichung nicht im Widerspruche mit dem 
stehen kann, was in den Verheissungen der Gerechten und Anspruch- 
losen (D^p^l!i und D^IJJ?), die unseren Geschichtskultus gegründet 
haben, Wahres und Grosses enthalten sein konnte. So wird ihr jüdischer 
Patriotismus und ihre Pietät nie in Konflikt geraten mit einer neuen 
Welt, zu deren Gründung sie im Gegenteil das Ihrige in reichem 
Masse beitragen können, ohne ihrem Geschichtskultus untreu zu werden, 
mit einer Welt, in deren Mitte sie sich heimischer fühlen werden als 
in der Umgebung jener götzendienerischen Juden, die noch nicht aus- 
gestorben sind, die stets nur den S]^n ihrer Zeit, die schlechten 
D"*!!!!! nipin nachgeäfft, ihre eigenen Propheten verfolgt, ihre An- 
ßpruchlosen geknechtet, ihre Gerechten verspottet haben, und die am 
Tage des Gerichts mitsamt ihren eitlen Götzen aus der Welt ver- 
schwinden werden. 

Es ist, gelinde ausgedrückt, eine unverzeihliche Schwäche, wenn 
diejenigen, die als Vorkämpfer oder Verteidiger des Judentums und 
der Juden auftreten, alles beschönigen wollen, was mit der jüdischen 
Geschichte und Rasse zusammengehängt. Es gab stets nur einen 
kleinen Kern im Judentum, dem alles Grosse und Heilige des jüdischen 
Geistes zuzuschreiben ist. Wohl hat dieser Kern seinen heilsamen 
Einfluss auf die ihn umgebende Masse ausgeübt. Aber es gab auch 
stets und gibt noch heute in der Mitte unserer Stammesgenossen eine 
egoistische, habsüchtige, eitle, nach Reichtum und Auszeichnung jagende 
Klasse voller Ansprüche, welche den schroffsten Kontrast zu den 
Gerechten und Anawim bildet und den Juden nicht ohne Grund seit 
den ältesten Zeiten bis zur heutigen Stunde das Misstrauen der Völker 
zugezogen hat. Während der Verfolgung waren diese Hochmütigen 
uns weniger gefährlich — weil sie dann often von uns abfielen und 



123 

sich mit unseren Feinden verbanden — als in den Zeiten des Glückes 
und der Freiheit, in welchen sich stets das Bibelwort bewährte T^^^l 
lCPTI n*11ty^- ^'6 Si\tQi\ Propheten haben ihre Laster nicht beschönigt, 
ihnen nicht wegen ihres Reichtums und Einflusses geschmeichelt Im 
Gegenteil, sie haben ihnen und ihrer Sünden wegen dem ganzen 
Israel die schlimmsten Tage prophezeit. Die heutigen angeblichen 
Vertreter des Judentums erweisen demselben einen schlechten Dienst, 
wenn sie diesen „Grossen" gegenüber ein kluges Schweigen beobachten, 
oder sie gar wegen einiger Brosamen, die sie mit Ostentat.ion den 
Hungrigen und Elenden hinwerfen, als die Wohltäter ihres Volkes 
glorifizieren. Je wahrer es ist, dass pj^ Hl ]'2*iy t^NI^'' ^1^-> (^esto 
mehr sind die wirklichen Vertreter des Judentums verpflichtet, den 
Anspruchsvollen und Herrschsüchtigen die Wahrheit zu sagen und 
unsere Brüder von einer Solidarität zu befreien, die ihnen in jeder 
Beziehung nur verderblich sein kann. 



Ein charakteristischer Psalm. 



Die günstige Beurteilung, welche die Schrift des Herrn Professor 
Chwolsohn in diesen Blättern gefunden hat, ermutigt mich zu dieser 
Mitteilung aus meinen neuesten Studien. Dass die biblische Religion 
als ein wesentlich sozialer Kultus aufgefasst werden muss, habe ich 
schon früher in meiner Schrift ausgeführt, deren sich vielleicht die 
Leser dieser Zeitschrift noch erinnern werden. Dort habe ich schon 
den Israeliten eine ebenso hervorragende kulturhistorische Stelle für 
Recht und Wille, für Moral und Religion vindiziert, wie den Griechen 
für Kunst und Wissenschaft. Damals hatte ich aber den Charakter 
der semitischen Mythologie und ihre Beziehungen zur israelitischen 
Geschichtsreligiou nicht berücksichtigt. Die Resultate, zu welchen ich 
heute in dieser Beziehung gelangt bin, lassen sich mit Anschluss an 
den Ps. 82 in wenigen Paragraphen resümieren. 

1) Es muss jedem unbefangenen Bibelforscher von vorn herein 
einleuchten, dass die Worte El, Elim, Elohim*) durchgängig sowohl 
zur Bezeichnung der semitischen Götter wie des israelitischen Gottes 
gebraucht werden. Die Belege hierfür sind zu zahlreich, als dass man 
sie zu zitieren brauchte oder auch nur imstande wäre, ohne einen 
Band damit anzufüllen. Der verehrte Herausgeber dieses Blattes hat 
noch in der letzten Nummer wieder auf eine solche Bibelstelle hinge- 
deutet, wo Elohim semitische Götter bedeutet, obgleich es auf den 
ersten Blick gar nicht diesen Anschein hat. Auch die Namen der 
Engel, die erst von den Israeliten in Diener oder Sendboten Gottes 
umgewandelt wurden, gehören hierher. Wem fiele nicht bei dem 
Namen des Engels ^^^D^D das ^''b^^D 'l)t22 ^J2 ein? Und wer er- 
innert sich hierbei nicht wiederum an das Q^bj^ ''J3 ^^b DH der 
Psalmen und an die Q^"^^^5 ^22 ^er Genesis? Am charakteristischsten 
ist aber in dieser wie in so mancher anderen Beziehung der Ps. 82. 
Hier wird der israelitische Gott unter dem Namen Elohim dargestellt 
in der Versammlnng der ebenso benannten semitischen Götter. Aus 



*) Aus Elim wurde Elohim, wie aus Abram Abraham, aus Jeschua Jehoschua, 
oder vielleicht umgekehrt. 



125 

dem ersten Vers, wie aus dem ganzen Zusammenhang des Psalms geht 
klar hervor, dass Elohim hier überall, wie übrigens an sehr vielen 
anderen Bibelstellen, gleichbedeutend ist mit D''C0D1C!/ = Richter. Der 
Unterschied ist nur, dass der israelitische Gott als r")J»Cn bD l^DW 
der höchste Richter ist. Nachdem er den semitischen Elohim ihre un- 
gerechten Urteile, ihre Nachsicht mit den hochgestellten Bösewichtern 
zum Schaden der Armen und Verwaisten vorgeworfen hat, ruft er aus: 
^Sie erkennen und begreifen nicht, wandeln im Finstern, darum wan- 
ken die Grundfesten der Erde! Ich dachte mir, ihr seid alle Elohim 
und Bene Eljon; aber fürwahr, ihr werdet wie der Mensch sterben 
und wie einer der (menschlichen) Herren fallen". Der Psalmist, dem 
die semitischen Elohim offenbar für (bis dahin) unsterbliche Götter 
gelten, ruft schliesslich in seiner Begeisterung aus. „Erhebe dich, 
Elohim, richte die Erde, denn du wirst in allen Völkern die Erbschaft 
haben!" Dieser Gedanke an die Zukunft der Gottesherrschaft stimmt 
mit dem ganzen Prophetismus und Messianismus der Bibel sowie mit 
dem heiligen Namen Gottes überein, der das Futurum von „hava" ist. 
Aber was vor allen Dingen in diesem Psalm hervorzuheben, das ist 
der soziale Charakter der semitischen Götter; sie sind keine blinden 
Naturmächte, sondern Richter der Menschen und Völker; sie haben 
einen sittlichen Charakter und werden nur deshalb gestürzt, weil sie 
ungerechte Urteile fällen. 

2) Die Stelle: „Ich dachte mir ... . Bene Eljon" wirft ein un- 
zweideutiges Licht auf die ursprüngliche semitische Mythologie, in 
welcher eine hierarchische Genealogie vom höchsten Gotte an bis zu 
den Bewohnern des Scheol oder der Unterwelt herrschte (von wo aus 
man sie durch Zauber, aber nur momentan, heraufbeschwören konnte, 
eine Anscliauung, die ohne Zweifel dem späteren Auferstehungsglauben 
zu Grunde lag). Die Elohim sind Söhne des El Eljon, des höchsten 
Gottes, der schon vor der sinaitischen Offenbarung in Malchi Zedek 
seinen Priester hatte. Wie die Elohim zum El Eljon, so verhalten 
sich die Bene Elohim zu diesen; es sind Halbgötter oder Sendboten, 
die den Dienst zwischen Himmel und Erde versehen, die sich sündhaft 
mit den Töchtern des Menschen vermischt hatten, aus welchem ver- 
botenem Umgange die Herren (Gibborim) entstanden sind, und die 
Sündflut herbeigeführt wurde. Auch hier bilden Sitte und Recht resp. 
deren Verletzung den Schlüssel zur semitischen Mythologie, die auch, 
was ihre hierarchische Genealogie betrifft, einst den verschwommenen, 
pantheistischen Charakter der arischen Mythologie hat. 

3) Der progressive Charakter des biblischen Monotheismus kann 



126 

hiernach nicht mehr dem geringsten Zweifel unterworfen sein. Der 
höchste Gott wird erst in der messianischen Epoche der einzige 
Gott. Das ^}) ^^"^^ 5<inn V2 ^^"11 ist nicht im figürlichen, sondern 
im eigentlichen Wortsinne zu verstehen. Erst in der Zukunft, wenn 
alle Völker die Einheit Gottes erkennen, wird der Name des höchsten 
Gottes der Einig-Einzige sein. Dem muss aber vorhergehen, dass alle 
Völker wirklich nicht mehr von ihren partikularen Göttern oder Volks- 
geistern beherrscht werden, dass also der höchste Gott auch wirklich 
der einzige sei. Bis dahin existieren noch die mythologischen Elohim, 
zwar nicht neben, wohl aber unter dem höchsten Gotte. Die Propheten 
und heiligen Sänger der Bibel, welche die grosse Zukunft vorhersahen, 
konnten wohl mit Verachtung, Spott und Ärger auf die noch existie- 
renden Götter der astrolatrischen Kulte herabsehen und ihren Unter- 
gang vorher verkünden; aber die ganze Anschauungsweise der Bibel 
spricht für den damaligen allgemeinen Glauben an deren zeitliche Ex- 
istenz. Man müsste allen Bibeltexten, vom Dekalog an bis zu den 
letzten Psalmen, den grössten Zwang antun und die willkürlichste 
Deutung geben, wollte man dabei den Unglauben an die Existenz der 
Elohim der semitischen Mythologie voraussetzen. Dem gegenüber er- 
scheint die Auffassung jener, welche den Monotheismus der Bibel aus 
Armut der Produktivität der semitischen Rasse erklären, in ihrer 
ganzen Flachheit und Ignoranz. 

4) Wir haben nicht nötig, unsere heutige wissenschaftliche An- 
schauung der Bibel unterzuschieben, um ihre sittliche, soziale, welt- 
historische Bedeutung geltend zu machen. Diese Bedeutung tritt viel- 
mehr um so mehr hervor, je weniger wissenschaftlich gebildet die 
alten Israeliten, wie überhaupt alle Völker der alten Welt waren. 
Die Religionen, besonders die welthistorischen, sind keine Erfindungen, 
sondern Manifestationen des Geistes der Rassen und Völker, unmittel- 
bare Offenbarungen des höchsten Lebens. Das Selbstgefühl der Israe- 
liten, ihr Glaube an ihren hohen sittlich-religiösen oder sozialen Beruf 
war keine subjektive Eitelkeit, kein unberechtigter Hochmut, sondern 
hatte einen eben so objektiven, tatsächlichen, zwingenden Grund wie 
das Selbstgefühl der Griechen, welche alle anderen Völker für Bar- 
baren hielten. Israeliten und Griechen kannten sich übrigens lange 
Zeit gegenseitig nicht, und als sie sich endlich kennen lernten, ent- 
standen zwischen ihnen Konflikte, die mit dem Untergange der ganzen 
antiken Zivilisation und Weltanschauung endeten, weil beide auser- 
wählte Völker, jedes in seiner Art, einen gleichberechtigten welthisto- 
rischen Beruf hatten, der erst nach zweitausendjährigen Kämpfen in der 
modernen Humanität seine Versöhnung findet. 



127 

5) Als wesentliches Resultat der semitischen und arischen Kulten 
bleibt schliesslich für eine objektiv-wissenschaftliche Geschichtsforschung 
Folgendes: 

In ihren klassischen Vertretern hatten die Sertiiten das noensch- 
liche Leben zu versittlichen und heiligen, die Arier, es zu verschönen 
und zu erklären gestrebt. Jene hatten an der Welt ein praktisches, 
diese hatten an ihr ein theoretisches Interesse. Dass bei ordinären 
Menschen und Völkern das Praktische in das Egoistische, das Theore- 
tische oder Kontemplative in Blasiertheit oder Genusssucht umschlägt, 
hat keine weltgeschichtliche, keine soziale Bedeutung, gehört der indi- 
viduellen Sphäre an; es hat ursprünglich nichts mit dem Charakter 
der Mythologie der beiden welthistorischen Kassen zu schaffen und 
gewinnt höchstens eine negative soziale Bedeutung in der Epoche der 
Rückbildung und Auflösung, des Verfalles der antiken Mythologieen. 
Es ist schon anderweitig nachgewiesen worden, weshalb diese Epoche 
früher eintreten musste für die arische als für die semitische Mytholo- 
gie, die sich noch während der ganzen Zeit des christlichen Mittel- 
alters fortentwickelte. 

Was verschlägt es, dass die Semiten ihre Götter in die Sterne, 
und ihren höchsten Gott über die Sterne versetzten, dass sie den 
Dienern des höchsten Gottes, weil sie in den höheren Luftregionen 
schweben, Flügel gaben und sich dieselben in Vogel-, Tier- und 
Menschengestalt vorstellten (Cherubim), dass sie selbst — natürlich 
bevor die Israeliten und Araber im höchsten Gott den einzigen er- 
kannten — der Sonne und den Sternen Menschenopfer brachten, dem 
Baal und Moloch dienten, was übrigens auch in den arischen Kulten 
gebräuchlich war, — was verschlägt dieses alles, sagen wir, wenn der 
Fond ihres Götter- und Gottesdienstes das Streben nach Recht, Gerech- 
tigkeit und Humanität war, Dinge, um welche sich die Götter der aus- 
gebildetsten arischen Mythologie, die Götter Griechenlands, blutwenig 
kümmerten! Was wäre die soziale Welt ohne die semitischen Elohim 
geworden? 



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